Skip to main content

Full text of "Von Jesus zu Christus"

See other formats


RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 

Von Jesus zu Christus 



Ein Zyklus von zehn Vortragen 
mit einem vorangehenden offentlichen Vortrag 
gehalten in Karlsruhe 
vom 4. bis 14. Oktober 1911 



1988 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger 



1. Auflage (Zyklus 19), Berlin 1912 

2. Auflage, Dornach 1933 

3. Auflage, neu durchgesehen und erweitert 
um den offentlichen Vortrag vom 4. Oktober 1911 
Gesamtausgabe Dornach 1958 

4. Auflage, im wesentlichen unverandert 

Gesamtausgabe Dornach 1968 

5. Auflage, im wesentlichen unverandert 

Gesamtausgabe Dornach 1974 

6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1982 

7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988 



Einzelausgabe 

«Von Jesus zu Christus», Karlsruhe, 4. Okt. 1911: 
Berlin 1912, Stuttgart 1949, Dornach 1958, 1980 



Bibliographie-Nr. 131 

Einbandgestaltung und Zeichnungen im Text von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
© 1974 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
Printed in Germany bei Ebner Ulm 

ISBN 3-7274-1310-7 



2« den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge- 
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie 
als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am 
Schlufi dieser Ausgabe wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher- 
mafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich 
an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft 
vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Von Jesus zu Christus 

Offentlicher Vortrag, Karlsruhe, 4. Oktober 191 1 

Die historische Jesus-Forschung des 19. Jahrhunderts. Arthur Drews. Die 
Evangelien als historische Urkunden? Das Christentum als mystische 
Tatsache. Die Mysterien des Altertums. Aristides als Mysterienschiiler. 
Zwei durchaus verschiedene Mysterien- Arten: Die agyptischen und grie- 
chischen Mysterien - die persischen Mysterien oder Mithra-Mysterien. 
Der Urmensch Adam und die Erbsunde. Paulinisches Christentum. Die 
Evangelien sind nicht Biographien, sondern Einweihungsschilderungen. 



VON JESUS ZU CHRISTUS 

Erster Vortrag, Karlsruhe, 5 . Oktober 1911 

Zwei Richtungen der europaischen Geistesentwicklung: Das Jesus-Prin- 
zip des Jesuitismus und das Christus-Prinzip des Rosenkreuzertums. Die 
Dreiheit: bewufites Geistesleben, unterbewufites Seelenleben, unerkann- 
tes Naturleben - Geist, Sohn (Logos), Vater, - Vorstellung, Wille, Ge- 
fiihl. Die Geist-Initiation der Rosenkreuzer und die Willens-Initiation der 
Jesuiten. 

Zweiter Vortrag, 6. Oktober 1911 

Die christlich-rosenkreuzerische Einweihung. Rosenkreuzertum und Gei- 
steswissenschaft. Die Lehre von Reinkarnation und Karma in der Rosen- 
kreuzer-Initiation und bei Drofibach, Widenmann und Lessing einerseits 
und im Buddhismus andererseits. Die Lockerung des Atherleibes durch 
den rosenkreuzerischen Erkenntnisweg. Der Weg zum Erlebnis des Chri- 
stus-Ereignisses durch die fortdauernde Offenbarung. Das eigene Erleben 
von Bildern der Evangelien in der rosenkreuzerischen Initiation. Die Be- 
gegnung mit dem Hiiter der Schwelle und die Versuchungsgeschichte Jesu. 
Die Angst und die Olbergszene. Der Unterschied zum jesuitischen Weg. 

Dritter Vortrag, 7. Oktober 1911 

Drei Erkenntnisquellen fur die christlichen Geheimnisse: die Evangelien, 
die Forschung der Hellseher, der Glaube als ein Weg der Selbsterkenntnis 
und des Christus. Die Ubertragung des karmischen Richteramtes an 



Christus. Jesus von Nazareth war ein wahrer Mensch, nicht ein Adept 
wie etwa Apollonius von Tyana. Das Verhaltnis der Christus-Individua- 
litat zum Leib des Jesus von Nazareth im Gegensatz zum Verhaltnis der 
Apollonius-Individualitat zu ihremLeib. DerSiindenfall und der Ausgleich 
durch den Christus. Zwei Zeugen des Glaubens: Pascal und Solowjow. 



Vierter Vortrag, 8 . Oktober 1911 

Die Abldsung des Glaubens durch das Schauen des Christus. Das Erleben 
des Logos in vorchristlicher und in nachchristlicher Zeit. Richard Wagners 
Ahnung vom Mysterium von Golgatha als Beispiel fur die notwendige 
hingebungsvolle Stimmung gegeniiber den Wahrheiten der geistigen Welt. 
Die uberlieferten Evangelien und die Akasha-Chronik. Hieronymus und 
das Matthaus-Evangelium. Der Weg vom inneren Gemiitserlebnis des 
Christus zur christlichen Einweihung. 



Funfter Vortrag, 9. Oktober 1911 

Die Paulusbriefe. Die Frage nach dem Verfallen des physischen Leibes 
beim Tod. Der Zusammenhang der physischen Leibesform mit dem Ich- 
Bewufitsein. Griechentum: Die hochste Liebe zum physischen Leib. 
Buddha-Bewufitsein: Die Geringschatzung des physischen Leibes. Alt- 
hebraisches Altertum : Die Fortpflanzung der Form des physischen Leibes 
durch die Geschlechter. Das Buch Hiob. 



Sechster Vortrag, 10. Oktober 1911 

Die Kernfrage des Christentums: Die Auferstehung. Die Einweihungen 
in den Mysterien und die Evangelien. Das Geschichtsbild des Paulus nach 
dem Erlebnis von Damaskus. Christus, der zweite Adam. Der verwesliche 
Leib des Adam und der unverwesliche Leib des zweiten Adam. Der phy- 
sische Leib und die Formgestalt des Menschen, das Phantom. Der Zusam- 
menhang der Sichtbarkeit des physischen Leibes mit dem luziferischen 
Einflufi. 



Siebenter Vortrag, 11. Oktober 1911 

Die nur einmalige Verkorperung des Christus in einem physischen Leibe. 
Die Ich-Natur des Menschen. Das schwierige Verstandnis der Auferste- 
hung. Der physische Leib als Spiegel fur die Seelenerlebnisse. Die Zersto- 
rung des Phantoms des physischen Leibes: der Siindenfall. Der auferstan- 



dene Leib des Christus als das reine Phantom des physischen Leibes. Die 
Wiederaufrichtung der verlorenen Prinzipien des Menschen. Das gerettete 
menschliche Phantom. 



Achter Vortrag, 12. Oktober 1911 173 

Die beiden Jesusknaben. Die Zarathustra-Individualitat. Der Einflufi der 
Buddha-Krafte. Das Ich des nathanischen Jesusknaben. Der zwolfjahrige 
Jesus im Tempel. Der dreifiigjahrige Jesus bei der Jordantaufe. Asche und 
Salz. Der Geistleib des Christus: das auferstandene Phantom. Es erfiillt 
sich die Schrift fur Paulus in Damaskus. 



Neunter Vortrag, 13. Oktober 1911 190 

Die Beziehung des einzelnen Menschen zum Christus-Impuls. Friihere 
Theosophie bei Bengel, Oetinger und Volker, Die Objektivitat des luzife- 
rischen Einflusses (Siinde, Liige, Irrtum) und die Objektivitat der Erlo- 
sungstat Christi. Der exoterische Weg zu Christus durch das Abendmahl 
und die Evangelien. Die Kommunion im Geiste durch die Kraft der 
Meditation und Konzentration als esoterischer Weg. 



Zehnter Vortrag, 14. Oktober 1911 209 

Das Verhaltnis des Christus-Impulses zu jeder einzelnen Menschenseele. 
Der esoterische Weg zu Christus durch die Initiation. Die sieben Stufen 
der christlichen Einweihung und ihr Ziel. Das Empfangen des Phantoms 
des Auferstandenen. Das karmische Richteramt des Christus. Die Lehre 
von der Wiederverkorperung. Die Aufhellung des Blickes nach riickwarts 
durch das zweite Christus-Ereignis. Uber Jeshu ben Pandira und den 
Bodhisattva. Der Bringer des Guten durch das Wort. Das freiwillige 
Opfer der Erlosungstat Christi. 



Hinweise 233 

Namenregister 243 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 245 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 247 



VON JESUS ZU CHRISTUS 
Offentlicher Vortrag, Karlsruhe, 4.0ktober 1911 



Der Gegenstand, iiber den heute hier gesprochen werden soil, hat 
ja in unserer engeren Gegenwart iiberall das allerwei teste Interesse 
erregt; deshalb darf es wohl auch als berechtigt erscheinen, iiber dieses 
Thema von anthroposophischem Standpunkt aus zu sprechen, von 
dem aus ich selbst schon zu verschiedenen Malen in dieser Stadt iiber 
dieses oder jenes Thema habe sprechen diirfen. Nun ist alierdings die 
Art und Weise, wie dieses Thema heute in unserer Gegenwart iiberall 
erortert wird und auch popular geworden ist, weit verschieden von 
dem anthroposophischen Standpunkte. Wenn man auf der einen Seite 
sagen raufi, daft Anthroposophie als solche heute noch eine wenig ver- 
standene und wenig beliebte Sache ist, so muft auch auf der andern 
Seite vielleicht darauf aufmerksam gemacht werden, daft gerade die 
anthroposophische Betrachtung des Gegenstandes, der uns heute be- 
schafligen soli, eine aufterordentlich schwierige ist.Dennwenn es schon 
dem Menschen der Gegenwart ferneliegt, sein Gemiit und seine Seele 
so zu stimmen, daft iiber verhaltnismafiig naheliegende Dinge des 
Geisteslebens die anthroposophischen "wahrheiten voll ergriffen und 
gewiirdigt werden konnen, so ist es geradezu ein Widerstreben, das 
dieses Gegenwartsbewufttsein erfiillt, wenn vom Standpunkte der 
Anthroposophie oder Geisteswissenschaft ein Thema betrachtet werden 
soil, das wirklich fiir uns notig macht, diese Geisteswissenschaft oder 
Anthroposophie in intimster Weise auf die schwierigsten und auch hei- 
ligsten Gegenstande des menschlichen Nachdenkens anzuwenden. Zu 
den letzteren aber gehort, was wir heute zu besprechen haben. 

Ausgegangen kann freilich davon werden, daft jene Wesenheit, die 
in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen geriickt werden soil, seit 
vielen Jahrhunderten im Mittelpunkte alles Fiihlens und Denkens 
der Menschheit ist; aber nicht nur das allein, sondern daft sie auch 
innerhalb des menschlichen Seelenlebens die mannigfaltigsten Beurtei- 
lungen, Empfindungen und Anschauungen hervorgerufen hat. Denn 
so felsenfest fiir unzahlige Menschen seit Jahrhunderten dasjenige 



steht, was mit dem Christus-Namen oder auch mit dem Jesus-Namen 
umspannt ist, so mannigfaltig ist das Christus- und auch das Jesus- 
Bild, wie es bewegt hat die Seelen, beschaftigt hat die Denker durch 
die Jahrhunderte hindurch seit den Ereignissen von Palastina. Und 
immer war es so, dafS von der allgemeinen Weltanschauung, von dem, 
was man zu irgendeiner Zeit fiihlte und empfand und als wahr be- 
trachtete, auch das Christus-Bild modifiziert worden ist. So ist es 
denn gekommen, dafi im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts 
— schon vorbereitet durch mancherlei Gedanken und Geistesstromun- 
gen des achtzehnten Jahrhunderts — das, was im Geiste als der 
Christus erfafSt werden kann, mehr zuriickgetreten ist gegeniiber 
dem, was man im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert den 
historischen Jesus nennt. Und um den historischen Jesus ist es ja eben, 
urn den sich heute ein weit verbreiteter Streit entsponnen hat, der 
gerade in dieser Stadt, in Karlsruhe, seine bedeutendsten Reprasen- 
tanten, seine intensivsten Kampfer hat. Daher ist es wohl gut, mit 
einigen Worten darauf hinzuweisen, wie es mit diesem Streite liegt, 
bevor wir auf den Christus Jesus eingehen. 

Man mochte sagen: Unter dem Eindrucke jener Geistesstromung, 
die alles, was sich auf das geistige Leben bezieht, blofi aufterlich be- 
trachtet, nach dem, was durch aufiere Dokumente festgestellt werden 
kann, — unter dem Eindrucke dieser Geistesstromung ist das zustande 
gekommen, was das neunzehnte Jahrhundert als den historischen 
Jesus betrachtete. Was sollte denn als solcher historischer Jesus 
gelten? Es sollte gelten, was sich als solcher durch au£ere historische 
Urkunden feststellen laflt: dafi die entsprechende Personlichkeit, von 
der zu Anfang unserer Zeitrechnung berichtet wird, in Palastina ge- 
wandelt hat, dann gestorben und wieder auferstanden ist fur die 
Glaubigen. Ganz nach dem Charakter und der Natur unseres sich jetzt 
dem Ende zuneigenden Zeitalters beschrankte sich der Glaube in der 
theologischen Forschung immer auf das, was man glaubte aus den 
historischen Urkunden so feststellen zu konnen, wie man aus sonstigen 
historischen Urkunden irgendein Ereignis der Weltgeschichte feststellt. 
Welche historischen Urkunden sind es denn, die da zunachst in Be- 
tracht kamen? Ich brauche hier nicht darauf einzugehen — denn ge- 



rade hier in Karlsruhe hat die historische Jesus-Forschung ihren Aus- 
gang genommen — , daft alle geschichtlichen Uberlieferungen, insofern 
sie nicht im Neuen Testament stehen, sich nach dem Urteile eines der 
bedeutendsten Kenner der Sache bequem auf eine Quartseite schreiben 
lassen. Und was sonst in irgendwelchen Urkunden — bei Josephus 
oder bei Tacitus — iiber den historischen Jesus steht, das ist leicht aus 
dem Felde zu schlagen; denn nimmermehr kann man es vom Stand- 
punkte der historischen Wissenschaft brauchen, die heute als die aner- 
kannte gilt. So bleiben also fiir die Jesus-Forschung bloft iibrig die 
Evangelienschriften des Neuen Testamentes und das, was in den 
Paulus-Briefen steht. 

Nun hat sich die historische Forschung des neunzehnten Jahr- 
hunderts an die Evangelien herangemacht. Rein aufterlich angesehen, 
wie nehmen sich diese Evangelien aus? Nimmt man sie wie andere Ur- 
kunden, wie man zum Beispiel Dokumente iiber eine Schlacht oder 
dergieichen nimmt, so stelien sie sich als widerspruchsvolle physische 
Dokumente heraus, deren Vierheit man nicht durch iiuftere Gesichts- 
punkte zusammenreimen kann. Und an dem, was man die historische 
Kritik nennt, zerschellen diese Urkunden. Denn es muft gesagt wer- 
den, daft alles, was eine emsige, fleiftige Forschung im neunzehnten 
Jahrhundert zusammengetragen hat aus den Evangelien selber, um 
ein treues Bild des Jesus von Nazareth zu gewinnen, sich aufgelost hat 
durch die Vertreter derjenigen Forschung, die von Professor Drews 
dargestellt ist. In bezug auf alles, was gegen den Historismus der Evan- 
gelien gesagt werden kann, konnten eigentlich die Akten fur geschlos- 
sen erklart werden, insofern als man sich klar sein kann, daft gerade 
die sorgfaltige Wissenschaft und die sorgfaltige Kritik uns zeigen, daft 
mit Bezug auf die Art, wie sonst historische Tatsachen festgestellt wer- 
den, iiber die Person des Jesus von Nazareth gar nichts gewonnen wer- 
den kann; und es mull als ein wissenschafllicher Dilettantismus gelten, 
wenn das heute gegeniiber der Wissenschaft nicht zugegeben wird. 

Nun handelt es sich hier um einen ganz anderen Gesichtspunkt. 
Und zwar handelt es sich zunachst darum, die Frage aufzuwerfen, ob 
nicht vielleicht von denjenigen, welche die Lehre des Jesus von Naza- 
reth im neunzehnten Jahrhundert vertreten haben, und die zu einem 



historischen Bilde von dem Jesus von Nazareth kommen wollten, 
doch vielleicht die Evangelien ganz falsch aufgefafit worden sind, ob 
hier nicht ein groftes Mifiverstandnis vorliegt. Was wollten denn 
die Evangelien eigentlich? Wollten sie im Sinne des neunzehnten 
Jahrhunderts historische Urkunden sein? Bevor diese Frage nicht 
beantwortet ist, was die Evangelien sein wollten, kann die andere 
Frage gar nicht entschieden werden, ob man sie als historische Ur- 
kunden tiberhaupt betrachten kann. 

Was in dieser Hinsicht gilt, das versuchte ich schon vor vielen 
Jahren in meiner Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache» 
darzulegen. Und in dieser Beziehung sollte die Antwort auf die Frage, 
die jetzt gestellt worden ist: Was wollten die Evangelien eigentlich 
sein?, nicht nur mit dem Inhalte, sondern schon mit dem Titel dieses 
Buches gegeben sein. Denn der Titel dieses Buches ist nicht «Die 
Mystik des Christentums» oder «Der mystische Inhalt des Christen- 
tums», — darum handelt es sich gar nicht, sondern darum, daft in 
dem Buche gezeigt werden sollte, daft das Christentum selber seiner 
Entstehung, seinem ganzen Wesen nach nicht eine aufiere Tatsache 
ist wie andere auftere Tatsachen, sondern eine Tatsache der geistigen 
Welt, die nur begriffen werden kann durch den Einblick in die Ereig- 
nisse des geistigen Lebens, durch den BHck in eine Welt, die hinter der 
aufieren Sinneswelt liegt und hinter dem, was historische Urkunden 
feststellen konnen. Gezeigt sollte werden, daft die Krafte und Ur- 
sachen, die das Ereignis von Palastina herbeigefuhrt haben, gar nicht 
in dem Gebiete liegen, in dem aufiere historische Ereignisse sich 
abspielen; dafi also nicht etwa das Christentum nur einen mystischen 
Inhalt haben kann, sondern dafi Mystik, geistiges Schauen notwendig 
ist, wenn man die Faden entwirren will, die sich — nicht fur die 
aufieren Dokumente, sondern im geheimnisvollen geistigen Geschehen 
— hinter den Ereignissen abgespielt haben, um die Ereignisse von 
Palastina moglich zu machen. 

Um zu verstehen, was das Christentum ist, und was es in der 
Seele des heutigen Menschen sein kann und sein mufi, wenn die Seele 
sich recht versteht, mufi ein wenig darauf hingewiesen werden, wie 
tief in den geistigen Tatsachen der Menschheitsentwickelung die Worte 



eines so guten Christen begriindet sind wie des Augustinus, wenn er 
sagt: «Was man gegenwartig die christliche Religion nennt, bestand 
schon bei den Alten und fehlte nicht in den Anf angen des Menschen- 
geschlechtes und als Christus im Fleische erschien, erhielt die wahre 
Religion, die schon vorher vorhanden war, den Namen der christ- 
lichen.» So weist uns eine so mafigebende Autoritat darauf hin, 
daft mit den Ereignissen von Palastina nicht etwas in jedem Sinne 
Neues in die Menschheit eingetreten ist, sondern dafi in gewisser 
Weise eine Umformung erlitten hat, was seit alten Zeiten von den 
Seelen der Menschen gesucht worden ist, von den Menschen als Er- 
kenntnis angestrebt worden ist. Was besagt denn ein soldier Aus- 
spruch wie der des Augustinus? Er will im wesentlichen besagen, daft 
mit den Ereignissen von Palastina der Menschheit etwas gegeben, 
geschenkt worden ist, was audi vor diesem Ereignis in einer gewissen 
Weise hat gefunden werden konnen, aber in einer anderen Weise 
als durch den christlichen Weg. Und wenn wir die andere Art, wie 
zu den Wahrheiten und Weistiimern des Christentums die andere Zeit 
hat kommen konnen, priifen wollen, so weist uns der historische 
Werdegang der Menschheit auf etwas hin, was mit einem Worte 
umschlossen wird, das heute noch wenig Verstandnis findet, das aber 
immer mehr und mehr Verstandnis finden wird, je mehr die geistes- 
wissenschaftliche Weltanschauung die Menschen ergreifen wird. Es ist 
das, was mit dem Worte «die Mysterien des Altertums» umschlossen 
wird. Nicht auf die blofi aufieren Religionen der Volker des Altertums 
miissen wir hinblicken, sondern auf das, was in den vorchristlichen 
Zeiten in jenen geheimnisvollen Statten getrieben worden ist, die mit 
dem Namen der Mysterien bezeichnet worden sind. 
Was waren diese Mysterien im Altertum? 

Wenn Sie nehmen, was in meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi» 
steht, so bekommen Sie eine geisteswissenschaftliche Erklarung dafur. 
Aber es gibt audi zahlreiche Profanschriftsteller, die in der Of- 
fentlichkeit das sagten, was ein Geheimnis war fur die Menschen 
des Altertums. Da wird uns erzahlt, dafi nur eine geringe Anzahl von 
Menschen zugelassen wurde zu den Lehrstatten, die man als die 
Mysterien bezeichnete, und die Kultstatten waren. Es war immer ein 



kleiner Kreis, der von den Priesterweisen zu diesen Mysterien zuge- 
lassen worden ist; ein kleiner Kreis, der sich dann von der aufieren 
Welt insofern absonderte, als sich die Mitglieder dieses Mysterien- 
kreises sagten: Wir miissen, um zu dem zu kommen, was in den 
Mysterien erreicht werden soli, eine andere Lebensweise beginnen, 
als sonst in der Uffentlichkeit gepflogen wird — vor allem miissen 
wir uns angewohnen, in einer anderen Weise zu denken. Es war in 
der Tat eine gewisse Absonderung von der Offentlichkeit bei denen, 
die Schuler der Mysterien waren. Mysterien gab es iiberall. Sie konnen 
sie bei den Griechen und Romern und anderen Volkerschaften finden. 
Heme gibt es schon eine zahlreiche Literatur dariiber, so daft das, 
was hier ausgesprochen wird, audi belegt werden kann durch die 
aufiere Forschung. Wenn solche Schuler der Mysterien zugelassen 
waren zu dem, was dort gelehrt wurde, so kann man sagen: Das, was 
sie aufnahmen, konnte man vergleichen mit dem, was heute Wissen- 
schaft, Erkenntnis genannt wird, — aber nicht in derselben Art wurde 
das aufgenommen, wie heute Erkenntnisse aufgenommen werden. Der 
Mysterienschuler erlebte etwas, und er wurde durch das, was er 
durchmachte, ein ganz anderer Mensch. Er fiihlte im hochsten Mafie 
etwas, was man mit dem Worte bezeichnen kann: In jedem Menschen 
lebt, tiefinnerlich verborgen und schlummernd, so dafi es das ge- 
wohnliche Bewufitsein nicht weift, ein hoherer Mensch. Und wie der 
gewohnliche Mensch durch seine Augen iiber die Welt hinsieht, wie 
er durch sein Denken iiber das Erlebte nachdenken kann, so kann 
dieser, fiir die aufiere Erkenntnis zunachst unbekannte Mensch, der 
aber erweckt werden kann aus der Tiefe der Menschennatur, eine 
andere Welt erkennen, die fiir aufiere Augen, fiir aufieres Denken 
nicht erreichbar ist. Die Geburt des inneren Menschen nannte man 
das. Das ist ein Wort, das heute noch ausgesprochen wird. Wie es 
aber heute ausgesprochen wird, hat es einen niichternen, abstrakten 
Charakter, und man nimmt es so leicht hin. Wenn es jedoch der Myste- 
rienschuler auf sich anwandte, war es die Bezeichnung fiir ein Grofies, 
das sich nur vergleichen liefie etwa mit dem Geborenwerden des 
Menschen im physischen Sinne. Wie das, was der Mensch in der phy- 
sischen Welt ist, aus einem dunkeln Untergrunde — sei es ein Natur- 



untergrund nach materialistischer Anschauung oder ein geistiger Un- 
tergrund nach geisteswissenschaftlicher Anschauung — herausgeboren 
und so im aufteren Sinne erst zum physischen Menschen wird, 
so wird das, was vorher ebensowenig da war, wie der physische 
Mensch vor der Geburt oder Empfangnis da war, als ein hoherer 
Mensch wirklich geboren durch die Vorgange der Mysterien. Ein neu- 
geborener, ein wiedergeborener Mensch wurde der Mysterienschiiler. 

"was heute als Anschauung iiber Erkenntnis existiert, was als Be- 
antwortung einer tief philosophischen Frage iiberall gegeben wird, ist 
gerade das Gegenteil von dem, was der Grundnerv der ganzen Gesin- 
nung und Anschauung in den Mysterien war. Heute fragt der Mensch 
im kantischen oder schopenhauerischen Sinne: Wo liegen die Grenzen 
der Erkenntnis? Was kann der Mensch erkennen? Wir brauchen nur ein 
Zeitungsblatt in die Hand zu nehmen und werden immer auf die Ant- 
wort stofien: Da und dort liegen die Grenzen des Erkennens und dar- 
iiber kann der Mensch nicht hinaus. Das ist genau im Gegensatze zu 
dem, was in den Mysterien gewollt wurde. Gewifi, man sagte sich, der 
Mensch kann nicht dieses oder jenes Problem losen, kann nicht da oder 
dort hineinschauen. Aber nie hatte man im Sinne einer kantischen oder 
schopenhauerischen Erkenntnistheorie gesagt, dies oder das kann man 
nicht erkennen; sondern man hatte gesagt, man mufi daran appellie- 
ren, dafi der Mensch entwickelungsfahig ist, da$ Krafte in ihm liegen, 
die schlummern, die hervorgeholt werden miissen; und wenn sie her- 
vorgeholt werden, dann steigt der Mensch zu einem hoheren Erkennt- 
nis vermogen auf. Die kantische Frage: Wo liegen die Grenzen der 
Erkenntnis? hatte fur die alte Mysterienanschauung keinen Sinn ge- 
habt, sondern allein die Frage: Wie macht man es, um das, was im 
gewohnlichen Leben die Grenzen des Erkennens sind, zu uberschrei- 
ten? Wie sucht man tiefere Krafte aus der Menschennatur herauszuent- 
wickeln, um das zu schauen, was man mit den gewohnlichen Kraften 
nicht schauen kann? 

Und noch etwas anderes ist notwendig, um den ganzen Zauber- 
hauch der Mysterien, der ja audi durch die Berichte der aufieren 
Schriftsteller — Plato, Aristides, Plutarch, Cicero — geht, zu empfin- 
den. Da miissen wir uns klar sein, dafi eine ganz andere Art der 



Seelenverfassung innerhalb der Mysterienschiilerschaft vorhanden 
war, als die Seelenverfassung des heutigen Menschen gegeniiber den 
wissenschaftlichen Wahrheiten. "Was wir heute wissenschaftliche Wahr- 
heiten nennen, kann ein jederMensch in einer jeglichenStimmung und 
Gemiitsverf assung aufnehmen. Darin sieht man heute gerade das Kenn- 
zeichen der Wahrheit, dafi sie unabhangig ist von dem, was wir in der 
Seele als Stimmung tragen. Nun war aber das Wichtigste fiir den 
Mysterienschuler, bevor er an die grofien Wahrheiten herangefiihrt 
wurde, dafi er etwas durchmachte, wodurch die Seele in bezug auf 
Fiihlen und Empfinden umgewandelt wurde. Und was uns heute 
als das Einfachste der wissenschaftlichen Erkenntnis erscheint — man 
hatte es an den Mysterienschuler nicht so herangebracht, dafi er es mit 
dem Verstande aufierlich hatte sehen konnen; sondern es muike sein 
Gemiit so vorbereitet werden, dafi er mit scheuer Ehrfurcht an das 
herantrat, was an ihn herankommen konnte. Daher war die Vorbe- 
reitung zur Aufnahme fiir das, was die Mysterien iiberliefern konn- 
ten, nicht ein Lernen, sondern eine radikale Umerziehung der Seele. 
Wie die Seele vor die grofien Wahrheiten und Weistumer trat, was sie 
empfand gegeniiber den grofien Wahrheiten und Weistiimern, darauf 
kam es an. Und da heraus stromte fiir die Seele die Oberzeugung: 
Wir sind verbunden durch das, was uns in den Mysterien gegeben 
wird, mit den Weltengriinden selber, mit dem, was an den Quellen 
aller Weltenurspriinge fliefit. 

So wurde der Mysterienschuler vorbereitet, daft er etwas erlebte, 
was uns auch Aristides erzahlt. Und wer, wie es in meiner Schrifl 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» dargestellt ist, 
nacherlebt, was die Schiiler der alten Mysterien erlebten, und solche 
Erlebnisse dadurch bewahrheitet, der weifi, wie es der Wirklichkeit 
entspricht, wenn Aristides sagt: «Ich glaubte, den Gott zu beriihren, 
sein Nahen zu fiihlen, und ich war dabei zwischen Wachen und Schlaf ; 
meinGeist war ganz leicht, so dafi es keinMensch sagen und begreifen 
kann, der nicht eingeweiht ist.» So gab es einen Weg zu den gott- 
lichen Weltengriinden, der nicht Wissenschaft war, auch nicht einseitige 
Religion war, sondern der darauf beruhte, daft sich die Seele wohl 
vorbereitete, um die Gedanken der Weltentwickelung als die Gedan- 



ken der die Welt durchwebenden Gotter zu empfinden und dem Gotte 
in den geistigen Weltengriinden nahe zu sein. Und wie wir im Atmen 
die aufiere Luft aufnehmen und zu einem Bestandteile unseres Leibes 
machen, so empfand der Mysterienschiiler, dafi er das, was geistig 
durch die Welt pulst, in seine eigene Seele aufnahm und es mit seiner 
Seele verband, so daft er ein neuer, von der Gottlichkeit durchwirkter 
Mensch wurde. 

Von dem aber, was in jenem Altertum moglich war, zeigt uns ge- 
rade die Anthroposophie oder Geisteswissenschaft, dafi es auch nur 
eine historische Erscheinung innerhalb der Menschheitsentwickelung 
war. Und wenn wir uns fragen: Sind die Mysterien, die in der vor- 
christlichen Zeit moglich waren, noch heute in derselben Weise 
moglich?, dann miissen wir sagen: So wahr alle historische geistige 
Forschung zeigt, dafi wirklich das vorhanden war, was jetzt charak- 
terisiert worden ist — in der gleichen Form, wie es in der vorchrist- 
lichen Zeit vorhanden war, ist es heute nicht mehr da. Dieselbe Art der 
Einweihung, wie sie in der vorchristlichen Zeit moglich war, ist heute 
nicht mehr moglich. Nur wer so kurzsichtig ist und glaubt, dafi die 
Menschenseele zu alien Zeiten dieselbe ist, nur der kann glauben, dafi 
der Geistesweg der alten Zeiten auch noch heute gilt. Der Weg zu 
den gottlichen Urgriinden der Welt ist jetzt ein anderer geworden! 
Und die geistige historische Forschung zeigt uns, dafi er im wesent- 
lichen in dem Moment ein anderer geworden ist, in welchen die 
Uberlieferung die Ereignisse von Palastina setzt, Diese Ereignisse von 
Palastina bilden einen tiefen Einschnitt in die Menschheitsentwicke- 
lung. Es ist etwas ganz anderes in die Menschennatur gekommen in 
der nachchristlichen Zeit, als in der vorchristlichen Zeit in dieser 
Menschennatur vorhanden war. Eine solche Art des Denkens, sagen 
wir, durch wissenschaflliche Gedanken sich der Welt zu nahern, wie 
es heute moglich ist, gab es im vorchristlichen Altertum nicht. Die 
Mysterien hatten den Menschen nicht etwa blofi deshalb auf die 
charakterisierte Weise zu den hochsten Weistumern gefiihrt, weil man 
geheim tun wollte oder etwas besonderes fur einen kleinen Kreis von 
Menschen haben wollte, sondern weil dieser Weg tiir die alten Zeiten 
notwendig war, und weil unser Weg des Denkens iiber die Welt, durch 



die Form der Logik, der Gedanken, dazumal noch nicht moglich war. 
Wer die Menschheitsgeschichte ein wenig priift, der weift, daft ein 
paar Jahrhunderte hindurch — in den Zeiten der griechischen Philo- 
sophic — sich unser Denken erst langsam und allmahlich vorbereitet 
hat und es erst jetzt dazu gebracht hat, in einer so bewundernswiir- 
digen Weise die aufiere Natur mit den menschlichen Gedanken zu 
umspannen. So ist die ganze Form des Bewufttseins, wie wir heute 
unsere Weltanschauungen schaffen, eine andere gegeniiber der vor- 
christlichen. Wir wollen jetzt in dieser Tatsache gar nichts anderes 
sehen, als daft die Menschennatur eine andere geworden ist in den 
nachchristlichen Zeiten. Eine sinnvolle Betrachtung der Menschheits- 
entwickelung — Sie finden die entsprechenden Forschungsresultate in 
meiner «Geheimwissenschaft» — zeigt uns, daft das ganze mensch- 
liche Bewufttsein sich umgeandert hat im Laufe der Menschheitsent- 
wickelung. Anders als wir heute die Dinge anschauen mit unseren 
Sinnen und iiber sie denken mit unserm Verstande, haben die alten 
Menschen die Dinge geschaut und gedacht. Nicht ein solches Hell- 
sehen, wie es in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Wei ten? » geschildert ist, sondern ein anderes Hellsehen, 
dumpfer, traumahnlicher Art, hatten die alten Menschen statt des 
verstandesmaftigen und sinnenfalligen Anschauens der Dinge. Das ist 
gerade der Sinn der Entwickelung, daft ein altes Hellsehen, das in 
Urzeiten iiber die ganze Menschheit ausgegossen war, gewichen ist 
der Form, die Dinge anzuschauen, wie wir sie jetzt haben. Die ge- 
wohnliche Bevolkerung aller Lander hatte eine solche hellseherische 
Kraft; und ein HinaufTiihren der hellseherischen Kraft zu hoheren 
Stufen wurde in den Mysterien gegeben. Dadurch bildete man aus, 
was allgemeine menschlicheSeelenfahigkeitenwaren.Nun ist im Laufe 
der Menschheitsentwickelung diese hellseherische Fahigkeit dem ge- 
wichen, was wir heute denkerische Betrachtung der Welt nennen. Das 
alte Hellsehen ist nicht mehr eine naturgemafte Anschauung der Dinge. 
Die Zeit aber, in welcher sich die alte Art des Anschauens verloren 
hat, dauerte lange, durch die geschichtlichen Zeiten hindurch, und er- 
reichte den Hohepunkt in der Zeit, in welcher wir die griechische oder 
lateinische Kulturepoche verzeichnen, und in welche wir das Ereignis 



des Christus Jesus versetzen. Da war die gesamte Mensdiheit uberall 
so weit in der Entwickelung fortgeschritten, dafi das alte Hellsehen 
voriiber war und die alten Mysterien nicht mehr moglich waren. 
Fragen wir nun: Was trat an die Stelle der alten Mysterien? so miis- 
sen wir uns zunachst mit dem bekanntmachen, was der Mensch durch 
die Mysterien erlangte. 

Zweierlei Art waren die Mysterien. Die eine Art ging etwa aus von 
der Kulturstatte, die spater von dem altpersischen Volke eingenom- 
men wurde; die andere Art erlebte man in Agypten und in Griechen- 
land am allerreinsten. Diese beiden Mysterien-Arten sind durchaus 
verschieden gewesen im Altertum. Alle Mysterien strebten dazu hin, 
den Menschen zu einer Erweiterung seiner Seelenkrafte zu bringen. 
Anders aber geschah dies in den griechischen und agyptischen Myste- 
rien und wieder anders in den persischen Mysterien. Wie war nun 
jene Einweihung in die Mysterien, die man in Griechenland erstrebte? 
— Und diese Art stimmte ja im wesentlichen iiberem mit dem, was 
man in Agypten erstrebte. 

Was in Griechenland und in Agypten fur den Schiller der Myste- 
rien erreicht werden sollte, war eine Umgestaltung seiner Seelen- 
krafte. Aber diese Umgestaltung geschah unter einer gewissen Vor- 
aussetzung, und diese Voraussetzung mufi man vor alien Dingen 
verstehen. Man sagte sich: In den Tiefen der menschlichen Seele ruht 
ein anderer, ein gottlicher Mensch. Aus denselben Quellen, aus denen 
heraus wir das Gestein sich zum Kristall formen sehen, aus denen die 
Pflanzen im Friihling herausdringen, aus denselben Quellen ist audi 
der verborgene, der innere Mensch entstanden. Nur daft die Pflanze 
alles, was sie in sich hat, audi wirklich in sich verwertet, wahrend der 
Mensch, wie er sich selbst begreift und mit seinen eigenen Kraften 
arbeitet, ein unvollendetes Wesen geblieben ist, und das, was in ihm 
ist, erst mit vieler Miihe emporgestiegen ist. An einen geistigen, 
gottlich inneren Menschen appellierte man in den Mysterien, und 
mit dem Hinweis auf diesen inneren gottlichen Menschen wies man 
audi hin auf die Krafle innerhalb der Erde. Denn die Erde wurde 
im Sinne der Mysterien-Anschauung nicht nur als lebloser Welten- 
korper aufgefafit, wie es die heutige Astronomie tut, sondern als ein 



geistiges planetarisches Wesen wurde die Erde angesehen. In Agypten 
wies man hin auf die merkwiirdigen Geistes- und Naturkrafte, die 
man mit dem Namen Isis und Osiris bezeichnete, wenn man die 
Urspriinge und Quellen dessen betrachten wollte, was im innern 
Menschen eine Offenbarung erleben kann. Und in Griechenland wies 
man hin auf den Namen Dionysos, wenn man hinweisen wollte auf 
den Ursprung, aus dem der innere Mensch entstanden ist. Deshalb 
erzahlten die Profanschriftsteller, dafi gesucht wurde die Natur und 
Wesenheit der Dinge, und man nannte das, was gefunden wurde an 
Kraften der Menschennatur in den griechischen Mysterien, audi wohl 
das unterirdische Teil des Menschen, nicht das uberirdische. Auch 
sprach man von der Natur der grofien Damonen und stellte sich 
darunter alles dasjenige vor, was auf die Erde wirkt an geistigen 
Kraften. Die Natur dieser Damonen wurde gesucht durch das, was 
der Mensch aus sich hervorbringen sollte. Dann sollte der Mensch 
durchmachen an Gefiihlen und Empfindungen alles, was er im Laufe 
der Entwickelung durchmachen kann. Er sollte erleben, was es heifit, 
in die Tiefe der eigenen Seele heruntersteigen, sollte erleben, wie ein 
Grundgefiihl alle Seelenwesenheit beherrscht — so beherrscht, dafi 
man sich im gewohnlichen Leben gar keinen Begriff davon macht — 
das Gefiihl des tiefen Egoismus, der fast unbezwinglichen Selbstsucht 
im Innern des Menschen. Der Mysterienschuler sollte durch Bekamp- 
fen und Besiegen alles dessen, was man Selbstsucht, Egoismus nennen 
kann, etwas durchmachen, wofur wir heute nur ein abstraktes Wort 
haben: das Gefiihl umfassender Liebe, des Mitleides fur alle Men- 
schen und alle Wesenheiten. Mitleid, soweit die Menschenseele des 
Mitleides nur f ahig ist, sollte an die Stelle der Selbstsucht treten. Und 
man war sich klar: Wenn man dieses Mitleid, das zunachst in der Ge- 
fiihlswelt zu den verborgenen Kraften gehort, heraufholt, so reifk es 
— wie die Meereswelle Gegenstande aus der Tiefe mitreifien kann — 
aus der Tiefe der Seele die gottlichen Krafte, die da schlummern, 
herauf. Und weiter sagte man sich: Wenn der Mensch durch die 
gewohnliche Erkenntnis hinausblickt in die Welt, so wird er bald 
gewahr, wie ohnmachtig dieser Mensch gegeniiber der Welt ist; je 
weiter er seine BegrifFe und Ideen erstrecken will, um so ohn- 



machtiger sieht er sich — und er kann schlieftlich verzweifeln an dem, 
was man c Erkenntnis' nennen kann. Dann aber muE ihn in seiner 
Seele etwas uberkommen wie das Gefiihl einer Leere, und die Emp- 
findung, wie wenn er den lebendigen Boden unter den Fiiften ver- 
liert, wenn er die Welt mit seinen Ideen umspannen will. Bei dem 
Gefiihl der Leere aber empfindet man Furcht und Angst. Deshalb 
sollte der griechische Mysterienschuler vor alien Dingen die Furcht 
vor allem, was unbekannt ist in der Welt, auf seine Seele abladen; 
so daft das Gefiihl der Furcht, wenn er jenes Mitleid entwickelt, die 
gottlichen Krafte aus seiner Seele heraufholt, und er dadurch lernt 
umzuwandeln die Furcht zur Ehrfurcht. Man war sich klar, daft 
dann diese Ehrfurcht, diese hochste Scheu und ehrfiirchtige Hingabe 
an alle Welterscheinungen eindringt in alle Substanzen und Begriffe; 
und was die gewohnliche Erkenntnis nicht erfassen kann, das konnen 
die tieferen, durch die Umwandlung der Furcht zur Ehrfurcht ent- 
wickelten Krafte umspannen. 

So konnte der Mensch in den griechischen Mysterien aus der Tiefe 
seiner Seele dasjenige hervorholen, von dem er sehr gut wuftte, daft 
es auf dem Grunde seiner Seele ruhte: den gottlichen Menschen. Aus 
dem Innern des Menschen heraus arbeiteten die griechischen wie audi 
die Isis- und Osiris-Mysterien und suchten dadurch den Menschen 
hinzufuhren zur geistigen Welt. Es war ein lebendiges Ergreifen des- 
sen, was der 'Gott im Menschen' ist, ein wirkliches Bekanntwerden 
des Menschen mit dem Gotte. Und die Unsterblichkeit gait nicht 
blofi als eine abstrakte Lehre und Philosophie, sondern als eine 
Erfahrung, die so sicher stand, wie die Erfahrungen der aufteren 
Farben, und als etwas so Sicheres erlebt wurde, wie man das Ver- 
bundensein mit den aufteren Dingen erlebte. 

Aber nicht minder sicher wurde das auch erlebt in den persischen 
oder Mithra-Mysterien. Wahrend der Mensch in den griechischen und 
agyptischen Mysterien hingefuhrt wurde zu dem Gotte durch Entfes- 
selung seiner Seelenkrafte, wurde er in den Mithra-Mysterien der 
Welt selbst gegeniibergestellt. So daft die Welt nicht nur wirkte durch 
die grofte, gewaltige Natur, die der Mensch gewohnlich nur iibersieht, 
wenn er in die Welt des Gewohnlichen hinausschaut, sondern die 



Schiiler der Mithra-Mysterien schauten in der intimsten Natur gerade 
das, wodurch die menschliche Erkenntnis nicht beriihrt wird: die 
schauerlichsten und die grandiosesten Krafte im Naturdasein wurden 
aus den Weltenraumen durch Methoden, die man damals entwickeln 
konnte, dem Schiiler vorgefiihrt. Und wie der griechische Mysterien- 
schiiler Bekanntschaft machte mit dem Gefiihl der Ehrfurcht vor der 
groften Welt, so wurde der Mithra-Schiiler zuerst bekannt gemacht 
mit den schauerlichen und grandiosen Kraften im Naturdasein, so daft 
er sich unendlich klein fiihlte gegeniiber der groften Natur, dafi er 
dastand, und dieWelt in ihrerHerrlichkeit undMajestat einen solchen 
Eindruck auf ihn machte, dafi er, infolge seiner Entfernung von 
den Urquellen des Daseins, erwarten mulke: Ich stehe hier — und 
die Welt in ihrer Ausdehnung kann mich jeden Augenblick ver- 
nichten! 

Diese Gedanken wurden abgeladen auf die Seele des Schulers. In- 
dem man in einer umfassenden Astronomie und in einer umfassenden 
"Wissenschaft von den aufieren Dingen so auf die Grofie der Welt- 
erscheinungen hinwies, kam der erste Impuls. Und das, was der 
Mensch weiterentwickelte in den Mithra-Mysterien, war dann mehr 
eine Folge der "wahrhaftigkeit, wenn die Natur mit alien ihren Ein- 
zelheiten — was Wissenschaftlichkeit im alten Sinne war — auf 
die Seele wirkte. Wie die griechischen Mysterienschiiler furchtlos 
wurden durch Entfesselung der Seelenkrafte, so wurden die Schiiler 
der Mithra-Mysterien dazu gebracht, dafi sie in die Seele sogen die 
Grofie der Weltgedanken; dadurch machten sie die Seele stark und 
mutig, und ein Bewufksein bekamen sie von Menschenwert und Men- 
schenwiirde, aber auch von Wahrheitssinn und Treue, und lerhten 
erkennen, dafi sich der Mensch immer im Dasein im Zaume halten 
muE. Das waren die Errungenschaften, die insbesondere aus den 
Mithra-Mysterien hervorgingen. Wahrend wir die griechischen und 
agyptischen Mysterien in den Landern verbreitet finden, die schon 
durch den Namen angedeutet sind, sehen wir die Mithra-Mysterien 
von den Gegenden Persiens herauf am Kaspi-See, an der Donau ent- 
lang bis in unsere Gegenden hin sich ausbreiten, ja bis nach Siid- 
frankreich, Spanien und England hin: Europa uberall iibersat von den 



Mithra-Mysterien! Und iiberall waren sich die Mithra-Schiiler klar: 
Wenn wir die Welt kennenlernen, stromt aus der grofien Welt etwas 
in uns ein, wie die Luft aus dem Luftkreis in uns einstromt; Mithra, 
den Gott, nehmen wir auf, den Gott, der die Welt durchflutet! Von 
dem Gotte, der in alien Welten lebt, fiihlte sich der Mithra-Schiiler 
durchdrungen. Und weil dadurch die Tatkraft, der Mut aufgestachelt 
ward, waren insbesondere die Krieger, die Soldaten im romischen 
Heere durchdrungen von dem Mithra-Dienst. Heerfiihrer sowohl wie 
audi Soldaten waren eingeweiht in die Mithra-Mysterien, wie sie 
sich ausdehnten iiber die damals bekannte Welt. 

So suchte man den Gott auf der einen Seite durch die Entfesselung 
der eigenen Seelenkr'afte und war sich dabei klar, dafi dadurch etwas 
heraufstromte aus der Tiefe der Seele; man war sich aber auf der 
anderen Seite audi klar, daft etwas einstromt in die Seele als der 
Extrakt, als der beste Saft, der die Welt durchstromt, wenn der 
Mensch den Gott sucht, indem er sich den grofien Weltenvorgangen 
hingibt. Man war sich klar, daft das, was man da fand, die Urkrafte 
der Welt sind, dafi gleichsam der Gott hereinkam in die menschlichen 
Wbhnungen, hereinkam in die menschlichen Seelen durch diese Myste- 
rien-Entwickelung. Einen realen Prozefl sah man in der Mysterien- 
Entwickelung. Jede Seele war ein Tor fur das Hereindringen der 
Gottheit in die menschliche Erdenentwickelung. — Aber betrachten 
wir den Sinn des Ganzen, wie er uns heute vor Augen getreten ist: 
Einzelne wenige waren es, die eine solche Entwickelung durchmachen 
konnten, und eine besondere Vorbereitung war dazu notwendig. Was 
wurde denen, die eine solche Vorbereitung durchmachten, gegeben? 
Die Erkenntnis wurde ihnen gegeben, daft das, was in der Natur 
draulSen wie audi in der menschlichen eigenen Natur verborgen ist, 
als gottlicher Weihestrom durch die Welt stromt. Deshalb nannte man 
die Mysterien-Entwickelung auch die Einweihung. Aber wir konnten 
darauf aufmerksam machen, daft die Entwickelung der Menschheit 
sich anderte, und dafi die ganze Einweihung eine andere werden 
mufke. Durch was wurde diese Anderung notwendig? 

Hier kommen wir auf das, was wir nennen mussen: die mystische 
Tatsache des Christus-Ereignisses. Und ein tiefes Eingehen auf die 



Geschichte zeigt, daft ein mehr oder weniger dumpfes Bewufttsein 
dieser Tatsache vorhanden war bei den alten, den ersten Christen: 
daft dasselbe, was sonst nur durch die Hingabe an die Mysterien, an 
den gottlichen Weltengrund einstromte in die menschliche Seele, daft, 
was als der Mithra aus der Welt einstromte oder als der Dionysos 
aus der Tiefe der Seele heraufstromte, sich als Vorgang einer einheit- 
lichen Weltengottheit in einer Tatsache auch innerhalb unserer Erden- 
entwickelung abspielte. Was sonst gesucht wurde in den Mysterien, 
was nicht gefunden werden konnte, ohne daft sich der Mensch in den 
Mysterien dem aufteren Leben entfremdete, das wurde von der die 
Welt durchdringenden Gottheit in einem bestimmten Zeitpunkt der 
Erde so einverleibt, daft keine menschliche Anstrengung Vorausset- 
zung war, sondern daft sich die Gottheit einmal ergoft in das Erden- 
dasein. Und dieses Sich-Ergieften der Gottheit in das Erdendasein 
bewirkte, daft — auch als die Menschen die Moglichkeit des Vor- 
dringens in den gottlichen Weltengrund verloren hatten, sie in anderer 
Art sich diesem gottlichen Weltengrund nahern konnten. Und der 
Gott, der jetzt — nicht auf die Art des Mithra und auch nicht auf 
die Art des Dionysos — in die menschliche Seele eindringen konnte, 
der ein Zusammenfluft des Mithra und des Dionysos war, und der 
zugleich tief verwandt mit der menschlichen Natur ist, das ist der 
Gott, der mit dem Christus-Namen umspannt wird. Mithra und 
Dionysos zugleich war das Wesen, das mit dem Ereignis von Palastina 
in die Menschheit eindrang, und ein Zusammenfluft von Mithra- und 
Dionysos-Kult war das Christentum! Und das hebraische Volk war 
dazu ausersehen, den dazu notwendigen Korper herzugeben, damit 
dieses Ereignis geschehen konnte. Dieses Volk hatte sowohl den Mi- 
thra- wie auch den Dionysos-Dienst kennengelernt, stand aber beiden 
Kulten fern. Denn der Angehorige des hebraischen Volkes empfand 
nicht wie der Grieche, der da sagte: wie ich da stehe, bin ich ein 
schwacher Mensch, der tiefere Krafte entwickeln muft, wenn er ein- 
dringen will in die Tiefe seiner eigenen Seele. Er empfand auch nicht 
wie der Mithra-Mensch, der sich sagte: ich muft auf mich wirken 
lassen den ganzen Umkreis der Luft, damit sich die tiefsten gottlichen 
Eigenschaften der Welt mit mir vereinigen! Sondern der Hebraer sagte 



sich: Was die tiefere menschliche Natur ausmacht, was in derselben 
verborgen ist, das war einst da beim Urmenschen, Diesen Urmenschen 
nannte das althebraische Volk den Adam. In diesem Adam war nach 
althebraischer Anschauung urspriinglich vorhanden, was der Mensch 
suchen kann, damit es ihn mit der Gottheit verbindet. Aber im Laufe 
der Entwickelung, als durch Generationen und aber Generationen die 
Menschheit sich weiterentwickelte, haben sich die Menschen durch die 
Erbfolge des Blutes immer weiter entfernt von den Quellen des Da- 
seins. Daft der Mensch dadurch anders geworden ist, daft er nicht so 
geblieben ist, wie er war, entlassen aus der Sphare der Gottlichkeit, 
das nannte das althebraische Volk das Behaftetsein mit der l Erbsunde\ 
Der Angehorige des althebraischen Volkes empfand sich also selbst als 
tieferstehend als der Urmensch Adam, und die Ursache dafur suchte 
er in der Erbsiinde. Das ist es, wodurch der Mensch weniger ist als 
das, was in den Tiefen der Menschennatur lebt. Und wenn er sich 
mit den tieferen Kraflen der Menschennatur vereinigen kann, so 
ist er dadurch verbunden mit den Kraflen, durch die er wieder her- 
aufgezogen wird. So empfand also der Angehorige des althebraischen 
Volkes, daft er friiher hoher stand und durch die Eigenschaflen, die 
an das Blut gebunden sind, etwas verloren hatte und deshalb jetzt 
tiefer stand. 

Damit stand der Bekenner des hebraischen Altertums auf einem 
historischen Standpunkte. Was der Bekenner der Mithra-Mysterien in 
der einen ganzen Menschheit sah, das sah der Bekenner des hebrai- 
schen Altertums in seinem ganzen Vblke, von dem er sich bewuftt 
war: Es hat verloren den Ursprung, von dem es ausgegangen ist. 
Wahrend also bei den Persern eine Art Schulung des Bewufttseins 
vorhanden war, finden wir bei dem althebraischen Volke das Bewuftt- 
sein einer geschichtlichen Entwickelung: Adam war urspriinglich in 
Siinde gefallen, war heruntergestiegen aus den Hohen, auf denen er 
gestanden hatte. Deshalb war dieses Volk auch am besten vorbereitet 
fur den Gedanken: Was im Ausgangspunkt der Menschheitsentwicke- 
lung geschehen ist und eine Verschlechterung der Menschheit herbei- 
gefiihrt hat, das kann auch nur durch ein historisches Ereignis — was 
wirklich geschieht, geschieht in den geistigenUntergriinden des Erden- 



daseins! — wieder aufgehoben werden. So war der Bekenner des 
hebraischen Altertums, wenn er recht den Sinn der Weltentwickelung 
verstand, dazu vorbereitet, sich zu sagen: Der Gott — sowohl der 
Mithra-Gott wie auch der Gott, der hervorgeholt wird aus den Tiefen 
der Menschenseele — kann heruntersteigen, ohne daft der Mensch eine 
Mysterien-Entwickelung durchmacht. 

So sehen wir, wie innerhalb des althebraischen Volkes das BewuBt- 
sein der Tatsache entstand — zuerst bei Johannes dem Taufer — , 
daft dasselbe, was die Mysterien als Dionysos und als Mithra iiber- 
liefert haben, gleichzeitig geboren wird in einem Menschen. Und die- 
jenigen, welche nun wieder in einem tieferen Sinne dieses Ereignis 
auffalken, sagten sich: Ebenso, wie durch Adam der Herunterstieg 
des Menschen in die Welt gekommen ist, wie die Menschen abstam- 
men von einem Vorfahren, der ihnen all die tieferen Krafte vererbt 
hat, die in Sunde und Irrtum fiihren, so mufi durch Einen, der aus 
den geistigen Welten heruntersteigt als Vereinigung von Mithra und 
Dionysos, der Ausgangspunkt geschaffen werden, zu dem die Men- 
schen hinblicken konnen, wenn sie sich wieder erheben sollen! Wah- 
rend also die Mysterien — durch Entfesselung der tieferen Seelen- 
krafte oder durch den Hinblick zu dem Kosmos — die menschliche 
Natur entwickelten, sahen nun die Menschen des hebraischen Volkes 
in dem Gott, der herabgestiegen war — jetzt auf den historischen 
Plan als historische Wesenheit herabgestiegen war — , das, wozu die 
Seele hinblicken muf$, zu dem die Seele die tiefste Liebe entwickeln 
rauS, an das sie glauben mufi, und was die Seele, wenn sie hinblickt 
auf dieses grofte Vorbild, wieder zuriickfuhren kann zu dem, wovon 
sie ausgegangen ist. 

Der tiefste Kenner dieses Christianismus wurde Paulus, indem er 
erkannte, daft durch den Christus-Impuls der Mensch, wie er auf 
Adam als auf seinen leiblichen Ursprung hinweist, auf den Christus 
als auf sein groftes Vorbild hinweisen kann, durch dessen Anblick das 
erreicht werden kann, was in den Mysterien angestrebt wurde und 
was geboren werden muft, wenn der Mensch seine urspriingliche 
Natur erkennen will. Was in den Mysterien in die Tiefen der Tempel 
eingeschlossen war, und was der Mensch nur nach asketischen An- 



strengungen erreichen konnte, das wurde hingestellt — nicht durch 
die aufteren Dokumente, sondern auch fiir den, der die geistigen Ur- 
griinde iibersieht und das erkennen kann, was nicht nur als eine 
aulSere, sondern als eine mystische Tatsache geschehen ist: daft die 
Gottheit, welche die Welt durchsetzt, erschienen ist in einer Einzel- 
gestalt! So mufite man es sich denken. Was die Schuler der Mithra- 
Mysterien erlangten durch den Anblick des grofiten Vorbildes, das 
sollte jetzt erreicht werden durch den Christus. Mut, Selbstbeherr- 
schung, Tatkraft erlangten die Mithra-Schiiler — das sollten fortan 
diejenigen erlangen, die jetzt nicht mehr im Sinne der alten Mithra- 
Mysterien eingeweiht werden konnten; durch den Anblick und das 
Vorbild des historischen Christus sollte sich jetzt auf die Seele ab- 
laden, was zu diesem Mute fuhrt. 

Wie in den Mithra-Mysterien das ganze Weltall in einer gewissen 
Weise in der Seele des Schiilers geboren wurde und die Seele mutvoll 
durchgluhte mit all den inneren Kraften der Tatkraft, so hat sich 
herabgegossen bei der Johannes-Taufe etwas, wovon die menschliche 
Natur Trager werden kann. Und wenn man sich mit dem Gedanken 
durchdringt, daft die Menschennatur fahig ist, die tiefste Gesetz- 
mafiigkeit des Weltenalls aufzunehmen, dann hat man im Anblick 
der Johannes-Taufe begriffen: In der menschlichen Natur kann der 
Mithra geboren werden! Aber nun war es so, daft die Mysterien- 
schiiler, welche den Ursinn des Christentums verstanden, zugaben: Es 
ist das Ende der alten Mysterien gekommen. Der Gott, der sonst in 
die heiligen Mysterien hineingeflossen ist, fiir den die einzelnen Seelen 
der Mysterienschiiler die Tore gebildet haben, der ist ein fiir allemal 
in das Erdendasein eingeflossen durch die Personlichkeit, die am Aus- 
gangspunkt unserer Zeitrechnung steht! Das ist auch der Sinn der 
Auffassung des Paulus, daft diese Wesenheit jetzt nicht mehr in dem 
alten Sinne als Mithra zu erreichen ist. Der Gott ist verschwunden 
in dem alten Sinne und lebte in der Natur des einen Menschen. Durch 
ein Naturereignis ist er herabgestiegen. So mufiten die, welche den 
Aufgang des Christentums verstanden, zu gleicher Zeit zugeben das 
Ende des Mithra-Dienstes, das Verschwinden der aufieren Gottheit 
der Mithra-Mysterien in der menschlichen Natur drinnen. 



Und wie steht es mit den griechischen, mit den Dionysos-Mysterien? 

Indem der menschliche Blick hingelenkt wurde auf den Jesus von 
Nazareth, in welchem der Mithra lebte, und der dann durch den Tod 
gegangen ist, wurde darauf hingewiesen, daft jener Mithra — der, 
wenn die Seelen sich mit ihm verbanden, Mut, Tatkraft, Selbstbeherr- 
schung diesen Seelen gab — mit dem Tode des Jesus von Nazareth 
selber gestorben ist! Den Tod des Mithra muftte man als eine Defi- 
nition sehen in dem, was man als den Tod des Jesus, des Christus 
sieht. Aber nun wurde der Blick hingelenkt auf die andere Tatsache: 
Indem der Gott Mithra verschwunden ist in dem Jesus von Nazareth, 
und gerade dadurch, daft er verschwunden ist, ist auch das, was der 
Mensch im tiefsten Innern der Natur findet, was er friiher durch die 
Dionysos-Mysterien erreicht hatte, in dem einen Jesus von Nazareth 
unsterblicher Sieger geworden iiber den Tod! Das ist der Sinn der 
Auferstehung im wirklichen christlichen Sinne, wenn wir ihn geistes- 
wissenschaftlich fassen. Durch den Hinblick auf die Johannes-Taufe 
im Jordan war Klarheit dariiber, daft der alte Mithra in den Men- 
schen eingezogen war ein fur allemal.Und dadurch, daft diese mensch- 
liche Natur den Sieg erfocht iiber den Tod, hatte sie ein Nachbild 
geschaffen, mit dem sich in tiefster Liebe die Seele verbinden konnte, 
um zu dem zu kommen, was in den Tiefen der Seele wirklich lebt, 
was die Griechen in Dionysos suchten. In dem auferstandenen Christus 
sollte die Tatsache gesehen werden, daft der Mensch, wenn er 
nachlebt dem einmaligen historischen Ereignis, iiber die gewohnliche 
Menschheit hinauskommt. 

So wurde in den Mittelpunkt der Weltgeschichte ein historisches 
Ereignis gestellt an die Stelle dessen, was sonst unzahlige Male in den 
Mysterien gesucht wurde. Daft die menschliche Natur eine andere ge- 
worden war, das war die grofte Oberraschung des Paulus, und das 
verbirgt sich innerhalb dessen, was man nennt das Ereignis von 
Damaskus. Was hat Paulus, wenn wir auf die Worte des Apostels 
selber sehen, vor Damaskus erfahren? Nicht durch auftere Ereignisse, 
nicht durch auftere Dokumente, sondern durch ein rein geistiges, ein 
hellseherisches Erlebnis hatte er erfahren, daft der Zeitpunkt schon 
dagewesen war, wo das, was friiher nur innerhalb der Mysterien- 



schiilerschaft als die gottliche Natur des Menschen in dem Menschen 
zum Vorschein gekommen war, sich in einem historischen Menschen 
verkorpert hatte! Daft der Christus in einem wirklichen Menschen da 
war, das konnte er nimmermehr durch eine auftere Tatsache erleben. 
Was er in Palastina erfahren konnte, das machte keinen Eindruck auf 
ihn; das konnte ihn nicht da von iiberzeugen, dafi in dem Jesus von 
Nazareth der Christus, der ZusammenfluiR von Mithra und Diony- 
sos, gelebt hatte. Als sich ihm aber vor Damaskus der geistige Blick 
offnete, da wurde ihm klar, dafi ein Gott, der mit dem Christus- 
Namen bezeichnet werden konnte, nicht nur als ein iibersinnlicher 
durch die Welt wirkt, sondern dafi dieser Gott in einem Menschen 
einmal da war und Sieger geworden ist iiber den Tod. Daher predigt 
er, dalS Geschichte, flieftende Geschichte auf der Erde gefunden wor- 
den ist fur das, was friiher nur fliefiende Substanz fur die Einge- 
weihten war. Das liegt den Worten des Paulus zugrunde: «Ist aber 
Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist 
audi euer Glaube vergeblich». 

So war der Weg, auf dem Paulus — auf dem Umwege durch den 
Christus — zu dem Jesus gekommen ist, weil er sich klar war, dafi 
sich in Palastina etwas ereignet hatte, was friiher nur in den Myste- 
rien erlebt werden konnte. Und im Grunde genommen ist es heute 
immer noch so; es ist nicht anders geworden. Weil der Christus der 
Mittelpunkt ist aller Menschheitsentwickelung und das hochste Vor- 
bild fur die intimsten Krafle der Seele, deshaib mufi das Band, das 
fur den Christus hergestellt wird, audi das intimste sein. Und wie 
verlangt wird, dafi der Mensch sein eigenes Leben gering schatzen 
mufi, um Schuler des Christus zu sein, so mufi uns audi heute gering 
erscheinen, dafi wir alle Dokumente und historische Urkunden ver- 
lassen mussen, um zu dem Christus zu kommen. Man miifite dankbar 
sein dafur, da!5 es keine Dokumente gibt, wodurch festgestellt werden 
kann, dafi es einen historischen Christus Jesus gegeben hat; denn 
nimmermehr konnte durch Dokumente festgestellt werden, dafi der 
Christus das Bedeutsamste ist, was in die Menschheit eingeflossen ist. 

Da wird uns der Gedanke klar, wie verwandt der Christus mit den 
alten Mysterien ist. Wenn wir Umschau halten bei den alten Myste- 



rien, so haben wir die Moglichkeit zu untersuchen, was die Mysterien- 
schuler tun mufiten, um auf die eine oder andere Art zu dem Gotte 
zu kommen. Was sie erlebten, das war etwas, was man nennen kann 

intime Seelenvorgange. Die Seele mufite gewisse Dinge erleben. So 
zum Beispiel mufite sie, wenn sie den ersten Schritt gemacht hatte, 
wenn sie sich in sich vertieft hatte, die inneren Gefiihle und Empfin- 
dungen so erleben, dafi sie lebhafter und intensiver wurden, als sie 
sonst im Menschen sind. Dadurch wurde dann der Mensch auch ge- 
wahr, wie er in einer niederen Natur steckt, die ihn daran hindert, 
zu den Quellen des Daseins zu kommen. Kurz: Dadurch wurde der 
Mensch erst gewahr, wie die niedere Natur ein Verlocker ist fur den 
aufwartsstrebenden Menschen, und dafi dasjenige, was den Menschen 
von den Urgriinden des Daseins herabgebracht hat, auch seine eigene 
niedere Natur geworden ist. Das war die Versuchung, die an jeden 
Mysterienschuler herantrat. In dem Augenblick, wo der Gott er- 
wachte, wurde der Schuler gewahr, was die niedere Begierdennatur 
im Menschen ist, was ihm wie eine fremde Wesenheit sagte: Folge 
nicht den windigen, luftigen Hohen der geistigen Welt, sondern folge 
den derben materiellen Dingen, die dir nahe liegen! Das mufite jeder 
durchmachen, daft ihm vor Augen trat, wie der gewohnlichen An- 
schauung gegeniiber unreal alles Geistige ist, und wie verlockend alles 
Sinnliche ist gegeniiber dem geistigen Streben. Auf anderer Stufe tritt 
uns dann in der Mysterien-Entwickelung entgegen, wie der Schuler 
diese verlockenden Krafte iiberwand, und wie er durch Entwickelung 
der gestarkten Krafte — Mut, Furchtlosigkeit und so weiter — wieder 
eine Stufe hoher kam. Das alles wurde in bestimmte Vorschriften fiir 
den Mysterienschuler gekleidet, und es kann in dem, was die aufieren 
Schriftsteller gaben, wieder nachgefiihlt werden, wie auch in den Me- 
thoden der Einweihung, wie sie die Geisteswissenschaft geben kann 
und wie sie dargestellt sind in dem Buch «Geheimwissenschaft». So 
gab es verschiedene Methoden: andere fiir die griechischen Mysterien, 
andere fiir die Mithra-Mysterien. Zuletzt erlebte der Schuler die Ver- 
einigung mit dem, was der gottliche Mensch war. Aber die Methoden da- 
fiir waren verschieden, und man kann merken, dafi in den verschieden- 
sten Gegenden die verschiedensten Einweihungsvorschriften bestanden. 



Das ist es nun, was ich weiter zeigen wollte in meiner Schrift «Das 
Christentum als mystischeTatsache», dafi uns in denEvangelien nichts 
anderes entgegentritt als eine Erneuerung der alten Einweihungsvor- 
schriften, was die Junger tun mufiten, urn zur Vereinigung mit der 
Gottheit zu kommen. Es hat sich das, was sich aufierlich abgespielt 
hat, ahnlich dem Gange in den Mysterien abgespielt. So mufke die 
gottliche Wesenheit, die in dem Jesus von Nazareth war, zum Beispiel 
erleben, nachdem die Mithra-Wesenheit hereingestiegen war, die Ver- 
suchung. Wie an den Mysterienschiiler der Versucher im kleinen her- 
angetreten war, so finden wir den Versucher gegeniibertreten dem 
Gotte, der Mensch wird. Was in den Mysterien wahr war, das finden 
wir wiedergegeben in den Evangelienschriften. 

So sind die Evangelien eine Erneuerung der alten Einweihungs- 
schilderungen, der alten Einweihungsvorschriften, und die Schreiber 
der Evangelien haben sich gesagt: Weil das, was sich sonst nur in den 
Tiefen der Mysterien zugetragen hat, sich einmal abgespielt hat auf 
dem grofien Plan der Weltgeschichte, deshalb darf man es mit den- 
selben Worten beschreiben, wie die Einweihungsvorschriften abgefafk 
sind. Darum sind aber die Evangelien nie gemeint als aufiere Biogra- 
phien des Christus-Tragers. Das ist eben das Mifiverstandnis der mo- 
dernen Evangelienforschung, dafi man eine solche auftere Biographie 
des Jesus von Nazareth darin suchen will. Zu der Zeit, als die Evan- 
gelien entstanden, hat man gar nicht daran gedacht, eine aufiere 
Biographie des Jesus von Nazareth zu geben; man hat in den Evan- 
gelien etwas darstellen wollen, was die menschliche Seele dazu hin- 
leiten kann, wirklich die grofie Seele zu lieben als den Ursprung des 
Weltendaseins. Dazu waren die Evangelien da: Wege, Schriften zu 
sein, durch welche die Seele finden konnte den Christus. Und merk- 
wiirdigerweise: Wir finden fast bis zum Ende des achtzehnten Jahr- 
hunderts ein deutliches Bewulksein dafiir, dafi die Evangelien zu 
solchen Wegen gehoren. Bei einzelnen Schriften, die aufierordentlich 
interessant sind, finden wir gesagt, dafi die Evangelien, wenn der 
Mensch sie auf sich wirken laiSt, die Seele umformen, so dafi der 
Mensch den Christus finden kann. Tatsachlich erlebten die Menschen 
so etwas, indem sie die Evangelien auf sich wirken lieften und gar 



nicht die Frage aufwarfen: Sollen sie eine Biographie des Jesus von 
Nazareth sein? Meister Eckhart deutet das an, indem er sagt: «Et- 
liche Leuten wollen Gott mit den Augen ansehen, als sie eine Kuh 
ansehen, und wollen Gott liebhaben, als sie eine Kuh liebhaben. Also 
haben sie Gott lieb, um auswendigen Reichtum und um inwendigen 
Trost; aber diese Leute haben nicht Gott recht lieb... Einfaltige Leute 
wahnen, sie sollen Gott ansehen, als stiinde er dort und sie hier. So ist 
es nicht. Gott und ich sind eins im Erkennen.» Und er sagte an an- 
derer Stelle: «Ein Meister spricht: Gott ist Mensch geworden, da von 
ist erhohet und gewiirdigt das ganze menschliche Geschlecht. Dessen 
mogen wir uns freuen, dafi Christus, unser Bruder, ist gefahren von 
eigener Kraft iiber alle Chore der Engel und sitzet zur Rechten des 
Vaters. Dieser Meister hat wohlgesprochen; aber wahrlich, ich gebe 
nicht viel darum. Was hiilfe es mir, hatt* ich einen Bruder, der da 
ware ein reicher Mann, und ich ware dabei ein armer Mann? Was 
hiilfe es mir, hatte ich einen Bruder, der ein weiserMann ware, und ich 
ware ein Tor? . . . Der himmlische Vater gebiert seinen eingeborenen 
Sohn in sich und in mir. Warum in sich und in mir? Ich bin eins mit 
ihm; und er vermag sich nicht auszuschliefien. In demselben Werke 
empfangt der heilige Geist sein Wesen und wird von mir, wie von 
Gott. Warum? Ich bin in Gott, und nimmt der heilige Geist sein 
Wesen nicht von mir, nimmt er es auch nicht von Gott. Ich bin auf 
keine Weise ausgeschlossen.» 

Darauf kommt es an: daft der Mensch durch mystische Entwicke- 
lung, ohne auftere Mysterien, durch eine reine Seelenentwickelung in 
der weiteren Zeit das erleben kann, was in den alten Zeiten in den 
Mysterien erlebt worden ist. Das ist aber nur dadurch moglich, daft 
das Christus-Ereignis da war, daft der Christus in einem physischen 
Leibe da war. Und wenn es keine Evangelien gabe, wenn keine Ur- 
kunden und Uberlieferungen da waren: fiir den, der den Christus in 
sich selber erlebt, ist mit dem Durchdringen des inneren Christus — 
gleich wie fiir Paulus — zugleich die Gewifiheit gegeben, daft zu 
Beginn unserer Zeitrechnung der Christus in einem physischen Leibe 
verkorpert war. So ist der Jesus einzig und allein zu finden durch den 
Christus! Und es kann nie aus den Evangelien herausgeschalt werden 



eine historische Biographie des Jesus von Nazareth; sondern der 
Mensch mufi sich erheben durch richtige Entfaltung seiner Seelenkrafte 
zu dem Christus — und durch den Christus zu dem Jesus. Dann erst 
verstehen wir, was die Evangelien gewollt haben, und was verfehlt 
war in der ganzen Jesusforschung des neunzehnten Jahrhunderts. Man 
hat das Christus-Bild in den Hintergrund treten lassen, um rein 
aufierlich aus historischen Urkunden einen greifbaren Jesus darzustel- 
len. Man hat die Evangelien verkannt — und daher mulken sich die 
Methoden der Jesus-Forschung durch sich selber aufheben. So hat sich 
die Methode der Evangelien-Forschung zerbrockelt, und gerade die 
Methoden, die das historische Jesus-Bild herausschalen wollten, haben 
zu einer Vernichtung desselben gefuhrt. 

Damit ist zu gleicher Zeit die Bahn frei geworden fur das, was die 
Geisteswissenschaft will. Sie will zeigen, was seit dem Eintreten des 
Christus in jedem Menschen an tieferen Kraften liegt, die der Mensch 
entwickeln kann. Dadurch erlangt dann der Mensch, nicht in derTiefe 
von aufierlich veranstalteten Mysterien, sondern im stillen Kammer- 
lein durch den Anblick dessen, was in Palastina geschehen ist, und 
durch die Hingabe an dieses Ereignis das, was die Mysterien-Schuler 
in den Mysterien erlangten, was die Anhanger des Mithra-Dienstes 
erlangten. Indem der Mensch den Christus in sich erlebt, erlebt er das, 
wodurch sein Mut und seine Tatkraft wachst, wodurch das Bewuftt- 
sein seiner Menschenwurde wachst, dafi er weifi, wie er sich im rich- 
tigen Sinne in die Menschheit hineinzustellen hat. Und er erlebt zu 
gleicher Zeit das, was die Anhanger der griechischen Mysterien erleben 
konnten: die allgemeine Liebe. Denn was im Christentum lebt als die 
allgemeine Liebe, umfaftt alle aufteren Wesenheiten. Und er erlebt 
zugleich die Furchtlosigkeit und weifi dadurch, dafi er niemals Furcht 
zu haben braucht, nicht zu verzweifeln braucht vor der "Welt, und 
erkennt — freiheitsvoll und zugleich in Demut — die Hingabe an 
die Geheimnisse des Weltalls. 

Das ist es,was der Mensch erkennen kann, wenn er sich durchdringt 
mit dem, was an die Stelle der alten Mysterien getreten ist: das Chri- 
stentum als eine mystische Tatsache. Und rein durch eine erkenntnis- 
ma&ge Ausgestaltung dieses Grundgedankens wird fur jeden Kenner 



des Christus der historische Jesus zu einer Tatsache. — Man hat in der 
abendlandischen Philosophic gesagt: Der Mensch konnte nie Farben 
sehen, wenn er nicht Augen hatte, konnte nicht Tone horen, wenn er 
keine Ohren hatte; finster und stumm ware dann die Welt fur den 
Menschen. Aber wie es wahr ist, daft ohne Augen keine Farben und 
ohne Ohren keine Tone wahrgenommen werden konnen, ebenso 
wahr ist auch der andere Satz: daft ohne das Licht kein Auge zu- 
stande gekommen ware. Wie der Mensch ohne Augen keine licht- 
artigen Wahrnehmungen haben konnte, so ist auf der andern Seite 
richtig was Goethe sagt: 



War' nicht das Auge sonnenhaft, 
Die Sonne konnt' es nie erblicken, 



oder wenn er an anderer Stelle sagt: Das Auge ist ein Geschopf des 
Lichtes! — So ist der mystische Christus in uns — der Christus, von 
dem auch der Hellseher spricht, wie ihn Paulus gesehen hat durch 
hellseherische Kraft — , in dem Menschen nicht immer gewesen. Er 
war in den vorchristlichen Zeiten durch keine Mysterienentwickelung 
zu erreichen, wie er zu erreichen ist nach dem Mysterium von Gol- 
gatha. Daft es einen inneren Christus geben kann, daft geboren wer- 
den kann der hohere Mensch, dazu war notwendig ein historischer 
Christus, die Verkorperung des Christus in dem Jesus. Und wenn gar 
keine Dokumente irgendwie verbiirgten eine Biographie des Jesus von 
Nazareth, so muftte man sich sagen: Wie ein Auge nur entstehen kann 
durch die Wirkung des Lichtes, so ist notwendig fur einen mystischen 
Christus, daft der wirkliche, der historische Christus da war. Nicht 
durch auftere Dokumente ist die Jesus-Gestalt zu erkennen. Das hat 
man lange Zeiten in der abendlandischen Entwickelung erkannt und 
wird es wieder erkennen. Die Geisteswissenschaft wird das, was sie 
aus ihren Kreisen ziehen kann, so gestalten, daft es zu einer wirk- 
lichen Erkenntnis des Christus — und damit auch des Jesus fiihren 
kann. Und wahrend sich ergeben hat, daft eigentlich der Jesus der 
Welt entfremdet worden ist, daft die Methoden der Jesus-Forschung 
sich selbst aufgelost haben, wird die Vertiefung in die Christus-We- 



senheit dazu fiihren, audi die Grofie des Jesus von Nazareth wieder- 
zuerkennen. 

Der Weg, der so gent, dafi der Christus zuerst erkannt wird durch 
innere Seelenerlebnisse, fiihrt durch das, was aus der menschlichen 
Seele sich herausentwickelt, wirklich dazu, die mystische Tatsache des 
Christentums zu verstehen und das "Werden der Menschheit so aufzu- 
fassen, daft in dasselbe das Christus-Ereignis hereinfallen muft als das 
bedeutsamste Ereignis der Menschheitsentwickelung. So fiihrt uns der 
Weg durch den Christus zu dem Jesus. Und die Christus-Idee wird in 
sich selbst die fruchtbarenKeime tragen, um die Menschheit nicht blofi 
zu der Auffassung eines allgemeinen, pantheistischen "Weltengeistes zu 
bringen, sondern dazu, dafi der Mensch seine eigene Geschichte so auf- 
faftt: Wie er seine Erde verbunden fiihlt mit allem Weltensein, so 
wird er seine Geschichte verbunden fuhlen mit einem ubersinnlichen, 
iibergeschichtlichen Ereignis. Und dieses Ereignis ist, dafi dasChristus- 
wesen als eine ubersinnliche, mystische Tatsache im Mittelpunkte des 
Menschheitswerdens steht und erkannt werden wird von der Mensch- 
heit derZukunft, unabhangigvon aller aufieren historischenForschung 
und alien Dokumenten. Der Christus wird der starke Eckstein der 
Menschheitsentwickelung bleiben, auch wenn zugegeben wird, dafi 
alle Dokumente fur eine Jesus -Biographie versagen; und der Mensch 
wird aus sich die Krafte holen, seine Geschichte — und damit auch die 
Geschichte der Weltentwickelung neu zu gebaren. 



VON JESUS ZU CHRISTUS 

EIN 2YKLUS VON ZEHN VORTRAGEN 



ERSTER VORTRAG 
Karlsruhe, 5.0ktober 1911 



Diese Vortrage sollen dazu bestimmt sein, eine Vorstellung zu 
schaffen von dem Christus-Ereignis, insofern als es zusammenhangt 
mit seiner geschiclitlichen Erscheinung: mit der Offenbarung des Chri- 
stus in der Personlichkeit des Jesus von Nazareth. Mit dieser Frage 
sind so viele Fragen des geistigen Lebens verbunden, dafi wir gerade 
dadurch, dafi diesmal das Thema so gewahlt worden ist, weite Aus- 
blicke werden machen konnen in das Gebiet der Geisteswissenschaft 
und in ihre Mission; und die Bedeutung gerade der anthroposophi- 
schen Bewegung fur das gegenwartige Geistesleben werden wir an der 
Hand dieses Themas erortern konnen. Auf der anderen Seite werden 
wir dabei Gelegenheit haben, das, was Inhalt der Religion ist und als 
solcher Inhalt fur die menschliche Allgemeinheit bestimmt sein mu£, 
erkennen zu lernen in seinem Verhaltnis zu dem, was tiefere Quellen 
des geistigen Lebens, was die okkulten Quellen, die Quellen der Ge- 
heimwissenschaft uns zu sagen wissen iiber das, was allem religiosen 
und Weltanschauungs-Streben zugrunde liegen muft. Es wird manches 
von dem, was wir werden zu besprechen haben, scheinbar recht weit 
abliegen von dem Thema selbst; doch wird uns alles wieder hinfiihren 
zu unserer Hauptaufgabe. 

Was eben angedeutet worden ist, kann aber gleich von Anfang an 
in einer genaueren Weise auseinandergesetzt werden, indem wir zum 
Verstandnis unseres gegenwartigen religiosen Lebens auf der einen 
Seite und der geisteswissenschaftlichen Vertiefung des gesamten See- 
lenlebens auf der anderen Seite, einen Blick werfen auf die Herkunft 
sowohl dieses religiosen wie auch des okkulten, geistigen Lebens in 
den letzten Jahrhunderten. Denn wir haben in den letzten Jahr- 
hunderten gerade der europaischen Geistesentwidkelung zwei Rich- 
tungen, die in allerextremster Weise ausgebildet haben auf der einen 
Seite die Uberspannung des Jesus-Prinzips und auf der anderen Seite 
jetzt nicht mehr die Uberspannung, sondern die sorgfaltigste, gewis- 
senhafteste Einhaltung des Christus-Prinzips. Wir haben, indem wir 



diese beiden Stromungen der letzten Jahrhunderte vor unsere Seelen 
hinstellen, in der Uberspannung des Jesus-Prinzips eine grofte Ver- 
irrung, eine gefahrliche Verirrung im Geistesleben der letzten Jahr- 
hunderte — und auf der anderen Seite eine tief bedeutsame, iiberall 
die rechten Wege suchende und Irrwege sorgfaltig vermeidende Be- 
wegung. Also schon in bezug auf diese Beurteilung zweier voneinan- 
der ganz verschiedener Geistesbewegungen haben wir die eine zu den 
schweren Irrtiimern, die andere zu den ernstlichsten Bestrebungen 
nach der Wahrheit zu zahlen. Die eine Bewegung, die uns doch auch 
im Zusammenhang einer geisteswissenschaftlich christlichen Betrach- 
tung interessieren mufi, und von der wir als einer in gewisser Weise 
aulSerordentlich gefahrlichen Verirrung sprechen diirfen, ist die,welche 
im aufieren exoterischen Leben genannt wird der Jesuitismus, und wir 
haben im Jesuitismus gegeben eine gefahrliche Uberspannung des 
Jesus-Prinzips. Und in demjenigen, was seit Jahrhunderten innerhalb 
Europas als Rosenkreuzertum besteht, haben wir eine intime, iiberall 
sorgfaltig die Wege der Wahrheit suchende Christus-Bewegung. Es ist 
viel im exoterischen Leben zu alien Zeiten, seit es eine jesuitische 
Stromung innerhalb Europas gibt, iiber den Jesuitismus gesprochen 
worden, und deshalb soil es schon auch denjenigen, der das Geistes- 
leben aus seinen tieferen Quellen studieren will, interessieren, inwie- 
fern der Jesuitismus eine gefahrliche Uberspannung des Jesus-Prin- 
zips bedeutet. Da miissen wir allerdings, wenn wir auf eine wahre 
Charakteristik des Jesuitismus eingehen wollen, uns von einer gewis- 
sen Seite her damit bekanntmachen, wie die drei Hauptprinzipien 
aller Weltentwickelung, die in der verschiedensten Weise in den ver- 
schiedenen Weltanschauungen angedeutet werden, sich praktisch in- 
nerhalb unseres Lebens auch schon exoterisch ausleben. Wir wollen 
heute zuerst einmal ganz absehen von der tieferen Bedeutung und der 
tieferen Charakterisierung der drei Grundstromungen alles Lebens 
und aller Entwickelung und wollen sie so, wie sie dem aufterlichen 
Blicke auffallen, einmal vor unsere Seele fiihren. 

Da haben wir zunachst das eine, was wir nennen konnen: unser 
Seelenleben, insofern es ein Erkenntnisleben ist. "Was auch der Mensch 
sonst sagen mag gegen das Abstrakte einer einseitigen Erkenntnis, 



eines einseitigen Wahrheitsstrebens, was er sagen mag gegen das Le- 
bensfremde mancher wissenschaftlichen, philosophischen, theosophi- 
sdien Bestrebungen — der Mensch, der sich wahrhaft in seiner Seele 
klar wird iiber das, was er will und wollen kann, weift doch, daft 
das, was man mit dem Worte Erkenntnis umspannen kann, zu den 
tiefst eingewurzelten Bestrebungen unseres Seelenlebens gehort. Denn 
ob wir Erkenntnis suchen durch das Denken oder mehr durch die 
Empfindung, durch das Fiihlen — immer bedeutet Erkenntnis eine 
Orientierung iiber alles das, was uns in der Welt umgibt, und auch 
iiber uns selbst. So daft wir uns sagen miissen, ob wir nun zufrieden 
sein wollen mit den allereinfachsten Erlebnissen der Seele, oder ob 
wir uns einlassen wollen auf die kompliziertesten Auseinanderset- 
zungen iiber die Geheimnisse des Daseins: Erkenntnis bedeutet fur 
uns doch zunachst die allerbedeutsamste Lebensfrage. Denn wir 
machen uns durch die Erkenntnis im Grunde genommen das Bild des 
Welteninhaltes, von dem wir doch leben, von dem all unser Seelen- 
wesen genahrt ist. Schon den allerersten Sinneseindruck und iiber- 
haupt alles Sinnesleben miissen wir in das Gebiet der Erkenntnis 
rechnen und ebenso auch die hochsten Abstraktionen von Begriffen 
und Ideen. Zur Erkenntnis miissen wir aber auch rechnen, was uns in 
der Seele antreibt, sagen wir, schon und haftlich zu unterscheiden. 
Denn wenn es auch in einem gewissen Sinne richtig ist, daft sich iiber 
den Geschmack nicht streiten laftt, so bedeutet es doch eine Erkennt- 
nis, wenn man sich ein Geschmacksurteil angeeignet hat und entschei- 
den kann iiber schon und haftlich. Und auch unsere sittlichen Impulse, 
was uns dazu antreibt, das Gute zu tun und das Bose zu unterlassen, 
miissen wir empfinden als sittliche Ideen, als Erkenntnis oder als ge- 
fuhlsmaftige Antriebe, das eine zu tun, das andere zu lassen. Ja, auch 
was wir unser Gewissen nennen, mag es noch so unbestimmte Impulse 
auslosen, es gehort auch zu dem, was mit dem Worte Erkenntnis zu 
umspannen ist. Kurz, was uns zunachst bewuftt ist: die Welt, ob 
sie eine Welt der Maja oder der Wirklichkeit ist, die Welt, in der wir 
bewuftt leben, alles, was uns bewuftt ist, konnen wir mit dem 
Worte «Erkenntnisleben» im Geistigen umspannen. 

Aber ein jeder Mensch wird auch zugeben miissen, daft gleichsam 



unter der Oberflache dieses Geisteslebens, das wir mit der Erkenntnis 
umspannen, noch etwas anderes liegt; daft unser Seelenleben uns 
Mannigfaltiges schon fur das alltagliche Dasein zeigt, was nicht zu 
unserem bewuftten Leben gehort. Wir konnen da zunachst darauf 
hinweisen, wie wir unser Seelenleben des Morgens, wenn wir auf- 
wachen, gestarkt und erfrischt aus dem Schlafe immer neu gebaren 
lassen, und wie wir uns sagen miissen, daft wir fur unser Seelenleben 
im Schlafzustande, also im Unbewuftten, etwas gewonnen haben, was 
nicht in das Gebiet unserer Erkenntnis, unseres Bewufitseinslebens 
fallen kann, wo unsere Seele vielmehr unter dem Plan des Bewuftten 
arbeitet. Aber audi in bezug auf das wache Tagesleben miissen wir 
zugeben, daft uns Triebe, Instinkte, Krafte treiben, die zwar ihre 
Wellen heraufwerfen in das Feld des Bewuftten, die aber unter dem 
Bewuftten arbeiten und ihr Wesen haben. Wir werden gewahr, daft 
sie unter dem Bewuftten arbeiten, dann, wenn sie heraufkommen iiber 
die Oberfladie, durch die unser bewufttes Leben von dem unter- 
bewuftten getrennt wird. Und im Grunde genommen zeigt uns audi 
das sittliche Leben das Dasein eines solchen unterbewuftten Seelen- 
lebens, denn wir sehen in diesem sittlichen Leben in uns geboren 
werden diese oder jene Ideale. Man braucht nur ein wenig Selbst- 
erkenntnis zu haben, um sich zu sagen, daft solche Ideale wohl in 
unserem Seelenleben aufsteigen, daft wir aber keineswegs immer 
wissen, wie unsere groften sittlichen Ideale nun zusammenhangen mit 
den allertiefsten Fragen des Daseins, sagen wir, wie sie im Willen 
Gottes, in dem sie ja doch schlieftlich wurzeln miissen, vorhanden 
sind. Es ist so, wie wenn wirklich unser gesamtes Seelenleben mit dem 
verglichen werden konnte, was in der Tiefe eines Meeres vorgeht. 
Diese Tiefen des Seelen-Meeres-Lebens werfen ihre Wellen herauf an 
die Oberfladie, und was in den Luftraum, mit dem wir das normal 
bewufite Seelenleben vergleichen konnen, heraufgeworfen wird, das 
wird dann zum Bewufttsein, zur Erkenntnis gebracht. Aber alles 
bewuftte Leben wurzelt in einem unterbewuftten Seelenleben. 

Im Grunde genommen ist ja die ganze Entwickelung der Menschheit 
nur dann zu verstehen, wenn man ein solches unterbewufttes Seelen- 
leben zugibt. Denn was bedeuten alle Fortschritte des Geisteslebens 



anderes, als dafi aus dem Unterbewulken des Seelenlebens herauf- 
geholt wird, was lange schon unter der Oberfiache lebt, aber erst dann, 
wenn es heraufgeholt wird, in die Gestalt eintritt. So zum Beispiel 
wenn eine erfinderische Idee in die Gestalt des Impulses einer Ent- 
deckung aufgeht. Unterbewulkes Seelenleben, das in uns ebenso ist 
wie das bewulke, mufi man als ein zweites Element unseres Seelen- 
lebens zugeben. 

Wenn wir dieses unterbewuftte Seelenleben in einer gewissen Weise 
in das zunachst Unerkannte — nicht Unerkennbare — verlegen, 
miissen wir ihm noch ein Drittes gegeniiberstellen. Dieses Dritte 
ergibt sich ohne weiteres audi fiir eine aufiere, exoterische Beobach- 
tung, wenn man sich sagt: Richtet man den Blick der Sinne oder des 
Verstandes oder audi des sonstigen Geisteslebens nach aufien, so lernt 
man Verschiedenes erkennen. Aber man wird bei einer genaueren 
Besinnung iiber alles Erkennen doch zugeben miissen, dafi hinter dem, 
was man iiber die gesamte Welt erkennt, ein anderes verborgen liegt, 
zwar nicht ein Unerkennbares, aber etwas, was man in jedem Zeit- 
abschnitt ein Noch-nicht-Erkanntes nennen mufi. Und dieses Noch- 
nicht-Erkannte, das unter der Oberfiache des Erkannten liegt — wie 
im Mineralreich, wie im Pflanzen- und Tierreich — , das gehort 
sowohl der Natur draufien an, wie auch uns selbst. Es gehort uns 
selbst an, insofern wir in unsere physische Organisation die Stoffe 
und Krafte der Aufienwelt in uns aufnehmen und verarbeiten; und 
insofern wir darin ein Stiick der Natur haben, haben wir darin auch 
ein Stiick des Unbekannten der Natur. So miissen wir in der Welt, in 
der wir leben, ein Dreif aches unterscheiden: unser bewufkes Geistes- 
leben, das heifk, das was eintritt in das Bewulksein; dann das, was 
unter der Schwelle des Bewufitseins als unser unterbewufkes Seelen- 
leben liegt, und dasjenige, was als unerkanntes Naturleben und zu 
gleicher Zeit unerkanntes Menschenleben selber, als ein Stiick der 
grofien unerkannten Natur in uns lebt. 

Diese Dreiheit ergibt sich unmittelbar aus einer sinnvollen Beob- 
achtung der Welt. Und wenn man absieht von alien dogmatischen 
Feststellungen, absieht von alien philosophischen oder theosophischen 
Oberlieferungen, insofern diese sich in BegrifFsdefinitionen kleiden 



oder in Schemen ausgedriickt werden, wenn man sagt: Wie driickte es 
der Menschengeist immer aus, daf$ die eben charakterisierte Dreiheit 
nicht bloft in seiner Umgebung, sondern in aller Welt vorhanden ist, 
zu der er selbst gehort, dann mufi man sagen: der Mensch driickte es 
aus, indem er das, was sich auf dem Horizont des Bewuftten zu 
erkennen gibt, den Geist nannte; das aber, was im unterbewufiten 
Seelenleben wirkt und nur seine Wellen heraufwirft aus diesem 
unterbewulken Seelenleben, als den Sohn oder den Logos bezeichnete. 
Und das, was sowohl der Natur, insofern sie zunachst unerkannt ist, 
und dem Stuck unseres Eigenwesens, das mit der Natur gleichartig 
ist, angehort, das bezeichnete der Menschengeist immer, weil er fuhlte, 
dafi damit das Dritte gegeniiber den zwei anderen gegeben ist, als das 
Vater-Prinzip. Neben dem, was jetzt gesagt ist mit dem Geist-, 
Sohn- und Vater-Prinzip, gelten auch selbstverstandlich die anderen 
Unterscheidungen, die wir von jeher gemacht haben, und ebenso 
haben die Unterscheidungen, die in dieser oder jener Weltanschauung 
gemacht worden sind, ihre Berechtigung. Aber man konnte sagen, 
der popularste BegrifF dieser Unterscheidung ergibt sich, wenn wir 
das vor uns hinstellen, was jetzt charakterisiert worden ist. 

Nun fragen wir uns: Wie konnen wir am besten den Dbergang 
charakterisieren zwischen dem, was dem Geiste angehort, also unmit- 
telbar in das bewufite Seelenleben hereinspielt, und dem unterbewufi- 
ten Seelenleben, das dem Sohnes-Prinzip angehort? Diesen Ubergang 
konnen wir am besten ins Auge fassen, wenn wir uns klar sind, daft 
eben in das gewohnliche Geistesleben des Menschen, in das Bewuftt- 
sein, klar und deutlich aus dem Unterbewufksein herauf diejenigen 
Elemente spielen, die wir gegeniiber dem Vorstellungs- und Gefiihls- 
elemente als die Wlllenselemente bezeichnen miissen. Man braucht 
dazu nur das biblische Wort in der richtigen Weise zu interpretieren: 
«Der Geist ist willig», weil damit angedeutet ist, dafi in das Geist- 
gebiet alles gehort, was mit Bewufitsein erfafit wird, — «aber das 
Fleisch ist schwach», womit man alles dasjenige meint, was mehr im 
Unterbewufttsein liegt. In bezug auf die Natur des Willens braucht 
sich der Mensch nur auf das zu besinnen, was aus dem Unterbewuft- 
ten heraufspielt, und was nur dann in unser bewufttes Seelenleben 



hereinfallt, wenn wir uns — nach dem Heraufspielen der Wellen aus 
dem unteren Meere des Seelenlebens — dariiber bewufite Begriffe 
bilden. Erst wenn wir das, was als dunkel treibende Seelenmachte in 
den Elementen des Seelenlebens wurzelt, zu Begriffen und Ideen um- 
wandeln, wird es zum Inhalt des Geistes; sonst bleibt es in dem 
Gebiet des Prinzips des Sohnes. Und indem der Wille durch das 
Gefiihl in das Vorstellungsleben heraufspielt, sehen wir ganz deutlich 
vor uns das Aufschlagen der Wellen aus dem Meere des Unter- 
bewuftten in das Bewuftte. Daher konnen wir uns sagen: In der 
Dreiheit des Seelenlebens haben wir in den beiden Elementen Vor- 
stellung und Gefiihl etwas, was dem bewuftten Seelenleben angehort; 
aber das Gefiihl steigt schon herunter in das Gebiet des Willens; und 
je weiter wir an die Willensimpulse, an das Willensleben herankom- 
men, desto mehr steigen wir in das Unterbewuftte hinab, in jene 
dunklen Gebiete, in die wir vollends hinab steigen, wenn das Bewuftt- 
sein ganz erlischt im tiefen, traumlosen Schlafesleben. 

Der Sprachgenius ist oftmals viel weiter als der bewuftte mensch- 
liche Geist und bezeichnet daher Dinge in einer richtigen Art, die 
wahrscheinlich recht falsch bezeichnet werden wiirden, wenn der 
Mensch mit dem Bewufttsein die Sprache ganz meistern konnte, So 
werden zum Beispiel gewisse Gefiihle in der Sprache so ausgedriickt, 
daft schon im Worte die Verwandtschaft des Gefiihles mit dem Will en 
zum Ausdruck gebracht wird, so daft wir gar nicht einen Willens- 
impuls meinen, sondern nur einen Gefiihlsinhalt, und dennoch das 
Wort 'Wille' in der Sprache gebrauchen; eben weil der Sprachgenius 
bei gewissen tieferliegenden Gefuhlen, iiber die man sich nicht mehr 
genau Rechenschaft gibt, das Wort 'Wille' anwendet. Das ist zum 
Beispiel der Fall, wenn wir von 'Widerwillen' sprechen. Da braucht 
man gar nicht den Antrieb zu haben, dies oder jenes zu tun; es ist 
gar nicht notig, daft der Ubergang zum Willen gemacht werde. Es 
driickt sich dann die Verwandtschaft tieferliegender Gefiihle, iiber 
die man sich nicht mehr Rechenschaft gibt, mit dem Gebiete des 
Willens in dem unterbewuftten Seelenleben aus. Weil dies so ist, daft 
das Willenselement in das Gebiet des unterbewuftten Seelenlebens hin- 
absteigt, so miissen wir einsehen, daft dieses Willensgebiet in einem 



ganz anderen Verhaltnisse zum Menschen und seiner individuellen 
personlichen Wesenheit stehen mulS, als das Erkenntnisgebiet, als das 
Gebiet des Geistes. Und wenn wir dann unsere unterscheidenden 
Worte vom Geiste und vom Sohn gebrauchen, dann konnen wir sagen: 
Wir konnen die Ahnung in uns erwecken, daE der Mensch zum Geiste 
anders stehen mufi als zum Sohn. Wie ist das zu verstehen? 

Es ist leicht audi schon im exoterischen Leben zu verstehen. Gewifi, 
es wird iiber das Gebiet des Erkennens in der mannigfaltigsten 
Weise diskutiert, aber man mufi doch sagen, dafi, wenn sich die 
Menschen nur verstandigen iiber die Begriffe und Ideen, die sie sich 
auf dem Gebiet der Erkenntnis formulieren, der Streit in bezug auf 
Erkenntnisfragen immer mehr und mehr aufhoren wird. Es ist schon 
ofter von mir betont worden, dafi wir iiber die Dinge der Mathe- 
matik nicht mehr streiten, weil wir sie ganz ins Bewufksein herauf- 
gehoben haben, und dafi wir bei denjenigen Dingen, iiber die wir 
uns streiten, diese noch nicht ins Bewufitsein heraufgehoben haben, 
sondern noch unsere unterbewufiten Triebe, Instinkte und Leiden- 
schaften hereinspielen lassen. Damit ist schon angedeutet, daft mit 
dem Gebiet der Erkenntnis etwas mehr allgemein Menschliches ge- 
geben ist als mit dem Unterbewulken. Wenn wir einem anderen 
Menschen gegeniibertreten, ihm in den verschiedensten Verhaltnissen 
gegeniiber stehen, so mussen wir sagen: das Gebiet des bewufiten 
Geisteslebens ist etwas, woriiber Verstandigung zwischen Mensch und 
Mensch moglich sein mufi. Und ein gesundes Seelenleben druckt sich 
darin aus, daft es die Sehnsucht, die Hoffnung hat, sich mit dem 
anderen iiber die Dinge des geistigen Lebens, des bewufiten Seelen- 
lebens verstandigen zu konnen. Es miilke Ungesundheit das Seelen- 
leben ergreifen, wenn einem die Hoffnung schwinden sollte, sich iiber 
die Dinge der Erkenntnis, des bewulken Geisteslebens mit dem an- 
deren verstandigen zu konnen. Dagegen gibt sich das Willenselement 
und alles, was im Unterbewufiten ist, als etwas zu erkennen, in das 
wir, wenn es uns bei der anderen Personlichkeit entgegentritt, im 
Grunde genommen gar nicht hineingreifen sollen, sondern es als das 
innerste Heiligtum des anderen Menschen betrachten sollen. Man 
fasse nur einmal ins Auge, wie unbehaglich einem gesunden Seelen- 



leben das Gefiihl ist, wenn der Wille des anderen niedergezwungen 
wird. Man mache sich klar, dafi es doch nicht nur ein unasthetischer, 
sondern ein moralisch unbehaglicher Anblick ist, wenn bei einem 
anderen durch Hypnose oder auf andere gewaltsame Weise das be- 
wufite Seelenleben ausgeschaltet wird; wenn man durch den Willen 
der einen Personlichkeit eine Wirkung auf den Willen der anderen 
direkt ausgeiibt sieht. Das einzig Gesunde ist doch, alien Einflufi auf 
den 'Willen des anderen Menschen nur durch Erkenntnis hindurch zu 
bekommen. Erkenntnis soil etwas sein, wodurch sich die eine Seele 
mit der anderen verstandigt. Was der eine will, soli sich zunachst in 
die Erkenntnis umsetzen, dann in die Erkenntnis des anderen hinein- 
wirken und erst auf dem Umwege der Erkenntnis den Willen des 
anderen beriihren. Nur das kann im hochsten, idealsten Sinne im 
gesunden Seelenleben befriedigend erscheinen, und alle Art des ge- 
waltsamen Einwirkens von Wille auf Wille mufi einen unbehaglichen 
Eindruck hervorrufen. 

Mit anderen Worten: es strebt die Menschennatur, insofern sie 
gesund ist, dahin, auf dem Gebiete des Geistes das Gemeinschafts- 
leben zu entwickeln und das Gebiet des Unterbewufiten, insofern es 
sich in der menschlichen Organisation ausdriickt, zu schatzen und zu 
achten als ein unantastbares Heiligtum, das in der Personlichkeit, in 
der Individuality des einzelnen Menschen ruhen soli, und dem man 
sich nicht anders nahern soil als durch das Tor der bewufken Erkennt- 
nis. So wenigstens mufi ein modernes, ein unserem Zeitalter ange- 
horendes Bewuiksein empfinden, wenn es sich gesund weilS. Wir wer- 
den in den spateren Vortragen noch sehen, ob es fur alle Zeiten der 
Menschheitsentwickelung so der Fall war. Was aber jetzt gesagt wor- 
den ist, kann uns ein unmittelbares Besinnen iiber das, was aufier uns, 
und das, was in uns ist, wenigstens fur unsere Gegenwart klar er- 
kennen lassen. Das hangt damit zusammen, dafi im Grunde genom- 
men das Gebiet des Sohnes — alles dessen, was wir mit dem Sohn 
oder Logos bezeichnen — in einem jeden einzelnen von uns als eine 
individuelle Angelegenheit, als eine ganz personliche Angelegenheit 
erweckt werden mufi; und dafi das gemeinsame Gebiet, auf dem von 
Mensch zu Mensch gearbeitet werden kann, das Gebiet des Geistes ist. 



Wir sehen das, was eben jetzt gesagt worden ist, in der bedeut- 
samsten, grandiosesten Weise ausgedriickt in all den Erzahlungen, die 
uns das Neue Testament um die Gestalt des Christus Jesus und seiner 
ersten Jiinger und Anhanger herum bietet. Wir sehen — das konnen 
wir durchaus aus alledem entnehmen, was wir iiber das Christus- 
Ereignis zeigen konnen — wie im Grunde genommen die Anhanger, 
die dem Christus Jesus zur Zeit seines Lebens zugeeilt waren, irre 
wurden, als er mit dem Kreuzestode endete; mit jenem Tode, den 
man in dem Lande, in weichem das Christus-Ereignis sich abspielte, 
ansah als die einzig mogliche Siihne fur groftte Verbrechen innerhalb 
des Menschenlebens. Und wenn auch nicht auf alle dieser Kreuzestod 
so wirkte wie auf Saulus, der dann der Paulus geworden ist — der 
als Saulus zunachst die Konsequenz gezogen hatte: der kann nicht der 
Messias oder der Christus sein, der eines solchen Todes stirbt! — 
wenn auch auf die anderen Jiinger der Kreuzestod einen, man mochte 
sagen, milderen Eindruck gemacht hat: das eine ist doch mit Handen 
zu greifen, daft die Evangelienschreiber diesen Eindruck sogar her- 
vorrufen wollen, daft der Christus Jesus alle Wirkung, die er auf 
die Herzen seiner Umgebung gehabt hat, in einer gewissen Weise 
verloren hatte dadurch, daft er dem schmahlichen Kreuzestode ver- 
fallen muftte. 

Aber wir sehen mit dieser Nachricht verbunden etwas anderes: daft 
der Einfluft, den der Christus Jesus verloren hatte — was wir auch 
in diesen Vortragen noch genauer charakterisieren mussen — nach der 
Auferstehung wieder zuriickkehrte. Mogen wir heute noch iiber die 
Auferstehung denken, wie wir wollen; wir werden sie im Sinne der 
okkulten Wissenschafl in den nachsten Tagen zu besprechen haben, 
und dann wird eines klar sein, wenn wir bloft die Evangelienberichte 
auf uns wirken lassen: daft der Christus fur diejenigen, von denen 
erzahlt wird, daft er ihnen nach der Auferstehung erschienen ist, in 
einer ganz besonderen, einer ganz anderen Art noch ein Gegen- 
wartiger geworden ist, als dies vorher der Fall war. Ich habe schon 
bei Besprechung des Johannes-Evangeliums angedeutet, wie es un- 
moglich ware, daft nach drei Tagen eine Bekannte des Jesus von 
Nazareth diesen nicht wiedererkannt hatte, und ihn mit einer ande- 



ren Personlichkeit hatte verwechseln konnen, wenn er nicht in einer 
verwandelten Gestalt erschienen ware. Diesen Eindruck wollen die 
Evangelien durchaus hervorrufen, dafi der Christus in einer anderen 
Gestalt erschienen ist. Aber audi das andere wollen die Evangelien 
andeuten: dafi etwas notwendig war in dem Innern der Menschen- 
seelen, um den verwandelten Christus auf die Menschenseelen wirken 
zu lassen, namlich eine gewisse Empfanglichkeit. Um auf diese 
Empfanglichkeit zu wirken, durfte nicht blofi dasjenige wirken, was 
etwa dem Gebiete des Geistes angehort; sondern es mufke wirken 
der unmittelbare Anblick des Daseins der Christus-Wesenheit. Wenn 
wir uns fragen, was dabei in Betracht kommt, so miissen wir sagen: 
wenn ein Mensch uns gegeniibersteht, so ist das, was auf uns wirkt, 
noch weit mehr, als was wir in unser Bewufitsein aufnehmen. Es 
wirken in jedem Augenblick, wenn ein Mensch oder eine andere 
Wesenheit auf uns wirkt, unterbewufite Elemente auf unser Seelen- 
leben; solche unterbewufite Elemente, welche die andere Wesenheit 
auf dem Umwege durch das Bewulksein erzeugt, die sie aber nur 
dadurch erzeugen kann, dafi sie als Wesenheit uns in ihrer Realitat 
gegentibertritt. Was der Christus von Wesen zu Wesen zunachst ge- 
wirkt hat nach der sogenannten Auferstehung, das war etwas, was 
aus den unbewufken Seelenkraften der Junger heraufwirkte in ihr 
Seelenleben: eine Bekanntschaft mit dem Sohne. Daher audi der 
Unterschied in der Schilderung des auferstandenen Christus; daher 
audi das Verschiedene der Charakteristiken, wie der Christus auf den 
einen oder den anderen gewirkt hat, wie er diesem oder jenem er- 
schienen ist, je nachdem der eine oder der andere geartet war. Sie 
sind Wirkungen der Christus-Wesenheit auf das Unterbewufke seiner 
Jtinger-Seelen; daher audi sind sie ein ganz Individuelles, und wir 
diirfen uns nicht daran stofien, dafi uns diese Erscheinungen nicht 
gleichformig, sondern mannigfaltig geschildert werden. 

Wenn aber das, was der Christus der Welt werden sollte, alien 
Menschen ein Gemeinsames bringen sollte, so mufite nicht nur diese 
individuelle Wirkung, diese Sohnes-Wirkung von dem Christus aus- 
gehen, sondern es mufke von dem Christus erneuert werden das 
Element des Geistes, was die Gemeinsamkeit im Menschenleben bil- 



den kann. Das wird dadurch charakterisiert, daft der Christus, nach- 
dem er auf die Logos-Natur der Menschen gewirkt hat, den Geist in 
der Form des erneuerten oder 'heiligen' Geistes sendet. Damit wird das 
Gemeinsamkeits-Element geschaffen, was dadurch charakterisiert ist, 
daft gesagtwird: die Junger fingen an, in den verschiedensten Sprachen 
zu reden, als sie den Geist empfangen hatten. Damit ist hingedeutet 
auf das Gemeinsame, das in der Ausgieftung des heiligen Geistes liegt. 
Und noch durch ein anderes wird angedeutet, wie es verschieden ist 
von der bloften Mitteilung der Sohnes-Kraft; denn es wird in der 
Apostelgeschichte erzahlt, wie gewisse Leute, zu denen die Apostel 
gekommen sind, schon die Taufe nach Johannes hatten — und dennoch 
— wie es in der Apostelgeschichte symbolisch angedeutet wird, indem 
auf das Handeauflegen hingewiesen wird — erst empfangen muftten 
den Geist. Daher miissen wir sagen: Es wird gerade bei der Charak- 
teristik des Christus-Ereignisses in scharfer Weise aufmerksam ge- 
macht auf den Unterschied zwischen jener Wirkung, die wir als die 
eigentliche Christus-Wirkung zu bezeichnen haben, die auf die unter- 
bewufken Seelenmomente einwirkt und deshalb einen personlichen, 
innerlichen Charakter haben muft, und zwischen den Geist-Elemen- 
ten, die etwas Gemeinschaftliches darstellen. 

Dieses Moment der christlichen Entwickelung haben in der sorg- 
faltigsten Weise, so gut es sich bei der menschlichen Schwachheit 
iiberhaupt durchfiihren lafit, diejenigen einhalten wollen, die sich auf 
den Namen der Rosenkreuzer getauft haben. Sorgfaltig haben sie 
iiberall das einhalten wollen, daft selbst in den hochsten Regionen der 
Initiation auf nichts anderes gewirkt werden sollte als auf das, was 
bei Mensch und Mensch gemeinsam in der Menschheitsentwickelung 
zur Verfiigung steht; daft nur eingewirkt werden durfte auf den 
Geist. Eine Geist-Initiation war die Initiation der Rosenkreuzer. Sie 
wurde daher niemals eine Willens-Initiation; denn der Wille des 
Menschen war etwas, was als ein Heiligtum im Innersten der Seele 
geachtet wurde. Der Mensch wurde daher zu jenen Initiationen hin- 
aufgefiihrt, die ihn fiihren sollten uber die Stufe der Imagination, 
Inspiration und Intuition — aber nur so weit, daft er in seinem 
Innern erkennen sollte dasjenige, was durch die Entwickelung des 



Geist-Elementes hervorgerufen werden sollte. Nicht eine Einwirkung 
auf das Willenselement sollte geschehen. Verwechseln wir das nicht 
mit einem Gleichgultigsein gegeniiber dem Willen. Es handelte sich 
gerade darum, dafi durch das Ausschlieften der unmittelbaren Wir- 
kung auf den Willen die reinste geistige Wirkung mittelbar, auf dem 
Umwege durch den Geist, gegeben wurde. Indem wir uns mit dem 
anderen Menschen verstandigen iiber das Hineingehen in den Er- 
kenntnispfad des Geistes, wird aus dem Geistespfade heraus das 
Licht und die Warme entsendet, die dann audi den Willen anfachen 
konnen; aber immer auf dem Umwege durch den Geist, niemals 
anders. Daher finden wir im eminentesten Sinne jenes Moment der 
christlichen Wesenheit im Rosenkreuzertum beobachtet, das ausge- 
driickt ist in einem Zweifachen: auf der einen Seite in dem Sohnes- 
Element, in der Christus-Wirkung, die tief ins menschliche Unter- 
bewufttsein hineingeht; und dann in der Geist- Wirkung, die sich auf 
alles erstreckt, was in den Horizont unseres Bewufkseins hereinfallen 
soil. Den Christus miissen wir allerdings in unserem Willen tragen; 
aber die Art, wie sich die Menschen im Leben iiber den Christus 
verstandigen sollen, kann im Rosenkreuzersinne nur in der immer 
weiter- und weitergehenden, in das Okkulte hineinbohrenden Art 
des bewulken Seelenlebens liegen. 

Den entgegengesetzten Weg gingen durch eine Reaktion auf manche 
andere Geistesstromungen innerhalb Europas diejenigen, die gewohn- 
lich mit dem Namen Jesuiten bezeichnet werden. Das ist der radikale, 
der Grundunterschied zwischen dem berechtigt christlich zu nennen- 
den Geistesweg und dem jesuitischen Geistesweg, der das Jesus- 
Prinzip einseitig uberspannt: dafi der jesuitische Weg iiberall auf den 
Willen direkt zu wirken beabsichtigt, iiberall den Willen direkt, 
unmittelbar ergreifen will. Das driickt sich schon bedeutsam aus in 
der Art und Weise, wie der Zogling des Jesuitismus herangebildet 
wird. Der Jesuitismus ist deshalb nicht leicht zu nehmen, nicht bloft 
exoterisch, sondern audi esoterisch, weil er im Esoterischen wurzelt. 
Aber er wurzelt nicht im Geistesleben, das ausgegossen ist durch das 
Symbol der Pfingstfeier, sondern er will unmittelbar wurzeln in dem 
Jesus-Element des Sohnes, das heilk in dem Willen; und dadurch 



iiberspannt er das Jesus-Element des Willens. Das wird sich ergeben, 
wenn wir auf das eingehen, was das Esoterische im Jesuitismus ge- 
nannt werden mufi: auf die verschiedenen geistigen Ubungen. Wie 
sind dieselben eingerichtet? Das ist ja das Bedeutsame, daft jeder 
einzelne Zogling des Jesuitismus Ubungen durchmacht, die in das 
okkulte Leben, aber in den Willen hineinfiihren, und den Willen 
innerhalb des okkulten Feldes in eine strenge Zucht, man konnte 
sagen Dressur nehmen. Und das ist das Bedeutsame, daft diese Zucht 
des Willens nicht nur aus der Oberflache des Lebens hervorquillt, 
sondern aus einem Tieferen, weil der Zogling in das Okkulte — aber 
eben in der angedeuteten Richtung — hineingefiihrt wird. 

Wenn wir jetzt absehen von den Gebetsubungen, die vorbereitend 
sind fur alle jesuitischen esoterischen Ubungen, und auf diese okkul- 
ten Ubungen, wenigstens in ihren Hauptsachen, selbst eingehen, so 
miissen wir sagen: Da hatte sich der Zogling zunachst eine lebendige 
Imagination hervorzurufen von dem Christus Jesus als dem Welten- 
konig — wohl gemerkt: eine Imagination! Und keiner wurde zu- 
gelassen zu den eigentlichen Graden des Jesuitismus, der nicht solche 
Ubungen durchgemacht hatte und der nicht in seiner Seele erfahren 
hatte die Umwandlung, die solche Seeleniibungen fur den ganzen 
Menschen bedeuten. Aber diesen imaginativen Vorstellungen des 
Christus Jesus als Weltenkonig muftte noch etwas anderes vorher- 
gehen. Da hat sich der Mensch vorzustellen — und zwar in tiefer 
Einsamkeit und Abgeschlossenheit — das Bild des Menschen, wie er 
in die Welt hereingeschaffen ist und der Sunde verfallt und damit der 
Moglichkeit der furchtbarsten Strafen. Und streng wird vorgeschrie- 
ben, wie das Bild eines solchen Menschen, wenn er sich selbst iiber- 
lassen ist, den Qualen aller moglichen Strafen verfallen muE. Die 
Vorschriften sind aufterordentlich streng; und ohne daft andere Be- 
griffe und Ideen in seine Seele einziehen, muft fortwahrend in der 
Seele des kommenden Jesuiten das Bild des gottverlassenen, den 
furchtbarsten Strafen ausgesetzten Menschen leben, und das Gefuhl: 
Das bin ich, indem ich in die Welt hineingetreten bin und Gott ver- 
lassen habe und mich der Moglichkeit der furchtbarsten Strafen 
ausgesetzt habe! — Das mufi hervorrufen Furcht vor dem Gott- 



verlassensein, Abscheu vor dem Menschen, wie er seiner blofien Natur 
nach ist. Dann soli in einer weiteren Imagination dem Bilde des 
verworfenen, gottverlassenen Menschen gegeniibertreten das Bild des 
erbarmungsvollen Gottes, der dann zum Christus wird, und durch 
seine Taten auf der Erde dasjenige siihnt, was der Mensch durch das 
Verlassen des gottlichen Pfades angerichtet hat. Entgegentreten soil 
der Imagination des gottverlassenen Menschen all das Erbarmende, 
das Liebende der Christus-Jesus-Wesenheit, der einzig und allein es 
zuzuschreiben ist, dafi der Mensch nicht alien auf die Seele wirkenden 
Strafmoglichkeiten ausgesetzt ist. Und ebenso lebendig, wie sich 
vorher das Gefiihl der Verachtung gegeniiber dem Verlassen des 
gottlichen Pfades in der Seele des Jesuitenzoglings festsetzen mufi, so 
mufi jetzt in ihm Platz greifen das Gefiihl der Demut und Zerknir- 
schung gegeniiber dem Christus. Wenn diese zwei Empfindungs- 
qualitaten in dem Zogling hervorgerufen sind, dann mufi die Seele 
mehrere Wochen hindurch in strengen Exerzitien leben, indem sie 
sich alle Einzelheiten der Bilder des Jesuslebens — von der Geburt 
bis zum Kreuzestode und bis zur Auferstehung — in der Imagination 
vormalt. Und alles das entsteht dann in der Seele, was entstehen 
kann, wenn der Zogling so, mit Ausnahme der notwendigen Essens- 
zeit, in strenger Abgeschlossenheit lebt und nichts auf die Seele wir- 
ken lafit als die Bilder, die das Evangelium von dem erbarmenden 
Jesusleben schildert. Das aber wird nicht blofi in Gedanken und 
Begriffen vorgestellt, sondern mufi in lebendigen, vollsaftigen Imagi- 
nationen auf die Seele wirken. 

Nur der, der eben weifi, wie die menschliche Seele umgewandelt 
wird durch die Imaginationen, die in aller Lebendigkeit wirken, der 
weifi auch, dafi in der Tat unter solchen Bedingungen aus der Seele 
etwas anderes gemacht wird. Und zwar wird durch solche Imagina- 
tionen, weil sie in der intensivsten Weise einseitig, erstens auf den 
siindigen Menschen, zweitens auf den nur erbarmenden Gott und 
dann nur auf die Bilder des Neuen Testamentes sich erstrecken, durch 
das Gesetz der Polaritat gerade ein gestarkter Wille hervorgerufen. 
So dafi unmittelbar durch diese Bilder gewirkt wird; denn jedes 
Nachdenken und so weiter iiber diese Bilder mufi pflichtgemafi aus- 



geschlossen sein. Da gibt es nur ein Sichvorhalten der Imaginationen, 
wie sie eben charakterisiert worden sind. 

Was dann folgt, ist dies: In den weiteren Exerzitien wird der 
Christus Jesus — und jetzt kann man sagen, nicht mehr der Christus, 
sondern ausschlieftlich Jesus — als der Welten allgemeiner Konig 
vorgestellt, und damit wird das Jesus-Element iiberspannt. Der Jesus 
ist nur ein Element dieser Welt. Denn dadurch, daft der Christus in 
einem menschlichen Leibe inkarniert sein muftte, hat zwar das rein 
Geistige Anteil genommen an der physischen Welt, aber diesem 
Anteilnehmen an der physischen Welt stehen monumental und be- 
deutungsvoll die Worte gegeniiber: «Mein Reich ist nicht von dieser 
Welt!» Man kann das Jesus-Element iiberspannen, indem man den 
Jesus zu einem Konig dieser Welt macht, indem man ihn zu dem 
macht, was er geworden ware, wenn er dem Versucher nicht wider- 
standen hatte, der ihm geben wollte «alle Reiche der Welt und ihre 
Herrlichkeiten». Dann hatte der Jesus von Nazareth ein Konig 
werden miissen, der zum Unterschiede von den anderen Konigen, die 
alle nur ein Snick der Erde besitzen, die ganze Erde zu seinem 
Wirkensbereich gehabt hatte. Man denke sich also diesen Konig so 
vorgestellt, die Konigskraft so erhoht, daft die ganze Erde zu seinem 
Reiche gehort: dann hatte man ihn in der Tat in jenem Bilde vor- 
gestellt, das nun folgen muft auf die anderen Exerzitien, die schon 
den Willen der eigenen Personlichkeit des Jesuitenzoglings genug 
gestarkt haben. Und um vorzubereiten dieses Bild des 'Konigs Jesus', 
dieses Herrschers iiber alle Reiche der Erde, muft vorgestellt werden 
in einer Imagination: Babylon und die Ebene rings um Babylon, als 
lebendiges Bild, und thronend auf dem babylonischen Feld Luzifer, 
mit der Fahne des Luzifer. Dieses Bild muft ganz genau vorgestellt 
werden, denn es ist eine machtige Imagination: der Konig Luzifer 
mit seiner Fahne und seinen Scharen von luziferischen Engeln, sitzend 
in Feuer und Rauchqualm, wie er aussendet seine Engel, um zu er- 
obern die Reiche der Erde. Und die ganze Gefahr, die von der 
« Fahne des Luzifer » ausgeht, muft zunachst fur sich allein imaginiert 
werden, ohne einen Blick zu werfen auf den Christus Jesus. Ganz 
muft die Seele aufgehen in die Imagination der Gefahr, die von der 



Faline des Luzifer ausgeht. Die Seek mufi empfinden lernen als die 
groike Gefahr des Weltendaseins die, welche heraufbeschworen wiir- 
de, wenn die Fahne des Luzifer siegen wiirde. Und wenn dieses Bild 
gewirkt hat, dann mufi die andere Imagination, die «Fahne des 
Christus», an ihre Stelle treten. Dazu mufi der Zogling sich vorstel- 
len: Jerusalem und die Ebene um Jerusalem, den Konig Jesus, seine 
Scharen um ihn, und das Bild, wie er seine Scharen aussendet, wie er 
uberwindet und vertreibt die Scharen des Luzifer und sich zum 
Konig der ganzen Erde macht — der Sieg der Fahne Christi iiber die 
Fahne des Luzifer! 

Das sind die starkenden Imaginationen fur den Willen, die vor die 
Seele des Jesuitenzoglings gefuhrt werden. Das ist das, was seinen 
Willen ganz und gar verwandelt, was ihn so macht, dafi in der Tat in 
diesem Willen — weil er auf okkulte Weise heranerzogen ist — ein 
Absehen von allem Ubrigen ist, und ein Hingegebensem an die Idee: 
Der Konig Jesus mu$ zum Herrscher auf der Erde werden! Und wir, 
die wir zu seinem Heere gehoren, wir haben alles anzuwenden, was 
ihn zum Herrscher auf Erden macht. Das geloben wir, die wir zu 
dem Heere gehoren, das auf der Ebene von Jerusalem versammelt ist, 
gegeniiber dem Heere des Luzifer auf der Ebene von Babylon. Und 
die grofke Schande fur einen Soldaten des Konigs Jesus ist es, die 
Fahne zu verlassen! 

Das in einen einzigen Willensentschluft zusammengefafk, ist et- 
was, was allerdings dem Willen eine gewaltige Starke geben kann. 
Wenn wir es uns charakterisieren wollen, miissen wir fragen: Was ist 
denn in dem Seelenleben unmittelbar angegriffen worden? Das Ele- 
ment, das als das unmittelbar heilige gelten soil, wo man nicht 
hineingreifen soil: das Willenselement! Insofern bei dieser Schulung 
des Jesuitismus in das Willenselement eingegriffen wird, indem der 
Jesus ganz eingreift in das Willenselement, insofern ist der BegrifT 
des Jesustums in der gefahrlichsten Weise iiberspannt, — gefahrlich 
deshalb, weil dadurch der Wille so stark wird, dafi er auch unmittel- 
bar auf den Willen des anderen wirken kann. Denn wo der Wille so 
stark wird durch die Imaginationen, das heiftt durch okkulte Mittel, 
da erwirbt er auch die Fahigkeit, unmittelbar auf den anderen hin- 



iiberzuwirken. Daher auch alle die iibrigen okkulten Wege, zu denen 
ein soldier Wille seine Zuflucht nehmen kann. 

So sehen wir, wie zwei Stromungen in den letzten Jahrhunderten 
unter den vielen anderen uns entgegentreten: Die eine, die das Jesus- 
Element iiberspannt hat imd nur in dem Konig Jesus das einzige 
Ideal des Christentums sieht — und die andere, die einzig und allein 
auf das Christus-Element sieht und sorgfaltig unterscheidet, was 
dariiber hinausgehen konnte; die deshalb auch vielfach verleumdet 
worden ist, weil sie sich daran halt, daft der Christus den Geist 
gesandt hat, damit der Christus auf dem Umwege durch den Geist 
seinen Einzug in die Herzen und Gemiiter der Menschen halten kann. 
Es gibt wohl kaum einen grofteren Gegensatz in der Kulturentwicke- 
lung der letzten Jahrhunderte, als den zwischen dem Jesuitismus und 
dem Rosenkreuzertum, weil in dem Jesuitismus nichts von dem ent- 
halten ist, was das Rosenkreuzertum als das hochste Ideal der Be- 
urteilung von Menschenwert und Menschenwiirde ansieht; und weil 
sich das Rosenkreuzertum immer hat bewahren wollen vor einem 
jeglichen Einflieften dessen, was auch nur im schwachen Sinne als ein 
jesuitisches Element bezeichnet werden kann. 

Damit wollte ich zeigen, wie selbst ein so holies Element wie das 
Jesus-Prinzip iiberspannt werden kann und dann gefahrlich wird; 
und wie es notwendig ist, sich in die Tiefen der Christus- Wesenheit 
zu versenken, wenn man verstehen will, wie die Starke des Christen- 
tums gerade darin bestehen muft, daft die menschHche Wiirde, der 
menschliche Wert aufs allerhochste geschatzt wird; daft nirgends mit 
plumpen Schritten hineingetappt wird in das, was der Mensch als 
sein innerstes Heiligtum betrachten muft. Deshalb wird auch 
christliche Mystik von dem jesuitischen Element so angefochten — 
und erst das Rosenkreuzertum im hochsten Mafte — weil gefuhlt 
wird, daft wahres Christentum doch anders gesucht wird als dort, 
wo bloft der Konig Jesus [eine Rolle] spielt. Aber durch die angedeu- 
teten Imaginationen ist der Wille so stark geworden, daft selbst die 
gegenteiligen Einspriiche des Geistes durch diesen Willen, der durch 
die beschriebenen Exerzitien erreicht ist, besiegt werden konnen. 



ZWEITER VORTRAG 
Karlsruhe, 6.0ktober 1911 



Gestern versuchte ich eine Vorstellung hervorzurufen von einer 
Art Initiation, wie sie gegeniiber unserer Schatzung der Menschen- 
natur nidit sein soil, also von einer Initiation, von einer Aneignung 
gewisser okkulter Fahigkeiten, wie wir sie beim Jesuitismus finden 
und die wir gegeniiber gereinigten und gelauterten okkulten Anschau- 
ungen nicht als eine gute ansehen konnen. Es wird nunmehr meine 
Aufgabe sein, namentlich den Weg des Rosenkreuzers als denjenigen 
aufzuzeigen, welcher alle Schatzung gegeniiber der Menschennatur, 
die wir als die unsrige erkennen konnen, wirklich audi zu der seinigen 
macht. Dazu wird es allerdings notwendig sein, daft wir uns zuerst 
iiber einige Begriffe verstandigen. 

Aus Auseinandersetzungen, die verschiedentlich bisher gepflogen 
worden sind, wissen wir, daft die Rosenkreuzer-Einweihung im 
wesentlichen ein Ausbau der christlichen Einweihung uberhaupt ist, 
so daft man von ihr als einer christlich-rosenkreuzerischen Einwei- 
hung sprechen kann. Und in friiheren Vortragszyklen sind einander 
gegeniibergestellt worden die rein christliche Einweihung mit ihren 
sieben Stufen und die Rosenkreuzer-Einweihung mit ihren ebenfalls 
sieben Stufen. Aber nun mufi darauf aufmerksam gemacht werden, 
daft das Prinzip des Fortschrittes der menschlichen Seele auch gegen- 
iiber der Initiation oder Einweihung durchaus gewahrt werden muft. 
Wir wissen, daft die Rosenkreuzer-Einweihung so recht ihren Anfang 
genommen hat etwa um die Zeit des dreizehnten Jahrhunderts her- 
um, und daft sie dazumal von denjenigen Individualitaten, welche 
die tieferen Geschicke der menschlichen Entwickelung zu lenken 
haben, als die fur die fortgeschrittenere menschliche Seele richtige 
Einweihung anerkannt werden muftte. Schon daraus muft aber eigent- 
lich ersichtlich sein, daft die Einweihung des Rosenkreuzers uberhaupt 
mit der Fortentwicklung der menschlichen Seele rechnet, und daft sie 
daher ganz besonders beriicksichtigen muft, daft diese Entwickelung 
der menschliche Seele seit dem dreizehnten Jahrhundert auch wieder 



ihren Fortgang genommen hat; dafi also die Seelen, welche heute der 
Initiation zugefiihrt werden sollen, nicht mehr auf dem Standpunkte 
des dreizehnten Jahrhunderts stehen konnen. Auf dieses mochte ich 
insbesondere deshalb hinweisen, weil in unserer heutigen Zeit so sehr 
die Sehnsucht besteht, alles mit irgendeiner Marke, mit irgendeinem 
Schlagworte zu belegen. Aus dieser Unsitte heraus — nicht aus 
irgendeinem berechtigten Grunde — ist eine Bezeichnung gerade 
unserer anthroposophischen Stromung entstanden, die nach und nach 
zu einer Art von Kalamitat fuhren konnte. So richtig es ist, daft 
innerhalb unserer Stromung das, was das Prinzip des Rosenkreuzer- 
turns genannt werden mufi, voll gefunden werden kann, so dafi man 
innerhalb unserer anthroposophischen Stromung eindringen kann in 
die Quellen des Rosenkreuzertums, — so wahr es auf der einen Seite 
ist, daft sich diejenigen, welche durch die Mittel unserer heutigen 
anthroposophischen Vertiefung eindringen in die Quellen des Rosen- 
kreuzertums, sich Rosenkreuzer nennen konnen, so sehr mufi es aber 
auch auf der anderen Seite betont werden, daft namentlich Auften- 
stehende kein Recht dazu haben, die Art der anthroposophischen 
Stromung, die wir vertreten, die Rosenkreuzerstromung zu nennen, 
einfach aus dem Grunde, weil damit — ob es bewuftt oder unbewuftt 
geschieht — unsere Stromung mit einer ganz falschen Marke bezeich- 
net wird. Wir stehen nicht mehr auf dem Standpunkte, auf dem die 
Rosenkreuzer vom dreizehnten Jahrhundert durch die folgenden 
Jahrhunderte hindurch gestanden haben, sondern wir rechnen mit 
dem Fortschritt der menschlichen Seele, Deshalb darf das, was in 
meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» 
als der geeignetste Weg hinauf in die geistigen Spharen gezeigt ist, 
auch nicht ohne weiteres verwechselt werden mit dem, was man als 
Rosenkreuzerweg bezeichnen kann. So kann man also durch unsere 
Stromung in das wahre Rosenkreuzertum eindringen, darf aber die 
Sphare unserer Geistesstromung, die ein viel weiteres Gebiet als das 
der Rosenkreuzer umfaftt, namlich das der gesamten Theosophie, 
nicht als eine rosenkreuzerische bezeichnen; es mu£ unsere Stromung 
schlechthin als die 'Geisteswissenschaft von heute', als die anthro- 
posophisch orientierte Geisteswissenschaft vom zwanzigsten Jahr- 



hundert bezeichnet werden. Und insbesondere Aufienstehende wiir- 
den sich — mehr oder weniger unbewufit — einer Art von Mifi- 
verstandnis unterziehen, wenn sie unsere Richtung schlechtweg als die 
'rosenkreuzerische' bezeichneten. Das aber mufi uns eigen sein als eine 
im eminenten Sinne rosenkreuzerische Errungenschaft seit dem Auf- 
gehen des modernen okkulten Geisteslebens im dreizehnten Jahr- 
hundert, dafi alle heutige Initiation im tiefsten Sinne des Wortes 
schatzen und anerkennen mufi als ein Selbstandiges im menschlichen 
Innern das, was wir als das allerheiligste Willenszentrum des Men- 
schen bezeichnen, wie schon gestern angedeutet worden ist. Und weil 
durch die okkulten Methoden, die gestern gekennzeichnet worden 
sind, der Wille des Menschen gleichsam iiberwaltigt wird, geknechtet 
wird und in eine ganz bestimmte Richtung hineingefiihrt wird, des- 
halb mufi vom wahren Okkultismus diese Richtung energisch ab- 
gewiesen werden. 

Bevor wir uns nun auf eine Charakteristik des Rosenkreuzertums 
und auf eine Charakteristik der Initiation von heute uberhaupt ein- 
lassen, wollen wir zunachst dasjenige nennen, was wieder entschei- 
dend geworden ist dafiir, dafi selbst die Rosenkreuzer-Initiation vom 
dreizehnten, vierzehnten, funfzehnten — auch noch vom sechzehnten, 
siebzehnten Jahrhundert wieder modiflziert werden mufite gegen 
unsere Zeit hin. Das Rosenkreuzertum der vorigen Jahrhunderte 
konnte namlich noch nicht mit einem Geisteselement rechnen, das 
seither in die Menschheitsentwickelung eingezogen ist, und ohne das 
man heute nicht mehr auskommen kann schon in den Grundelemen- 
ten aller jener Geistesstromungen, die auf dem Boden des Okkultis- 
mus erwachsen, also in irgendeiner theosophischen Geistesstromung. 
Aus Griinden, die uns innerhalb dieser Vortrage noch genauer vor die 
Seele treten werden, gehorte viele Jahrhunderte hindurch zu den 
aufieren exoterischen Lehren des Christentums nicht dasjenige, was 
heute schon im Ausgangspunkte unserer geisteswissenschaftlichen Er- 
kenntnis liegen mufi: die Lehre von Reinkarnation und Karma, von 
den wiederholten Erdenleben. Diese Lehre von Reinkarnation und 
Karma ist daher auch noch nicht im eminentesten Sinne in die ersten 
Stufen der Rosenkreuzer-Initiation etwa gleich im dreizehnten Jahr- 



hundert eingezogen. Man konnte weit kommen: bis zur vierten, 
fiinften Stufe des Rosenkreuzertums hinauf — man konnte durch- 
machen, was unter den Stufen der Rosenkreuzer-Initiation genannt 
wird das rosenkreuzerische Studium, die Aneignung der Imagination, 
die Aneignung der okkulten Schrift, die Auffindung des Steines der 
Weisen, und audi schon etwas erleben von dem, was man den 
mystisdien Tod nennt — bis zu dieser Stufe konnte man kommen 
und konnte aufterordentlich hohe okkulte Erkenntnisse gewinnen, 
brauchte aber noch nicht voile Klarheit zu erlangen iiber die so auf- 
hellenden Lehren von Reinkarnation und Karma. 

Gegenwartig aber miissen wir uns dariiber klar sein, daft durch 
das fortgeschrittene Denken der Menschheit innerhalb dieses Denkens 
Gedankenformen hereingetreten sind, durch die wir, wenn wir nur 
konsequent das denken, was heute schon leicht exoterisch, aufierlich 
gedacht werden kann, unbedingt zu der Anerkennung der wieder- 
holten Erdenleben und damit auch zur Anerkennung der Karma-Idee 
kommen konnen. Was in meinem zweiten Rosenkreuzerdrama «Die 
Priifung der Seele» von Straders Munde gesagt wird, daft der konse- 
quente Denker heute, wenn er nicht mit allem brechen will, was die 
Gedankenformen der letzten Jahrhunderte gebracht haben, zuletzt 
bei der Anerkennung von Karma und Reinkarnation anlangen mufi 
— das ist etwas, was durchaus in den Hefen des heutigen Geistes- 
lebens wurzelt. Und weil es sich langsam vorbereitet hat und in den 
Tiefen unseres Geisteslebens wurzelt, deshalb tritt es auch nach und 
nach im abendlandischen Geistesleben wie selbstandig hervor. Merk- 
wiirdig selbstandig stellt sich — allerdings nur bei einzelnen hervor- 
ragenden Denkern — die Notwendigkeit ein, die wiederholten Er- 
denleben anzuerkennen. Man braucht nur auf manches aufmerksam 
zu machen, was entweder willkurlich oder unwillkurlich von unserer 
heutigen Literatur ganz vergessen wird, was zum Beispiel in so wun- 
derbarer Weise aufgetreten ist bei Lessing in der «Erziehung des 
Menschengeschlechts». Sehen wir doch, wie Lessing, der grofie Geist 
des achtzehnten Jahrhunderts, der auf dem Gipfelpunkt seines Lebens 
die Summe seiner Gedanken zieht und die «Erziehung des Menschen- 
geschlechts» schreibt, wie durch eine Eingebung auf den Gedanken der 



wiederholten Erdenleben kommt. So stellt sich wie durch eine innere 
Notwendigkeit die Idee der wiederholten Erdenleben in das moderne 
Leben hinein. Und diese Idee mufi beriicksichtigt werden; anders 
allerdings als in unserer Naturgeschichte oder in unserem modernen 
Bildungsleben dergleichen beriicksichtigt wird. Denn da beriicksichtigt 
man es nach dem bekannten Rezept, daft man alten Leuten, wenn 
sie gescheit gewesen sind, schon etwas verzeihen muft. Und wenn man 
auch Lessing in seinen fruheren Schopfungen anerkennen kann, so 
glaubt man doch annehmen zu miissen, dafi er in seinen spateren 
Jahren etwas schw'achlich geworden ist, wenn er da auf die Idee der 
wiederholten Erdenleben gekommen ist. Aber auch sonst tritt uns in 
der neueren Zeit diese Idee sporadisch entgegen. Ein Psychologe des 
neunzehnten Jahrhunderts, Drofibach, hat — wie es nur moglich war 
im neunzehnten Jahrhundert — von dieser Idee gesprochen. Ohne 
Okkultismus, rein durch Betrachtung dessen, was die Natur darbietet, 
suchte Drofibach auf seine Art als Psychologe die Idee der wieder- 
holten Erdenleben festzustellen. Und weiter: Eine kleine Gesellschaft 
hat um die "Wende der ersten und zweiten Halfte des neunzehnten 
Jahrhunderts, als die funfziger Jahre herankamen, einen Preis aus- 
geschrieben fur die beste Schrift iiber die Unsterblichkeit der Seele. 
Das war eine ganz merkwiirdige Tat im deutschen Geistesleben. Sie 
ist wenig bekannt geworden. Ein kleiner Kreis schreibt einen Preis 
aus fur die beste Schrift iiber die Unsterblichkeit der Seele! Und siehe 
da, die preisgekronte Schrift von Widenmann beschaftigte sich damit 
in der Weise, dafi sie die Unsterblichkeit der Seele im Sinne der 
wiederholten Erdenleben auffalk — allerdings noch unvollkommen, 
wie es sein mufite in den funfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, 
wo die Gedankenformen noch nicht so wen ausgebaut waren. 

So konnte man Verschiedenes anfiihren, wo diese Idee der wieder- 
holten Erdenleben hereinsprang als etwas, was sich wie ein Postulat, 
wie eine Forderung des neunzehnten Jahrhunderts ausnahm. Daher 
konnte auch in meiner kleinen Schrift «Reinkarnation und Karma» 
und dann auch in der «Theosophie» mit den Gedankenformen der 
Naturwissenschaft — ausgestaltend diese Gedankenformen mit Bezug 
auf die menschliche Individualist im Gegensatz zur tierischen Gat- 



tung — aufgebaut werden die Idee von den wiederholten Erdenleben 
und vom Karma. 

Uber eines miissen wir uns aber klar sein: es besteht ein gewaltiger 
Unterschied, nicht in der Idee von den wiederholten Erdenleben 
selbst, sondern zwischen der Art und Weise, wie man rein in Gedan- 
ken im Abendlande zu dieser Idee gekommen ist, und zwischen dem 
Wege, wie zum Beispiel der Buddhismus diese Idee vertritt. Da ist es 
schon interessant, einen Blick auf die Art und Weise zu werfen, wie 
Lessing in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts» auf diese Idee 
der wiederholten Erdenleben gekommen ist. Das Resultat lalk sich 
ja selbstverstandlich nicht nur vergleichen, sondern gleich bezeichnen 
mit dem, was die wiederholten Erdenleben im Buddhismus sind; 
aber der Weg ist bei Lessing ein ganz anderer. Man hat ja auch den 
Weg, wie Lessing dazu kam, durchaus nicht gekannt. Wie kam nun 
Lessing dazu? 

Das kann man ganz genau sehen, wenn man die «Erziehung des 
Menschengeschlechts» durchnimmt. Man kann sich ja sagen: innerhalb 
der Entwicklung der Menschheit ist im strengsten Sinne ein Fort- 
schritt zu beobachten. Lessing driickt dies nun so aus: Dieser Fort- 
schritt ist eine Erziehung der Menschheit durch die gottlichen Machte. 
Und dann sagt er weiter: Die Gottheit gab dem Menschen ein erstes 
Elementarbuch in die Hand: das Alte Testament. Dadurch wurde 
eine gewisse Stufe der menschlichen Entwickelung begriindet. Und als 
das Menschengeschlecht weiter fortgeschritten war, kam das zweite 
Elementarbuch: das Neue Testament. Und so sieht Lessing in unserer 
Zeit etwas, was uber das Neue Testament hinausgeht: eine selbstandige 
Empf indung der Menschenseele von dem Wahren, Guten und Schonen. 
Das ist ihm eine dritte Stufe der gottlichen Erziehung des Menschenge- 
schiechtes. In grandioser Weise ist dieser Gedanke der Erziehung des 
Menschengeschlechtes durch die gottlichen Machte durchgefuhrt. 

Und nun entstand fur ihn der Gedanke; Wie ist dieser Fortschritt 
einzig und allein zu erklaren? 

Lessing kann ihn sich nicht anders erklaren, als dafi er jede Seele 
teilnehmen lafk an jeder Kulturepoche der Menschheit, wenn es iiber- 
haupt einen Sinn haben soil, daft in der Menschheitsentwickelung ein 



Fortsdiritt ist. Denn es hatte keinen Sinn, wenn die eine Seele nur 
lebte in der Kulturepoche des Alten Testamentes oder eine andere nur 
in der Epoche des Neuen Testamentes. Es hat nur einen Sinn, wenn die 
Seelen hindurchgefiihrt werden durch alle Kulturepochen und teil- 
nehmen an alien Erziehungsstufen der Menschheit. Mit anderen Wor- 
ten: wenn also die Seele in wiederholten Erdenleben lebt, dann hat die 
f ortschreitende Er ziehung des Menschengeschlechtes ihre gute Bedeutung. 

Damit springt die Idee der wiederholten Erdenleben aus Lessings 
Kopfe heraus als eine solche, die dem Menschen zugeordnet ist. Denn 
im tieferen Sinne liegt fur Lessing folgendes zugrunde: Wenn eine 
Seele zur Zeit des Alten Testamentes verkorpert war, so hat sie auf- 
genommen, was sie damals aufnehmen konnte; wenn sie dann in einer 
spateren Zeit wieder erscheint, so tragt sie die Friichte dieses voran- 
gegangenen Lebens hiniiber in das nachste, die Friichte des zweiten 
Lebens wieder in das folgende und so fort. So greifen die aufeinander- 
folgenden Stufen in die Entwickelung ein. Und was sich eine Seele 
erringt, das hat diese Seele nicht blofi fur sich, sondern fur die ganze 
Menschheit errungen. Die Menschheit wird ein grower Organismus, 
und die Reinkarnation wird fur Lessing notwendig, damit das ganze 
Menschengeschlecht vorrucken kann. So ist es die geschichtliche Ent- 
wickelung, die Angelegenheit der ganzen Menschheit, von der Lessing 
ausgeht und getrieben wird zur Anerkennung der Reinkarnation. 

Anders ist es, wenn wir dieselbe Idee im Buddhismus aufsuchen. 
Da hat es der Mensch mit sich zu tun, mit seiner eigenen Psyche bloft. 
Da sagt sich die einzelne Seele: Ich bin versetzt in die Welt der Maja; 
die Begierde hat mich in die Welt der Maja gebracht, und in den 
aufeinanderfolgenden Inkarnationen befreie ich mich als einzelne 
Seele von den irdischen Inkarnationen! — Da ist es eine Angelegenheit 
der einzelnen Individualitat; da ist der Blick gerichtet auf diese 
einzelne Individualitat. 

Das ist der grofie Unterschied im Wege: ob man die Sache von 
innen ansieht, wie im Buddhismus, oder von aufien, wie Lessing, der 
die ganze Menschheitsentwickelung uberblickt. Uberall kommt das- 
selbe heraus, aber der Weg ist ein ganz anderer gewesen im Abend- 
lande. Wahrend sich der Buddhist beschrankt auf eine Angelegenheit 



der einzelnen individuellen Seele, ist der Blick des abendlandischen 
Menschen gerichtet auf die Angelegenheit der ganzen Menschheit; der 
abendlandische Mensch fiihlt sich mit alien Menschen verbunden als 
einem einheitlichen Organisraus. 

Was hat denn dem abendlandischen Menschen diese Notwendigkeit 
beigebracht, nicht nur an den einzelnen Menschen zu denken, son- 
dern bei den wichtigsten Angelegenheiten immer im Auge zu haben, 
dafi man es mit den Angelegenheiten der gesamten Menschheit zu tun 
hat? 

Diese Notwendigkeit ist in ihm dadurch entstanden, daft er in 
seine Gemiitssphare, in seine Gefiihlswelt aufgenommen hat die 
Worte des Christus Jesus von der menschlichen Verbriiderung iiber 
alle Nationalitaten, iiber alle Rassencharaktere hinweg, von der ge- 
samten Menschheit als eines grofien Organismus. Deshalb ist es in- 
teressant zu sehen, wie auch bei der zweiten Personlichkeit, von der 
ich sprach, bei Drofibach, das Denken — allerdings noch unvollkom- 
men, weil die naturwissenschaftlichen Ideen der ersten Halfte des 
neunzehnten Jahrhunderts noch nicht die entsprechenden Gedanken- 
formen hervorgebracht hatten — nicht den buddhistischen Pfad 
nimmt, sondern einen universell kosmischen. Drofibach geht von 
naturwissenschaftlichen Gedanken aus und betrachtet die Seele im 
Kosmischen. Er kann sie sich nicht anders denken, als dafi sie sich 
wie der Same durch die auftere Form hindurchzieht, daher auch 
wiedererscheint in anderen aufieren Formen und deshalb reinkarniert 
erscheint. Phantastisch taucht dieser Gedanke bei Drofibach auf, in- 
dem er meint, daf$ sich die Welt selbst verwandeln miisse, wahrend 
Lessing an kurze und zweifellos richtige Zeitraume gedacht hat. Und 
ganz richtig denkt wieder Widenmann in seiner preisgekronten Schrift 
iiber die Unsterblichkeit der Seele in bezug auf die Frage der Re- 
inkarnation. 

So dringen ganz sporadisch diese Ideen durch diese Geister. Und 
richtig ist es, daft trotz des mangelhaften Gedankenganges diese Ideen 
herausspringen — und nicht nur bei diesen, sondern auch noch bei 
anderen Geistern. Denn das ist der grofte Umschwung, den die 
menschliche Seelenentwickelung vom achtzehnten bis zum zwanzig- 



sten Jahrhundert her auf genommen hat, dafi wir sagen miissen: Wer 
heute anfangt mit dem Studium des Weltenganges, der mufi sich vor 
allem jene Gedankenformen aneignen, die heute ganz selbstverstand- 
lidi zu der Annahme, zu der Glaubhaftmachung von Reinkarnation 
und Karma fiihren. Also war zwischen dem dreizehnten und dem 
achtzehnten Jahrhundert das menschliche Denken noch nicht so weit, 
dafi es durch sich selbst zur Anerkennung der Reinkarnation hat 
kommen konnen. Aber man mull immer ausgehen von dem Boden, 
auf dem jeweilig das menschliche Denken in seiner hochstentwickelten 
Form steht. Daher ist heute der Ausgang zu nehmen von dem Den- 
ken, das logisch — das heifit hypothetisch richtig — die Idee der 
wiederholten Erdenleben von der Naturwissenschaft aus betrachten 
kann. So schreiten die Zeiten vor. 

Ohne den rosenkreuzerischen "Weg schon heute zu charakterisieren, 
werden wir das eigentlich Wesentliche sowohl des rosenkreuzerischen 
wie auch des heutigen Erkenntnisweges einmal hervorheben. Im 
abstrakten Sinne konnen wir sagen: Dieses Charakteristische besteht 
darin, dafi ein jeder, der Ratschlage und Anleitungen gibt zur Initia- 
tion, im tiefsten Sinne die Selbstandigkeit und Unantastbarkeit der 
Willenssphare des Menschen schatzt. Daher ist das "Wesentliche, wor- 
auf es ankommt, das Folgende: Durch eine ganz besondere Art 
moralischer Kultur, durch eine besondere Art geistiger Kultur muli 
das gewohnliche Gefiige von physischem Leib, Atherleib, Astralleib 
und Ich anders gemacht werden, als es von Natur aus ist. Und so- 
wohl diejenigen Anweisungen, die gegeben werden zur Pflege der 
moralischen Gefuhle, wie auch die Anweisungen, die zur Konzen- 
trierung des Denkens, zur Meditation gegeben werden, alle streben 
zuletzt auf das eine Ziel hin: das geistige Gefiige, durch das der 
Atherleib und der physische Leib des Menschen zusammenhangen, zu 
lockern; so dafi nicht mehr so fest, als es uns von Natur aus gegeben 
ist, unser Atherleib in den physischen Leib hineingefiigt bleibt. Alle 
Ubungen streben dieses Herausheben, diese Lockerung des Ather- 
leibes an. Dadurch aber wird eine andere Verbindung auch zwischen 
dem Astralleib und dem Atherleib herbeigefiihrt. Dadurch, dafi in 
unserm gewohnlichen Leben der Atherleib und der physische Leib 



bis zu einem hohen Grade in einer festen Verbindung sind, kann 
unser Astralleib in diesem alltaglichen gewohnlichen Leben gar nicht 
alles das empfinden, gar nicht erleben, was in seinem Atherleibe vor- 
geht. Der Atherleib sitzt eben drinnen im physisdien Leib, und 
dadurch dafi er drinnen sitzt, nehmen unser Astralleib und unser Ich 
nur durch den physisdien Leib alles das wahr, was ihnen der 
physische Leib von der Welt zukommen und was er sie durch das 
Instrument des Gehirns denken lafit. Der Atherleib steckt zu sehr im 
physisdien Leibe drinnen, als dafi er als eine seibstandige Wesenheit, 
als ein selbstandiges Erkenntniswerkzeug und auch Gefuhls- und 
Wlllenswerkzeug von dem Menschen im gewohnlichen Leben emp- 
funden werden konnte. Die Anstrengungen im konzentrierten Den- 
ken, wie heute die Anleitungen dazu gegeben werden, und wie sie 
auch von den Rosenkreuzern gegeben wurden, die Anstrengungen der 
Meditationen, die Lauterung der moralischen Empfindungen, das alles 
bewirkt zuletzt, wie man nachlesen kann in dem Buche «Wie erlangt 
man Erkenntnisse der hoheren Welten?», dafi der Atherleib so selb- 
standig wird, wie es in diesem Buche beschrieben ist. So dafi man 
dazu kommt, so wie wir unsere Augen zum Sehen, unsere Hande 
zum Greifen benutzen und so weiter, den Atherleib mit seinen 
Organen auch zu benutzen, um dann aber nicht in die physische Welt, 
sondern in die geistige Welt hineinzuschauen. Die Art, wie wir unser 
Innenleben zusammennehmen, in sich konzentrieren, arbeitet auf die 
Verselbstandigung des Atherleibes hin. 

Notwendig aber dazu ist, dafi wir uns vorher, wenigstens probe- 
weise, durchdringen mit der praktischen Karma-Idee. Und wir durch- 
dringen uns praktisch mit der Karma-Idee, wenn wir ein gewisses 
Gleichmafi der Moral, der gefuhlsmafSigen Seelenkrafte herstellen. 
Ein Mensch, der nicht den Gedanken bis zu einem gewissen Grade 
fassen kann: An dem, was mich treibt, bin ich doch letzten Endes 
selbst schuldig — , der wird nicht gut vorwartskommen konnen. Ein 
gewisser Gleichmut und ein Verstehen, wenn auch nur ein rein hypo- 
thetisches Verstehen gegeniiber dem Karma ist als Ausgangspunkt 
notwendig. Ein Mensch, der gar nicht von seinem Ich loskommt, der 
an seiner engbegrenzten Gefuhlsweise und Empfindungsweise so 



hangt, dafi er immer wieder nicht sidi, sondern andern die Sdiuld 
beimifit, wenn ihm etwas nicht gelingt; ein Mensch, der immer von 
dem Gefiihl durdidrungen ist: die Welt, oder ein Teil meiner Um- 
gebung, ist mir zuwider! — , der also in einem gewissen Grade, trivial 
zu sprechen, eine «Z'widerwurz'n» ist, der nicht hinauskommt iiber das, 
woriiber man hinauskommt, wenn man sich mit seinem gewohnlichen 
Denken zurechtlegt, was man aus der exoterischen Theosophie lernen 
kann — ein solcher Mensch wird aufierordentlich schwer Fortschritte 
machen. Daher ist es gut, wenn wir uns zur Entwickelung des Gleich- 
muts und der Gelassenheit unserer Seele damit bekanntmachen, dafi, 
wenn uns etwas, namentlich auf dem okkulten Pfade, nicht gelingt, 
wir nicht andern, sondern uns selbst die Schuld geben. Das tragt zum 
Vorwartskommen am meisten bei. Am wenigsten tragt es zum 
Vorwartskommen bei, wenn wir immer in der Aufienwelt die Schuld 
suchen wollen, immer die Methoden andern wollen und so weiter. 
Das ist wichtiger, als es vielleicht erscheint. Immer ist es besser, wenn 
wir uns in jedem Augenblick recht sehr priifen, wie wenig weit wir 
darin gekommen sind, in uns selbst die Schuld zu suchen, wenn uns 
der Fortschritt nicht gelingen will. Das ist namlich schon ein ganz 
bedeutender Fortschritt, wenn wir uns eines Tages entschliefien kon- 
nen, immer in uns selber die Schuld zu suchen. Dann werden wir 
sehen, dafi wir nicht nur in Dingen, die ferner liegen, vorwartskom- 
men, sondern sogar in Dingen des aulSeren Lebens. Die, welche etwas 
von diesen Dingen wissen, werden es jederzeit bezeugen konnen, dafi 
man durch den Gedanken, in sich selbst die Schuld des Nichtgelingens 
zu suchen, etwas findet, was uns gerade das aufiere Leben leicht, 
ertraglich macht. Wir werden viel leichter fertig mit dem, was uns 
umgibt, wenn wir diesen Gedanken in Wahrheit fassen konnen. Wir 
werden dann audi iiber manches Griesgramige und Hypochondrische, 
iiber manches Klagen und Lamentieren hinauskommen und unsern 
Weg ruhiger gehen. Denn wir sollten bedenken, da£ in jeder wahren 
neueren Initiation jeder, der einen Ratsdilag gibt, ja die strengste 
Verpflichtung hat, in das innerste Heiligtum der Seele nicht hinein- 
zudringen, so dafi wir schon in bezug auf das Innerste der Seele 
etwas selbst ubernehmen miissen und nicht klagen diirfen, daft wir 



vielleicht nicht die rechten Ratschlage bekommen. Die Ratschlage 
konnen richtig sein und die Sadie braudit dennoch nicht zu gehen, 
wenn wir den gekennzeidineten Entschlufi nicht fassen. 

Dieser Gleichmut, diese Gelassenheit, wenn wir einmal gewahlt 
haben — und das Wahlen soil nur aus ernstem Entschlufi heraus 
geschehen — , ist ein guter Boden, auf dem sich das Meditieren im 
Sichhingeben an Gefuhle und an Gedanken aufbauen kann. Und 
dann ist bei allem, was auf rosenkreuzerischem Boden stent, bedeut- 
sam, dafi wir in alien Meditationen, Konzentrationen und so weiter 
nicht auf etwas gewiesen werden, was doch nur wie ein Dogma sein 
kann; sondern auf das aligemein Menschliche werden wir gewiesen. 

In einem Abwege, der gestern gekennzeichnet worden ist, wird der 
Ausgang genommen von dem, was doch zuerst nur dem Menschen als 
personlicher Inhalt gegeben wird. Aber wie, wenn dieser Inhalt 
iiberhaupt erst durch die okkulte Erkenntnis bewiesen werden miifite, 
wenn er gar nicht von vornherein feststiinde? Auf solchen Boden 
aber mufi sich stellen, was auf rosenkreuzerischem Prinzip fufit. Wir 
miissen annehmen, dafi wir gar nicht in der Lage sind von vornherein 
etwas auszumachen, wenn wir uns nur auf aufiere materielle Doku- 
mente stiitzen, zum Beispiel bei dem, was als das Ereignis von 
Golgatha stattgefunden hat. Denn wir sollen ja diese Dinge erst 
durch den okkulten Weg kennenlernen, diirfen sie also nicht von 
vornherein voraussetzen. Deshalb wird von aligemein Menschlichem 
ausgegangen, von dem, was vor jeder Seele gerechtfertigt werden 
kann. Ein Blick in die grofie Welt, sagen wir, bewundernd die 
Offenbarungen des Lichtes in der Tagessonne und fiihlend, dafi das, 
was unser Auge vom Lichte sieht, nur der aufiere Schleier des Lichtes, 
die aufiere Offenbarung, oder wie man in der christlichen Esoterik 
sagt, die Herrlichkeit des Lichtes ist, und dann sich hingebend dem 
Gedanken, daft hinter dem aufieren sinnlichen Lichte etwas ganz 
anderes verborgen sein mufi: das ist etwas aligemein Menschliches. 
Ausgebreitet durch das raumliche All das Licht zu denken, zu schauen, 
und dann sich dariiber klar zu werden, dafi in diesem sich aus- 
breitenden Element des Lichtes leben mufi etwas Geistiges, welches 
dieses Gewebe des Lichtes durch den Raum webt — sich auf diesen Ge- 



danken konzentrieren, in diesem Gedanken leben: dann haben wir 
etwas ganz allgemein Mensdilidies, das nicht durch ein Dogma, son- 
dern das durch eine allgemeine Empfindung hingestellt wird. Oder 
weiter: Empfinden die Warme der Natur, empfinden, wie da durch 
die Welt mit der Warme etwas wogt, in dem Geist ist; und dann aus 
gewissen Verwandtschaften in unserm eigenen Organismus mit den 
Empfindungen der Liebesgefiihle sich auf den Gedanken konzen- 
trieren: wie Warme sein kann, geistig, wie sie durch die Welt pul- 
sierend lebt — dann sich vertiefen in das, was wir erlernen konnen 
aus den Intuitionen, die uns aus der modernen Geheimlehre gegeben 
sind, und dann sich beraten mit denjenigen, die auf diesem Gebiete 
etwas wissen, wie man sich in der richtigen Weise konzentrieren kann 
auf Gedanken, die Weltgedanken, die kosmische Gedanken sind. Und 
weiter: Veredelung, Lauterung der moralischen Empfindungen, wo- 
durch wir zu dem Verstandnis gelangen, dafi das, was wir in dem 
Moralischen empfinden, Realitat ist, und wodurch wir iiber das 
Vorurteil hinauskommen, dafi unsere moralischen Empfindungen et- 
was Voriibergehendes waren, so daft wir uns klar sind: was wir jetzt 
empfinden, das lebt als moralischer Einschlag, als moralische Wesen- 
heit weiter. — Da lernt der Mensch die Verantwortlichkeit fiihlen 
fur das Sichhineingestelltwissen in die Welt mit dem, was seine 
moralischen Gefiihle sind. Alles esoterische Leben ist im Grunde ge- 
nommen auf solches allgemein Menschliches hin gerichtet. 

Heute aber soli geschildert werden, wohin wir kommen, wenn wir 
uns in soldier Weise Exerzitien hingeben, die von dem ausgehen, 
wozu wir durch unsere menschliche Natur kommen konnen, wenn 
wir uns nur in kluger Selbstbeschauung unserer Menschennatur iiber- 
lassen. Wenn wir davon ausgehen, dann kommen wir dazu, die Ver- 
bindung zwischen dem physischen Leib und dem Atherleib zu lockern 
und eine andere Erkenntnis zu erlangen, als es gewohnlich der Fall 
ist. Wir gebaren gleichsam aus uns selbst einen zweiten Menschen, so 
dafi wir nicht mehr so fest verbunden sind mit dem physischen Leibe 
als sonst, und wir den Atherleib und Astralleib gleichsam wie in 
einer aufieren Hiille drinnen stecken haben in den schonsten Momen- 
ten des Lebens und uns dadurch frei wissen von dem Werkzeuge des 



physischen Leibes. Das ist es, was wir so erreichen. Allerdings werden 
wir dann dazu gefiihrt, den physischen Leib in seiner wahren Wesen- 
heit an uns zu sehen und zu erkennen, was er in uns bewirkt, wenn 
wir in ihm drinnen stecken. Wir werden erst die ganze Wirkung des 
physischen Leibes an uns gewahr, wenn wir in einer gewissen Be- 
ziehung aus ihm herausgekommen sind. Wie die Schlange, die, wenn 
sie sich gehautet hat, von aufien die Haute anschauen kann, wahrend 
sie dieselben sonst als einen Teil von sich selbst empfindet, so lernen 
wir erst auf diese Weise durch die erste Stufe der Initiation uns von 
unserm physischen Leib frei fiihlen und lernen ihn dadurch erkennen. 
In diesem Augenblick miissen uns ganz besondere Gefuhle beschlei- 
chen, die man zunachst in der folgenden Art beschreiben kann. 

Es gibt ja so vielerlei Erlebnisse auf dem Wege der Initiation, daft 
noch immer nicht alles hat beschrieben werden konnen. In den «Er- 
kenntnissen hoherer Welten» finden Sie manches dariiber; aber vieles 
ist noch nicht darinnen. Was wir zuerst erleben konnen, und was fast 
jeder erleben kann, der aus dem aufieren Leben zum Pfade der 
Erkenntnis schreitet, das ist, dafi er sich sagt, empfindungsgemafi sagt: 
Ich habe mir ja diesen physischen Leib, wie er da ist, wie er mir 
erscheint, nicht selber gebildet. Ich habe mir ihn wahrhaftig nicht 
selber gemacht, diesen physischen Leib, durch den ich hingezogen 
worden bin zu dem, was ich in der Welt geworden bin. Hatte ich 
ihn nicht, so ware das Ich, was ich jetzt als mem grofies Ideal ansehe, 
an mich nicht gebunden. Was ich bin, das bin ich nur dadurch ge- 
worden, dafi ich meinen physischen Leib an mich geschmiedet er- 
halten habe. Aus alledem geht zunachst etwas hervor wie ein Groll, 
eine Bitternis gegenuber den Weltenmachten, dafi man so geworden 
ist. Es ist leicht zu sagen: Ich will diesen Groll nicht haben. Wenn 
dann aber die ganze traurige Majestat uns vor Augen steht, was wir 
geworden sind durch die Art, wie wir mit unserm physischen Leibe 
verbunden sind, dann ist das von iiberwaltigender Kraft, und wir 
empfinden etwas wie Groll, wie Hafi, wie Bitternis gegen die Welten- 
m'achte, dafi wir so geworden sind. Da mufi nun unsere okkulte 
Erziehung schon so weit sein, dafi wir die Bitternis iiberwinden und 
uns nun auf hoherer Stufe sagen, dafi wir mit unserer ganzen Wesen- 



heit, mit unserer Individuality, die sdion in die Inkarnationen hin- 
eingestiegen ist, doch verantwortlich sind fur das, was unser phy- 
sisdier Leib geworden ist. "Wenn wir dann diese Bitternis iiberwinden, 
dann steht vor uns die Empfindung, die sdion ofter charakterisiert 
worden ist: Jetzt weifi ich, idi bin es selbst, der da als die veranderte 
Gestalt meines physischen Daseins erscheint. Das bin ich selbst! Ich 
habe nur, weil es mich erdriickt hatte, nichts gewulk von meiner 
physischen Wesenheit. 

Wir stehen da an der bedeutungsvollen Begegnung mit dem Hiiter 
der Schwelle. Kommen wir aber so weit, erleben wir das, was eben 
jetzt gesagt worden ist, durch die Strenge unserer Exerzitien, dann 
kommen wir aus der allgemeinen menschlichen Natur heraus dazu, 
dafi wir uns selbst erkennen, wie wir jetzt als das Resultat der vor- 
hergehenden Inkarnationen zu der gegenwartigen Gestalt geworden 
sind. Aber wir erkennen audi, wie wir den tiefsten Schmerz empfin- 
den konnen und uns iiber diesen Schmerz emporarbeiten miissen zur 
Uberwindung unseres gegenwartigen Daseins. Und fiir jeden, der 
nur geniigend weit fortgeschritten ist und die Empfindungen in ihrer 
ganzen Intensitat durchgemacht hat, der geschaut hat den Hiiter der 
Schwelle, taucht dann mit Notwendigkeit ein Imaginationsbild auf 
— ein Bild, das er sich nicht durch Willkiir hinmalt, wie es im 
Jesuitismus geschieht, durch das, was in der Bibel steht, sondern das 
er erlebt durch das, was er allgemein menschlich gefiihlt hat, was er 
ist. Dadurch wird er ja selbstverstandlich bekannt gemacht mit dem 
Bilde des gottlichen Idealmenschen, der in einem physischen Leibe 
uns selbst gleich lebt, aber in diesem physischen Leibe uns selbst 
gleich audi empfindet alles das, was ein physischer Leib bewirken 
kann. Die Versuchung und das Bild, das uns in den synoptischen 
Evangelien geschildert wird von der Versuchung, dem Hinfuhren des 
Christus Jesus zu dem Berge, von dem Versprechen aller aufieren 
Realitaten, dem Festhaltenwollen an den aufSeren Realitaten, die 
Versuchung, an der Materie hangen zu bleiben, kurz, die Versuchung, 
beim Hiiter der Schwelle zu bleiben und nicht iiber ihn hinaus- 
zuschreiten, das erscheint uns in dem grofien Idealbilde des Christus 
Jesus auf dem Berge stehend und den Versucher neben ihm — das 



sich uns entgegenstellen wiirde, selbst wenn wir nie etwas von 
den Evangelien gehort hatten. Und wir wissen dann, dafi der, 
welcher die Versuchungsgeschichte geschrieben hat, seine eigene Er- 
fahrung geschildert hat, daft er gesehen hat im Geiste den Christus 
Jesus und den Versucher. Da wissen wir, dafi es wahr ist, im Geiste 
wahr ist, dafi der, der die Evangelien geschrieben hat, etwas ge- 
schildert hat, was wir selbst erleben konnen, audi wenn wir gar 
nichts von den Evangelien wiifiten. 

So werden wir zu einem Bilde hingefiihrt, das gleich ist dem, was 
in den Evangelien als Bild ist. Da erobern wir uns das, was in den 
Evangelien stent. Da wird nichts iiberwaltigt, sondern aus den Tiefen 
unserer Natur hervorgeholt. Wir gehen von allgemein Menschlichem 
aus und gebaren durch unser okkultes Leben die Evangelien neu und 
fuhlen uns eins mit den Evangelienschreibern. 

Dann geht in uns eine andere Empfindung auf, eine Art nachster 
Stufe des okkulten Weges. Wir fuhlen, wie der Versucher, der da 
aufgetreten ist, sich auswachst zu einem machtigen Wesen, das hinter 
alien Erscheinungen der Welt ist. Ja, wir lernen zwar den Versucher 
kennen, aber wir lernen ihn doch nach und nach in einer gewissen 
Weise schatzen. Wir lernen sagen: Die Welt, die sich vor uns aus- 
breitet, mag sie nun Maja sein oder etwas anderes, sie hat ihre 
Berechtigung; sie hat uns etwas zur Offenbarung gebracht. — Da tritt 
etwas Zweites auf, das wieder als ein ganz konkretes Gefiihl ge- 
schildert werden kann bei jedem, der die Bedingungen einer rosen- 
kreuzerischen Initiation erfiillt. Das Gefiihl tritt auf: Wir gehoren 
dem Geiste an, der in alien Dingen lebt, und mit dem wir rechnen 
mitssen. Wir konnen gar nicht hinter den Geist kommen, wenn wir 
uns nicht dem Geiste hingeben. Und da wird uns angst! Wir machen 
eine Angst durch, die jeder wirkliche Erkenner durchmachen muli, 
ein Empfinden der Grdfte des in der Welt ausgebreiteten Welten- 
geistes. Sie steht vor uns, und unsere eigene Ohnmacht empfinden 
wir und empfinden auch, was wir geworden waren im Laufe des 
Erdenganges oder der Welt iiberhaupt, und empfinden unser ohn- 
machtiges Dasein, das so weit von dem gottlichen Dasein entfernt ist. 
Da empfinden wir Angst vor dem Ideal, dem wir gleich werden 



mussen, imd vor der Grofie der Anstrengung, die uns hinfiihren soli 
zu dem Ideal. Wie wir die ganze Grofie der Anstrengung emp- 
finden mussen durch die Esoterik, so mussen wir audi diese Angst 
empfinden als ein Ringen, das wir uns vornehmen, ein Ringen mit 
dem Geiste der Welt. Und wenn wir diese unsere Kleinheit empfin- 
den und die Notwendigkeit, wie wir ringen mussen, um unser Ideal 
zu erreichen, um eins zu werden mit dem, was in der Welt wirkt und 
webt, wenn wir es angstlich empfinden, dann audi nur konnen wir 
die Angst ablegen und uns auf den Weg begeben, auf die Wege, die 
uns zu unserm Ideale hinfiihren. Indem wir es aber so recht ganz voll 
empfinden, tritt wieder eine bedeutsame Imagination vor uns. Wenn 
wir nie ein Evangelium gelesen hatten, wenn die Menschen nie ein 
solches aufieres Buch gehabt hatten — als ein geistiges Bild tritt es 
vor unser hellseherisches Auge: Wir werden hinausgefiihrt in die 
Einsamkeit, die uns klar vor dem inneren Auge stent, und wir wer- 
den vor das Bild des Idealmenschen gefiihrt, der im menschlichen 
Leibe all die Angste in der unendlichen Grofte empflndet, die wir 
selbst schmecken in diesem Augenblick. Das Bild des Christus in 
Gethsemane steht vor uns, wie er die Angst erlebt in ungeheuer 
gesteigertem Mafie, die wir selbst empfinden mussen auf dem Er- 
kenntnispfad — die Angst, die ihm den Blutschweifi auf die Stirne 
treibt. Dieses Bild haben wir auf einem bestimmten Punkte unseres 
okkulten Weges ohne auftere Urkunden. Und gleichsam wie zwei 
machtige Pfeiler stehen vor uns auf dem okkulten Wege die Versu- 
chungsgeschichte, geistig erlebt, und die Olbergszene, entsprediend gei- 
stig erlebt. Und wir verstehen dann die Worte: Wachet und betet und 
lebet im Gebete, auf daft ihr nicht versucht werdet, jemals stehen zu 
bleiben auf irgendeinem Punkte, sondern stetig vorwarts schreitet! 

Das heifit das Evangelium zunachst erleben; heifit alles das so 
erleben, dafi man es hinschreiben kdnnte, wie es die Evangelien- 
schreiber geschildert haben. Denn die zwei Bilder, die eben diarak- 
terisiert worden sind, wir brauchen sie nicht dem Evangelium zu 
entnehmen; wir konnen sie unserm eigenen Innern entnehmen, kon- 
nen sie heraufholen aus dem Allerheiligsten der Seele. Da braucht 
kein Lehrer zu kommen und zu sagen: Du sollst vor dir als Imagina- 



tion hinstellen die Versuchungsgeschichte, die Olbergszene, — sondern 
wir braudien nur vor uns hinzustellen, was in unserem Bewulksein 
als Meditation, als Lauterung der allgemeinen menscnlichen Empfin- 
dungen und so weiter ausgebildet werden kann. Dann konnen wir, 
ohne dafi es jemand uns aufzwingt, die Imaginationen heraufholen, 
die im Evangelium enthalten sind. 

Der gestern geschilderte Weg der jesuitischen Geistesstromung war 
so, daft man zuerst die Evangelien hatte und dann das darin Dar- 
gestellte erlebte. Der heute geschilderte Weg weist darauf hin, wie 
man zuerst, wenn man sich auf den Pfad des geistigen Lebens begibt, 
okkult das erlebt, was mit unserm eigenen Leben zusammenhangt, 
und dadurch die Bilder, die Imagination der Evangelien durch sidi 
selbst erleben kann. 



DRITTER VORTRAG 
Karlsruhe, 7. Oktober 1911 



Was uns zunachst beschaftigen mufi, ist das Verhaltnis des allge- 
meinen religiosen Bewufitseins zu jenem Wissen, zu jener Erkenntnis, 
welche sich der Mensch verschaffen kann von den hoheren Welten im 
allgemeinen und — fiir unser Thema kommt ja das besonders in 
Betracht — zu jener Erkenntnis, von der Beziehung des Christus 
Jesus zu diesen hoheren Welten, die zu erlangen ist durch hohere 
hellseherische Krafte. Denn Ihnen alien ist ja klar, dafi weitaus fiir 
die meisten Menschen die Entwickelung des Christentums bisher so 
war, dafi diese Menschen nicht durch eigene hellsichtige Erkenntnis 
zu den Geheimnissen des christlichen Geschehens kommen konnten. 
Oder mit anderen Worten: Es mufi zugegeben werden, dafi das 
Christentum in unzahlige Menschenherzen eingezogen ist, bis zu 
einem gewissen Grade in seiner Wesenheit auch von unzahligen 
Seelen erkannt worden ist, ohne dafi diese Herzen und Seelen im- 
stande gewesen waren hinaufzublicken zu den hoheren Welten, um 
aus der Erkenntnis der hoheren "Welten eine hellseherische Anschau- 
ung von dem zu bekommen, was eigentlich mit dem Mysterium von 
Golgatha und alledem, was damit zusammenhangt, fiir die Mensch- 
heitsentwickelung vorgegangen ist. Wir werden deshalb von der 
Hinneigung der Religionen und der Erkenntnishinneigung desjenigen 
Menschen, der noch nichts weifi von iibersinnlicher Forschung, zum 
Christus, genau unterscheiden miissen das, was nur gewufit werden 
kann entweder durch das hellsichtige Bewufitsein selber oder dadurch, 
dafi man aus irgendwelchem Grunde die Mitteilung der hellsehe- 
rischen Forscher iiber die Geheimnisse des Christentums empfangt. 

Nun werden Sie alle zugeben, dafi im Verlaufe der Jahrhunderte, 
die vergangen sind seit dem Mysterium von Golgatha, in inniger, 
tiefer Wcise Menschen aller Grade von Geistesbildung sich zu den 
Geheimnissen des Christentums bekennend gefunden haben. Und Sie 
werden aus dem, was in den verschiedenen Vortragen gerade der 
letzten Zeit gesagt worden ist, den Eindruck erhalten haben, dafi 



dies im Grunde genommen eine ganz natiirliche Tatsadie ist; denn 
erst im zwanzigsten Jahrhundert — das ist ja immer wieder betont 
worden — wird in einer gewissen Weise eine Erneuerung des 
Christus-Ereignisses stattfinden, indem eine gewisse hohere Entwicke- 
lung der allgemeinen menschlichen Erkenntniskrafte beginnt, und 
dadurch die Moglichkeit herbeigefiihrt wird, dafi im Laufe der 
nachsten drei Jahrtausende, auch ohne eine besondere hellseherische 
Vorbereitung, immer mehr und mehr Menschen eine unmittelbare 
Anschauung von dem Christus Jesus werden erlangen konnen. Aber 
das war eben bis jetzt nicht der Fall. Bis jetzt gab es sozusagen nur 
zwei — oder wir werden vielleicht gerade heute herausbringen — drei 
Erkenntnisquellen fur die christlichen Geheimnisse bei denjenigen 
Menschen, die nicht zu hellsichtigenBetrachtungen kiinstlich aufstiegen. 

Die eine Quelle waren die Evangelien und alles, was aus den Mit- 
teilungen der Evangelien oder der sich daran anschliefienden Tradition 
kommt. Die andere Erkenntnisquelle erflofi dadurch, dafi eben immer 
hellseherische Menschen da waren, die hineinschauen konnten in die 
hoheren Welten und durch ihre eigene Erkenntnis die Tatsachen des 
Christus-Ereignisses heruntertrugen und dafi sich ihnen Menschen an- 
schlossen, gleichsam auf ein immerwahrendes Evangelium hin, das 
durch die hellseherischen Menschen immerdar in die Welt kommen 
konnte. Das scheinen zunachst die zwei einzigen Quellen zu sein in 
der bisherigen Entwickelung der christlichen Menschheit. 

Und jetzt vom zwanzigsten Jahrhundert ab beginnt eine weitere. 
Sie tritt dadurch auf, dafi bei immer mehr und mehr Menschen eine 
Erweiterung, eine Erhohung der nicht durch Meditationen, Konzen- 
trationen und sonstige Obungen herbeigefiihrten Erkenntniskrafte 
stattfindet. Immer mehr und mehr Menschen werden fur sich selber 
erneuern konnen — wie wir ofter gesagt haben — das Paulus- 
Ereignis vor Damaskus. Dadurch wird ein Zeitalter beginnen, von 
dem wir sagen konnen: es liefert eine direkte Anschauungsweise von 
der Bedeutung und der Wesenheit des Christus Jesus. 

Nun wird naturlich zunachst bei Ihnen die Frage entstehen: 
Welches ist denn nun eigentlich der Unterschied zwischen dem, was 
immer schon moglich war fur das hellseherische Bewufttsein, zwischen 



der Anschauung des Christus Jesus, wie sie gestern als eine Folge der 
esoterisdien Entwickelung geschildert worden ist, und dem, was ohne 
diese esoterisdie Entwickelung die Menschen sehen werden in den 
nachsten drei Jahrtausenden, von unserm zwanzigsten Jahrhundert 
angefangen? 

Da ist allerdings ein betrachtlicher Unterschied. Und es wurde 
falsch sein, zu glauben, dafi das, was der Hellseher heute durch seine 
hellseherische Entwickelung in den hoheren Welten iiber das Christus- 
Ereignis erschaut, und das was die Hellseher seit dem Mysterium 
von Golgatha iiber dieses Christus-Ereignis gesehen haben, etwa ganz 
genau dasselbe sei wie das, was da kommen wird als anschaulich fur 
eine immer grofiere und grofiere Anzahl von Menschen. Das sind 
zwei ganz voneinander verschiedene Dinge. Und wenn wir eine 
Antwort haben wollen auf die Frage, inwiefern diese zwei Dinge 
verschieden sind, dann konnen wir sie uns nur dadurch geben, dafi 
wir zunachst die hellseherische Forschung fragen: Wbher kommt es 
denn iiberhaupt, dafi vom zwanzigsten Jahrhundert ab der Christus 
Jesus immer mehr hereintreten wird in das gewohnliche Bewufitsein 
der Menschen? — Das hat folgenden Grund. 

Ebenso wie auf dem physischen Flan im Beginne unserer Zeit- 
rechnung in Palastina ein Ereignis sich abgespielt hat, in welchem der 
Christus die wesentlichste Rolle spielte, ein Ereignis, das Bedeutung 
hat fur die ganze Menschheit, so wird sich im Laufe des zwanzigsten 
Jahrhunderts, gegen das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zu, 
wiederum ein bedeutsames Ereignis abspielen; allerdings nicht in der 
physischen Welt, sondern in den hoheren Welten, und zwar in der- 
jenigen Welt, die wir zunachst als die Welt des Atherischen bezeich- 
nen. Und dieses Ereignis wird ebenso grundlegende Bedeutung fur 
die Entwickelung der Menschheit haben, wie das Ereignis von 
Palastina im Beginne unserer Zeitrechnung. Gerade wie wir sagen 
miissen: fur den Christus selber hatte das Ereignis von Golgatha die 
Bedeutung, dafi eben mit diesem Ereignisse ein Gott gestorben ist, 
ein Gott den Tod uberwunden hat — in welcher Weise das zu ver- 
stehen ist, dariiber werden wir noch sprechen, das war vorher nicht 
geschehen, und nachher ist es eine vollzogene Tatsache — , so wird 



sich ein Ereignis abspielen von tiefgehender Bedeutung, das nur nidit 
auf dem physischen Plane sidi vollzieht, sondern in der atherischen 
Welt. Und dadurch, daft dieses Ereignis sich vollzieht, dafi mit dem 
Christus selber sich ein Ereignis vollzieht, dadurch wird die Moglich- 
keit geschaffen, daft eben die Menschen den Christus sehen lernen, 
schauen werden. 

Welches ist dieses Ereignis? 

Dieses Ereignis ist kein anderes, als daft ein gewisses Amt im 
Weltenall fiir die menschheitliche Entwickelung in dem zwanzigsten 
Jahrhundert iibergeht — in einer erhohteren Weise iibergeht, als das 
bis jetzt der Fall war — an den Christus. Und zwar lehrt uns die 
okkulte, die hellseherische Forschung, daft in unserm Zeitalter das 
"wichtige eintritt, daft der Christus der Herr des Karma fiir die 
Menschheitsentwickelung wird. Und dies ist der Beginn fiir dasjenige, 
was wir auch in den Evangelien mit den Worten angedeutet finden: 
Er werde wiederkommen, zu scheiden oder die Krisis herbeizufuhren 
fiir die Lebendigen und die Toten. — Nur ist im Sinne der okkulten 
Forschung dieses Ereignis nicht so zu verstehen, als ob es ein ein- 
maliges Ereignis ware, das auf dem physischen Plan sich abspielt, 
sondern es hangt mit der ganzen zukiinftigen Entwickelung der 
Menschheit zusammen. Und wahrend das Christentum und die 
christliche Entwickelung bisher eine Art von Vorbereitung bedeutet, 
tritt jetzt das Bedeutsame ein, daft der Christus der Herr des Karma 
wird, daft ihm es obliegen wird, in der Zukunft zu bestimmen, welches 
unser karmisches Konto ist, wie unser Soil und Haben im Leben sich 
zueinander verhalten. 

Dies, was jetzt gesagt wird, ist eine gemeinsame Erkenntnis des 
abendlandischen Okkultismus seit vielen Jahrhunderten und wird 
von keinem Okkultisten, der diese Dinge weift, geleugnet. Aber es 
ist insbesondere in den letzten Zeiten mit alien sorgfaltigen Mitteln 
der okkulten Forschung wiederum erneut festgestellt. Und wir wol- 
len uns einmal eine genauere Vorstellung von dem bilden, was jetzt 
gesagt worden ist. 

Fragen Sie alle diejenigen, welche iiber diese Dinge etwas Wahr- 
haftiges wissen, so werden Sie iiberall eine Tatsache bestatigt finden, 



welche allerdings, um ausgesprochen zu werden, sozusagen unsern 
jetzigen 2eitpunkt anthroposophischer Entwickelung erst fordert; 
weil alles, was unser Gemiit geeignet machen kann, um eine solche 
Tatsache hinzunehmen, erst zusammengetragen werden mufite. Den- 
noch konnen Sie selbst in der okkulten Literatur dariiber Ausdriicke 
finden, wenn Sie sie suchen wollen. Aber ich nehme auf die Literatur 
keine Rucksicht, sondern will nur die entsprechenden Tatsachen 
heranziehen. 

Es mufite bei der Darstellung gewisser Verhaltnisse, audi sofern sie 
von mir gegeben wurde, die Tatsachenwelt geschildert werden, die in 
Betracht kommt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schrei- 
tet. Nun gibt es eine grofie Anzahl von Menschen, und vorzugsweise 
sind es solche, welche die abendlandische Kulturentwicklung mit- 
gemacht haben — diese Dinge sind eben nicht fur alle Menschen 
dieselben — , die eine ganz bestimmte Tatsache erleben in dem Augen- 
blick, der auf die Trennung des Atherleibes nach dem Tode folgt. 
Wir wissen, dafi das menschliche Durchschreiten durch die Pforte des 
Todes so geschieht, dafi wir uns abtrennen von dem physischen Leibe. 
Da ist der Mensch zunachst noch eine Zeitlang mit dem Atherleibe 
verbunden; dann aber trennt er sich mit dem Astralleib und Ich auch 
von dem Atherleib ab. Wir wissen, dafi er von seinem Atherleibe 
einen Extrakt mit sich fiihrt; wir wissen aber auch, dafi der Ather- 
leib in der Hauptsache andere Wege geht, im allgemeinen aber mit- 
geteilt wird dem allgemein Kosmischen. Entweder lost er sich voll- 
kommen auf, was aber nur bei unvollkommenen Zustanden der Fall 
ware, oder aber es verhalt sich so, dafi er als eine geschlossene Form 
von Wirkungen weiterkraftet. — Wenn dann der Mensch diesen 
Atherleib abgestreift hat, tritt er in die Region des Kamaloka iiber, 
in die Lauterungszeit der Seelenwelt. Aber vor diesem Eintritt in 
die Lauterungszeit der Seelenwelt findet doch ein ganz spezielles 
Erlebnis statt, auf das bisher, wie gesagt, nicht hingedeutet worden 
ist, weil die Sache erst reif werden mufite. Aber jetzt werden diese 
Dinge von alien, die das, was wir hier betrachten wollen, wirklich 
beurteilen konnen, voll aufgenommen werden. Da erlebt der Mensch 
die Begegnung mit einer ganz bestimmten Wesenheit, die ihm sein 



karmisches Konto vorhalt. Und diese Individuality, die sozusagen 
fur die Menschen dastand wie eine Art Buchfiihrer der karmischen 
Machte, war eben fiir eine grofie Anzahl von Menschen die Gestalt 
des Moses. Daher die mittelalterliche Formel, die aus dera Rosen- 
kreuzertum her aus stammt: Moses halte dem Menschen in der Stunde 
des Todes — das ist nicht genau gesprochen, aber daran liegt hier 
nichts — das Siindenregister vor und weise zugleich auf das scharfe 
Gesetz, damit der Mensch erkennen konne, wie er abgewichen ist von 
dem scharfen Gesetz, nach dem er sich hatte verhalten sollen. 

Dieses Amt geht im Verlaufe unserer Zeit — und das ist die 
bedeutungsvolle Sache — iiber an den Christus Jesus, und der Mensch 
wird immer mehr und mehr dem Christus Jesus als seinem Richter, 
als seinem karmischen Richter begegnen. Das ist das iibersinnliche 
Ereignis. Genau ebenso, wie sich auf dem physischen Plan zu Beginn 
unserer Zeitrechnung das Ereignis von Palastina abgespielt hat, so 
spielt sich die Ubertragung des karmischen Richteramtes an den 
Christus Jesus in unserm Zeitalter in der nachst-hoheren Welt ab. 
Und diese Tatsache ist es, die so hereinwirkt in die physische Welt, 
auf den physischen Plan, dafi der Mensch ein Gefiihl dafiir entwickeln 
wird in der Art: mit alledem, was er tut, schafTt er etwas, gegeniiber 
dem er dem Christus Rechenschaft schuldig sein wird. Und dieses 
Gefiihl, das in einer ganz natiirlichen Art im Verlaufe der Mensch- 
heitsentwickelung nunmehr auftritt, wird sich umgestalten, so daft es 
die Seele mit einem Lichte durchtrankt, das von dem Menschen selber 
ausgeht nach und nach, und das beleuchten wird die Christus-Gestalt 
innerhalb der atherischen Welt. Und je mehr dieses Gefiihl, das eine 
erhohtere Bedeutung noch haben wird als das abstrakte Gewissen, 
sich ausbilden wird, desto mehr wird die Athergestalt des Christus 
in den nachsten Jahrhunderten sichtbar werden. Wir werden diese 
Tatsache in den nachsten Tagen noch genauer zu charakterisieren 
haben und werden dann sehen: wir haben damit ein ganz neues 
Ereignis hingestellt, ein Ereignis, welches in die Christus-Entwicke- 
lung der Menschheit hereinwirkt. 

Charakterisieren wir jetzt einmal, wie es mit der Christus-Ent- 
wickelung auf dem physischen Plan fiir das nicht-hellseherische 



Bewufitsein war, indem wir uns fragen: Gibt es nicht vielleidit gegen- 
iiber den zwei gekennzeidineten Wegen nodi einen dritten? 

Ein soldier dritter Weg war in der Tat fiir alle diristlidie Ent- 
wickelung immer da, und er mufite ja da sein. Denn die objektive 
Entwickelung der Mensdiheit richtete sich ja nicht nadi dem, was 
die Menschen fiir Meinungen gehabt haben, sondern eben nadi den 
objektiven Tatsadien. t)ber den Christus Jesus hat man viele Mei- 
nungen gehabt im Laufe der Jahrhunderte, sonst hatten die Kon- 
zilien, die Kirchenversammlungen und die Theologen nicht so viel 
miteinander zu streiten gehabt, und vielleicht hat keine Zeit in bezug 
auf die vielen Menschen zugleich so viel an Anschauungen gehabt von 
dem Christus, als gerade die unsrige. Aber die Tatsadien riditen sich 
nicht nach den Anschauungen der Menschen, sondern nach dem, was 
wirklich an Kraften in der Menschheitsentwickelung vorhanden ist. 
Diese Tatsadien konnten fiir eine viel grofiere Anzahl von Menschen 
erkennbar sein audi durch die blofie Betrachtung dessen, was zum 
Beispiel in den Evangelien iiberliefert ist, wenn die Menschen die 
Geduld und Ausdauer hatten, die Dinge wirklich unbefangen zu 
betrachten, wenn die Menschen nicht vorschnell und parteiisch waren 
in der objektiven Betrachtung der Tatsadien. So aber waren die 
meisten Menschen darauf aus, sich ein Christus-Bild nicht nach den 
Tatsadien zu schaffen, sondern wie sie es gerne mochten, wie sie es 
als ihr Ideal hinstellten. Und in einer gewissen Beziehung, mufi man 
sagen, tun das audi die Theosophen aller Schattierungen heute. Wenn 
es zum Beispiel innerhalb der theosophischen Literatur popular ge- 
worden ist, von hoher entwickelten menschlichen Individualitaten zu 
sprechen, die einen gewissen Vorsprung gewonnen haben in der 
menschlichen Entwickelung, so ist das eine Wahrheit, die niemand 
bestreiten kann, der konkret denkt. Der Begriff des Meisters, der 
hoheren Individualist, der Begriff selbst des Adepten mufi von 
einem konkreten Denken zugegeben werden. Nur ein Denken, das 
nicht an die Entwickelung glaubt, wiirde diese Begriffe nicht zu- 
geben. Wenn wir nun den Begriff des Meisters oder des Adepten ins 
Auge fassen, so miissen wir sagen: diese Individualist ist eine solche, 
die durch viele Inkarnationen hindurchgegangen ist und durch 



Obungen, (lurch ein gottseliges Leben etwas anderes erlangt hat als 
die andern Menschen, so daft sie der Menschheit vorausgeeilt ist und 
Krafte sich angeeignet hat, welche die iibrige Menschheit sich erst in 
der Zukunft aneignen wird. Es ist nun selbstverstandlich und soli so 
sein, daft der, welcher aus der theosophischen Erkenntnis eine solche 
Anschauung von derartigen Individualitaten erlangt, ein Gefiihl 
hochster Ehrfurcht vor der Individualitat der Meister, der Adepten 
und so weiter erlangt. Und steigen wir von einem solchen Begriff 
hinauf bis zu einem soldi hehren Leben, als das uns das Buddha- 
Leben erscheint, so daft wir im Sinne theosophischer Erkenntnis zu- 
geben: Buddha soli angesehen werden als der hochsten Adepten einer, 
— dann werden wir fur unsern Verstand wie fur unser Gemiit und 
unsere Empfindungen gegeniiber emer solchen Individualitat einen 
Seelengehalt und ein Verhaltnis zu ihr gewinnen konnen. 

Indem nun auf dem Boden einer solchen theosophischen Erkennt- 
nis und Empfindung der Theosoph sich der Christus- Jesus-Gestalt 
naht, entsteht bei ihm selbstverstandlich ein gewisses Bedurfnis — 
man wird gar nicht leugnen konnen, daft es in einem gewissen Sinne 
ganz begreiflich ist, daft ein solches Bedurfnis entsteht — , ein Bedurf- 
nis, das darin besteht, daft er seinen Christus Jesus mit demselben 
Idealbegriff verbindet, den er sich von einem Meister, von einem 
Adepten, vielleicht von unserm Buddha gemacht hat. Und er wird 
vielleicht gedrangt zu sagen: Jesus von Nazareth muft ebenso vor- 
gestellt werden als ein grofter Adept! Dieses Vorurteil wiirde die 
Erkenntnis des wirklichen christlichen Wesens auf den Kopf stellen. 
Und es ware nur ein Vorurteil, wenn audi ein begreifliches Vorurteil. 
Denn wie soli der, welcher das tiefste, intimste Verhaltnis zu dem 
Christus gewonnen hat, den Trager des Christus- Wesens nicht in die- 
selbe Linie stellen mit dem Meister, mit dem Adepten, mit dem 
Buddha zum Beispiel? Wie sollte er das nicht? Das muft uns ganz 
begreiflich erscheinen. Vielleicht wiirde es einem solchen als eine Her- 
abwiirdigung des Jesus von Nazareth erscheinen, wenn man es nicht 
machte. — Dadurch wird man davon abgelenkt, sich nach den Tat- 
sachen zu richten, wie sie wenigstens in der Uberlieferung durch- 
sickern. 



Eines konnte jeder aus den Tatsachen der Uberlieferung erkennen, 
wenn er nur eingehen wiirde auf das, was man trotz aller Konzilien- 
meinungen und trotz alles dessen, was die einzelnen Menschen als 
Kirchenvater, Kirchenlehrer und so weiter geschrieben haben, bei 
unbefangener Betrachtung der Uberlieferung gewahr werden kann, 
was durch die Uberlieferungen durchsickert: dafi der Jesus von Naza- 
reth zum Beispiel nicht ein Adept genannt werden darf. Denn jeder 
konnte sich fragen: Wo ist in der Uberlieferung etwas davon ent- 
halten, was den BegrifF des Adepten, wie wir ihn in der theoso- 
phischen Lehre haben, auf den Jesus von Nazareth anwenden lafit? 
— Das eine wurde gerade in den ersten Zeiten des Christentums be- 
tont: dafi derjenige, der Jesus von Nazareth genannt wird,ein Mensch 
war wie jeder andere, ein schwacher Mensch wie jeder andere. Und 
diejenigen kommen dem Sinn dessen, der in die Welt gekommen ist, 
am nachsten, die das Wort vertreten: Jesus war ein wahrer Mensch! 
Also nichts von einem Adeptenbegriff ist eigentlich in der Uber- 
lieferung, wenn wir sie ordentlich betrachten, zu erkennen. Und wenn 
Sie sich an alles erinnern, was in den verflossenen Vortragen gesagt 
worden ist iiber die Entwickelung des Jesus von Nazareth — iiber 
die Entwickelung des einen Jesusknaben, in dem Zarathustra bis zum 
zwolften Jahre gelebt hat, und iiber die Entwickelung des anderen 
Jesusknaben, in welchem Zarathustra dann bis zum dreifiigsten Jahre 
gelebt hat — , so werden Sie sich zwar sagen: da hat man es mit 
einem besonderen Menschen zu tun, mit einem Menschen, zu dessen 
Wesen sozusagen die Weltgeschichte, die Weltentwickelung die grofi- 
ten Anstalten machte schon dadurch, dafi sie zwei menschliche Leiber 
schafft und den einen menschlichen Leib bis zum zwolften Jahre, den 
anderen vom zwolften bis zum dreifiigsten Jahre bewohnt sein laiSt 
von der Zarathustra-Individualitat — , aber wir werden uns auch 
sagen: dadurch, dafi diese zwei Jesus-Gestalten so bedeutende Indi- 
vidualitaten waren, stand der Jesus von Nazareth auch hoch, ist 
aber nicht auf demselben Wege wie eine Adepten-Individualitat, die 
kontinuierlich von Inkarnation zu Inkarnation schreitet, hochgestie- 
gen. Doch selbst abgesehen davon: im dreifiigsten Jahre, wo die 
Christus-Individualitat in den Leib des Jesus von Nazareth einzieht, 



verlafit ja gerade der Jesus von Nazareth diesen Leib, und wir haben 
es von dem Moment der Johannes-Taufe ab zu tun — wenn wir 
jetzt nidit von dem Christus spredien — mit einem Menschen, den 
wir im wahrsten Sinne des Wortes als einen blofien Mensdien zu 
bezeichnen haben, nur dafi er der Trager des Christus ist. Aber wir 
haben zu unterscheiden den Trager des Christus — und den Christus 
selbst in diesem Trager. In diesem Leib, der der Christus-Trager ist, 
wohnte, weil sie von der Zarathustra-Individualitat verlassen ist, 
keine menschliche Individuality, die etwa eine besonders hohe Ent- 
wickelung erlangt hatte. Die Entwickelung, die der Jesus von Naza- 
reth zeigte, diese Entwickelungsstufe riihrte davon her, dafi die 
Zarathustra-Individualitat in ihm wohnte. Aber diese menschliche 
Natur ist von der Zarathustra-Individualitat, wie wir wissen, ver- 
lassen. Deshalb war es auch, warum diese menschliche Natur sogleich, 
als die Christus-Individualitat von ihr Besitz ergriffen hatte, ihr alles 
das entgegensandte, was sonst aus der menschlichen Natur heraus- 
kommt: den Versucher. Deshalb war es auch, dafi der Christus alle 
Verzweiflung und alle Sorgen durchmachen konnte, wie sie uns als 
die Vorgange auf dem Olberg geschildert werden. Wer au$er acht 
l'i&t y dafi die Christus-Wesenheit nicht in einem Menschen gewohnt 
hat, der eine besondere Adeptenhohe erlangt hatte, sondern in einem 
einfachen Menschen, der sich dadurch von den andern unterschied, 
dafi er nur der zuriickgelassene menschliche Hiillenorganismus war, 
in dem Zarathustra gelebt hatte, wer das nicht beachtet, der kann 
nicht zu einer wirklichen Erkenntnis des Wesens des Christus vor- 
dringen. Was der Christus-Trager war, ist wahrer Mensch, ist nicht 
ein Adept! Dadurch aber, dafi wir das erkennen, wird sich uns erst 
ein wenig Aussicht erdffnen auf die ganze Natur des Golgatha- und 
des Palastina-Ereignisses iiberhaupt. Wiirden wir den Christus Jesus 
einfach als einen hohen Adepten auffassen, so wiirden wir ihn in eine 
Linie stellen miissen mit anderen Adepten-Naturen. Wir tun das 
nicht. Es mag vielleicht solche Leute geben, die uns sagen: Wir tun 
das nicht, weil wir von vornherein aus irgendeinem Vorurteil heraus 
den Christus Jesus iiber alle anderen Adepten als einen noch hoheren 
Adepten stellen wollen. Die das sagen wiirden, wiifiten nicht, was wir 



als die Ergebnisse der okkulten Forsdiung in unserer Zeit verkun- 
digen miissen. 

Nidit darum handelt es sich, daft dadurdi das allergeringste den 
anderen Adepten entzogen wiirde. Innerhalb der Weltanschauung, der 
wir angehoren nach den okkulten Ergebnissen der Gegenwart, wissen 
wir es ebensogut als andere, daft als Zeitgenosse des Christus Jesus 
eine andere bedeutende Individualitat dastand, von der wir sagen: 
sie war ein wirklicher Adept. Und es wird uns sogar schwierig, wenn 
wir nicht auf die genaueren Tatsachen eingehen, dieses Menschenwesen 
innerlich von dem Christus Jesus zu unterscheiden; denn es nimmt 
sich dieser Zeitgenosse wirklich ganz ahnlich aus. Wenn wir da zum 
Beispiel horen, daft dieser Zeitgenosse des Christus Jesus angekiindigt 
wird durch eine himmlische Erscheinung vor seiner Geburt, so er- 
innert uns das an die Ankiindigung des Jesus in den Evangelien. 
Wenn wir horen, daft dieser Zeitgenosse nicht bloft genannt werden 
diirfte als aus menschlichem Samen stammend, sondern als ein Sohn 
der Gotter, so erinnert es uns wieder an den Anfang des Matthaus- 
und des Lukas-Evangeliums. Wenn wir dann horen, daft die Geburt 
dieser Individualitat die Mutter iiberrascht, so daft sie iiberwaltigt 
war, so erinnert uns das an die Geburt des Jesus von Nazareth und 
an die Ereignisse in Bethlehem, wie sie in den Evangelien erzahlt 
werden. Wenn wir dann horen, daft diese Individualitat heranwachst 
und in ihrer Umgebung durch weise Antworten auf die Fragen der 
Priester alle iiberrascht, so erinnert dies an die Szene des zwolf- 
jahrigen Jesus im Tempel. Und wenn uns dann gar erzahlt wird: 
diese Individualitat kam nach Rom, begegnete dort dem Leichenzuge 
eines jungen Madchens, der Leichenzug wurde zum Stehen gebracht, 
und diese Individualitat weckte die Tote auf, so erinnert uns das 
wieder an eine Totenauferweckung im Lukas-Evangelium. Und un- 
zahlige Wunder, wenn wir von Wundern sprechen wollen, werden 
uns erzahlt von dieser Individualitat, die der Zeitgenosse des Christus 
Jesus ist. Ja, bis zu dem Grade ahnlich ist sie dem Christus Jesus, daft 
von ihr erzahlt wird, daft sie nach dem Tode den Menschen erschien, 
wie der Christus Jesus nach dem Tode den Jiingern erschien. Und 
wenn von christlicher Seite alle moglichen Griinde vorgebracht wer- 



den, entweder um von dieser Wesenheit gering zu sprechen, oder sie 
gar als historische Personlichkeit zu leugnen, so ist das nicht minder 
geistreich als das, was gegen die Historitat des Christus Jesus selber 
vorgebracht wird. Diese Individualitat ist die des Apollonius von 
Tyana, und von ihm sprechen wir als von einem wirklichen hohen 
Adepten, der der Zeitgenosse des Christus Jesus war. 

Wenn wir uns jetzt fragen: worauf kommt es nun an beim Unter- 
schiede des Christus- Jesus-Erlebnisses und des Apollonius-Erlebnis- 
ses? so miissen wir uns dazu einmal klarmachen, worauf es beim 
Apollonius-Erlebnis ankommt. 

Apollonius von Tyana ist eine Individualitat, die viele Inkarna- 
tionen durchgemacht hat, sich hohe Krafte errungen hat und einen 
gewissen Hohepunkt zeigt in der Inkarnation, die sich im Beginne 
unserer Zeitredinung abspielte. Diese Individualitat, die wir iiber- 
schauen, wie sie durch viele Inkarnationen der Vorzeit geht, sie ist 
da, als sie sich in dem Leibe des Apollonius von Tyana auslebt, auf 
ihrem irdischen Schauplatz. Mit der haben wir es zu tun. Und weii 
wir wissen, daft eine menschliche Individualitat beteiligt ist an dem 
Aufbau des menschlichen Leibes, dafi das nicht einfach eine Zweiheit 
ist, sondern dafi sich die menschliche Individualitat erarbeitet die 
Gestalt, die Form, wie dieser Leib ist, so miissen wir sagen: Es war 
der Leib dieser Individualitat bis zu einer gewissen Form im Sinne 
dieser Individualitat aufgebaut. Das konnen wir in bezug auf den 
Christus Jesus nicht sagen. Der Christus kam im dreifiigsten Jahre 
des Jesus von Nazareth in den physischen Leib, Atherleib und Astral- 
leib hinein, hat sich also nicht von Kindheit an diesen Leib auferbaut. 
Wir haben es also da mit einem ganz anderen Verhaltnis der Christus- 
Individualitat zu dem Leib zu tun, als bei der Apollonius-Individua- 
litat zu ihrem Leib. Wenn wir im Geiste unsern Blick hinwenden 
nach jener Individualitat des Apollonius von Tyana, so sagen wir 
uns: Es ist eine Angelegenheit dieser Individualitat, und diese An- 
gelegenheit spielt sich ab als das Leben des Apollonius von Tyana. 
Und wollten wir uns eine graphische Zeichnung machen, etwa durch 
ein aufieres Zeichen einen solchen Lebensgang andeuten, so konnten 
wir das in folgender Weise machen. 



Die fortlaufende Individualist sei angedeutet durch die horizon- 
tale Linie; dann haben wir in a eine erste Inkarnation, darauf in b 
ein Leben zwischen Tod und neuer Geburt, dann in c eine zweite 



,ft* f "",, 

,,///// '"n/„i/"> 't„*/'ntf '/, '/ 

1 1 / 1 i'i' !'(/(, 1 1 / / * * 1 1 f 1 1 1 ttt / a f >/ 1 1 / r t / 1 / / / 1 1 / / 1 f / // // 1 f t / / //// tri f ' i" i "('fyr > 

ni'if/fi/i f ft ////// //-it, tut/ it it i, ft' / 



Inkarnation, darauf wieder ein Leben zwischen Tod und neuer Ge- 
burt, dann eine dritte Inkarnation und so weiter. Das, was sich da 
hindurchzieht durch alle diese Inkarnationen, die menschliche Indi- 
vidualist, die steht gleichsam wie der Faden des menschlichen Lebens 
aufterhalb des Bereiches der Hiillen, aufierhalb der Hiille des Astral- 
leibes, Atherleibes und physischen Leibes — aber auch zwischen Tod 
und neuer Geburt aufierhalb dessen, was zuriickbleibt vom Atherleib 
und Astralleib, und dadurch ist der Lebensfaden immerdar abge- 
schlossen von dem, was der aufiere Kosmos ist. 

Wollen wir uns das Wesen des Christus-Lebens charakterisieren, so 
miissen wir das anders machen. 

Da miissen wir sagen: dieses Christus-Leben, wenn wir jetzt auf die 
vorhergehenden Inkarnationen des Jesus von Nazareth schauen, 
entwickelt sich allerdings auch so in einer gewissen Weise. Wenn wir 
aber den Lebensfaden ziehen, so miissen wir sagen: Im dreifiigsten 
Jahre des Lebens des Jesus von Nazareth verlafit die Individuality 
diesen Leib, so dafi wir von jetzt ab nur die Hiille des physischen 
Leibes, des Atherleibes und des astralischen Leibes haben. Die Krafte 
aber, welche die Individuality entwickelt, liegen nicht in den aufteren 
Hiillen, sondern sie liegen in dem Lebensfaden des Ich, der von 
Inkarnation zu Inkarnation geht. Also etwa die Krafte, die einer 
Zarathustra-Individualitat angehorten, die zur Vorbereitung in dem 



Leib des Jesus von Nazareth waren, sie gehen fort mit der Zara- 
thustra-Individualitat. Deshalb werden wir sagen: Was jetzt als Hulle 
da ist, das ist eine normale menschliche Organisation, ist aber keine 
menschliche Organisation, die — insofern die Individuality in Be- 
tracht kommt — etwa eine Adepten-Organisation zu nennen ware, 
sondern sie ist einfacher Mensch, schwacher Mensch. Und nun tritt 
das objektive Ereignis ein: wahrend sonst der Lebensfaden einfach 
weiter geht wie bei a und c } geht er jetzt bei e einen Seitenweg; dafiir 



Christy 

,<"""'*<„ ,1'"""'% / %\t "/, 

,1111,1,1,11, ,i , i , ii , , ,,,,,, ,,,, in,,, , ,,, " "i" a In, ft.'!, 

'*<„%,»' b * C / d X e. i / 

""""" 



aber tritt durch die Johannes-Taufe im Jordan die Christus-Wesenheit 
in die dreifache Organisation ein. Diese Christus-Wesenheit lebt bis 
zum dreiunddreifiigsten Jahre, bis zum Ereignis von Golgatha, von 
der Johannes-Taufe ab, nurmehr als die Christus-Wesenheit, wie wir 
es ofter beschrieben haben. Wessen Angelegenheit also ist denn das 
Leben des Christus Jesus vom dreifiigsten bis zum dreiunddreifiigsten 
Jahre? Es ist nicht die Angelegenheit der Individuality, die von 
Inkarnation zu Inkarnation gegangen ist, sondern die Angelegenheit 
derjenigen Individuality, die aus dem Kosmos in den Leib des Jesus 
von Nazareth eingezogen ist, die Angelegenheit einer Individuality, 
einer Wesenheit, die nie vorher mit der Erde verbunden war, die aus 
dem "Weltenall herein sich mit einem menschlichen Leib verbunden 
hat. In diesem Sinne sind die Ereignisse, die sich abspielen zwischen 
dem dreiftigsten und dreiunddreilSigsten Jahre des Lebens des 
Christus Jesus, das heifit zwischen der Johannes-Taufe und dem 



Mysterium von Golgatha, die Ereignisse des Gottes Christus, nicht 
die Ereignisse eines Mensdien. Daher ist es nicht eine Angelegenheit 
der Erde, die sich hier abspielt, sondern eine Angelegenheit der iiber- 
sinnlichen Welt; denn es hatte mit keinem Menschen etwas zu tun. 
Zum Zeichen dafiir, daft es mit keinem Menschen etwas zu tun hatte, 
hat derjenige Mensch, der diesen Leib bis zum dreifiigsten Jahre 
bewohnt hat, diesen Leib verlassen. 

Was da geschieht, hat zunachst etwas mit jenen Ereignissen zu tun, 
die sich abgespielt haben, bevor iiberhaupt ein solcher Lebensfaden 
wie der unserige menschliche in eine physische menschliche Organi- 
sation hineingezogen ist. Wir miissen zuriickgehen bis in die alte 
lemurische Zeit, in jenes Zeitalter, da zum ersten Male menschliche 
Individualitaten, aus den gottlichen Hohen herabsteigend, sich in 
irdische Leiber verkorperten, bis zu jenem Ereignis, das uns angedeu- 
tet wird im Alten Testament als die Verfiihrung durch die Schlange. 
Dieses Ereignis ist sehr merkwiirdiger Art. An den Folgen dieses 
Ereignisses litten alle Menschen, wahrend sie sich verkorperten. Denn 
ware dieses Ereignis nicht gekommen, so wiirde die ganze Entwicke- 
lung der Menschheit auf der Erde eine andere geworden sein, und die 
Menschen wiirden in einem viel vollkommeneren Zustande yon Inkar- 
nation zu Inkarnation gegangen sein. Sie sind aber durch dieses 
Ereignis tiefer in die Materie verstrickt worden, was allegorisch be- 
zeichnet wird mit dem Siindenfall. Der Siindenfall aber ist es erst, 
der den Menschen aufgerufen hat zu seiner jetzigen Individualist; 
so daft der Mensch, wie er als Individualist von Inkarnation zu 
Inkarnation geht, nicht fur den Siindenfall verantwortlich ist. Wir 
wissen aber, daft die luziferischen Geister fur den Siindenfall verant- 
wortlich sind. Deshalb miissen wir sagen: Bevor der Mensch im 
irdischen Sinne zum Menschen geworden ist, war das gottliche, das 
ubersinnliche Ereignis geschehen, durch das dem Menschen ein tieferes 
Verstricktwerden mit der Materie auferlegt worden ist. Durch dieses 
Ereignis ist der Mensch zwar zur Kraft der Liebe und zur Freiheit 
gekommen, aber es ist ihm dadurch etwas auferlegt worden, was er 
nicht durch eigene Kraft sich auferlegen konnte. Dieses Verstrickt- 
werden in die Materie war nicht eine menschliche Tat, sondern eine 



Gottestat, die geschehen ist, bevor die Menschen mittun konnten an 
ihrem Schicksal. Das ist etwas, was die hoheren Machte der fort- 
laufenden Entwickelung mit den luziferisdien Machten abgemacht 
haben. Wir werden auf alle diese Ereignisse nodi genauer charak- 
terisierend einzugehen haben und wollen sie heute nur der Haupt- 
sache nach vor unsere Seele stellen. 

Was damals geschehen war, brauchte einen Ausgleich. Die vor- 
menschliche, im Menschen geschehene Tatsadie — der Siindenfall — 
brauchte einen Ausgleich; etwas, was sozusagen wiederum nicht eine 
Angelegenheit der Menschen war, sondern eine Angelegenheit der Got- 
ter untereinander. Und wir werden sehen, dafi sich diese Angelegen- 
heit so tief unterhalb der Materie abspielen mufite, wie sich die andere 
Angelegenheit, bevor der Mensch sich in die Materie verstrickt hatte, 
iiber der Materie abgespielt hat. Der Gott mufite so tief in die Materie 
eintauchen, als er die Menschen hat in dieselbe versinken lassen. 

Lassen Sie diese Tatsache in ihrer ganzen Schwere auf sich wirken, 
dann werden Sie begreifen, dafi diese Inkarnation des Christus in 
dem Jesus von Nazareth eine Angelegenheit des Christus selber war. 
Und wozu war der Mensch dabei berufen? Zunachst um zuzuschauen, 
wie der Gott die Tat des Siindenfalles wieder ausgleicht, wie er ihre 
Gegentat schafft. Das zu tun ware nicht moglich gewesen innerhalb 
einer Adeptenpersonlichkeit; denn eine Adeptenpersonlichkeit hat 
sich durch sich selbst wieder heraufgearbeitet aus dem Fall in die 
Materie. Das war nur moglich in einer Personlichkeit, die ganz 
wahrer Mensch war, die als Mensch nicht die anderen Menschen iiber- 
ragte. Sie hat sie uberragt, bevor sie dreiftig Jahre alt geworden ist, 
aber dann nicht mehr. Durch das, was da geschehen ist, ist also ebenso 
ein gottliches Ereignis der Menschheitsentwickelung mitgeteilt wor- 
den, wie am Anfang der Menschheitsentwickelung in der lemurischen 
Zeit. Und die Menschen waren Teilnehmer einer Angelegenheit, die 
sich unter Gottern abgespielt hat, konnten sie anschauen, weil die 
Gotter zu Hilfe nehmen mufiten die Welt des physischen Planes, um 
diese ihre Angelegenheit sich abspielen zu lassen. Deshalb sagt man 
also viel besser: der Christus brachte den Gottern die Siihne dar, die 
er nur darbringen konnte in einem physischen Menschenleib — als 



dafi man irgendeine andere Formel gebraucht. Und ein Zuschauen 
bei einer gottlichen Angelegenheit ist es fur den Menschen. 

Damit war fur die menschliche Natur etwas geschehen. Das haben 
die Menschen einfach in ihrer Entwickelung empfunden. Und damit 
eroffnete sich der dritte Weg, der eben moglich war neben den zwei 
angedeuteten. Diese drei Wege haben in ihrer Christlichkeit tief- 
gehende Menschen oftmals angedeutet. Ich will aus der grofien Reihe 
heraus, die genannt werden konnte, nur zwei Menschen nennen, die 
in ganz hervorragender Weise Zeugnis dafiir abgelegt haben, daft der 
Christus — der vom zwanzigsten Jahrhundert ab geschaut werden 
wird durch die hoher entwickelten menschlichen Fahigkeiten — durch 
die Empfindungen, die vor dem Ereignis von Golgatha nicht in der- 
selben Form moglich waren, erkannt, gefiihlt, erlebt werden kann. 

Da ist zum Beispiel derjenige Geist, der in seiner ganzen Seelen- 
entwickelung als ein scharfer Gegner dessen angesehen werden kann, 
was wir charakterisiert haben als den Jesuitismus: Blaise Pascal, der 
groft dasteht in der Geistesentwickelung, wie ein Geist, der alles 
abgelegt hat, was an Schaden der alten Kirchen heraufgekommen ist, 
der aber auch nichts von dem modernen Rationalismus aufgenommen 
hat. Wie grofie Geister immer, so ist auch er im Grunde genommen 
einsam geblieben mit seinen Gedanken. Aber was liegt seinen Ge- 
danken im Beginne der neueren Zeit zugrunde? Wenn man darauf 
eingeht, sieht man aus den Schriflen, die er hinterlassen hat, nament- 
lich aus seinen anregenden «Gedanken», die fur jeden leicht zu- 
ganglich sind, da sie in der Reclamschen Universal-Bibliothek er- 
schienen sind, was er dariiber empfand, wie die Menschen hatten 
werden miissen, wenn das Christus-Ereignis nicht in die "Welt ge- 
kommen ware. Im Geheimen seiner Seele hat sich Pascal die Frage 
vorgehalten: Was ware aus den Menschen geworden, wenn kein 
Christus in die Menschheitsentwickelung eingegriffen hatte? Und er 
hat sich gesagt: Das konnen wir fiihlen, daft der Mensch in seiner 
Seele zwei Gefahren entgegengeht. Die eine Gefahr liegt darin, daft 
der Mensch den Gott erkennt als mit seiner eigenen Wesenheit 
identisch: Gottes-Erkenntnis in der Menschheits-Erkenntnis. Wozu 
fiihrt sie? Wenn sie nur so auftritt, daft der Mensch den Gott selbst 



erkennt, so fiihrt sie zum Stolz, zum Hochmut, zum Ubermut; und 
der Mensch vernichtet seine besten Krafte, weil er sie verhartet im 
Hochmut und Stolz. Das ware eine Gottes-Erkenntnis, die immer 
moglich gewesen ware, audi wenn kein Christus gekommen ware, 
wenn das Christus-Ereignis nicht als ein Impuls in alien Menschen- 
herzen gewirkt hatte. Gott hatten die Menschen immer erkennen 
konnen, aber stolz waren sie geworden durch das Bewufttsein in ihrer 
eigenen Brust. Oder aber es hatte Menschen geben konnen, die sich 
gegen die Gottes-Erkenntnis verschlieften, die nicht den Gott erken- 
nen wollen. Deren Blick fallt nun auf etwas anderes: auf die mensch- 
lidie Ohnmacht, auf das menschliche Elend — und dann folgt not- 
wendig die menschliche Verzweiflung. Das ware die andere Gefahr 
gewesen, die Gefahr derer, die die Gottes-Erkenntnis abgelehnt hat- 
ten. Diese zwei Wege, sagt Pascal, sind nur moglich: Stolz und 
Hochmut — oder Verzweiflung. Da trat das Christus-Ereignis in die 
Menschheitsentwickelung und bewirkte, dafi jeder Mensch eine Kraft 
emphng, die ihn nicht nur den Gott empfinden lafk, sondern den- 
jenigen Gott, der mit den Menschen gleich gewesen ist, der mit den 
Menschen gelebt hat. Das ist die einzige Heilung des Stolzes, wenn 
man den Blick hinrichtet auf den Gott, der sich dem Kreuze gebeugt 
hat; wenn die Seele hinblickt auf den unter dem Kreuzestode sich 
beugenden Christus. Das ist aber audi der einzige Heiler von aller 
Verzweiflung. Denn diese Demut ist nicht eine, die schwach macht, 
sondern die eine Kraft gibt, die iiber alle Verzweiflung heilend hin- 
ausgeht. Als der Mittler zwischen Stolz und Verzweiflung dammert 
auf in der Menschenseele der Heifer, der Heiland, im Sinne eines 
Pascal. Das kann aber jeder Mensch fiihlen, auch ohne Hellsehen. 
Und das ist die Vorbereitung fur den Christus, der vom zwanzigsten 
Jahrhundert ab fur alle Menschen sichtbar sein wird, der als der 
Heiler fur Stolz und Verzweiflung in jeder Menschenbrust aufer- 
stehen wird, der nur eben friiher nicht in derselben Art gefiihlt 
werden konnte. 

Und der zweite Zeuge, den ich aufrufen mochte aus der groften 
Reihe der Menschen, die dies fiihlen, was jedem Christen eigen sein 
kann, ist der in manchem anderen Zusammenhange schon erwahnte 



Wladimir Solowjow. Solowjow wieder weist hin auf zwei Krafte in 
der Menschennatur, zwischen denen als der Mittler der personliche 
Christus drinnenstehen soil. Er sagt: Ein Zweifaches ist es, wonach 
sich die Menschenseele sehnt: nach Unsterblichkeit und nach Weisheit 
oder sittHcher Vervollkommnung. Beide aber sind nicht von vorn- 
herein der menschlichen Natur eigen. Denn die menschliche Natur 
teilt die Eigentiimlichkeit aller Naturen, und die Natur fiihrt nicht 
zur Unsterblichkeit, sondern zum Tode. Und in schonen Betrach- 
tungen fiihrt nun der grofie Denker der Gegenwart aus, wie audi 
die aufiere Wissenschaft zeigt, wie sich der Tod iiber alles breitet. 
Schauen wir also in die aufiere Natur, so antwortet sie unserer Er- 
kenntnis: der Tod ist! In uns aber lebt die Sehnsucht nacli Unsterb- 
lichkeit. Warum? weil die Sehnsudit nach Vervollkommnung in uns 
lebt. Und um zu sehen, dafi die Sehnsudit nach Vervollkommnung in 
uns lebt, dazu gehort nur ein Blick in die menschliche Seele. Ebenso 
wahr, sagt Solowjow, wie die rote Rose mit der roten Farbe behaftet 
ist, ebenso wahr ist die menschliche Seele behaftet mit der Sehnsudit 
nach Vervollkommnung. Ein Vollkommenheitsstreben aber ohne 
Sehnsucht nach Unsterblichkeit ist die Luge des Daseins, meint Solow- 
jow. Denn unsinnig ware es, wenn die Seele wie alles Naturdasein mit 
dem Tode enden wiirde. Aber alles Naturdasein antwortet uns: der 
Tod ist! Daher ist die menschliche Seele genotigt, iiber das Natur- 
dasein hinauszugehen, um die Antwort sich anderswo zu suchen im 
Sinne des genannten Philosophen. Und er sagt nun: Sehet hin auf 
die Naturforscher: was geben sie euch fur eine Antwort, wenn sie den 
Zusammenhang der menschlichen Seele mit der Natur lehren wollen? 
Eine mechanische Naturordnung, sagen sie, waltet, und der Mensch 
ist darin eingefiigt. Und was antworten euch die Philosophen? Eine 
leere abstrakte Gedankenwelt durchziehe alle Naturtatsachen als das 
Geistige, was philosophisch zu erkennen ist. Beides ist keine Antwort, 
wenn der Mensch sich bewufit wird und aus diesem Bewufitsein 
heraus fragt: Was ist Vervollkommnung? — Wenn er sich bewufit 
wird, dafi er die Sehnsucht nach Vervollkommnung, nach 'wahrheits- 
leben haben mufi, und wenn er nach der Kraft fragt, welche ihm 
diese Sehnsucht befriedigen kann, da eroffnet sich ihm der Ausblick 



auf ein Reich, das zunachst dasteht wie eine Frage, das da sein muft 
fiir die menschliche Seele wie eine Ratselfrage, ohne deren Realisie- 
rung sich die menschliche Seele nur fiir eine Luge halten kann: das 
Reich der Gnade iiber der Natur. Das Reich der Gnade kann keine 
Philosophic, keine Naturwissenschaft mit dem Dasein verbinden; 
denn die Naturkrafte wirken mechanisch, und die Gedankenkrafte 
haben nur Gedankenrealitat. Was aber hat eine voile Realitat, um die 
Seele zu verbinden mit der Unsterblichkeit? Das hat der in der Welt 
wirkende personliche Christus. Und nur der lebendige Christus, nicht 
der bloft gedachte, kann die Antwort geben. Der bloft in der Seele 
wirkende liefie ja die Seele doch all ein; denn die Seele kann sich 
nicht allein das Reich der Gnade gebaren. Was iiber die Natur hin- 
ausgeht, was als eine reale Tatsache dasteht wie die Natur selber: der 
personliche, der historische Christus, der ist es, der nicht eine Gedan- 
kenantwort, sondern eine reale Antwort gibt. 

Und jetzt kommt dieser Philosoph zu derjenigen Antwort, die die 
aufierste, die geistvollste ist, die gegeben werden kann am Ende des 
Zeitalters, das unmittelbar abschliefit, bevor die Tore sich offnen im 
zwanzigsten Jahrhundert zu dem, was Ihnen so oft angedeutet wor- 
den ist: Es wird ein Schauen des Christus sein, was im zwanzigsten 
Jahrhundert seinen Ausgangspunkt nehmen wird. 

Und diese Tatsache fiihlend, nannte man jenes Bewufitsein, das 
Pascal und Solowjow klassisch geschildert haben, einen Glauben. So 
haben es audi die anderen genannt. Mit dem GlaubensbegrirT kann 
man in bezug auf die menschliche Seele nach zwei Richtungen hin in 
einen sonderbaren Konflikt kommen. Gehen Sie die Entwicklung des 
Glaubensbegriffes durch, und sehen Sie sich die Kritik an in bezug 
auf den GlaubensbegrirT. Heute ist man so weit, da£ man sagt, es 
miisse der Glaube durch das Wissen gelenkt werden, und es miisse ein 
Glaube abgelehnt werden, der sich nicht auf ein Wissen stiitzt. Der 
Glaube soil sozusagen abgesetzt werden und ersetzt werden durch ein 
Wissen. Im Mittelalter stellte man gerade die Gegenstande der hohe- 
ren Welten als Glauben hin und man betrachtete den Glauben als 
etwas Berechtigtes. Das ist auch der Grundnerv des Protestantismus, 
dafi der Glaube neben dem Wissen als etwas Berechtigtes angesehen 



wird. So ist der Glaube etwas, was aus der menschlichen Seele hervor- 
geht, neben den das Wissen hingestellt ist, das fur alle gemeinschaft- 
lich sein soil. Es ist interessant nodi zu sehen, wie iiber diesen Glau- 
bensbegriff ein Philosoph, den viele fiir einen grofien halten, nicht 
hinausgekommen ist: Kant. Denn sein Glaubensbegriff geht dahin, 
dafi der Mensch das, was er iiber solche Dinge wie Gott, Unsterblich- 
keit und so weiter gewinnen soil, hereinleucbten haben soil aus ganz 
anderen Regionen; aber nur durch einen sittlichen Glauben, nicht 
durch ein Wissen. 

Die hochste Ausbildung erlangt der Glaubensbegriff gerade bei 
demjenigen Philosophen, den ich Ihnen eben genannt habe, bei 
Solowjow, der als der bedeutendste vor dem Toresschlufi erscheint, 
schon sozusagen hineinweisend in die neuere Welt. Denn Solowjow 
kennt einen ganz anderen Glauben, als alle GlaubensbegrifTe bisher 
waren. Wozu hat der bisherige Glaubensbegriff die Menschheit ge- 
fiihrt? Er hat die Menschheit eben gebracht zu der atheistisch-mate- 
rialistischen Forderung nach blofiem Wissen der aufieren Welt — 
sagen wir im lutherischen, im kantischen oder im Sinne des Monismus 
des neunzehnten Jahrhunderts — nach dem Wissen, das auf das 
Wissen pocht und den Glauben als etwas betrachtet, was die Men- 
schenseele bis zu einem gewissen Zeitpunkte aus der notwendigen 
Schwache heraus sich gebildet hat. Dazu ist der Glaubensbegriff end- 
lich gekommen, weil er als ein blofi Subjektives gegolten hat. Hatte 
man in den vorhergehenden Jahrhunderten den Glauben noch ge- 
fordert als eine Notwendigkeit, das neunzehnte Jahrhundert hat den 
Glauben gerade deshalb angegriffen, weil er im Gegensatz sich befinde 
zu dem Wissen, das als ein allgemein giiltiges aus der menschlichen 
Seele stammen soil. 

Und nun kommt ein Philosoph, der in einer gewissen Weise an- 
erkennt den Glaubensbegriff, um zu dem Christus ein Verhaltnis zu 
gewinnen, das bisher nicht moglich war, der aber nun die Sache so 
ansieht, dafi er in diesem Glauben, insofern er sich auf den Christus 
bezieht, eine Tat der Notwendigkeit, der inneren Pflicht anerkennt. 
Denn fiir Solowjow heifk der Gegensatz jetzt nicht: «Glauben — oder 
nicht glauben», sondern fiir ihn wird jetzt der Glaube eine Notwen- 



digkeit (lurch sich selbst. Er meint, wir sind verpflichtet an den 
Christus zu glauben, weil wir uns sonst selbst aufheben und unser 
Dasein als eine Luge bezeichnen miilken. Wie die Kristallgestalt bei 
einer mineralischen Substanz, so tritt der Glaube auf in der mensch- 
lichen Seele als ihre eigentliche Natur. Daher mufS die Seele sagen: 
Erkenne ich die Wahrheit an — und nicht die Liige von mir selber, 
dann muf$ ich in meiner eigenen Seele den Glauben realisieren. Ich 
bin zu dem Glauben verpflichtet; aber ich kann nicht anders dazu 
kommen als durch meine eigene freie Tat. — Und darin sieht Solow- 
jow gleichsam das Auszeichnende der Christus-Tat, daft der Glaube 
zugleich eine Notwendigkeit und zugleich eine sittlich freie Tat ist. 
Es wird der Seele gleichsam gesagt: Du kannst gar nicht anders, wenn 
du dich nicht selbst ausloschen willst: den Glauben mufit du dir 
erwerben; aber er mufi deine eigene freie Tat sein! Und ebenso wie 
Pascal bringt dieser Philosoph das, was da die Seele erlebt, um sich 
nicht als Liige zu empfinden, in Zusammenhang mit dem historischen 
Christus Jesus, wie er durch die Ereignisse in Palastina eingetreten ist 
in die Menschheitsentwickelung. Deshalb sagt Solowjow: Ware Chri- 
stus nicht eingetreten in die menschliche Entwickelung, wie er als 
historischer Christus gedacht werden muft, hatte er nicht gebracht, 
dafi die Seele sowohl die innerlich freie Tat wie auch die gesetzliche 
Notwendigkeit des Glaubens empfindet, so wiirde die menschliche 
Seele in der nachchristlichen Zeit verpflichtet sein, sich selber auszu- 
loschen und nicht zu sagen: Ich bin, sondern zu sagen: Ich bin nicht! — 
Das ware im Sinne dieses Philosophen die Entwickelung in der nach- 
christlichen Zeit gewesen, dafi ein inneres Bewulksein die Menschen- 
seele durchdrungen hatte von dem «Ich bin nicht»! In dem Augen- 
blicke, wo die Seele sich aufrafft zu der Tat, das Sein sich selbst bei- 
zulegen, kann sie nicht anders als sich zuruckzufiihren auf den histo- 
rischen Christus Jesus. 

Damit haben wir auch fur die aufiere Exoterik in Feststellung des 
dritten Weges einen Fortschritt auf dem Glaubensweg. Durch die 
Evangeliennachrichten kann der, welcher nicht selber in die geistige 
Welt schaut, zur Anerkennung des Christus kommen. Durch das, was 
das hellseherische Bewulksein ihm immer sagen konnte, kann er 



ebenfalls zur Anerkennung des Christus kommen. Aber es gab 
eigentlich drei Wege: den der Selbsterkenntnis nodi, und der fiihrt — 
wie uns diese angefiihrten Zeugen sagen konnen als das, was sie 
selbst mit vielen Tausenden und aber Tausenden von Mensdien erlebt 
haben — der fiihrt zu der Erkenntnis, dafi die menschliche Selbst- 
erkenntnis in der nachchristlichen Zeit ohne das Hinstellen des 
Christus Jesus neben den Menschen eine Unmoglichkeit ist; dafi sich 
die Seele entweder selbst verneinen mufi, oder wenn sie sich bejahen 
will, mit sich selbst den Christus Jesus bejahen wird. 

"warum das in der vorchristlichen Zeit nicht so war, davon in den 
nachsten Tagen. 



VIERTER VORTRAG 
Karlsruhe, 8,Oktober 1911 



Wenn Sie sich erinnern, womit wir gestern unsere Betraditung 
geschlossen haben, so konnen Sie das Resultat dieser Betraditung 
vielleicht in die Worte zusarnmenfassen: von den Ereignissen in 
Palastina, von dem Mysterium von Golgatha an bis zum Anbruch 
derjenigen Epoche, die ja geniigend charakterisiert worden ist und an 
deren Eingangstor wir gewissermaften in unserem Zeitalter stehen, 
war das Christus-Ereignis ein solches, daft der Mensch exoterisch auf 
verschiedenen Wegen zu einer Art von Erleben des Christus-Impulses 
kommen konnte, — einem Erleben vor der eigentlichen Initiation. 
Wir haben gesagt, der eine dieser exoterischen Wege sei der durch die 
Evangelien, durch das Neue Testament. Denn wir konnen ja aus 
alledem, was gesagt worden ist, entnehmen, daft der Inhalt der 
Evangelien, wenn wir ihn in entsprechender Weise in unsere Seele 
aufnehmen und auf uns wirken lassen, tats'achlich fur jeden einzelnen 
ein inneres Erlebnis zutage fordert. Und dieses innere Erlebnis kann 
eben als das Christus-Erlebnis bezeichnet werden. Wir haben dann 
gesagt, daft der andere Weg fur den Exoteriker der war, einzugehen 
auf das, was der Esoteriker, der in gewissem Sinne Initiierte, aus den 
geistigen Welten verkiinden konnte, so daft audi der noch vor der 
Pforte der Einweihung Stehende, nicht durch das uberlieferte Evan- 
gelium, sondern durch die fortdauernden OfFenbarungen aus den 
geistigen Welten, zu dem Christus-Ereignis kommen konnte. Dann 
haben wir gestern den dritten Weg genannt, den der innerlichen 
Gemiitsvertiefung, und haben darauf hingewiesen, daft dieser Weg 
in unserer Seele ausgehen mufi von den Empfindungen, wie der 
Mensch, wenn er in seinem Innern nur den gottlichen Funken emp- 
findet, zu Stolz und Hochmut getrieben werden kann, und wie er 
auf der andern Seite, wenn er sich des Zusammenhanges mit dem 
Gotte nicht bewufit wird, dadurch zur Verzweiflung getrieben werden 
kann. Und wir haben dann gesehen, wie in der Tat das Wanken 
zwischen der Verzweiflung auf der einen Seite, und Stolz und Hoch- 



mut auf der andern Seite, seit den Ereignissen in Palastina, im Hin- 
blick darauf, das Christus-Ereignis in uns geboren werden l'afit. 
Darauf ist audi hingewiesen worden, wie das alles in den nachsten 
drei Jahrtausenden von dem Beginn unseres Zeitalters an fur die 
Menschheitsentwickelung anders werden wird. Und wir haben auf 
das bedeutsame Ereignis, das ein Nachfolger des Mysteriums von 
Golgatha ist, hingewiesen, das aber nur in den iibersinnlichen Welten 
zu schauen sein wird. Wir haben aber audi darauf hingewiesen, dafi 
die Fahigkeiten der Menschen erhoht werden, und dafi von unserem 
Zeitalter angefangen eine geniigend grofie Anzahl von Menschen 
heranwachsen wird, um den Christus zu schauen, so dafi, was bisher 
als Glaube in berechtigter Weise in der Welt existiert hat, abgelost 
werden wird von dem, was man das Schauen des Christus nennen 
kann. 

Nun wird es unsere Aufgabe sein, im Verlaufe der Vortrage weiter 
zu charakterisieren, wie aus der gewohnlichen Art des Christus- 
Erlebnisses als einem Gemuts-Erlebnis, sich ganz sachgemafi der Weg 
eroffnet zu dem, was man die christliche Initiation, die christliche 
Einweihung nennen kann. Wir werden nun in den nachsten Tagen 
genauer zu sprechen haben von der Ausgestaltung der christlichen 
Einweihung, wie wir audi die Aufgabe haben werden, die Natur des 
Christus-Ereignisses naher zu charakterisieren. Es soli uns also ein 
Bild der christlichen Einweihung, wie des Christus-Ereignisses von 
der Johannes-Taufe bis zur Vollbringung des Mysterium von Gol- 
gatha, in diesen Tagen vor die Seele treten. 

Wenn Sie das Resume der bisherigen Betrachtungen ins Auge fas- 
sen, kann Ihnen die Frage entstehen, und sie ist ganz berechtigt: Wie 
steht es denn eigentlich nun mit dem Verhaltnis des aufieren Christen- 
tums, der christlichen Entwickelung, wie sie in der Weltgeschichte 
zutage tritt, zu dem Christus-Ereignis selber? Jedem Menschen, der 
mit seinem Bewufitsein in der Gegenwart steht, der nicht irgend- 
welche besonderen Geftihlserlebnisse mystischer Art durchgemacht hat 
oder vielleicht die Anfangsstadien der Esoterik hinter sich hat, mufi 
es ja merkwiirdig erscheinen, dafi eine ganz bestimmte Art seelischen 
Erlebens bei jedem Menschen so abhangig sein soli von einer histo- 



rischen Tatsache, von den Ereignissen in Pal'astina, auf Golgatha, und 
dafi vorher fiir diese Seele des Menschen etwas nicht moglich war, 
was nachher durch diese Ereignisse moglich geworden sein soli, nam- 
lich das innere Christus-Erlebnis. 

Von dieser Tatsache hatten die Anfiihrer der ersten Christen und 
auch die ersten Christen selbst ein sehr deutliches Bewulksein, und es 
wird zur Vorbereitung fiir die nachsten Tage ganz gut sein, wenn wir 
heute audi ein wenig darauf hinweisen, wie es ausgesehen hat in den 
Gemutern der ersten Christen. 

Man konnte sehr leicht glauben, was ja spater immer mehr und 
mehr zu einer Art von orthodoxer, sehr einseitiger Anschauung ge- 
worden ist, dafi die Menschen der vorchristlichen Zeit radikal ver- 
schieden waren von denen der nachchristlichen Zeit. Dafi diese An- 
schauung eine einseitige ist, konnen Sie schon aus den Worten des 
Augustinus entnehmen: «Was man gegenwartig die christliche Reli- 
gion nennt, bestand schon bei den Alten und fehlte nicht in den An- 
fangen des Menschengeschlechtes; und als Christus im Fleische erschien, 
erhielt die wahre Religion, die schon vorher vorhanden war, den 
Namen der christlichen. » Man war sich also zur Zeit des Augustinus 
wohl dessen bewufit, da£ nicht ein soldier radikaler Unterschied 
zwischen den vorchristlichen und den nachchristlichen Zeiten besteht, 
wie Orthodoxie und Zelotismus es annehmen. Auch Justinus der 
M'drtyrer hat eine ganz merkwiirdige Ausfiihrung in seinen Schriften. 
Justinus, der ja auch von der Kirche anerkannt ist als Marty rer und 
Kirchenvater, er ergeht sich iiber das Verhaltnis des Sokrates und 
des Heraklit zu dem Christus. Justinus sieht wirklich noch in einer 
gewissen Reinheit das in dem Christus, was wir gestern dargestellt 
haben in dem Verhaltnis des Christus zu dem Jesus von Nazareth 
und er fiihrt auch seine Idee von der Christus-Wesenheit demgemaft 
aus. Er sagt im Sinne seiner Zeit, was wir ja audi heute noch mit 
denselben Worten wiederholen konnen: Der Christus oder der Logos 
war in dem Menschen Jesus von Nazareth verkorpert. Nun fragt er 
sich: Ja, war der Logos in den ausgezeichneten Personlichkeiten der 
vorchristlichen Zeit nicht vorhanden, war der Mensch in der vor- 
christlichen Zeit dem Logos ganz fremd? Diese Frage beantwortet 



Justinus der Martyrer mit «Nein». Das ist keineswegs so, meint er; 
Sokrates und Heraklit waren audi Menschen, in denen der Logos 
gelebt hat. Nur haben sie ihn nicht ganz besessen; und durch das 
Christus-Ereignis ist es moglich geworden, dafi der Mensch den Logos 
ganz in sich erlebt, in seiner urspriinglichen vollendeten Gestalt. 

Aus einer solchen Stelle einer durchaus als Kirchenvater anerkann- 
ten Personlidikeit entnehmen wir erstens, dafi die ersten Christen 
bekannt waren mit dem, was immer da war, wie Augustmus sagt, 
und was nur in einer erhohteren Gestalt durch das Mysterium von 
Golgatha in die Erdentwickelung eingezogen ist. Das andere ist eine 
Antwort aus den ersten christlichen Jahrhunderten auf die Frage, die 
wir selbst heute aufwerfen mufiten. Auch die Menschen, die noch 
nahe standen dem Ereignisse von Golgatha wie Justinus der Mar- 
tyrer, die auch viel mehr noch wufiten iiber die Natur jener Men- 
schen, die nur wenige Jahrhunderte von ihnen entfernt waren wie 
Heraklit und Sokrates, solche Menschen dachten in der damaligen 
Zeit: wenn auch ein ausgezeichneter Mensch wie Sokrates gelebt hat, 
so hat er, trotzdem er den Logos in sich erlebte, ihn doch nicht ganz 
in sich erleben konnen, nicht vollstandig in seiner intensivsten Gestalt. 
Und das ist wichtig. Das ist sozusagen ein Zeugnis aus der friiheren 
Zeit dafur, wie man empfunden hat, dafi wirklich, sehen wir selbst 
ab von dem Ereignis von Golgatha, zwischen den vorchristlichen und 
den nachchristlichen Jahrhunderten etwas liegt, wodurch sich die vor- 
christlichen Menschen von den nachchristlichen unterscheiden. Und es 
ist auch gewissermaf$en, andere Dinge wiirden uns zahlreiche Beweise 
dafur liefern konnen, im Bewuiksein der friiheren Jahrhunderte 
historisch nachzuweisen, dafi man sich sagte: Die menschliche Natur 
hat sich eben verandert, hat eine andere Beschaffenheit angenommen. 
Es war einfach so, dafi wenn man im dritten nachchristlichen Jahr- 
hundert lebte und man zuriickblickte auf die Menschen des dritten 
Jahrhunderts der vorchristlichen Zeit, man sich sagen konnte: Wenn 
sie noch so tief in ihrer Art in die Geheimnisse des Daseins ein- 
dringen konnten — was in den nachchristlichen Menschen vorgehen 
kann, das konnte in ihnen nicht vorgehen! Was also Johannes der 
laufer sagte: Andert eure Anschauung von der Welt, eure Auffassung 



von der Welt, denn die Zeiten sind andere geworden!, und was die 
Geheimwissenschaft bestatigt, das ist audi in den ersten nachchrist- 
lichen Jahrhunderten stark und intensiv vorhanden gewesen. Das 
miissen wir ganz besonders deutlich erfassen, dafi, wenn man die 
Menschheitsent^vickelung verstehen will, man ablassen mufi von der 
ganz falschen Meinung, dafi der Mensch immer so gewesen ist, wie er 
heute ist. Denn abgesehen davon, dafi man in bezug auf die Rein- 
karnation keinen Sinn damit verbinden konnte, mufi man doch aus 
allem, was uns uberliefert ist, und was uns die Geheimwissenschaft 
zeigt, sich sagen, daft die Menschen der friiheren Zeiten das, was 
heute nur im Unterbewulksein ist, namlich ein gewisses Hellsehen, 
wirklich besessen haben; dafi sie dann von dieser Hohe des Hellsehens 
herabgestiegen sind, und daft der tiefste Punkt in dieser Herab- 
entwickelung, wo sie diejenigen Krafte entwickelten, welche die alten 
Hellseherkrafte zudeckten, in der Zeit liegt, in welcher das Mysterium 
von Golgatha stattfand. 

Auf materiellem Gebiete glauben ja die Menschen, daf$ durch eine 
aufierst geringe Menge einer Substanz eine grolSe Menge Fliissigkeit 
beeinflufk werden kann. Wenn Sie zum Beispiel einen Tropfen einer 
bestimmten Substanz in eine gewisse Fliissigkeit hineinversetzen, so 
verbreitet er sich innerhalb der Materie dieser Fliissigkeit und farbt 
die ganze Fliissigkeit. Das wird auf materiellem Gebiete jeder ein- 
sehen. Es ist aber unmoglich, das geistige Leben zu verstehen, wenn 
man dasselbe, was man so leicht auf materiellem Gebiet einsehen 
kann, nicht einsieht auf geistigem Gebiete. Unsere Erde ist nicht blofi 
der materielle Korper, als den sie unsere Augen sehen, sondern unsere 
Erde hat eine geistige Hulle. Wie wir selbst einen Atherleib und einen 
Astralleib haben, so hat audi unsere Erde solche hoheren Leiber. Und 
wie sich eine kleine Menge Substanz ausdehnt in einer Fliissigkeit, so 
dehnte sich das, was geistig ausstrahlte von der Tat auf Golgatha, in 
die geistige Atmosphare der Erde aus, durchdrang sie und ist seit 
jener Zeit darinnen. Es ist also seit jener Zeit unserer Erde etwas 
mitgeteilt, was sie friiher nicht hatte. Und da die Seelen nicht blofi 
tiberall umschlossen von dem Materiellen leben, sondern da Seelen 
wie Tropfen sind, die im Meere des irdisch Geistigen leben, so sind 



eben die Menschen seit jener Zeit eingebettet in die geistige Atmo- 
sphare unserer Erde, die durchdrungen ist von dem Christus-Impuls. 
Das war vor dem Mysterium von Golgatha nicht der Fall; und das 
ist der grofie Unterschied zwisdien dem vorchristlichen und dem nach- 
christlichen Leben. Wenn man sich nicht vorstellen kann, dafi so etwas 
im geistigen Leben stattfindet, dann ist man noch nicht so weit, das 
Christentum wirklich als eine mystische Tatsache aufzufassen, deren 
voile Bedeutung nur in der geistigen Welt erkannt und anerkannt 
werden kann. 

Wer zuruckgeht auf die in einer gewissen Beziehung ja unerquick- 
lichen Streitigkeiten iiber das Wesen und die Personlichkeit des Jesus 
von Nazareth und iiber das Wesen und die Individuality des Christus, 
der wird aber doch in den profan gnostischen und mystischen 
Anschauungen der ersten christlichen Jahrhunderte iiberall durch- 
fiihlen konnen, wie die Besten, die dazumal fur die Verbreitung des 
Christentums sorgten, tatsachlich mit scheuer Ehrfurcht vor dieser 
mystischen Tatsache des Christentums standen. Und gerade bei den 
ersten christlichen Lehrern, wenn sie auch in ihren Worten und 
Satzen manchmal recht abstrakt sind, ist doch deutlich zu bemerken, 
wie sie in scheuer Ehrfurcht vor alledem dastehen, was eigentlich 
durch das Christentum fiir die Weltentwickelung geschehen ist. "Wie 
sie sich in einer gewissen Weise immer wieder und wieder sagen: 
Eigentlich ist doch der schwache menschliche Verstand, sind die 
schwachen menschlichen Gefiihls- und Empfindungskrafte nicht hin- 
reichend, um das ungeheuer Bedeutungsvolle und Hefe dessen, was 
mit dem Mysterium von Golgatha geschehen ist, wirklich auszu- 
driicken. — Dieses Unvermogen, die hochsten Wahrheiten, an die 
man riihren mufi, wirklich auszudriicken, das ist es, was wie ein 
Zauberhauch durch die ersten christlichen Lehren geht. Und das ist 
es, was durch die Lektiire soldier Schriften eine gute Lehre einem 
selbst werden kann, auch in unserer Zeit. Man kann da lernen, in 
bezug auf die hochsten Wahrheiten eine gewisse Bescheidenheit zu 
pflegen, und man kommt dann dazu sich zu sagen, wenn man die 
notige Demut und Bescheidenheit in unserer Zeit gegeniiber dem hat, 
was ja an der Pforte einer neuen christlichen Epoche mehr zu erken- 



nen ist als in den ersten christlichen Jahrhunderten: Gewift, es wird 
mehr zu erkennen moglich sein, aber keiner, der es wagen will, heute 
uber die Mysterien des Christentums zu sprechen, sollte unbewufit 
bleiben iiber die Tatsache, dafi das, was wir heute zu sagen vermogen 
iiber die tiefsten Wahrheiten der Menschheitsentwickelung, in ver- 
haltnismafiig kurzer 2eit schon unvollkommen sein wird. Und weil 
wir nach und nach iiber gehen wollen zu einer tieferen Charakteristik 
des Christentums, so ist es notwendig, schon heute hervorzuheben, 
wie sich der Mensch in seinem Innern gegeniiber der geistigen "Welt 
zu benehmen hat, wenn er die Wahrheiten, die seit dem neunzehnten 
und dem Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts uns zustromen kon- 
nen, in sich aufnimmt oder gar verbreiten will. 

Da ist es notwendig, dafi, wenn man audi nicht viel redet iiber den 
Begriff der Gnade, man ihn praktisch aber sehr iibt. Und jeder 
Okkultist ist sich heute dariiber klar, dafi dieser Begriff der Gnade 
zu seiner inneren Lebenspraxis in einem ganz besonderen Grade 
gehoren mufi. Wie ist das gemeint? 

Das ist so gemeint, dafi man heute, ganz unabhangig von den 
Evangelien und jeder Uberlieferung, iiber die tiefsten Wahrheiten, 
insofern sie mit dem Christentum zusammenhangen, forschen kann. 
Dafi aber alles, was mit einer gewissen Erkenntnisbegierde verbunden 
ist, mit einer Sucht, so schnell als moglich zu einer gewissen Summe 
von Begriffen zu kommen, dafi alles das, wenn audi nicht in voll- 
standigen Irrtum, so doch ganz sicher in eine Entstellung der Wahr- 
heit hineinfuhren wird. Wer sich also sagen wiirde: Ich muft, da ich 
doch einmal okkultistisch vorbereitet bin, mir Aufkl'arung verschaf- 
fen, wie zum Beispiel die Paulus-Briefe oder das Matthaus-Evange- 
Hum in ihrem Inhalt zu erkennen sind, — wer das unternehmen 
wollte und glauben wiirde, er konne in einem gewissen Zeitpunkt 
damit fertig werden, der wird sich ganz gewift tauschen. Man kann 
diese Dokumente ja menschlich durchdringen, aber alles was gewufit 
werden kann, das kann heute nicht bekannt werden. Denn da gibt es 
ein goldenes Wort gerade fur den okkult Forschenden: Geduld haben 
und warten, bis nicht wir die "wahrheiten erfassen wollen durch uns, 
sondern bis sie zu uns kommen. So wird denn mancher an die 



Paulus-Briefe herantreten konnen und wird sich bereit fiihlen, dieses 
oder jenes zu erkennen, weil es ihm in der geistigen "Welt durcli sein 
geoffnetes Auge hereinfallt; wiirde er aber eine andere Stelle, viel- 
leicht daneben, in demselben Zeitpunkt gleich ergreifen wollen, so 
wiirde er es nicht konnen. Diese Begierde des Erkennens zu unter- 
driicken, ist notwendig fur die heutige Zeit. Man soli sich vielmehr 
sagen: Die Gnade hat mir eine gewisse Anzahl von Wahrheiten ge- 
bracht, und ich werde geduldig warten, bis weitere "Wahrheiten mir 
zustromen. Es ist heute wirklich ein gewisses passives Verhalten 
gegeniiber den Wahrheiten mehr notwendig als vielleicht vor zwanzig 
Jahren. Das ist aber notig, weil unsere Geistsinne erst ganz heran- 
reifen miissen, um die Wahrheiten in ihrer richtigen Gestalt in uns 
hereinzulassen. Das ist eine praktische Lehre in bezug auf die Er- 
forschung der geistigen Welten, besonders in ihrem Verhaltnis zu dem 
Christus-Ereignis. Es ist grundfalsch, wenn die Menschen glauben, 
ergreifen zu konnen, was ihnen in einer gewissen passiven Weise 
zustromen soil. Denn dessen miissen wir uns bewufit sein, dafi wir 
das, was wir sein sollen, doch nur sein konnen, insofern wir von den 
geistigen Machten gewiirdigt werden, dies oder jenes zu sein. Und 
alles, was wir tun konnen an Meditationen, Kontemplationen und 
so weiter, ist im Grunde genommen nur dazu da, um unsere Augen 
zu offnen, nicht, um die "Wahrheiten zu ergreifen, die zu uns kommen 
miissen, denen wir nicht nachlaufen diirfen. 

Unsere Zeit ist in einer gewissen Weise reif dafiir, dafi diejenigen, 
die durch Passivitat in ihrer Seelenentwickelung in dem charakteri- 
sierten Sinne eine hingebungsvolle Stimmung entwickeln — und mit 
einer anderen Stimmung kommt man nicht in die geistigen Welten 
hinein — , das vorhin Gesagte einsehen, das, was heute an die Spitze 
unserer Ausfiihrungen gestellt ist: dafi von der Tat auf Golgatha 
etwas ausgeflossen ist wie eine geistige Tropfensubstanz. Das einzu- 
sehen, sind heute die Seelen reif* Und wir hatten manches, was die 
neueren Zeiten gebracht haben, nicht, wenn nicht in dieser Art die 
Seelen heranreifen wollten. Ich brauche da nur auf eines aufmerksam 
zu machen: Wenn Richard Wagners Seele nicht herangereift ware in 
einer gewissen passiven Weise, wenn er das Mysterium von Golgatha, 



das Herausfliefien dessen, was heruntertropfte in die geistige Atmo- 
sphare der Erdenmenschheit, nicht in einer gewissen Weise geahnt 
hatte, so hatten wir nicht von ihm den «Parsifal» haben konnen. Man 
kann es lesen bei Richard Wagner da, wo er iiber die Bedeutung des 
Blutes Christi spricht. Und man kann viele soldier Geister in unserer 
Zeit finden, die uns zeigen, wie das, was in der Atmosphare schwebt, 
ergriffen wird von den Seelen, in die es hereindringt. 

Und Geisteswissenschaft ist aus dem Grunde da, weil in der Tat 
viele Seelen, mehr als sie selbst es wissen, heute die Moglichkeit 
haben, aus der geistigen Welt solche Einfliisse, wie sie geschildert 
worden sind, erlangen zu konnen; aber solche Seelen brauchen eine 
Erleichterung dazu durch das Verstandnis der geistigen Welt. Und im 
Grunde genommen findet sich niemand mit unreifem Herzen in die 
Geisteswissenschaft hinein, niemand, der nicht eine mehr oder weniger 
aufrichtige Sehnsucht hat, etwas von dem zu erkennen, was eben 
ausgefuhrt worden ist. Es kann ja sein, dafi manche auch durch 
Neugierde oder dergleichen in die geisteswissenschaftliche Bewegung 
hineingetrieben werden. Die aber, die mit aufrichtigem Herzen hin- 
eingetrieben werden, die fuhlen die Sehnsucht, ihre Seele zu offnen 
gegeniiber dem, was sich, von unserer Zeit angefangen, vorbereitet 
gegen die kiinfHge Epoche der Menschheitsentwickelung zu. Geistes- 
wissenschaft brauchen heute die Menschen aus dem Grunde, weil die 
Seelen wieder andere werden, als sie noch vor kurzem waren. So wie 
die Seelen eine grofie Umanderung erlitten haben in der Zeit, in die 
das Ereignis von Golgatha fiel, so werden sie wieder eine grofie 
Umanderung erleben in unserem Jahrtausend und in den spateren. 
Und das Entstehen der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft hangt damit zusammen, dafi die Seelen, wenn sie sich auch 
nicht dariiber klar bewufit sind, doch das dunkle Gefiihl haben, dafi 
so etwas in unserer Zeit vorgeht. Aus diesem Grunde ist das not- 
wendig geworden, womit gerade auf dem Boden anthroposophischer 
Entwickelung begonnen worden ist: eine gewisse Auseinandersetzung 
der Grundlagen der Evangelien. Und wenn Sie sich davon iiberzeugen 
konnen durch eine innerlich ehrliche Empfindung, dafi etwas Wahres 
an dem Christus-Ereignis ist, so wie es gestern dargestellt worden ist, 



so werden Sie begreiflich finden, was geschehen ist bei der Ausein- 
andersetzung der Evangelien: Sie werden namlich dann verstehen, 
dafi mit unserer anthroposophisdien Interpretation der Evangelien 
etwas getan worden ist, was sich sehr untersdieidet von alien anderen 
Evangelien-Auslegungen, wie sie in den verflossenen Jahrhunderten 
bis jetzt gepflogen worden sind. Denn wenn jemand die gedruckt 
vorliegenden Vortragszyklen in die Hand nimmt oder sidi an die 
Vortrage erinnert, die an die Evangelien ankniipfen, dann wird er 
sehen, dafi iiberall zuriickgegangen wurde auf wahre Bedeutungen, 
die nicht mehr herauskommen konnen, wenn man nur den heutigen 
Evangelientext zugrunde legt. 

Trivial gesprochen, heifit das nichts anderes als: Aus den heute 
bestehenden Obersetzungen der Evangelien kann der Mensch nicht 
mehr zu dem kommen, auf was die Evangelien eigentlich hinweisen 
wollen; denn sie sind in einer gewissen Weise, so wie sie heute beste- 
hen, nicht mehr durchaus zu brauchen. Was ist denn daher geschehen 
zu einer Erkl'arung des Christus-Ereignisses, und was mufi geschehen? 

Denen, die sich auf dem Wege der Geisteswissenschaft dem Ver- 
standnisse des Christus-Ereignisses nahern, mufi klar werden, daft 
diese Evangelien von Leuten geschrieben worden sind, welche geistig, 
mit geistigem Auge nach dem Christus-Ereignis hinschauen konnten; 
die also nicht eine aufierliche Biographie schreiben wollten, sondern 
die da die alten Emweihungsschriften nahmen — ausfiihrlicher sind 
diese Zusammenhange in meiner Schrift «Das Christentum als mysti- 
sche Tatsache» dargestellt — und darauf hinwiesen, wie das, was in 
den Hefen der Mysterien stattgefunden hatte, in dem Christus- 
Ereignis sich auf dem Plan der Geschichte durch den gottlichen Gang 
der Menschheitsentwickelung zugetragen hat. Was also im kleinen 
innerhalb der Mysterien geschehen ist mit dem Einzuweihenden, mit 
dem zu Initiierenden, das ist geschehen mit jener Wesenheit die wir 
den Christus nennen, ohne das, was fur die Menschen als Vor- 
bereitung dazu notwendig war, und ohne die Verborgenheit der 
Mysterien, auf dem groften Plan der "Weltgeschichte. Es hat sich 
abgespielt vor aller Augen, was nur fur die Augen der Mysterien- 
schiiler im tiefsten Heiligtum der Mysterien vorher zu erkennen war. 



Das ist wiederum etwas, was die ersten christlichen Lehrer mit 
scheuer Ehrfurcht empfunden haben. Wenn sie sich dann hinwandten 
zu dem, was die Evangelien sein sollten, o, dann entstand in den 
wahren, in den echten christlichen Lehrern das Gefiihl ihrer Un- 
wurdigkeit, um den wahren Kern und Sinn der Evangelien zu er- 
fassen. 

Aber dieselbe Tatsache hat audi etwas anderes herbeigefiihrt, 
was zusammenhangt mit der Notwendigkeit, heute die Evangelien 
so zu interpretieren, wie es innerhalb der anthroposophisch orien- 
tierten Geisteswissenschaft geschieht. Wenn Sie die Evangelienerkla- 
rungen verfolgt haben, wie sie hier gepflogen worden sind, so werden 
Sie bemerkt haben, dafi das, was die iiberlieferten Biicher der Evan- 
gelien geben, zunachst nicht zugrunde gelegt worden ist. Denn das, 
was die iiberlieferten Evangelienbiicher geben, wird zunachst als 
etwas durchaus Unzuverlassiges hingestellt. Dagegen wird zuriidt- 
gegriffen durch das Lesen der Akasha-Chronik auf die geistige Schrift, 
wie sie dargestellt ist von denen, die selber geistig lesen konnten. Und 
wenn dann auf irgendeine Stelle hingedeutet ist, dann erst wird in 
der betreffenden Erklarung der Satz der Uberlieferung betrachtet, 
wie er in den Biichern steht; und jetzt wird untersucht, ob und in- 
wiefern er iibereinstimmt mit der Gestalt, die aus der Akasha- 
Chronik wiederhergestellt werden kann. So mulS das Matthaus- 
Evangelium, das Markus-, das Lukas-Evangelium wiederhergestellt 
werden aus der Akasha-Chronik. Und erst das Abmessen der Uber- 
lieferung an den ursprunglichen Gestalten zeigt uns, daft dieses oder 
jenes so oder so gelesen werden mufi; und es mufi jede Uberlieferung, 
die sich nur auf den Buchstaben stiitzen kann, fehlgehen und in 
Irrtum verfallen. Die Evangelien miissen in Zukunft nicht nur erklart 
werden, sondern erst wieder in ihrer wahren, ursprunglichen Gestalt 
hergestellt werden. Wenn dann jemand den Blick wendet auf das, 
was da hergestellt wird, dann kann er nicht mehr sagen: das kann 
nun wahr sein oder nicht wahr sein — denn wenn nun die Uberein- 
stimmung gezeigt wird, so wird dadurch klar, wie uns das Lesen in 
der Akasha-Chronik erst wieder den richtigen Text der Evangelien 
gewahrleisten kann. Und dann werden die Evangelien wieder ein 



Beweis dafur, da£ das richtig ist, was da dem Budistaben nach ange- 
fiihrt ist. Das wurde an zahlreidien Stellen bereits gezeigt. Ein 
Beispiel dafur: 

Nehmen wir an, bei der Verurteilung des Christus Jesus wurde 
eine Frage an den Christus Jesus gestellt, zum Beispiel ob er ein 
Konig von Gott gesandt sei — oder was immer, und er antwortete 
dem Fragenden: «Du sagst es!» Nun wird jeder sagen miissen, wenn 
er ehrlich nachdenkt und nidit nach der Professorenmethode der 
Gegenwart die Evangelien erklaren will: eigentlich kann man mit 
dieser Antwort des Christus Jesus «Du sagst es!» keinen rechten Sinn 
verbinden, weder einen Gefiihlssinn noch einen Verstandessinn. Denn 
nehmen wir die Sache von der Gefuhlsseite, so miissen wir fragen, 
warum redet er so unbestimmt, dafi man gar nicht erkennen kann, 
was er damit andeuten will? «Du sagst es!» Will er sagen: «das ist 
richtig», so hat es gar keinen Sinn; denn die Worte des Fragenden 
wollen keine Behauptung aussprechen, sondern eine Frage. Wie kann 
also das eine sinn voile Antwort sein? Und wenn man die Sache von 
der Verstandesseite aus nimmt — wie kann man denken, dafi der, der 
da vorgestellt werden mufi im Besitze umfassender Weisheit, eine 
solche Formulierung seiner Antworten wahlt? Wenn aber diese Worte 
so hingestellt werden, wie sie in der Akasha-Chronik stehen, geben 
sie einen ganz anderen Sinn. Denn in der Akasha-Chronik steht nicht 
«Du sagst es», sondern dort heilk es: «Dies durftest nur du als 
Antwort geben !», das heifit, wenn wir es richtig verstehen: Auf deine 
Frage miifite ich eine Antwort geben, die memals der Mensch in bezug 
auf sich geben darf, sondern die nur der, welcher ihm gegeniibersteht, 
als Antwort geben kann. Ob es wahr ist oder nicht wahr ist, dariiber 
kann ich nicht sprechen; die Anerkennung dieser Wahrheit liegt nicht 
an mir, sondern an dir. Du mulk es sagen; dann hatte es einzig und 
allein eine Bedeutung! 

Nun konnen Sie sagen: Das kann wahr sein oder nicht wahr sein. — 
Gewift, wenn man abstrakt urteilen will, hatte man recht. Wenn 
man sich aber die ganze Szene ansieht und sich fragt: Kann ich das, 
was da steht, besser verstehen, wenn ich die Wiedergabe aus der 
Akasha-Chronik nehme?, so wird jeder einsehen, dafi er diese Szene 



tiberhaupt nur so verstehen kann. Und er wird sich dann audi sagen 
konnen, daft nur der letzte Hinsdireiber oder Obersetzer dieser Stelle 
die Sadie nicht mehr verstanden hatte, weil sie schwierig ist, und 
daher eine Ungenauigkeit hingesdirieben hat. Und wer da weift, wie 
viele Dinge in der Welt ungenau hingesdirieben werden, wird dann 
gar nicht mehr verwundert sein, daft wir es hier mit einer ungenauen 
Wiedergabe zu tun haben. Wie sollten wir also kein Recht haben, da, 
wo eine neue Epoche der Menschheit beginnt, die Evangelien wieder 
zuriickzufuhren auf die aus der Akasha-Chronik nachweisbare ur- 
sprungliche Gestalt? 

Wie es mit der ganzen Sadie war, zeigt sich deutlich — und das laftt 
sich sogar aufterlich historisch nachweisen — , wenn wir in dieser Be- 
ziehung das Matthaus-Evangelium*) betrachten. Wir brauchen uns da- 
zu nur auf die Geschichte zu besinnen. Sie konnen das Beste, was iiber 
die Entstehung des Matthaus-Evangeliums gesagt ist, schon im dritten 
Bande der «Geheimlehre» von H. P. Blavatsky lesen, die man nur 
richtig zu beurteilen und zu bewerten verstehen mufi. 

Es gibt einen gewissen Kirchenvater Hieronymus, der gegen das 
Ende der zweiten Halfte des vierten Jahrhunderts geschrieben hat. 
Aus dem, was er schreibt, erfahren wir, was durchaus durch die ge- 
heimwissenschaftliche Forschung zu bestatigen ist: daft das Matthaus- 
Evangelium ursprunglich hebraisch geschrieben war, und daft eigent- 
lich dieser Kirchenvater das Matthaus-Evangelium so bekommen hat, 
daft er in der Vorlage, die er noch zu sehen bekam, wir wiirden viel- 
leicht heute sagen in seiner Ausgabe, die urspriingliche Sprache dieses 
Evangeliums mit den noch zuganglichen hebraischen Lettern, aber 
nicht in der Sprache vor sich hatte, die als die hebraische damals 
iiblich war. Also etwa, wie wenn wir zum Beispiel ein Schillersches 
Gedicht mit griechischen Buchstaben schreiben wiirden, so wiirde das, 
was diesem Kirchenvater Hieronymus vorgelegen hat aus einer 
Sprache, in der das Matthaus-Evangelium urspriinglich verfaftt war, 
geschrieben gewesen sein — nicht mit den Buchstabenformen dieser 
Sprache, sondern mit anderen Buchstaben. Es hatte aber dieser 
Kirchenvater Hieronymus von seinem Bischof die Aufgabe bekom- 
men, das, was ihm als Matthaus-Evangelium vorlag, fur seine 



110 



siehe Hinweis auf S. 236 f. 



Christen zu iibersetzen. Bei dieser Obersetzung hat er sich nun hochst 
merkwurdig benommen. Erstens meinte er, es ware gefahrlich, dieses 
Matthaus-Evangelium so zu iibersetzen, wie es war; denn es stiinden 
Dinge darin, welche diejenigen, die es bisher als ihre heilige Schrift 
besessen hatten, vor der profanen Welt verbergen wollten. Und 
weiter meinte er, dafi dieses Evangelium, wenn er es so iibersetzen 
wiirde, statt Erbauung nur Zerstorung anrichten wiirde. Was tat also 
der Kirchenvater Hieronymus? Er lie£ die Dinge, die nadh seiner und 
nach der Kirchenanschauung der damaligen Zeit zerstorend wirken 
konnten, fort und ersetzte sie durch andere. Aber wir entnehmen 
noch mehr aus seinen Schriften, und das ist nun das, was das Bedenk- 
lichste an dem ganzen Vorgang ist: dafi namlich Hieronymus wufite, 
dafi nur der das Matthaus-Evangelium verstehen kann, der in gewisse 
geheime Dinge eingeweiht ist — und er bekannte audi, daft er nicht 
zu solchen gehdrte. Das heifk also, daft er zugab, das Matthaus- 
Evangelium nicht zu verstehen! Aber er iibersetzte es doch. So liegt 
uns also das Matthaus-Evangelium heute vor in der Zurichtung eines 
Menschen, der es nicht verstanden hat, der sich aber dann an diese 
Gestalt so gewohnt hat, dafi er nachher selber alles fiir Ketzerei 
erklart hat, was man iiber das Matthaus-Evangelium behauptete, 
wenn es nicht bei ihm stand! Das sind alles durchaus wahre Tatsachen. 

Nun ist das, was uns zunachst interessiert, und was wir hervor- 
heben miissen, das Folgende: Warum haben denn eigentlich die, 
welche sich vorzugsweise an das Matthaus-Evangelium gehalten ha- 
ben in den allerersten Zeiten des Christentums, dieses Matthaus- 
Evangelium nur solchen Menschen mitgeteilt, die in den geheimen 
Sinn gewisser Dinge eingeweiht waren? 

Zu verstehen, warum das geschehen ist, ist nur moglich, wenn man 
sich geisteswissenschaftlich ein wenig hineingefunden hat in den 
Charakter der Einweihung iiberhaupt. Diese Dinge sind ja auch ofter 
in diesem oder jenem Zusammenhange vor Ihnen besprochen worden, 
und namentlich das ist gesagt worden, daft die Einweihung — das 
heifit, wenn der Mensch durch sie zur Erlangung der hellseherischen 
Kraft kommt — den Menschen dazu fuhrt, gewisse Grundwahrheiten 
iiber die Welt in seinen Besitz zu bekommen. Diese Grundwahrheiten 



uber die Welt sind so, dafi sie fur das gewohnliche Bewufksein zu- 
nachst absurd erscheinen. Mit dem, was der Mensch im Alltag ein- 
sehen kann, verhalt es sich so, dafi den hochsten Wahrheiten gegen- 
iiber dieses gewohnliche Bewufksein nur sagen kann: Das ist paradox! 
Aber nicht nur das. Wenn die hochsten Wahrheiten, das heifk, jene 
Wahrheiten, die dem Eingeweihten zuganglich sind, dem einzelnen 
Menschen unvorbereitet bekannt wiirden, entweder indem er sie er- 
raten wiirde, was sogar in einem gewissen Falle moglich ware, oder 
wenn sie ihm im unvollkommenen Zustande mitgeteilt wiirden, so 
wiirden sie, selbst wenn es die elementarsten Wahrheiten waren, fur 
den Unvorbereiteten im hochsten Grade gefahrlich werden. Selbst 
wenn man das Reinste, das Hochste darstellen wiirde iiber die Welt, 
wiirde es zerstorend fiir ihn selbst und fiir seine Umgebung wirken. 
Und wer heute im Besitz der hochsten Wahrheiten ist, der weifi 
deshalb auch, dafi es nicht der Weg sein kann, zum Beispiel jemanden 
zu sich zu rufen und ihm die hochsten Geheimnisse der Welt mitzu- 
teilen. Was wirklich die hochsten Wahrheiten sind, kann nicht so 
mitgeteilt werden, dafi ein Mund es ausspricht und ein Ohr es hort, 
sondern der Weg, wie die hochsten Wahrheiten mitgeteilt werden 
konnten, ist der, dafi der Mensch, der ein Schiiler sein will, langsam 
und allmahlich vorbereitet wird, und dafi diese Vorbereitung so 
geschieht, dafi der letzte Abschlufi, die Mitteilung der Geheimnisse, 
nicht von Mund zu Ohr geschehen kann, sondern dafi in einem be- 
stimmten Zeitpunkt der Schiiler durch die Vorbereitung da anlangt, 
dafi vor ihm aufsteigt das Geheimnis — das Mysterium. So dafi es 
nicht ausgesprochen zu werden braucht von einem Munde, nicht gehort 
zu werden braucht von einem Ohr. Geboren werden mufi es in der 
Seele durch das, was zwischen Lehrer und Schiiler vorgegangen ist. 
Und ein Mittel, um einem Eingeweihten die letzten Dinge der Ge- 
heimnisse abzuringen, kann es nicht geben; denn niemand kann ge- 
zwungen werden — durch keine Mittel des physischen Planes — 
etwas von den hoheren Geheimnissen mit seinem Munde zu verraten. 
So sind eben die hoheren Geheimnisse. Und es ware auch so, dafi, 
wenn jemand das, was eben von der Seele geboren werden mufi als 
hohere Geheimnisse, in einem unreifen Zustande mitgeteilt erhielte 



durch den Mund des andern, daft es verhangnisvoll werden miifite 
audi fiir den andern; denn der Mitteiler wiirde fiir den Rest seiner 
Inkarnation ganz in die Gewalt des Horers gegeben sein. Das ist 
aber etwas, was nie eintreten kann, wenn der Lehrer nur vorbereitet, 
und der Schiiler die Wahrheiten aus der Seele heraus gebaren liiftt. 

Wenn man das weifi, begreift man audi, wo der Grund liegt, daft 
das ursprtingliche Matthaus-Evangelium nicht so ohne weiteres mit- 
geteilt werden konnte: weil die Menschen nicht reif war en fiir das, 
was darinnen stand. Denn wenn nicht einmal Hieronymus, der 
Kirchenvater, reif dafur war, so waren es die anderen erst redit 
nicht. Diejenigen, welche urspriinglich im Besitze dieser Mitteilungen 
waren, die Ebioniten, haben deshalb diese Dinge nicht einfach mit- 
geteilt; weil, von Unreifen aufgenommen, diese Dinge so verkehrt 
worden waren, daft sie eben zu dem hatten ftihren miissen, was der 
Kirchenvater Hieronymus nennt: es diene nicht zur Erbauung, son- 
dern zur Zerstorung. Nun hat es Hieronymus eingesehen, hat sich 
aber doch herbeigelassen, in einer gewissen Weise das Matthaus- 
Evangelium der "Welt mitzuteilen. Das heiftt also: diese Schrift ist in 
einer gewissen Weise doch mitgeteilt worden, und sie hat in der Welt 
gewirkt. Wenn wir uns jetzt umschauen, wie sie gewirkt hat, so 
miissen wir aus den okkulten Wahrheiten heraus manches verstandlich 
finden. Wer mochte denn, wenn er auf dem Boden des Okkultismus 
steht, irgendwie zugeben wollen, daft alle die Verfolgungen und so 
weiter in der christlichen Welt zusammenhangen konnten mit dem 
Prinzip des Christus Jesus selber? Wer miiftte denn, der auf dem 
Boden des Okkultismus steht, sich nicht sagen: da muft etwas ein- 
geflossen sein in die aufiere Entwickelung, was nicht im Sinne der 
christlichen Entwickelung liegen konnte? Kurz: da muft ein gewaltiges 
Miftverstandnis vorliegen. 

Wir haben gestern davon gesprochen, wie man auf dem Boden des 
Christentums sprechen muft zum Beispiel von Apollonius von Tyana, 
haben uns vorgestellt die Grofte und die Bedeutung des Apollonius 
von Tyana und haben ihn sogar einen Adepten genannt. Und wir 
haben dagegen, wenn wir die urspriinglidie christliche Literatur 
durchblattern, iiberall die Anklage gegen Apollonius von Tyana, als 



wenn er alles, was er getan hat, was er vollbracht hat, nur unter dem 
Einflufi des Teufels vollbracht hatte. Da haben wir etwas, was man 
eine Entstellung, nicht nur ein Mifiverstandnis der Persdnlichkeit und 
der Taten des Apollonius von Tyana nennen mufl. Das ist nur eines 
unter dem Vielen. Wir begreifen das nur, wenn wir einsehen, daft die 
Evangelien in einer Weise iiberliefert worden sind, die zu Mifiver- 
standnissen hat fiihren miissen, und daft wir gegenwartig auf dem 
Boden des Okkultismus die Aufgabe haben, zuriickzugehen zu dem 
wahren Sinn des Christentums, wogegen die erste Lehrzeit viele 
Fehler gemacht hat; und es wird uns begreiflich erscheinen, daft das 
Christentum seine nachste Epoche in einer andern Weise wird erleben 
miissen als seine fruheren Epochen. Auf der andern Seite ist gesagt 
worden, daft manches, was hier von diesem Ort gesprochen wird, 
eigentlich nur deshalb gesprochen werden kann, weil Menschen da 
sind, die mitgemacht haben unsere geisteswissenschaftliche Entwicke- 
lung der letzten Jahre, oder die den guten Willen haben, auf unsere 
geisteswissenschaftliche Entwickelung einzugehen, die die entsprechen- 
den Gefiihls- und Gemiitswerte in ihrer Seele haben, um das Mitge- 
teilte auf ihre Seele wirken zu lassen. Weil im Grunde genommen die 
Seelen zwischen dem Mysterium von Golgatha und der heutigen Zeit 
eine Inkarnation — mindestens eine — der Lehrzeit durchgemacht ha- 
ben, deshalb kann heute uber die Evangelien schon gesprochen werden, 
ohne daft die Furcht besteht, daft Unheil dadurch hervorgerufen wird. 

So sehen wir die eigentiimliche Tatsache, daft die Evangelien mit- 
geteilt werden mufiten, aber daft das Christentum nur in seiner 
unvollkommensten Gestalt begriffen werden konnte, und daft die 
Evangelien eine Methode der Forschung herausgefordert haben, durch 
die sich die Forschung nicht mehr auskennt in dem, was historisch ist 
oder nicht, und wodurch schliefilich auch alles abgeleugnet werden 
kann. Da wird das, was als die ursprungliche Gestalt zu schauen ist, 
in die Herzen und Seelen eintreten miissen; und das wird eine neue 
Kraft bilden miissen, damit das, was den Menschen jetzt entgegen- 
treten wird, aufgenommen werden kann von denen, die die Gescheh- 
nisse von der Taufe des Johannes bis zum Ereignis von Golgatha 
wiirdig haben empfinden konnen. 



So ist eine Interpretation des Christus-Ereignisses vora okkulten 
Standpunkte aus eine notwendige Vorbereitung fiir die Seelen, die in 
der nachsten Zukunft Neues erleben sollen, die mit neuen Fahigkeiten 
in die Welt hineinschauen sollen. Und die alte Gestalt der Evangelien 
wird ihren vollen Wert erst dadurch erhalten, dafi man sie lesen lernt 
durch das, was ihnen den vollen Wert erst gibt: an der Hand der 
Akasha-Chronik. Insbesondere wird die voile Bedeutung des Ereig- 
nisses von Golgatha nur durch die okkulte Forschung vollstandig 
dargelegt werden konnen. Was fiir die Menschenseelen aus diesem 
Ereignis folgen kann, das wird nur erkannt werden konnen, wenn 
man die urspriingliche Bedeutung dieses Ereignisses aus der okkulten 
Forschung heraus wird einsehen konnen. Dies stent uns, soweit es in 
einem kurzen Vortragszyklus geschehen kann, fiir die nachsten Tage 
bevor: hineinzuleuchten in alies, was die Menschenseele erleben kann 
unter dem Einflusse des Christus-Impulses in sich selber, um von da 
aus aufzusteigen zu einer Erkenntnis dessen, was in Palastina und 
auf Golgatha in einem tieferen Sinne noch, als wir es bisher sagen 
konnten, geschehen ist. 



FONFTER vortrag 

Karlsruhe, 9. Oktober 1911 



Wenn Sie bedenken, dafi aus unseren Vortragen hervorgegangen ist, 
dafi der Christus-Impuls als der tiefgehendste in den Entwickelungs- 
vorgangen der Menschheit angesehen werden mull, so werden Sie es 
ohne Zweifel audi selbstverstandlich finden, dafi einige Anstrengung 
unserer Geisteskrafte notwendig ist, um die voile Bedeutung und den 
ganzen Umfang dieses Christus-Impulses zu verstehen. Es ist ja gewifi 
in den weitesten Kreisen die Unart vorhanden, dafi man sagt, was 
das Hodiste in der "Welt sei, miisse in der allereinfachsten Weise zu 
begreifen sein; und wenn jemand iiber die Quellen des Daseins 
kompliziert zu sprechen gezwungen ware, miisse man dies schon aus 
dem Grunde ablehnen, weil der Satz gel ten miisse: die Wahrheit 
mufi einfach sein. Zuletzt ist sie ja audi gewifi einfach. Aber wenn 
wir das Hochste kennenlernen wollen auf einer gewissen Stufe, so 
ist es unschwer einzusehen, dafi wir erst einen Weg madien miissen, 
um das Hodiste zu begreifen. Und so werden wir wieder mancherlei 
zusammentragen miissen, um uns von einem bestimmten Gesichts- 
punkte aus hineinzufinden in die ganze Grofie und die ganze Bedeu- 
tung des Christus-Impulses. 

Wir brauchen nur die Briefe des Paulus aufzuschlagen und wir 
werden bald finden, dafi Paulus — von dem wir ja wissen, dafi er 
versuchte, gerade das Obersinnliche der Christus-Wesenheit der 
Menschenbildung einzuverleiben — dafi Paulus zum Begriffe, zur 
Idee des Christus sozusagen die ganze Mensdiheitsentwickelung heran- 
gezogen hat. Allerdings ist es ja so, wenn wir die Briefe des Paulus 
auf uns wirken lassen, dafi wir zuletzt etwas vor uns haben, was 
durch seine ungeheuere Einfachheit und durch das tief Eindringliche 
der Worte und Satze einen allerbedeutsamsten Eindruck macht. Aber 
nur aus dem Grunde ist das der Fall, weil Paulus selbst durch seine 
eigene Initiation sich hinaufgearbeitet hat zu jener Einfachheit, die 
nicht der Ausgangspunkt des Wahren, sondern die Konsequenz, das 
Ziel des Wahren sein kann. Wenn wir nun eindringen wollen in das, 



was zuletzt bei Paulus von der Christus-Wesenheit mit wunderbar 
monumental einfachen Wbrten zum Ausdruck kommt, so werden wir 
sdion in unserer geisteswissenschaftlichen Art uns nahern mussen 
einem Verstandnis der menschlidien Natur, zu deren Fortentwicke- 
lung innerhalb der Erde der Christus-Impuls ja gekommen ist. 

Betrachten wir deshalb, was wir schon wissen iiber die menscblidie 
Natur, wie sie uns fiir den okkulten Blick entgegentritt! Da teilen 
wir ja das menschliche Leben in jene zwei Glieder, die wir betrachten 
in bezug auf die zeitlichen Ablaufe: die Zeit zwischen der Geburt 
oder der Empfangnis und dem Tod, und jene Zeit, welche ablauft 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wenn wir zunachst den 
Menschen vor uns hinstellen, wie er im physischen Leben vor uns 
steht, so wissen wir, dafi ihn der okkulte Blick als eine Yierheit sieht, 
aber als eine Vierheit, die in Entwickelung begriffen ist, als den 
physischen Leib, den Atherleib, den astralischen Leib und das Ich. 
Und wir wissen, dafi wir uns zum Verstandnis der menschlichen Ent- 
wickelung bekanntmachen mussen mit der okkulten Wahrheit, dafi 
dieses Ich — das wir gewahr werden in den Gefuhlen und Empfin- 
dungen, wenn wir einfach von der Auftenwelt absehen und in uns 
selber zu leben versuchen — dafi dieses Ich fiir den okkulten Blick 
von Inkarnation zu Inkarnation geht. Wir wissen aber auch, dafi 
dieses Ich gleichsam umhullt ist — obwohl «umhiillt» kein guter 
Ausdruck ist, aber wir konnen ihn zunachst gebrauchen — von den 
drei andern Gliedern der menschlichen Natur, dem Astralleib, Ather- 
leib und physischen Leib. Von dem Astralleib wissen wir, dafi er in 
einer gewissen Beziehung ein Begleiter des Ich durch die verschiedenen 
Inkarnationen hindurch ist. Wenn auch wahrend der Kamaloka-Zeit 
vieles von dem Astralleib ausgeschieden werden mufi, so bleibt uns 
doch dieser Astralleib durch die Inkarnationen hindurch als eine Art 
von Kraftleib, der zusammenhalt, was wir in uns an moralischem, 
intellektuellem und asthetischem Fortschritt innerhalb einer Inkar- 
nation aufgespeichert haben. Was wirklicher Fortschritt ist, das wird 
zusammengehalten durch die Kraft des Astralleibes, von einer Inkar- 
nation in die andere hineingetragen und gleichsam zusammengefugt 
mit dem Ich, das als das Grund-Ewige in uns von Inkarnation zu 



Inkarnation geht. Und weiter wissen wir, daft vom Atherleib zwar 
sehr viel abgestreift wird unmittelbar nach dem Tode, daft aber doch 
ein Extrakt dieses Ather- oder atherischen Leibes uns bleibt, den wir 
mitnehmen von einer Inkarnation in die andere hinein. Es ist das ja 
so, daft wir in den ersten Tagen unmittelbar nach dem Tode eine Art 
Riickschau haben, wie ein groftes Tableau, auf unser bisheriges Leben, 
und daft wir die Zusammenfassung dieser Riickschau — den Extrakt 
— als atherisches Resultat mit uns nehmen. Das Ubrige des Ather- 
leibes wird der allgemeinen Atherwelt iibergeben in der einen oder 
andern Form, je nach der Entwickelung des betreffenden Menschen. 
Wenn wir nach dem vierten Gliede der menschlichen Wesenheit, nach 
dem physischen Leibe unser Auge richten, so sieht es zunachst so aus, 
als ob dieser physische Leib einfach in der physischen "Welt ver- 
schwande. Das kann ja geradezu auch, man mochte sagen, aufterlich 
in der physischen Welt nachgewiesen werden; denn dieser physische 
Leib wird in der einen oder andern Weise seiner Auflosung, fur den 
aufteren Anblick, zugefiihrt. Die Frage ist nur die — und ein jeder, 
der sich mit Geisteswissenschaft beschaftigt, sollte sie sich stellen: Ist 
vielleicht alles, was uns die auftere physische Erkenntnis auch iiber 
die Schicksale unseres physischen Leibes sagen kann, Maja? Und die 
Antwort liegt eigentlich nicht so fern fiir den, der angefangen hat die 
Geisteswissenschaft zu verstehen. Wenn man angefangen hat, die 
Geisteswissenschaft zu verstehen, so sagt man sich: Alles, was der 
Sinnenschein bietet, ist Maja, ist auftere Illusion. Wie kann man da 
noch erwarten, daft es wirklich wahr ist, wenn es sich auch noch so 
grob aufdrangt, daft der physische Leib, wenn er dem Grabe oder 
dem Feuer iibergeben wird, spurlos verschwindet? Vielleicht verbirgt 
sich gerade hinter der aufteren Maja, die sich fiir den Sinnenschein 
aufdrangt, etwas viel Tieferes! 

Aber wir wollen noch etwas weiter gehen: Bedenken Sie, dafi wir, 
um die Erdentwickelung zu verstehen, die friiheren Verkorperungen 
unseres Planeten kennen miissen; daft wir die Saturn-, die Sonnen- 
und die Mondverkorperung der Erde studieren miissen. Wir miissen 
sagen: Wie jeder einzelne Mensch, so hat auch die Erde ihre Ver- 
korperungen durchgemacht, und das, was unser physischer Leib ist, 



das ist vorbereitet worden in der menschlichen Evolution seit der 
Saturnzeit der Erde. Wahrend von unserem Atherleib, Astralleib und 
Ich in dem heutigen Sinne zur alten Saturnzeit noch gar nicht ge- 
sprochen werden kann, wird der Keim zum physischen Leibe schon 
wahrend der Saturnzeit gelegt, wird gleichsam der Evolution ein- 
verleibt. 'Wahrend der Sonnenzeit der Erde wird dieser Keim ura- 
gestaltet; ihm wird dann in der umgestalteten Form der Atherleib 
einverleibt. Wahrend der Mondenzeit der Erde wird wieder der 
physische Leib umgestaltet und ihm einverleibt — neben dem Ather- 
leib, der auch in umgeanderter Form wieder herauskommt — der 
Astralleib. Und wahrend der Erdenzeit wird ihm das Ich einverleibt. 
Und nun miifiten wir also, wenn der Sinnenschein richtig ware, sagen, 
dafi das, was uns wahrend der Saturnzeit einverleibt worden ist, 
unser physischer Leib, einfach verwest oder verbrennt und in den 
aufieren Elementen aufgeht, nachdem Jahrmillionen und aber Jahr- 
millionen hindurch, wahrend der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit 
die bedeutendsten Anstrengungen ubermenschlicher, das heifit gott- 
lich-geistiger Wesen gemacht worden sind, um diesen physischen Leib 
herzustellen! Wir hatten also die sehr merkwiirdige Tatsache vor uns, 
dafi durch vier, oder meinetwillen durch drei planetarische Stufen 
hindurch, Saturn, Sonne, Mond, eine ganze Gotterschar arbeitet an 
der Herstellung eines Weltelementes, wie es unser physischer Leib ist, 
und dieses Weltelement ware dazu bestimmt, wahrend der Erdenzeit 
jedesmal zu verschwinden, wenn ein Mensch stirbt. Es ware ein son- 
derbares Schauspiel, wenn Maja — und ein anderes weifi ja die aufiere 
Beobachtung da nicht — ■ recht hatte. 

Nun fragen wir uns: Kann Maja recht haben? 

Zunachst scheint es ja allerdings, als wenn fiir diesen Fall die 
okkulte Erkenntnis der Maja recht gabe; denn sonderbarerweise 
scheint die okkulte Beobachtung in diesem Falle mit der Maja iiber- 
einzustimmen. Wenn Sie durchgehen, was uns von der Geist-Erkennt- 
nis geschildert wird als die Entwickelung des Menschen nach dem Tode, 
so wird in der Tat bei dieser Schilderung zunachst auf den physischen 
Leib kaum Riicksicht genommen. Es wird erz'ahlt: der physische Leib 
wird abgeworfen, wird iibergeben den Elementen der Erde. Dann 



wird erzahlt von dem Atherleib, von dem Astralleib, von dem Ich, 
und der physische Leib wird weiter nicht beriicksichtigt, und es 
scheint, als ob durch das Schweigen der Geist-Erkenntnis der Maja- 
Erkenntnis recht gegeben ware. So scheint es. Und es ist in einer 
gewissen Weise von der Geisteswissenschaft berechtigt, so zu sprechen, 
aus dem einfachen Grunde, weil alles Weitere iiberlassen werden mufi 
der tieferen Begriindung der Christologie. Denn iiber das, was in bezug 
auf den physischen Leib iiber Maja hinausgeht, konnen wir gar nicht 
riditig sprechen, ohne dafi vorher der Christus-Impuls und alles, was 
damit zusammenhangt, einmal in geniigender Weise erklart wird. 

Wenn wir diesen physischen Leib zunachst einmal so betrachten, 
wie er in einem entscheidenden Momente vor dem Bewufitsein der 
Menschen dagestanden hat, so ergibt sich uns etwas ganz Merk- 
wiirdiges. Und da wollen wir einmal bei drei Volkerbewulkseins- 
arten, bei drei verschiedenen Formen des menschlichen Bewufitseins 
Anfrage halten, welches Bewulksein man gehabt hat gerade in einer 
entscheidenden Epoche der Menschheitsentwickelung iiber alles, was 
mit unserem physischen Leibe zusammenhangt. Fragen wir zunachst 
einmal bei den Griechen an! 

"Wir wissen, dafi die Griechen jenes bedeutsame Volk sind, das in 
der vierten nachatlantischen Kulturepoche seine richtige Entwicke- 
iungszeit hatte. Wir wissen, dafi diese vierte nachatlantische Kultur- 
epoche fur uns zu beginnen hat etwa mit der Zeit des siebenten, 
achten, neunten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, und dafi sie 
endet im dreizehnten, vierzehnten, fiinfzehnten Jahrhundert unserer 
Zeitrechnung, nach dem Ereignisse von Palastina. Wir konnen ja audi 
leicht aus den aufteren Mitteilungen, Oberlieferungen und Urkunden 
gerade in bezug auf diesen Zeitraum das, was eben gesagt worden 
ist, durchaus rechtfertigen. Wir sehen, daft die ersten, dammerhaft 
klaren Nachrichten iiber das Griechentum kaum hinaufreichen iiber 
das sechste, siebente Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, wahrend 
sagenhafte Nachrichten herunterkommen von noch friiheren Zeiten 
her. Wir wissen aber audi, dafi das, was die Grofie der historischen 
Zeit des Griechentums ausmacht, noch hereinreicht aus der vorher- 
gehenden Zeit, wo man es also dann mit der dritten nachatlantischen 



Kulturepoche audi im Griedientum zu tun hatte. So reichen Homers 
Inspirationen hinein in den Zeitraum, der dem vierten nachatlan- 
tischen Zeitraum voranging; und Aeschylos, der so friih gelebt hat, 
dafi eine Anzahl von seinen Werken ganz verlorengegangen ist, weist 
uns zuriick auf die Mysteriendramatik, wovon er nur einen Nach- 
klang bietet. So ragt herein die dritte nachatlantische Kulturperiode 
in das Griechenzeitalter; aber die vierte nachatlantische Kultur- 
periode kommt im Griechenzeitalter voll zum Ausdruck. Und wir 
miissen sagen: die wunderbare Griechenkultur ist der reinste Aus- 
druck des vierten nachatlantischen Kulturzeitalters. Da tont uns denn 
ein merkwiirdiges "Wort aus diesem Griechentum herauf , ein Wort, das 
uns tief in die Seele desjenigen Menschen hineinschauen lafit, der ganz 
griechisch fuhlte, das Wort des Heros: Lieber ein Bettler sein in der 
Oberwelt, als ein Konig im Reiche der Schatten! — Das ist ein Wort, 
das tiefe, tiefe Empfindungen der Griechenseele verrat. Man mochte 
sagen: Alles was uns auf der einen Seite erhalten ist aus der griechi- 
schen Zeit von klassischer Schonheit und klassischer Grofie, von Aus- 
gestaltung des Menschheitsideales in der Aufienwelt, das alles tont 
uns in einer gewissen Weise aus diesem Wbrte heraus. Da gedenken 
wir, wenn wir des Griechentums gedenken, jener wunderbaren Aus- 
bildung des menschlichen Leibes in der griechischen Gymnastik, in 
den grofien griechischen Wettspielen, welche karikaturenhaft in der 
Gegenwart nur ein solcher Mensch nachahmt, der nichts versteht von 
dem, was das Griechentum wirklich war. Dafi eine jegliche Zeit ihre 
eigenen Ideale haben mufi, das mufi man berucksichtigen, wenn man 
verstehen will, wie diese Ausbildung des aufieren physischen Leibes, 
so wie er dasteht in seiner Form auf dem physischen Plan, ein beson- 
deres Privileg des griechischen Geistes war; und wie weiterhin die 
Auspragung des plastischen Kunstideals des Menschen, diese Steige- 
rung der aufieren Menschengestalt in der Plastik, wieder ein Privileg 
des Griechentums sein mulke. Und wenn wir dazu die Ausgestaltung 
des menschlichen Bewufitseins ansehen, wie es zum Beispiel einen 
Perikles beherrschte, wo der Mensch auf der einen Seite nach dem 
allgemeinen Menschlichen sah und auf der anderen Seite wieder ganz 
auf seinen Fufien stand und sich wie ein Herr und Konig auf dem 



Erdboden innerhalb seines Stadtgebietes fiihlte, — wenn wir alles 
das auf uns wirken lassen, dann miissen wir sagen: Die eigentliche 
Liebe war zugewendet der menschlichen Form, wie sie vor uns da- 
stand auf dem physisdien Plan, und audi die Asthetik war zugewen- 
det der Ausgestaltung dieser Form. Wb man so liebte und so das 
verstand, was vom Menschen auf dem physischen Plane stent, da 
konnte man sich audi dem Gedanken hingeben: Wenn das, was dem 
Menschen diese schone Form auf dem physischen Plane gibt, abge- 
nommen wird der menschlichen Natur, dann bleibt ein Rest, den man 
nicht so hoch schatzen kann wie das, was einem im Tode genommen 
wird! Diese hochste Liebe zur aufieren Form fiihrte notwendig dazu, 
mit einem pessimistischen Blick anzuschauen, was vom Menschen 
ubrig bleibt, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist. Und 
wir konnen es an der griechischen Seele voll verstehen, dafi dasselbe 
Auge, das mit so grofier Liebe auf die aufiere Form blickte, sich 
traurig fiihlte, wenn die Seele denken mufite: Diese Form wird weg- 
genommen der menschlichen Individualitat, und die menschliche In- 
dividualitat lebt ohne diese Form weiter! Nehmen wir das, was so 
sich zugetragen hat, zunachst nur in dieser gefuhlsartigen Weise, dann 
miissen wir sagen: Wir haben im Griechentum dasjenige Menschen- 
tum, das die aufiere Form des physischen Leibes am meisten liebte 
und schatzte und alle Traurigkeit durchmachte, die bei seinem Unter- 
gange im Tode durchgemacht werden konnte. 

Und jetzt betrachten wir ein anderes Bewulksein, das sich ungefahr 
zur selben Zeit entwickelte. Betrachten wir einmal das Buddha- 
Bewufitsein, das dann von Buddha in seine Bekenner iibergegangen 
ist. Da haben wir ungefahr das Gegenteil des Griechentums vor uns. 
Wir brauchen uns ja nur des einen zu erinnern: der Nerv der vier 
grofien Wahrheiten des Buddha ist ja damit gegeben, dafi gesagt wird, 
die menschliche Individualitat wird in dieses Dasein, in dem es um- 
schlossen ist von der aufieren physischen Form, durch die Begierde 
zum Dasein hereingebracht. In was fur ein Dasein? In ein Dasein, 
dem gegeniiber die Buddha-Lehre sagen mufi: Geburt ist Leiden, 
Krankheit ist Leiden, Alter ist Leiden, Tod ist Leiden! Es liegt in 
diesem Nerv des Buddhismus, sich zu sagen: Durch alles, wodurch 



wir umschlossen werden von einer aufieren korperlichen Hiille, wird 
unsere Individualitat, die aus gottlich geistigen Hohen herabkommt 
mit der Geburt, und die wieder hinaufgeht in gottliche Hohen, wenn 
der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, durch alles das wird 
diese Individualitat dem Schmerz des Daseins, dem Leid des Daseins 
ausgeliefert; und es kann im Grunde genommen nur ein Heil geben 
fur den Menschen, das in den vier grofien heiligen Wahrheiten des 
Buddha ausgednickt wird, um frei zu werden von dem aufieren 
Dasein, abzuwerfen die aufiere Hiille, das heifit: soweit die Indivi- 
dualitat umzugestalten, daft sie baldmoglichst in der Lage ist, alles 
abzuwerfen, was aufiere Hiille ist. Wir merken also: hier ist die um- 
gekehrte Empfindung tatig von dem, wie der Grieche empfand. Eben- 
so stark, wie der Grieche geliebt und geschatzt hat die aufiere korper- 
liche Hiille und traurig empfunden hat das Abwerfen dieser korper- 
lichen Hiille, ebenso gering schatzte der Buddha-Bekenner diese 
korperliche Hiille und betrachtete sie als das, was so schnell als 
moglich abgeworfen werden mufi. Und damit war verbunden, daft 
der Drang nach Dasein, das von einer aufieren Korperhiille um- 
schlossen ist, bekampft wird. 

Und jetzt gehen wir noch ein wenig tiefer gerade in diese Buddha- 
Gedanken ein. Da tritt uns entgegen, was im Buddhismus als eine 
Art theoretischer Anschauung vorhanden ist iiber die aufeinander- 
folgenden Inkarnationen des Menschen. Es handelt sich dabei nun 
weniger darum, was der einzelne denkt iiber die Theorie des Buddha, 
als um das, was in das Bewuiksein der buddhistischen Bekenner ein- 
gedrungen ist. Das habe ich auch schon ofter charakterisiert. Ich habe 
gesagt: Man hat vielleicht keine bessere Gelegenheit, nachzufuhlen, 
was ein Bekenner des Buddhismus fiihlen mufite gegenuber den fort- 
laufenden Inkarnationen des Menschen, als wenn man sich vertieft in 
jene Rede, welche uns iiberliefert ist als die Rede des Konigs Milinda 
mit einem buddhistischen Weisen. Da wird der Konig Milinda von 
dem buddhistischen Weisen Nagasena daruber belehrt, dafi, wenn er 
zu Wagen gekommen sei, er bedenken solle, ob der Wagen aufSer den 
Radern, der Deichsel, dem Wagenkasten, dem Sitz und so weiter 
noch irgend etwas habe. «Bist du gekommen in deinem Wagen, so 



bedenke, o grofier Konig », sagt der Weise Nagasena zum Konig, «dall 
alles, was du im Wagen vor dir hast, nichts anderes ist als die Rader, 
die Deichsel, der Wagenkasten, der Sitz — und nichts ist aufierdem 
vorhanden als ein Wort, das zusammenfaftt die Rader, Deidisel, 
Wagenkasten, Sitz und so weiter. Du kannst also nicht von einer 
besonderen Individualist des Wagens sprechen; sondern du mufit dir 
klar sein, daft Wagen ein leeres Wort ist, wenn du an etwas anderes 
denkst als an seine Teile, seine Glieder.» Und noch ein anderes 
Gleichnis wahlt Nagasena, der Weise, dem Konig Milinda gegeniiber. 
«Betrachte die Mandelfrucht, die auf dem Baume wachst», sagte er, 
«und bedenke, dafi aus einer anderen Frucht ein Same genommen ist, 
der in die Erde gelegt und verfault ist; daraus ist der Baum gewach- 
sen und darauf die Mandelfrucht. Kannst du sagen, daft die Frucht 
auf dem Baume etwas anderes gemeinsam hat als Name und aufiere 
Form mit jener Frucht, die als Same genommen, in die Erde gelegt 
und verfault ist?» — So viel, will Nagasena sagen, hat der Mensch 
gemeinsam mit dem Menschen seiner vorhergehenden Inkarnation, 
wie die Mandelfrucht auf dem Baume mit der Mandelfrucht, die als 
Same in die Erde gelegt ist; und wer da glaubt, daft das, was als 
Mensch vor uns steht, was mit dem Tode hinweggeweht wird, irgend 
etwas anderes sei als Name und Form, der glaubt etwas ebenso 
Falsches als der, der da glaubt, dafi in dem Wagen — in dem Namen 
Wagen — etwas anderes enthalten ist als die Teile des Wagens: 
Rader, Deichsel und so weiter. Von der vorherigen Inkarnation geht 
in die neue Inkarnation nicht so etwas iiber, wie es der Mensch mit 
seinem Ich benennt. 

Das ist wichtig! Und es ist immer wieder und wieder zu betonen: 
es kommt nicht darauf an, wie es dem einen oder dem anderen 
einfallt, dieses oder jenes Wort Buddhas zu interpretieren, sondern 
wie der Buddhismus im Bewufitsein der Bevolkerung gewirkt hat, 
was er den Seelen gegeben hat! Und was er den Seelen gegeben hat, 
das ist eben ungeheuer klar und bedeutsam mit diesem Gleichnis aus- 
gedriickt, das uns von dem Konig Milinda und dem buddhistischen 
Weisen uberliefert ist. Was wir das Ich nennen, und wovon wir 
sagen, daft es gefiihlt und empfunden wird zunachst vom Menschen, 



wenn er auf sein Inneres reflektiert, von dem sagt der Buddhist: Es 
ist im Grunde genommen etwas, was dahinflielk, und was der Maja 
angehort, ebenso wie alles andere, was nicht von einer Inkarnation 
in die andere geht. 

Ich habe schon einmal erwahnt: ein christHcher Weiser, der zu 
parallelisieren ware mit dem buddhistischen Weisen, wiirde anders zu 
dem Konig Milinda gesprochenhaben. Der buddhistische Weisesagtezu 
dem Konig: Betrachte dir den Wagen! Rader, Deichsel und so weiter, 
das sind die Teile des Wagens, und iiber diese Teile hinaus ist « Wagen » 
nur Name und Form. Du hast nichts Reales gegeben in dem Wagen 
mit dem Namen Wagen; sondern wenn du zum Realen gehen willst, 
mujftt du die Teile nennen. — - Der christliche Weise wiirde iiber den- 
selben Fall in folgender Art gesprochen haben: O weiser Konig 
Milinda, du bist zu Wagen gekommen. Sieh dir an den Wagen: du 
kannst an dem Wagen nur sehen die Rader, die Deichsel, den Wagen- 
kasten und so weiter. Aber ich frage dich einmal: Kannst du mit den 
blofien Radern hierher fahren?, kannst du mit der blofien Deichsel 
hierher fahren?, kannst du mit dem blofien Sitz hierher fahren? und 
so weiter. Du kannst also auf alien Teilen nicht hierher fahren! Sofern 
sie Teile sind, machen sie den Wagen; aber auf den Teilen kannst du 
nicht hierherkommen. Wenn aber die Teile zusammen den Wagen 
ausmachen, so ist noch etwas anderes notwendig, als dafi sie Teile 
sind. Das ist zunachst fur den Wagen der ganz bestimmte Gedanke, 
der Rader, Deichsel, Wagenkasten und so weiter zusammenfugt. Und 
der Gedanke des Wagens ist etwas ganz Notwendiges, was du zwar 
nicht sehen kannst, was du aber darum doch anerkennen mufit! — Und 
der Weise wiirde dann iiber gehen auf den Menschen und sagen: Von 
dem einzelnen Menschen kannst du nur sehen den aufieren Leib, die 
aufieren Taten und die aufieren seelischen Erlebnisse; du siehst aber 
an dem Menschen so wenig sein Ich, wie du den Namen Wagen an 
seinen einzelnen Teilen siehst. Aber wie etwas ganz anderes in den Tei- 
len begriindet ist, — namlich das, was dich hierher fahren laftt, so ist 
auch beim Menschen in alien seinen Teilen etwas ganz anderes begriin- 
det, namlich das, was das Ich ausmacht. Das Ich ist etwas Reales, was 
als ein Ubersinnliches von Inkarnation zu Inkarnation geht. 



Wie miissen wir uns etwa das Schema der buddhistischen Rein- 
karnationslehre denken, wenn es entsprechend der blofi buddhisti- 
schen Theorie dargestellt werden soil? 

A 




Mit dem Kreis wollen wir zeichnen die Erscheinung eines Menschen 
zwischen Geburt und Tod. Der Mensch stirbt. Der Zeitpunkt seines 
Sterbens sei mit der Linie AB angedeutet. Was bleibt nun iibrig von 
allem, das in das gegenwartige Dasein zwischen Geburt und Tod hin- 
eingebannt ist? Eine Summe von Ursachen, die Ergebnisse der Taten, 
alles was der Mensch Gutes oder Boses, Schones oder HafSliches, Ge- 
scheites oder Dummes getan hat, bleibt iibrig. Was da iibrig bleibt, 
wirkt als Ursachen weiter und bildet einen Ursachenkern C fur die 




r 



f/ /t 



f i'/ / 
'n, f 

//// rtfr""////"""""' 

i 1 1 I I ' ' ' ' t t f I ' /f/'t/ I til/'" 

'// / / / ft//////'/(//// / ///(//I/""- 



'''/'„/""' 



\ 

/// / // , / //// 

y i * / 1 ni a i ti> 
///////// 



nachste Inkarnation. Da herum gliedern sich in der nachsten Inkarna- 
tion D neue Leibeshullen; die erleben neue Tatsachen, neue Erlebnisse 
gemafi diesem friiheren Ursachenkern. Es bleibt dann von diesen Er- 
lebnissen und so weiter wieder ein Kern von Ursachen E fur die fol- 
gende Inkarnation, die das, was von der friiheren Inkarnjation in sie 



hereinragt, umschlieften kann, und das dann mit dem, was als etwas 
ganz Selbstandiges wahrend dieser Inkarnation hinzukommt, wieder 
den Ursachenkern fur die nachste Inkarnation bildet und so fort. 
Das heifit: es erschopft sich das, was durch die Inkarnationen hindurch- 
geht, in Ursachen und Wirkungen, die, ohne dafi ein gemeinschaftliches 
Ich die Inkarnationen zusammenhalt, von einer Inkarnation in die an- 
dere hiniiberwirken.Wenn ich mich also in dieser Inkarnation mit «Ich» 
nenne, ist das nicht aus dem Grunde, weil dasselbe Ich auch in der vor- 
hergehenden Inkarnation da war, dennvon der vorherigen Inkarnation 
ist nur das vorhanden, was die karmischen Resultate sind, und was ich 
mein Ich nenne, ist nur eine Maja der gegenwartigen Reinkarnation. 

Wer den Buddhismus wirklich kennt, mufi ihn in dieser Weise 
darstellen; und er mufi sich klar sein, dafi das, was wir das Ich nennen, 
gar keinen Platz hat innerhalb des Buddhismus. 

Nun gehen wir aber zu dem, was wir wissen aus der anthro- 
posophischen Erkenntnis: Wodurch ist denn der Mensch iiberhaupt 
imstande geworden sein Ich auszubilden? Durch die Erdenentwicke- 
lung! Und erst im Laufe der Erdenentwickelung ist der Mensch dazu 
gekommen, sein Ich auszubilden. Es kam hinzu zu seinem physischen 
Leib, Atherleib und Astralleib auf der Erde sein Ich. Nun wissen 
wir, wenn wir uns erinnern an alles, was wir zu sagen hatten iiber 
die Entwickelungsphasen des Menschen wahrend der Saturn-, Son- 
nen- und Mondenzeit, dafi noch wahrend der Mondenzeit der 
menschliche physische Korper eine ganz bestimmte Form nicht hatte, 
dafi er erst auf der Erde diese Form erhalten hat. Daher sprechen wir 
auch von dem Erdendasein als derjenigen Epoche, in welcher die 
Geister der Form erst eingriffen und den physischen Leib des Men- 
schen so umgestalteten, dafi er jetzt seine Form hat. Diese Formung 
des menschlichen physischen Leibes war aber notwendig, damit das Ich 
Platz greifen konnte im Menschen, damit das, was als physischer Er- 
denleib geformt der physischen Erde gegenubersteht, die Grundlage 
bietet fur die Entstehung des Ich, wie wir es kennen. Wenn wir das be- 
denken, wird uns das Folgende nicht mehr unbegreiflich erscheinen. 

Wir haben in bezug auf die Schatzung des Ich bei den Griechen 
davon gesprochen, dafi dieses Ich seinen aufieren Ausdruck in der 



aufieren Menschenform findet. Gehen wir jetzt zum Buddhismus 
iiber, und erinnern wir uns, daft der Buddhismus mit seiner Erkennt- 
nis die aufiere Form des mensclilidien physischen Leibes moglichst 
rasdi abwerfen und Uberwinden will. Konnen wir uns da noch ver- 
wundern, dajR wir bei ihm keine Schatzung dessen finden, was mit 
dieser Form des physischen Leibes zusammenhangt? So wenig, wie 
aus dem innersten Nerv des Buddhismus heraus die aufiere Form des 
physischen Leibes geschatzt wird, so wenig wird die auflere Form, die 
das Ich braucht, um zum Dasein zu kommen, geschatzt, — ja, sogar 
vollstandig abgelehnt. Der Buddhismus hat also die Form des Ich ver- 
loren durch die Art, wie er die Form des physischen Leibes schatzte. 

So sehen wir, wie diese zwei Geistesstromungen einander polarisch 
gegenuberstehen: das Griechentum, von dem wir fiihlen, dafi es die 
aufiere Form des physischen Leibes als die aufiere Form des Ich am 
hochsten schatzte, und der Buddhismus, der da verlangt, dafi die 
aufiere Form des physischen Leibes mit allem Drang nach Dasein 
moglichst bald iiberwunden wird, und der daher in seiner Theorie 
das Ich vollstandig verloren hat. 

Zwischen diesen beiden einander entgegengesetzten Weltanschau- 
ungen steht das althebraische Altertum mitten drinnen. Dieses ist 
weit da von entfernt, von dem Ich so gering zu denken, wie etwa der 
Buddhismus. Sie brauchen sich nur zu erinnern, dafi es innerhalb des 
Buddhismus eine Ketzerei ist, ein fortlaufendes Ich von einer Inkar- 
nation zur nachsten Inkarnation anzuerkennen. Aber das althebrai- 
sche Altertum halt es sehr stark mit dieser Ketzerei. Und es ware 
keinem Bekenner des althebraischen Altertums in den Sinn gekom- 
men, dafi das, was im Menschen lebt als sein eigentlicher gottlicher 
Funke — womit er seinen Ich-Begriff verbindet — sich verliert, wenn 
der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Wenn wir uns klar- 
machen wollen, wie der Bekenner des althebraischen Altertums zu der 
Sache stand, so miissen wir sagen: Er fuhlt sich in seinem Innern mit 
der Gottheit verbunden, innig verbunden; er weifi, dafi er gleichsam 
mit den besten Faden seines Seelenlebens an dem Wesen dieser Gott- 
heit hangt. So ist der Bekenner des althebraischen Altertums in bezug 
auf den Ich-BegrifF weit verschieden von dem buddhistischen Beken- 



ner, aber er ist auf der anderen Seite auch weit verschieden von dem 
Griechen, Wenn man das ganze Altertum durchgeht: jene Schatzung 
der Personlichkeit und damit audi jene Schatzung der aufieren 
menschlichen Form, wie sie dem Griechen eigen ist, ist im hebraischen 
Altertum nicht vorhanden. Fur den Griechen ware es schlechterdings 
ein absoluter Unsinn gewesen zu sagen: Du sollst dir von deinem 
Gotte kein Bild machen! Das wiirde er nicht verstanden haben, wenn 
ihm jemand gesagt hatte: Du sollst dir von deinem Zeus, von deinem 
Apollo und so weiter kein Bild machen! Denn er hatte das Gefuhl, 
dafi das Hochste die aufiere Form ist, und dafi das Hochste, was der 
Mensch den Gottern antun kann, das ist, sie mit dieser von ihm 
geschatzten menschlichen Form zu bekleiden; und nichts ware ihm 
absurder vorgekommen als ein Gebot: Du sollst dir von dem Gotte 
kein Bild machen! Seine Menschheitsform gab der Grieche als Kiinst- 
ler auch seinen Gottern. Und um das wirklich zu werden, was er sich 
dachte — ein Ebenbild der Gottheit — , dazu fiihrte er seine Kampfe, 
iibte seine Gymnastik und so weiter, um so recht ein Abbild des 
Gottes zu werden. 

Das althebraische Altertum hatte aber das Gebot: Du sollst dir 
kein Bild machen von dem Gotte! aus dem Grunde, weil der Beken- 
ner des althebraischen Altertums die aufiere Form nicht so schatzte 
wie die Griechen, weil er sie fur unwiirdig gehalten hatte dem Wesen 
der Gottlichkeit gegeniiber. So weit also der Bekenner des althebrai- 
schen Altertums auf der einen Seite entfernt war von dem Anhanger 
des Buddhismus, der am liebsten die menschliche Form beim Durch- 
schreiten des Todes ganz abgestreift hatte, so weit war er auf der 
anderen Seite entfernt von dem Griechen. Er war darauf bedacht, 
dafi diese Form gerade zum Ausdruck brachte, was die Gebote, die 
Gesetze der gottlichen Wesenheit sind, und er war sich klar, daft der, 
welcher ein «Gerechter» war, in den folgenden Generationen durch die 
Geschlechter fortpflanzte, was er als Gerechtes gesammelt hatte. Nicht 
die Ausloschung der Form, sondern die Fortpflanzung der Form 
durch die Geschlechter war es, was dem Bekenner des althebraischen 
Altertums vor Augen stand. Als ein drittes stand also die Ansicht 
eines Anhangers des althebraischen Volkes mitten drinnen zwischen 



der Anschauung des Buddhisten, der die Wertung des Idi verloren 
hatte, und dem Griechen, der in der Leibesform das Hochste sah, 
und der es als traurig empfand, wenn die Leibesform mit dem Tode 
verschwinden muftte. 

So standen sich die drei Anschauungen gegeniiber. Und um das 
althebraische Altertum noch besser zu verstehen, miissen wir uns 
klarmachen, daft dem Bekenner des althebraischen Altertums das, 
was er als sein Ich schatzte, zugleich das gottliche Ich in einer gewis- 
sen Beziehung war. Der Gott lebte weiter in der Menschheit, lebte in 
dem Menschen drinnen. Und in der Verbindung mit dem Gotte fuhlte 
der alte Hebraer zugleich sein Ich. So war das Ich, das er fuhlte, 
zusammenfallend mit dem gottlichen Ich. Das gottliche Ich trug ihn; 
das gottliche Ich war aber auch wirksam in ihm. Sagte der Grieche: 
Ich schatze mein Ich so stark, daft ich nur mit Schaudern hinschaue 
auf das, was mit dem Ich nach dem Tode wird!, sagte der Buddhist: 
Es soli moglichst bald das, was die Ursache der aufteren Form des 
Menschen ist, abf alien von dem Menschen!, so sagte der Bekenner des 
althebraischen Altertums: Ich bin mit dem Gotte verbunden; es ist 
mein Schicksal. Und solange ich mit ihm verbunden bin, trage ich 
mein Schicksal. Ich kenne nichts anderes als die Identifizierung meines 
Ich mit dem gottlichen Ich! In dieser Denkweise des alten Judentums, 
weil sie in der Mine steht zwischen Griechentum und Buddhismus, 
Hegt nicht wie im Griechentum selbst von vornherein die Anlage zur 
Tragik gegeniiber der Erscheinung des Todes, sondern diese Tragik 
liegt in einer mittelbareren Weise darin. Und wenn es echt griechisch 
ist, daft der Heros sagt: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt — das 
heiftt mit der menschlichen Leibesform — als ein Konig im Reich der 
Schatten — , so hatte der Bekenner des althebraischen Altertums dies 
nicht ohne weiteres sagen konnen. Denn er weift, wenn im Tode seine 
Leibesform abfallt, bleibt er mit dem Gotte verbunden. Einfach durch 
die Tatsache des Todes kann er nicht in tragische Stimmung verfallen. 
Dennoch ist — wenn auch mittelbar — die Anlage zur Tragik im 
althebraischen Altertum vorhanden, und sie ist ausgedriickt in der 
wunderbarsten dramatischen Erzahlung, die im Altertum iiberhaupt 
geschrieben worden ist, in der Hiob-Erzahlung. 



Da sehen wir, wie das Ich des Hiob sich angekniipft fiihlt an 
seinen Gott und in Konflikt kommt mit seinem Gott — aber auf 
andere Art, als das griediisdie Ich in Konflikt kommt. Da wird uns 
gesdiildert, wie iiber Hiob hereinbricht Ungliick iiber Ungliick, trotz- 
dem er sich bewufit ist, dafi er ein gerechter Mann ist und alles getan 
hat, was aufrechterhalten kann den Zusammenhang seines Ich mit 
dem gottlichen Ich. Und wahrend es schien, dafi sein Dasein gesegnet 
ist und gesegnet sein mufite, bricht das tragische Schicksal herein. Er 
ist sich keiner Siinde bewufk; er ist sich bewufit, dafi er getan hat, 
was ein Gerechter gegeniiber seinem Gotte tun mufi. Da wird ihm 
angekiindigt, dafi zerstort ist all sein Hab und Gut, getotet seine 
ganze Familie; da wird er selbst in bezug auf seinen aufieren Leib, 
diese gottliche Form, mit schwerer Krankheit und Drangsal belegt. 
Da steht er, der sich bewufit ist: Was in mir mit meinem Gotte 
zusammenhangt, das hat sich bemuht, gerecht zu sein gegeniiber 
seinem Gotte, und mein von diesem Gotte verhangtes Schicksal ist 
das, was mich hereingestellt hat in die Welt. Dieses Gottes Taten, sie 
haben mich so schwer getroffen! Und da steht sein Weib neben ihm 
und fordert ihn auf mit eigentumlichem Worte, seinem Gotte abzu- 
sagen. Diese Worte sind richtig iiberliefert. Was da sein Weib spricht, 
ist eines von denjenigen Worten, die unmittelbar dem entsprechen, 
was audi die Akasha-Chronik sagt: «Sage deinem Gotte ab, da du so 
leiden mufit, da er diese Leiden iiber dich gebracht hat, und stirb!» 
Wieviel Unendliches liegt in diesen Worten: Verliere das Bewufksein 
des Zusammenhanges mit deinem Gotte; dann fallst du heraus aus 
dem gottlichen Zusammenhange, fallst ab wie ein Blatt vom Baum, 
und dein Gott kann dich nicht mehr strafen! — Das Verlieren des Zu- 
sammenhanges mit dem Gotte ist aber zugleich der Tod! Denn solange 
sich das Ich zusammenhangend fiihlt mit dem Gotte, kann der Tod 
es nicht erreichen. Es mufi sich von dem Zusammenhange mit dem 
Gotte abreifien; dann kann der Tod es erst erreichen. Der aufiere 
Schein spricht so, dafi im Grunde genommen alles gegen den Gerech- 
ten Hiob ist; seine Frau sieht die Leiden, rat ihm dazu, dem Gotte 
abzusagen und zu sterben; seine Freunde kommen und sagen, du 
mufit das und das getan haben; denn Gott straft keinen Gerechten! 



Er 1st sich aber bewufit, dafi das, was sein personliches Bewufitsein 
umfafit, keine Ungerechtigkeit getan hat. Er steht so durch das, was 
ihm in der aufieren Welt entgegentritt, vor einer ungeheuren Tragik, 
vor der Tragik des Nichtverstehenkonnens der ganzen menschlichen 
Wesenheit, des Sidiverbundenfiihlens mit dem Gotte und des Nicht- 
verstehens, wie aus dem Gotte das fliefien kann, was er erlebt. 

Denken wir uns das in aller Starke auf eine menschliche Seele 
abgelagert, und denken wir uns jetzt aus dieser Seele hervorbrechend 
die Worte, die uns aus der Hiob-Oberlieferung erzahlt sind: «Ichweift, 
dafi mein Erloser lebt! Ich weifi, dafi ich einmal wieder umkleidet 
sein werde mit meinem Gebein, mit meiner Haut — und anschauen 
werde den Gott, mit dem ich zusammen bin!» — Dieses Bewufitsein 
der Unzerstorbarkeit der menschlichen Individualist bricht hervor 
trotz alles Leides und aller Schmerzen aus Hiobs Seele. So stark ist 
das Ich-Bewufitsein als Inneres in dem althebraischen Bekenntnis ent- 
halten. Aber etwas hochst Merkwiirdiges tritt uns da entgegen. «Ich 
weilS, dafi mein Erloser lebt!» — sagt Hiob — «Ich weifi, dafi ich 
einstmals wieder umgeben sein werde mit meiner Haut und aus 
meinen Augen sehen werde die Herrlichkeit meines Gottes!» Mit dem 
Erloser-Gedanken bringt Hiob in Zusammenhang den aufieren Leib, 
Haut und Gebein, Augen, die physisch sehen. Sonderbar: plotzlich 
tritt uns gerade in diesem, zwischen Griechentum und Buddhismus 
mitten drinnen stehenden althebraischen Bewufitsein ein Bewufitsein 
von der Bedeutung der physischen Leibesform entgegen im Zusam- 
menhange mit dem Erloser-Gedanken, der dann der Grund und 
Boden geworden ist fur den Christus-Gedanken! Und wenn wir die 
Antwort des Weibes des Hiob nehmen, fallt noch mehr Licht auf die 
ganze Aussage des Hiob. «Sage deinem Gotte ab und stirb!», das 
heifit: wer also nicht seinem Gotte absagt, der stirbt nicht. Das liegt 
in diesen Worten. Was heifit denn aber sterben? Sterben heifit, den 
physischen Leib abwerfen. Die aufiere Maja scheint zu sagen, daft der 
physische Leib in die Elemente der Erde iibergeht und sozusagen 
verschwindet. In der Antwort der Frau des Hiob liegt also: Mache, 
was notig ist, damit dein physischer Leib verschwindet. — Denn 
anders konnte es nicht heiften; sonst konnten die nachfolgenden 



Worte des Hiob keinen Sinn haben. Dann allein kann man so etwas 
verstehen, wenn man das, wodurch uns der Gott hineinversetzt hat 
in die Welt, verstehen kann: namlich die Bedeutung des physischen 
Leibes. Hiob selber aber sagt — denn das liegt wieder in seinen 
Worten: O ich weifi ganz genau, ich brauche nicht das zu tun, was 
meinen physischen Leib vollig verschwinden lafk, was nur der aufiere 
Schein darbietet. Es gibt eine Moglichkeit, dafi das gerettet werden 
kann dadurch, daft mein Erloser lebt — was ich nicht anders als mit 
den Worten zusammenfassen kann: Ich werde einmal regeneriert zu- 
sammenhaben meine Haut, mein Gebein und werde mit meinen 
Augen sehen die Herrlichkeit meines Gottes; ich werde erhalten 
konnen die Gesetzmafiigkeit meines physischen Leibes; aber dazu 
mufi ich das Bewufitsein haben, dafi mein Erloser lebt! 

So tritt uns in dieser Hiob-Erzahlung, zum ersten Male, mochte 
man sagen, ein Zusammenhang entgegen zwischen der physischen 
Leibesform — was der Buddhist abstreifen mochte, was der Grieche 
abfallen sieht und dariiber Trauer empfindet — und dem Ich- 
Bewufitsein. Es tritt uns zum ersten Male etwas entgegen wie eine 
Aussicht auf eine Rettung dessen, was die Schar der Gotter von dem 
alten Saturn, Sonne und Mond bis zur Erde herein als die physische 
Leibesform hervorgebracht hat und was notwendig macht, wenn es 
erhalten werden soil, wenn man von ihm sagen soil, daft es ein 
Resultat hat, was uns in Knochen, Haut und Sinnesorganen gegeben 
ist, daft man das andere dazufugt: Ich weifi, dafi mein Erloser lebt! 

Sonderbar, — so konnte jemand nach dem jetzt Gesagten die Frage 
aufwerfen — geht etwa aus der Hiob-Erzahlung hervor, daft der 
Christus die Toten auferwecke, die Leibesform rette, von der die 
Griechen glaubten, daft sie verschwinden wiirde? Und liegt vielleicht 
darin etwa, daft es nicht richtig ist, im vollen Sinne des Wortes, fin* 
die Gesamtentwickelung der Menschheit, daft die aufiere Leibesform 
ganz verschwindet? Wird sie etwa einverwoben dem ganzen Ent- 
wickelungsprozefi der Menschheit? Spielt das eine Rolle in der Zu- 
kunft, und hangt das mit der Christus- Wesenheit zusammen? 

Diese Frage wird uns auf gegeben. Und da kommen wir dazu, das, 
was wir in der Geisteswissenschafl bisher gehort haben, in einer 



gewissen Wdse zu erweitern. Wir horen, dafi, wenn wir durdi die 
Pforte des Todes gehen, wir den Atherleib wenigstens beibehalten, 
den physischen Leib aber ganz abstreifen, ihn aufierlich den Elemen- 
ten ausgeliefert sehen. Aber seine Form, an der durch Jahrmillionen 
und Jahrmillionen gearbeitet worden ist, geht sie wesenlos verloren 
oder wird sie in einer gewissen Weise erhalten? 

Diese Frage betrachten wir als das Resultat der heutigen Aus- 
einandersetzung und treten morgen an die Frage heran: In welchem 
Verhaltnisse steht der Impuls des Christus fur die Menschheitsent- 
wickelung zu der Bedeutung des aufieren physischen Leibes, der durch 
die ganze Erdentwickelung dem Grabe, dem Feuer oder der Luft 
iibergeben worden ist, und der in seiner Erhaltung in bezug auf seine 
Form fiir die Zukunft der Menschheit notig ist? 



SECHSTER VORTRAG 
Karlsruhe, lO.Oktober 1911 



Von denjenigen Dingen, die gestern besprodien worden sind, aus- 
gehend, werden wir uns den bedeutsamsten Kernfragen des Christen- 
tums nahern konnen und in das eigentliche Wesen des Christentums 
einzudringen versuchen. Wir werden sehen, wie wir eigentlich nur 
auf diesem Wege durchschauen konnen, was der Christus-Impuls fur 
die Menschheksentwickelung geworden ist, und was er in Zukunft 
werden soil. 

Wenn die Menschen immer wieder und wieder betonen, dafi die 
Antworten auf die hochsten Fragen nicht so kompliziert sein sollen, 
sondern dafi die Wahrheit im Grunde genommen in einfachster Art 
an jeden Menschen unmittelbar herangebracht werden miisse, und 
wenn bei einer solchen Gelegenheit gesagt wird, dafi zum Beispiel 
der Apostel Johannes in seinem hochsten Alter den Extrakt des 
Christentums in die Wahrheitsworte zusammengefafit habe: Kinder, 
liebet euch!, so darf daraus niemand den Schlufi ziehen: Ich kenne 
das Wesen des Christentums, kenne das Wesen aller Wahrheit fur 
die Menschen, indem ich einfach die Worte ausspreche: Kinder, liebet 
euch! Denn dafi der Apostel Johannes diese Worte einfach aus- 
sprechen durfle, dazu hatte er sich mehrere Vorbedingungen erwor- 
ben. Erstens wissen wir, dafS er am Ende eines langen Lebens im 
funfundneunzigsten Lebensjahre eigentlich erst zu einem solchen 
Ausspruche iibergegangen ist, dafi er sich also in seiner damaligen 
Inkarnation erst das Recht erworben hatte, solches Wort auszu- 
sprechen; so dafi er damit wohl als ein Zeuge dasteht, dafi dieses 
Wort, von jedem beliebigen Menschen ausgesprochen, nicht dieselbe 
Kraft habe wie bei dem Apostel Johannes. Aber noch etwas anderes 
hat er sich errungen. Er ist — wenn es auch die Kritik bestreitet — 
der Verfasser des Johannes-Evangeliums, der Apokalypse und der 
Briefe des Johannes. Er hat also nicht immer sein Leben lang gesagt: 
Kinder, liebet euch!, sondern er hat zum Beispiel ein Werk geschrie- 
ben, das zu den schwersten Werken der Menschheit gehort: die 



Apokalypse — und ein Werk, das zu den intimsten und am tiefsten 
in die menschliche Seele eindringenden Werken gehort: das Johannes- 
Evangelium. Er hat sich das Recht, solche Worte zu sagen, erst durch 
ein langes Leben und durch das, was er geleistet hat, erworben. Und 
wenn ihm jemand dieses Leben nachlebt und tut, was er getan hat, 
und dann ihm nachspricht: Kinder, liebet euch!, dann kann man im 
Grunde genommen gegen ein solches Vorgehen nichts einwenden. 
Aber wir miissen uns dariiber klar sein, dafi Dinge, die in wenig 
Worte zusammengefafit werden konnen, dadurch, daft wir sie mit 
so wenigen Wbrten ausdriicken, ja recht viel bedeuten konnen, daft 
sie aber auch nichtssagend sein konnen. Und gar mancher, der ein 
Weisheitswort, das vielleicht bei gehorigen Voraussetzungen etwas 
sehr Hefes bedeutet, nur so ausspricht und damit unendlich viel ge- 
sagt zu haben glaubt, erinnert an eine Erzahlung von einem Herr- 
scher, der einmai ein Gefangnis besuchte und dem ein Bewohner 
dieses Gefangnisses, ein Dieb, vorgefuhrt wurde. Da richtete der 
Herrscher an den Dieb die Frage, warum er denn gestohlen habe, und 
der Dieb sagte, weil er hungrig gewesen sei. Nun, die Frage, wie dem 
Hunger abzuhelfen sei, ist eine Frage, mit der sich schon viele 
Menschen beschafligt haben. Der betreffende Herrscher aber meinte 
zu dem Dieb, er habe noch nie gehort, daft man stehle, wenn man 
hungrig ist, sondern daft man esse! Zweifellos ist das eine richtige 
Antwort, daft man esse und nicht stehle, wenn man hungrig ist. Aber 
es handelt sich darum, ob die betreffende Antwort auch in die ent- 
sprechende Situation hineinpaftt. Denn damit, daft die Antwort wahr 
ist, ist noch nicht gesagt, daft sie auch etwas aussprechen kann, was 
eine Bedeutung oder einen Wert hat zur Entscheidung der entspre- 
chenden Angelegenheit. So kann auch aus dem Munde des Schreibers 
der Apokalypse und des Johannes-Evangeliums im hochsten Alter 
das Wort: Kinder, liebet euch! als aus dem Wesen des Christentums 
heraus gesprochen sein — dasselbe Wort, das aus dem Munde eines an- 
dern eine blofte Phrase sein kann. Deshalb miissen wir uns schon ein- 
mai damit bekanntmachen, daft wir die Dinge zum Verstandnis des 
Christentums weit herholen miissen, gerade damit wir sie dann auf die 
einfachsten Wahrheiten des alltaglichen Lebens anwenden konnen. 



Wir muftten gestern an die fur das moderne Denken verhangnis- 
volle Frage gehen, wie es mit dem stent, was wir in der viergliedrigen 
Wesenheit des Menschen den physischen Leib nennen. Wir werden 
sehen, wie das, was gestern beriihrt worden ist im Hinblick auf die 
dreifache Anschauung des Griechentums, des Judentums und des 
Buddhismus, uns weiterfiihren wird zum Verstandnis des Wesens des 
Christentums. Zunachst aber werden wir hingelenkt auf eine Frage, 
die tatsachlich im Mittelpunkte der ganzen christlichen Weltanschau- 
ung steht, wenn wir uns iiber die Frage nach dem Schicksal des 
physischen Leibes unterrichten; denn wir werden damit zu nichts 
Geringerem hingefiihrt als zu jener Wesenskernfrage des Christen- 
tums: "Wie steht es mit der Auferstehung Christi? Diirfen wir an- 
nehmen, daft es wichtig ist fur das Verstandnis des Christentums, ein 
Verstandnis zu haben iiber die Auferstehungsfrage? 

Daft dies wichtig ist, dazu brauchen wir uns nur dessen zu erinnern, 
was im ersten Korintherbriefe des Paulus steht (Kapitel 15, 14-20): 
«Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, so ist unsere 
Predigt nichtig, nichtig aber auch euer Glaube. Dann wiirden wir 
aber auch erfunden als falsche Zeugen Gottes, weil wir wider Gott 
zeugten, daft er Christus auferweckt hatte, wahrend er ihn doch 
nicht auferweckt hat, wenn wirklich keine Toten auferstehen. Denn 
werden keine Toten auferweckt, so ist auch Christus nicht aufer- 
weckt. Ist aber Christus nicht auferweckt, so ist euer Glaube eitel, 
so seid ihr noch in euren Sunden; dann sind auch verloren, die in 
Christus entschlafen sind. Wenn wir nur solche sind, die in diesem 
Leben nichts als ihre Hoffnung auf Christus haben, so sind wir die 
beklagenswertesten aller Menschen. Nun aber ist Christus auf- 
erweckt von den Toten als der Erstling der Entschlafenen.» 
Wir miissen dabei darauf hinweisen, daft das Christentum, wie es 
sich iiber die Welt verbreitet hat, zunachst von Paulus ausgegangen 
ist. Und wenn wir uns einen Sinn dafiir angeeignet haben, die Worte 
ernst zu nehmen, so diirfen wir nicht an den wichtigsten Worten des 
Paulus einfach vorubergehen und etwa sagen: Wir lassen die Frage 
der Auferstehung ungeklart. Denn was ist es, was Paulus sagt? Daft 
iiberhaupt das ganze Christentum keine Berechtigung und der ganze 



Christenglaube keinen Sinn habe, wenn die Auferstehung keine Tat- 
sache sei! Das sagt Paulus, von dem das Christen turn als historische 
Tatsache seinen Ausgangspunkt genommen hat. Und damit ist im 
Grunde genommen nichts Geringeres gesagt als:Wer die Auferstehung 
aufgeben will, mufi aufgeben das Christen turn im Sinne des Paulus. 

Und jetzt wenden wir unseren Blick iiber fast zwei Jahrtausende 
und fragen einmal an bei den Menschen der Gegenwart, wie sie sich 
nach den Vorbedingungen der gegenwartigen Zeitbildung zu der 
Auferstehungsfrage verhalten miissen. Ich will jetzt noch nicht auf 
diejenigen Rticksicht nehmen, die etwa den ganzen Jesus wegleugnen; 
dann ist es natiirlich aufierordentlich leicht, sich iiber die Auferste- 
hungsfrage klar zu werden; und sie ist im Grunde genommen am 
leichtesten damit zu beantworten, dafi man sagt: Jesus hat iiberhaupt 
nicht gelebt, also braucht man sich nicht iiber die Auferstehungsfrage 
die Kopfe zu zerbrechen. Wenn wir also von solchen Leuten absehen, 
so wollen wir uns einmal an diejenigen Menschen wenden, die zum 
Beispiel um die Mitte oder im letzten Drittel des letzten Jahr- 
hunderts iibergegangen sind zu den gebrauchlichen Vorstellungen 
unserer Zeit, in denen wir ja noch selber stecken; und bei ihnen 
wollen wir einmal Anfrage halten, wie sie vermdge ihrer ganzen 
Zeitbildung iiber die Auferstehungsfrage denken miissen. Wenn wir 
uns da an einen Mann wenden, der groften Einflufi gewonnen hat auf 
die Denkweise derjenlgen, die sich fur die aufgeklartesten Menschen 
halten, an David Friedrich Straufi, so lesen wir bei ihm in seiner 
Schrift iiber den Denker Reimarus des achtzehnten Jahrhunderts 
folgendes: «Die Auferstehung Jesu ist recht ein Schibboleth, an dem 
sich nicht nur die verschiedenen Auffassungen des Christentums, son- 
dern verschiedene Weltanschauungen und geistige Entwickelungsstufen 
voneinander scheiden.» Und fast zur selben Zeit lesen wir in einer 
schweizerischen Zeitschrift die Worte: «Sobald ich mich von der Wirk- 
lichkeit der Auferstehung Christi, dieses absoluten Wunders, iiber- 
zeugen kann, zerreifie ich die moderne Weltanschauung. Dieser Rifi 
durch die, wie ich glaube, unverbriichliche Naturordnung ware ein 
unheilbarer Rifi durch mein System, durch meine ganze Gedanken- 
welt.» 



Fragen wir uns, wie viele Mensdien unserer Gegenwart, die nach 
den gegenwartigen Standpunkten diese Worte unterschreiben miissen 
und audi unterschreiben werden, sagen werden: Wenn ich genotigt 
sein sollte, die Auferstehung als eine historische Tatsache anzuerken- 
nen, so zerreifie ich mein ganzes philosophisches oder sonstiges 
System. Fragen wir: Wie sollte audi in die Weltanschauung des 
modernen Menschen die Auferstehung als eine historische Tatsache 
hineinpassen? 

Erinnern wir uns daran, dafi wir schon in dem ersten offentlichen 
Vortrage darauf hingedeutet haben, wie in erster Linie die Evangelien 
genommen sein wollen: namlich als Einweihungsschriften. Was als die 
grofiten Tatsachen in den Evangelien geschildert ist, sind im Grunde 
genommen Einweihungstatsachen, Vorgange, welche sich zunachst im 
Innern des Tempelgeheimnisses der Mysterien abgespielt haben, wenn 
dieser oder jener Mensch, der dafiir wiirdig erachtet worden war, 
durch die Hierophanten eingeweiht wurde. Da hat ein soldier Mensch, 
nachdem er lange Zeit hindurch dazu vorbereitet worden war, eine 
Art Tod und eine Art Auferstehung durchgemacht; und audi gewisse 
Lebensverhaltnisse mulke er durchmachen, welche uns in den Evan- 
gelien wiedererscheinen — zum Beispiel als die Versuchungsgeschichte, 
als die Geschichte auf dem Dlberg und dergleichen. Weil sich das so 
verhalt, erscheinen audi die Beschreibungen der alten Eingeweihten, 
die nicht Biographien im gewohnlichen Sinne des Wortes sein wollen, 
so ahnlich den Evangeliengeschichten von dem Christus Jesus. Und 
wenn wir die Geschichte des Apollonius von Tyana, ja selbst die 
Buddha-Geschichte oder die Zarathustra-Geschichte lesen, das Leben 
des Osiris, des Orpheus, wenn wir gerade das Leben der grofiten 
Eingeweihten lesen, dann ist es oft, als wenn uns dieselben wichtigen 
Lebensziige da entgegentreten, wie sie in den Evangelien geschildert 
werden vom Christus Jesus. Aber wenn wir audi zugeben miissen, 
dafi wir auf diese Art fur wichtige Vorgange, die uns in den Evan- 
gelien dargestellt werden, die Vorbilder zu suchen haben in den Ein- 
weihungszeremonien der alten Mysterien, so sehen wir doch auf der 
anderen Seite handgreiflich, dafi die grofien Lehren des Christus- 
Jesus-Lebens iiberall durchtrankt sind in den Evangelien mit Einzel- 



angaben, die nun nicht eine blofie Wiederholung der Einweihungs- 
zeremonien sein wollen, sondern die uns recht sehr darauf hinweisen, 
dafi unmittelbar Tatsachliches gesdiildert wird. Oder miissen wir 
nicht sagen, dafi es in einer merkwiirdigen Weise einen tatsachlichen 
Eindruck macht, wenn uns im Johannes-Evangelium folgendes ge- 
sdiildert wird (Kapitel 20, 1-17): 

«Am ersten Wochentage aber kommt Maria, die von Magdala, 
morgens friihe, da es nodi dunkel war, zu dem Grabe, und sieht 
den Stein vom Grabe weggenommen. Da lauft sie und geht zu 
Simon Petrus und zu dem anderen Jiinger, welchen Jesus lieb 
hatte, und sagt zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grabe 
genommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Da 
ging Petrus hinaus und der andere Jiinger, und gingen zum Grabe. 
Es liefen aber die beiden miteinander und der andere Jiinger lief 
voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst an das Grab, und 
beugte sich vor und sieht die Leintiicher da liegen, hinein ging er 
jedoch nicht. Da kommt Simon Petrus hinter ihm drein, und er 
trat in das Grab hinein und sieht die Leintiicher liegen, und das 
Schweifituch, das auf seinem Kopf gelegen war, nicht bei den 
Leintiichern liegen, sondern fur sich zusammengewickelt an einem 
besonderen Ort. Hierauf ging denn auch der andere Jiinger hinein, 
der zuerst zum Grab gekommen war, und sah es und glaubte. Denn 
noch hatten sie die Schrift nicht verstanden, dafi er von den Toten 
auferstehen miisse. Da gingen die Jiinger wieder heim. Maria aber 
stand aufien am Grabe weinend. Indem sie so weinte, beugte sie 
sich vor in das Grab, und schaut zwei Engel in weifien Gewandern 
da sitzend, einen zu Haupten und einen zu Fiifien, wo der Leichnam 
Jesu gelegen war. Dieselben sagen zu ihr: Weib, was weinst du? 
Sagt sie zu ihnen: weil sie meinen Herrn weggenommen, und ich 
weifi nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Als sie dies gesagt hatte, 
kehrte sie sich um und schaut Jesus dastehend, und erkannte ihn 
nicht. Sagt Jesus zu ihr: Weib, was weinst du? Wen suchst du? 
Sie, in der Meinung, es sei der Gartenhiiter, sagt zu ihm: Herr, 
wenn du ihn fortgetragen, sage mir, wo du ihn hingelegt, so werde 
ich ihn holen. Sagt Jesus zu ihr: Maria! Da wendet sie sich und 



sagt zu ihm hebraisch: Rabbuni! das heifit: Meister. Sagt Jesus 
zu ihr: Riihre micii niclit an; denn nodi bin ich nicht aufgestiegen 
zu dem Vater!» 

Da haben wir eine Situation so mit Einzelheiten geschildert, dafi 
wir kaum etwas vermissen, wenn wir uns in unserer Imagination ein 
Bild machen wollen, so, wenn zum Beispiel gesagt wird, dafi der eine 
Jiinger schneller lauft als der andere, dafi das Sdiweifituch, das den 
Kopf bedeckt hatte, fortgelegt ist an eine andere Stelle und so weiter. 
In alien Einzelheiten sehen wir etwas geschildert, was keinen Sinn 
hatte, wenn es sich nicht auf Tatsachen beziehen wiirde. Auf eins 
wurde auch schon bei anderer Gelegenheit aufmerksam gemacht, dafi 
uns erzahlt wird: Maria erkannte den Christus Jesus nicht. Und es 
wurde darauf aufmerksam gemacht, wie es moglich ware, dafi man 
jemanden, den man vorher gekannt hat, nach drei Tagen nicht in 
derselben Gestalt wiedererkennen wiirde? Dafi der Christus also in 
einer veranderten Gestalt der Maria erschienen ist, das mufi auch 
beriicksichtigt werden; denn sonst hatten diese Worte auch keinen 
Sinn. 

Zweierlei konnen wir daher sagen: Die Auferstehung miissen wir 
tatsachlich auffassen als das Historischwerden der Auferweckung in 
den heiligen Mysterien zu alien Zeiten — nur mit dem Unterschiede, 
dafi wir sagen miissen: Der, welcher die einzelnen Mysterienschuler 
auferweckt hat, war in den Mysterien der Hierophant; in den Evan- 
gelien wird aber darauf hingewiesen, wie der, der den Christus auf- 
erweckt hat, die Wesenheit ist, die wir mit dem Vater bezeichnen, dafi 
der Vater selber den Christus auferweckt hat. Wir werden damit auch 
darauf hingewiesen, dafi das, was sich sonst in einem kleineren Mafi- 
stabe in den Tiefen der Mysterien zugetragen hat, von den gottlichen 
Geistern hingestellt worden ist fur die Menschheit einmal auf Golga- 
tha, und dafi die Wesenheit, die als der Vater bezeichnet wird, selber 
als Hierophant aufgetreten ist zur Erweckung des Christus Jesus. So 
haben wir also ins hochste gesteigert, was sonst im kleineren in den 
Mysterien aufgetreten ist. Das ist das eine. Das andere ist, dafi mit 
den Dingen, die auf die Mysterien zuriickfuhren, verwoben sind 
Beschreibungen von solchen Einzelheiten, dafi wir uns die Situationen 



audi heute noch an den Evangelien bis in die Einzelheiten — wie wir 
an dem angefiihrten Bilde gesehen haben — rekonstruieren konnen. 
Eins ist es, was als noch wichtiger in Betracht kommt. Jene Worte 
miissen einen Sinn haben: «Denn noch hatten sie die Schrift nicht 
verstanden, daft er von den Toten auferstehen miisse. Da gingen die 
Jiinger wieder heim.» Fragen wir also: Wo von hatten sich bis dahin 
die Jiinger iiberzeugen konnen? So klar, wie nur irgend etwas klar 
sein kann, wird uns geschildert, daft die Leintiicher da sind, daft der 
Leichnam nicht da ist; nicht mehr im Grabe ist. Von nichts anderem 
hatten sich die Jiinger iiberzeugen konnen, und nichts anderes ver- 
standen sie, als sie jetzt wieder heim gingen. Sonst hatten die Worte 
keinen Sinn. Je tiefer Sie eindringen in den Text, desto mehr miissen 
Sie sich sagen: Die Jiinger, die am Grabe standen, iiberzeugten sich 
davon, daft die Leintiicher da waren, daft aber der Leichnam nicht 
mehr im Grabe war; und sie gingen heim mit dem Gedanken: wo ist 
nun der Leichnam hin? Wer hat ihn aus dem Grabe gebracht? 

Und jetzt fuhren uns von der TJberzeugung, daft der Leichnam 
nicht da ist, die Evangelien langsam zu den Dingen, durch welche die 
Jiinger eigentlich von der Auferstehung iiberzeugt werden. Wodurch 
werden sie iiberzeugt? Dadurch, daft, wie die Evangelien erzahlen, 
ihnen nach und nach der Christus erschienen ist, daft sie sich sagen 
konnten: Er ist da! was sogar so weit ging, daft Thomas, der der 
Unglaubige genannt wird, seine Finger in die Wundmale legen 
konnte. Kurz, aus den Evangelien konnen wir sehen, daft sich die 
Jiinger von der Auferstehung erst dadurch haben iiberzeugen lassen, 
daft ihnen der Christus nachher als Auferstandener entgegengetreten 
ist. Daft er da war, das war fur die Jiinger der Beweis. Und hatte 
man diese Jiinger, so wie sie sich nach und nach die Uberzeugung 
verschafft hatten, daft der Christus lebt, trotzdem er gestorben war, 
— hatte man sie gefragt um den eigentlichen Inhalt ihres Glaubens, 
so wiirden sie gesagt haben: Wir haben die Beweise, daft der Christus 
lebt! Aber sie wiirden durchaus nicht so gesprochen haben, wie spater 
Paulus gesprochen hat, als er das Ereignis von Damaskus erlebt hatte. 

Wer das Evangelium und die Paulus-Briefe auf sich wirken laftt, 
wird merken, welch tiefgehender Unterschied in bezug auf die Auf- 



fassung der Auferstehung zwisdien dem Grundton der Evangelien 
und der paulinischen Auffassung ist. Zwar parallelisiert Paulus seine 
Auferstehungsiiberzeugung mit der der Evangelien; denn indem er 
sagt, Christus sei erstanden, weist er darauf hin, dafi der Christus 
als ein Lebendiger, nachdem er gekreuzigt worden war, dem Kephas, 
den Zwdlfen, dann fiinfhundert Briidern auf einmal und zuletzt ihm 
audi, als einer unzeitigen Geburt, erschienen ist aus dem Feuerschein 
des Geistigen. So ist er audi den Jiingern erschienen; darauf weist 
Paulus hin. Und die Erlebnisse mit dem Auferstandenen waren fiir 
Paulus keine anderen als fiir die Jiinger. Was er aber gleich daran 
ankniipft, was fiir ihn das Ereignis von Damaskus ist, das ist seine 
wunderbare und leicht zu begreifende Theorie von der Wesenheit des 
Christus. Denn was wird vom Ereignis von Damaskus an fiir ihn die 
Wesenheit des Christus? Sie wird fiir ihn der zweite Adam. Und 
Paulus unterscheidet sogleich den ersten Adam und den zweiten 
Adam: den Christus. Den ersten Adam nennt er den Stammvater 
der Menschen auf der Erde. Aber in welcher Weise? Wir brauchen 
nicht weit zu gehen, um uns die Antwort auf diese Frage zu ver- 
schaffen. Er nennt ihn den Stammvater der Menschen auf Erden, 
indem er in ihm den ersten Menschen sieht, von dem alle iibrigen 
Menschen abstammen — das heifit fiir Paulus: derjenige, der den 
Menschen vererbt hat den Leib, den sie als einen physischen an sich 
tragen. So hatten alle Menschen von Adam ihren physischen Leib 
vererbt. Das ist der Leib, der uns zunachst in der aufieren Maja 
entgegentritt, und der sterblich ist; es ist der von Adam vererbte, 
verwesliche Leib, der dem Tode verfallende physische Leib des Men- 
schen. Mit diesem Leib — wir konnen den Ausdruck, denn er ist nicht 
schlecht, geradezu gebrauchen — sind die Menschen «angezogen». 
Und den zweiten Adam, den Christus, betrachtet Paulus im Gegen- 
satz dazu als innehabend den unverweslichen, den unsterblichen Leib. 
Und durch die christliche Entwickelung setzt Paulus voraus, dafi die 
Menschen allmahlich in die Lage kommen, an die Stelle des ersten 
Adam den zweiten Adam zu setzen, an die Stelle des verweslichen 
Leibes des ersten Adam den unverweslichen Leib des zweiten Adam, 
des Christus, anzuziehen. Nichts Geringeres also, als was alle alte 



Weltanschauung zu durchlochern scheint, nichts Geringeres scheint 
Paulus von denen zu fordern, die sich echte Christen nennen. Wie der 
erste, verwesliche Leib abstammt von Adam, so mufi von dem zwei- 
ten Adam, von Christus, stammen der unverwesliche Leib. So dafi 
jeder Christ sich sagen miifite, weil ich von Adam abstamme, habe ich 
einen verweslichen Leib, wie ihn Adam hatte; und indem ich mich 
in das rechte Verhaltnis zu dem Christus setze, bekomme ich von 
Christus — dem zweiten Adam — einen unverweslichen Leib. Diese 
Anschauung leuchtet fiir Paulus unmittelbar hervor aus dem Damas- 
kus-Ereignis. Mit anderen Worten: was will Paulus sagen? Wir kon- 
nen es vielleicht mit einer einfachen schematischen Zeichnung aus- 
driicken. 



Wenn wir eine Anzahl von Menschen zu einer bestimmten Zeit 
haben (X), so wird Paulus alle stammbaumgemaft zuriickfiihren zu 
dem ersten Adam, von dem sie alle abstammen, und der ihnen den 
verweslichen Leib gegeben hat. Ebenso mufi nach der Vorstellung des 
Paulus ein anderes moglich sein. Wie die Menschen in bezug auf ihre 
Menschlichkeit sich sagen konnen: wir sind verwandt, well wir von 
dem einen Urmenschen, von Adam, abstammen, so miissen sie sich 
auch im Sinne des Paulus sagen: wie wir ohne unser Zutun durch die 
Verhaltnisse, die in der physischen Menschheitsfortpflanzung gegeben 
sind, diese Linien zu Adam hinauffuhren konnen, so mufi es moglich 
sein, daft wir in uns etwas entstehen lassen konnen, was uns ein 
anderes moglich macht. Wie die natttrlichen Linien zu Adam hinauf- 
fuhren, so mufi es moglich sein, Linien zu ziehen, die uns — zwar 




Christy 



I' 1 I ' 



•MVP 



N ^ 



\ 
\ 
\ 
\ 

\ 
\ 



S 



\ 
N 

N 

X 

S 
\ 



nidit zu dem fleisdilidien Adam hinauffiihren mit dem verweslichen 
Leib, die uns aber ebenso hinfiihren zu dem Leib, der unverweslich 
ist, und den wir durdi unsere Beziehung zu dem Christus ebenso in 
uns tragen konnen, nach Paulinischer Auffassung, wie wir den ver- 
weslichen Leib durch Adam in uns tragen. 

Nichts Unbequemeres gibt es fur das moderne Bewulksein, als 
diese Vorstellung. Denn ganz niichtern besehen: was fordert das von 
uns? Es fordert etwas, was fur das moderne Denken geradezu unge- 
heuerlich ist. Das moderne Denken hat lange dariiber gestritten, ob 
alle Menschen von einem einzigen Urmenschen abstammen; aber das 
lafit es sich noch gefallen, dafi alle Menschen von einem einzigen 
Menschen abstammen, der einmal auf der Erde da war fur das 
physische Bewulksein. Paulus aber fordert folgendes. Er sagt: Wenn 
du im rechten Sinne ein Christ werden willst, mufit du dir vorstellen, 
dafi in dir etwas entstehen kann, was in dir leben kann, und von dem 
du sagen mufe, du kannst ebenso geistige Linien ziehen von diesem 
in dir Lebenden zu einem zweiten Adam, zu Christus, und zwar zu 
jenem Christus, der am dritten Tage sich aus dem Grabe erhoben hat, 
wie alle Menschen Linien hinziehen konnen zu dem physischen Leib 
des ersten Adam. — So verlangt Paulus von alien, die sich Christen 
nennen, daft sie in sich etwas entstehen lassen, was wirklich in ihnen 
ist, und was so, wie der verwesliche Leib zunickfuhrt auf Adam, zu 
dem hinfiihrt, was sich am dritten Tage erhoben hat aus dem Grabe, 
in das der Leib des Christus Jesus hineingelegt worden ist. "Wer das 



nicht zugibt, kann kein Verhaltnis zu Paulus gewinnen, kann nicht 
sagen: er verstehe Paulus. Stammt man ab in bezug auf seinen ver- 
weslichen Leib vom ersten Adam, so hat man die Moglichkeit, indem 
man die Wesenheit des Christus zu seinem eigenen Wesen macht, einen 
zweiten Stammvater zu haben. Das ist aber der, der sich am dritten 
Tage, nachdem der Leichnam des Christus Jesus in die Erde gelegt 
worden war, aus dem Grabe erhoben hat. 

So sei uns zunachst klar, dafi dies eine Forderung des Paulus ist, 
so unbequem es audi dem modernen Denken ist. Wir werden uns 
schon von dieser Paulinischen Aufstellung dem modernen Denken 
nahern; nur soil man keine andere Meinung haben iiber das, was uns 
aus Paulus so klar entgegentritt, soil nicht herumdeuteln an dem, was 
gerade bei Paulus so klar ausgesprochen ist. Es ist freilich bequem, 
etwas allegorisch auszulegen und zu sagen, er habe es so und so ge- 
meint; aber alle diese Deutungen haben keinen Sinn. Und es bleibt 
uns nichts iibrig, wenn wir einen Sinn damit verbinden wollen — 
selbst wenn das moderne Bewulksein es als einen Aberglauben auf- 
fassen wollte — als dafi nach Paulinischer Darstellung der Christus 
nach drei Tagen auferstanden ist. Gehen wir aber weiter. 

Ich mochte hier nun audi noch die Bemerkung einfiigen, daft eine 
solche Behauptung, wie sie Paulus getan hat, nachdem er selber den 
Gipfel seiner Initiation durch das Ereignis von Damaskus erlangt 
hatte, die Behauptung iiber den zweiten Adam und seine Auf- 
erstehung aus dem Grabe, nur einer machen konnte, der seiner 
ganzen Denkweise und seiner ganzen Anschauung nach aus dem 
Griechentum hervorgegangen war; der eben in dem Griechentum 
wurzelte, wenn audi als ein Angehoriger des hebraischen Volkes; der 
aber all seinen Hebraismus in gewisser Beziehung der griechischen 
Auffassung zum Opfer gebracht hatte. Denn was behauptet eigentlich 
Paulus, wenn wir der Sache nahertreten? Was die Griechen geliebt 
und geschatzt haben, die auftere Form des Menschenleibes, wovon sie 
die tragische Empfindung hatten: das endet, wenn der Mensch durch 
die Pforte des Todes schreitet!, von dem sagt Paulus aus seiner An- 
schauung heraus: Es hat sich triumphierend aus dem Grabe erhoben 
mit der Auferstehung des Christus! — Und ziehen wir eine Briicke 



zwischen den zwei Weltanschauungen, so konnen wir sie am besten 
so ziehen: 

Der griechische Heros sagte aus seiner griechischen Empfindung 
heraus: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein Konig im 
Reiche der Schatten! Und er sagte es, weil er aus seiner griechischen 
Empfindung heraus davon Uberzeugt war, dafi das, was der Grieche 
liebte, die aufiere Form des physischen Leibes, mit dem Durchgehen 
durch die Pforte des Todes ein fur allemal verloren sei. Auf den- 
selben Boden, auf dem diese schonheitstrunkene tragische Stimmung 
erwachsen war, trat Paulus, der Verbreiter des Evangeliums zunachst 
unter den Griechen. Und wir weichen nicht von seinen Worten ab, 
wenn wir sie in folgender Weise iibersetzen: « Nicht geht in der Zu- 
kunft das, was ihr sm meisten schatzt, die menschliche Leibesform, 
zugrunde; sondern der Christus ist erstanden als der Erste von denen, 
die auferweckt werden von den Toten! Die physische Leibesform ist 
nicht verloren — sondern zuriickgegeben der Menschheit durch die 
Auferstehung des Christus !» Was die Griechen am meisten schatzten, 
das gab der durch und durch griechisch gebildete Jude Paulus den 
Griechen mit der Auferstehung wieder zuriick. Nur ein Grieche 
konnte so denken und so sprechen, aber nur ein Grieche, der es 
geworden war mit all den Voraussetzungen, die zugleich die Abstam- 
mung aus dem Judentum ergab. Nur ein zum Griechen gewordener 
Jude konnte so sprechen, nimmermehr ein anderer. 

Wie konnen wir uns aber diesen Dingen vom Standpunkte der 
Geisteswissenschaft aus nahern? Denn vorerst sind wir erst so weit, 
dafi wir wissen, Paulus habe etwas gefordert, was dem modernen 
Denken einen grundlichen Strich durch die Rechnung macht. Jetzt 
wollen wir einmal versuchen, uns vom Standpunkte der Geistes- 
wissenschaft aus dem, was Paulus fordert, zu nahern. 

Nehmen wir einmal die Dinge, die wir aus der Geisteswissenschaft 
wissen, zusammen, um aus dem, was wir selber sagen, eine Vorstel- 
lung zu bekommen gegeniiber den Behauptungen des Paulus. Da 
wissen wir, wenn wir uns die allereinfachsten geisteswissenschaftlichen 
Wahrheiten noch einmal vor die Seele fuhren: Der Mensch besteht 
aus physischem Leib, Atherleib, Astralleib und Ich. Wenn Sie nun 



jemanden fragen, der sidi ein wenig mit Geisteswissenschaft beschaftigt 
hat, aber nicht sehr griindlich, ob er den physischen Leib des Men- 
schen kenne, so wird er Ihnen ganz gewifi sagen: Den kenne ich sehr 
gut; denn ich sehe ihn ja, wenn ein Mensch mir vor Augen tritt. Das 
andere sind die iibrigen unsinnlichen, unsichtbaren Glieder, die kann 
man nicht sehen; aber den physischen Menschenleib kenne ich sehr 
gut. — Tritt uns wirklich der physische Leib des Menschen vor 
Augen, wenn wir mit unserer gewohnlichen physischen Anschauung 
und unserem physischen Verstande dem Menschen entgegentreten? Ich 
frage Sie: Wer hat ohne hellseherische Anschauung jemals einen 
physischen Menschenleib gesehen? Was haben die Menschen vor 
Augen, wenn sie nur mit physischen Augen schauen und mit dem 
physischen Verstande begreifen? Ein Menschenwesen, das aber 
besteht aus physischem Leib, Atherleib, Astralleib und Ich! Und 
wenn ein Mensch vor uns steht, steht ein organisierter Zusammen- 
hang aus physischem Leib, Atherleib, Astralleib und Ich vor uns. 
Und es hat sowenig Sinn, zu sagen, es stiinde ein physischer Leib 
vor uns, wie es keinen Sinn hatte, zu sagen, wenn wir jemandem 
ein Glas Wasser vorhalten: da ist Wasserstoff drinnen! Wasser 
besteht aus Wasserstoff und Sauerstoff, wie der Mensch besteht 
aus physischem Leib, Atherleib, Astralleib und Ich. Was physischer 
Leib, Atherleib, Astralleib und Ich zusammen ausmachen, das ist 
au£erlich in der physischen Welt zu sehen, wie das Wasser in dem 
Glase Wasser. Wasserstoff und Sauerstoff aber wird nicht gesehen, und 
der irrt sich gewaltig, der da sagen wollte, er wiirde den Wasserstoff 
im Wasser sehen. So irrt sich aber auch der, der da meint, er sehe den 
physischen Leib, wenn er einen Menschen in der aufSeren Welt sieht. 
Nicht einen physischen Menschenleib sieht der mit physischen Sinnen 
und mit physischem Verstande begabte Beschauer, sondern ein vier- 
gliedriges Wesen — und den physischen Leib nur insofern, als er 
durchdrungen ist von den iibrigen menschlichen Wesensgliedern. Da 
ist er aber so verandert, wie der Wasserstoff im Wasser, indem er vom 
Sauerstoff durchdrungen ist. Denn Wasserstoff ist ein Gas, und Sauer- 
stoff ist auch eins. Wir haben also zwei Gase; beide zusammengefiigt 
geben eine Fliissigkeit. Warum sollte es also unbegreiflich sein, dafi 



der Mensch, der uns in der physisdien Welt entgegentritt, sehr un- 
ahnlich ist seinen einzelnen Gliedern — dem physisdien Leib, dem 
Atherleib, dem Astralleib und dem Ich, wie ja audi das Wasser dem 
Wasserstoff sehr unahnlich ist? Und so ist es auch! Deshalb miissen 
wir sagen: Auf jene Maja, als die ihm der physische Leib zunachst 
erscheint, darf sich der Mensch nicht verlassen. Wir miissen uns den 
physisdien Leib in einer ganz anderen Weise denken, wenn wir uns 
dem Wesen dieses physisdien Menschenleibes nahern wollen. 

Da handelt es sich darum, dafi die Betrachtung des physisdien 
Menschenleibes an sich zu den schwierigsten hellseherischen Problemen 
gehort, zu den aller schwierigsten! Denn nehmen wir an, wir lassen 
von der Aufienwelt dasjenige Experiment mit dem Menschen voll- 
ziehen, das ahnlich ist dem Zerlegen des Wassers in Wasserstoff und 
Sauerstoff. Nun, im Tode wird ja dieses Experiment von der grofien 
Welt vollzogen. Da sehen wir, wie der Mensch seinen physisdien Leib 
ablegt. Legt er wirklich seinen physisdien Leib ab? Die Frage scheint 
eigentlich lacherlich zu sein. Denn was scheint klarer zu sein, als dafi 
der Mensch mit dem Tode seinen physisdien Leib ablegt! Aber was 
der Mensch mit dem Tode ablegt — was ist denn das? Das ist etwas, 
von dem man zum mindesten sich sagen mufi, dafi es das Wichtigste, 
was der physische Leib im Leben hat, nicht mehr besitzt: namlich 
die Form, die von dem Momente des Todes an zerstort zu werden 
beginnt an dem Abgelegten. Wir haben zerfallende Stoffe vor uns, 
und die Form ist nicht mehr eigentiimlich. Was da abgelegt wird, sind 
im Grunde genommen die Stoffe und Elemente, die wir sonst audi 
in der Natur verfolgen; das ist nicht das, was sich naturgemafi eine 
menschliche Form geben wiirde. Zum physisdien Menschenleib gehort 
aber diese Form ganz wesentlich. Fur den gewohnlichen hellsehe- 
rischen Blick ist es zunachst tatsachlich so, als ob einfach der Mensch 
diese Stoffe ablege, die dann der Verwesung oder Verbrennung zu- 
gefiihrt werden, und sonst nichts von seinem physisdien Leibe bliebe. 
Dann sieht das gewohnliche Hellsehen nach dem Tode in jenen Zu- 
sammenhang hinein, der da besteht aus Ich, astralischem Leib und 
Atherleib wahrend der Zeit, wahrend welcher der Mensch seinen 
Riickblick zum verflossenen Leben hat. Dann sieht der Hellseher 



durch das fortsdireitende Experiment den Atherleib sich abtrennen, 
sieht einen Extrakt dieses Atherleibes mitgehen und das Ubrige sich 
auflosen in dem allgemeinen Weltenather in der einen oder anderen 
Weise. Und so scheint es in der Tat, als ob der Mensch den physischen 
Leib mit den physischen Stoffen und Kraften abgelegt hatte mit dem 
Tode und den Atherleib nach ein paar Tagen. Und wenn der Hell- 
seher den Menschen dann weiter verfolgt wahrend der Kamaloka- 
Zeit, so sieht er, wie wieder von dem Astralleib ein Extrakt durch 
das weitere Leben zwischen Tod und neuer Geburt mitgenommen, 
und wie das andere des Astralleibes der allgemeinen Astralitat iiber- 
geben wird. 

Wir sehen also: Physischer Leib, Atherleib und Astralleib werden 
abgelegt, und der physische Leib scheint erschopft zu sein in dem, was 
wir vor uns haben in den Stoffen und Kraften, die der Verwesung 
oder Verbrennung oder auf eine andere Weise der Auflosung in die 
Elemente entgegengehen. Je mehr sich aber in unserer Zeit des 
Menschen Hellsichtigkeit entwickelt, desto mehr wird er sich iiber 
eines klar werden: daft das, was mit dem physischen Leibe abgelegt 
wird als die physischen Stoffe und Krafte, doch nicht der ganze 
physische Leib ist, daft das gar nicht einmal die ganze Gestalt des 
physischen Leibes gabe. Sondern zu diesen Stoffen und Kraften gehort 
noch etwas anderes, das wir nennen miissen, wenn wir sachgemaft 
sprechen, das «Phantom» des Menschen. Dieses Phantom ist die Form- 
gestalt des Menschen, welche als ein Geistgewebe die physischen 
Stoffe und Krafte verarbeitet, so daft sie in die Form hineinkommen, 
die uns als der Mensch auf dem physischen Plane entgegentritt. Wie 
der plastische Kiinstler keine Statue zustande bringt, wenn er Mar- 
mor oder irgend etwas anderes nimmt und wiist darauf losschlagt, 
daft einzelne Stiicke abspringen, wie sie der Stoff eben abspringen 
laftt; sondern wie der plastische Kiinstler den Gedanken haben muft, 
den er dem Stoffe einpragt, so ist audi fur den Menschenleib der 
Gedanke vorhanden; aber nicht so vorhanden, da das Material des 
Menschenleibes kein Marmor oder Gips ist, wie derjenige des Kiinst- 
lers, sondern als der reale Gedanke in der Aufienwelt: als Phantom. 
Was der plastische Kiinstler einpragt seinem Stoffe, das wird den 



Stoffen der Erde, die wir nach dem Tode dem Grabe oder dem Feuer 
iibergeben sehen, eingepragt als Phantom des physischen Leibes. 
Das Phantom gehort zum physischen Leibe dazu, es ist der tibrige 
Teil des physisdien Leibes, ist wichtiger als die aufieren Stoffe; 
denn die aufieren Stoffe sind im Grunde genommen nichts anderes 
als etwas, was hineingeladen wird in das Netz der mensch- 
lichen Form, wie man Apfel auf einen Wagen ladt. Das Phantom 
ist etwas Wichtiges! Die Stoffe, die da zerf alien nach dem 
Tode, sind im wesentlichen das, was wir in der Natur drauflen audi 
antreffen, nur dafi es aufgefangen wird von der menschlichen Form. 

Wenn Sie tiefer nachdenken: glauben Sie, dafi alle die Arbeit, die 
getan worden ist von grofien gottlichen Geistern durch die Saturn-, 
Sonnen- und Mondenzeit hindurch, nur das geschaffen hat, was mit 
dem Tode den Elementen der Erde iibergeben wird? Nein! das ist es 
gar nicht, was da durch Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hindurch 
entwickelt worden ist. Das Phantom ist es, die Form des physischen 
Leibes! Das ist es also, woriiber wir uns klar sein miissen, dafi das 
Verstandnis dieses physischen Leibes nicht so leicht ist. Vor alien 
Dingen darf das Verstandnis des physischen Leibes nicht in der Welt 
der Illusion, nicht in der Welt der Maja gesucht werden. 'Wir wissen, 
dafi den Grundstein, sozusagen den Keim zu diesem Phantom des 
physischen Leibes, die Throne wahrend der Saturnzeit gelegt haben, 
dafi dann weiter daran gearbeitet haben die Geister der Weisheit 
wahrend der Sonnenzeit, die Geister der Bewegung wahrend der 
Mondenzeit und die Geister der Form wahrend der Erdenzeit. Und 
dadurch erst ist das, was der physische Leib ist, zum Phantom ge- 
worden. Daher nennen wir sie die Geister der Form, weil sie eigentlich 
in dem leben, was wir das Phantom des physischen Leibes nennen. So 
miissen wir schon, um den physischen Leib zu verstehen, zum Phantom 
desselben zuriickgehen. 

Nun wiirden wir also sagen konnen, wenn wir an den Beginn 
unseres Erdendaseins uns versetzen: Die Scharen aus den Reihen der 
hoheren Hierarchien, welche iiber die Saturn-, Sonnen- und Monden- 
zeit bis zur Erdenzeit den menschlichen physischen Leib in seiner 
Form bereitet haben, sie haben dieses Phantom zunachst innerhalb 



der Erdenevolution hereingestellt. In der Tat war als erstes von dem 
physischen Leib des Menschen das Phantom da, das man nicht mit 
physischen Augen sehen kann. Das ist ein Kraftleib, der ganz durch- 
sichtig ist. "Was das physische Auge sieht, sind die physischen Stoffe, 
die der Mensch ilk, die er aufnimmt, und die dieses Unsichtbare 
ausfiillen. Schaut das physische Auge einen physischen Leib an, so 
sieht es in Wahrheit das Mineralische, das den physischen Leib aus- 
fiillt, gar nicht den physischen Leib. Wodurch ist denn aber das 
Mineralische gerade so, wie es ist, hineingekommen in dieses Phantom 
des physischen Leibes des Menschen? — Urn uns diese Frage zu be- 
antworten, vergegenwartigen wir uns noch einmal die Entstehung, 
das erste Werden des Menschen auf unserer Erde. 

Heriibergekommen ist von Saturn, Sonne und Mond jener Kraft- 
zusammenhang, der uns im unsichtbaren Phantom des physischen 
Leibes in seiner wahren Gestalt entgegentritt, und der gerade fur 
ein hoheres Hellsehen erst als Phantom erscheinen wird, wenn wir 
absehen von alledem, was als auftere Stoffe dieses Phantom ausfullt. 
Also dieses Phantom ist es, was am Ausgangspunkte steht. Un- 
sichtbar ware also der Mensch am Ausgangspunkte seines Erden- 
werdens auch als physischer Leib. Nehmen wir jetzt an, es wiirde zu 
diesem Phantom des physischen Leibes der Atherleib noch hinzu- 
gefiigt werden, wiirde dadurch der physische Leib nun sichtbar werden 
als Phantom? Ganz gewift nicht. Denn der Atherleib ist sowieso 
unsichtbar fur das gewohnliche Anschauen. Also physischer Leib plus 
Atherleib sind noch immer nicht sichtbar im aufteren physischen 
Sinne. Und der Astralleib erst recht nicht; so daft physischer Leib als 
Phantom und Atherleib und Astralleib zusammen noch immer un- 
sichtbar sind. Und das Ich, hinzugefiigt, wiirde zwar innerlich wahr- 
nehmbar sein, aber nicht aufierlich sichtbar. Also der Mensch bliebe 
uns, wie er aus der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit heriibergekom- 
men ist, etwas Unsichtbares, und wiirde nur fur ein Hellsehen 
sichtbar sein. Wodurch wurde er sichtbar? — Er wiirde iiberhaupt 
nicht sichtbar geworden sein, wenn nicht das eingetreten ware, was 
uns die Bibel symbolisch und was uns wirklich die Geheimwissen- 
schaft schildert: der luziferische Einfluft. Was ist damit geschehen? 



Lesen Sie nach in der «Geheimwissensdiaft»: Aus jener Entwicke- 
lungsbahn, in welcher der Mensch dadurch war, daft sein physischer 
Leib, Atherleib und Astralleib bis zum Unsichtbaren gebracht worden 
sind, ist er heruntergeworfen worden in die dichtere Materie und hat 
die dichtere Materie so aufgenommen, wie er sie eben aufnehmen 
muftte unter dem Einflusse des Luzifer. Ware also in unserem astra- 
lischen Leibe und in unserem Ich nicht das, was wir die luziferische 
Kraft nennen, so wiirde die dichte Materialitat nicht so sichtbar ge- 
worden sein, wie sie sichtbar geworden ist. Daher miissen wir sagen: 
Wir miissen den Menschen als einen unsichtbaren hinstellen; und erst 
mit den Einfliissen des Luzifer sind Krafte in den Menschen einge- 
zogen, die ihn fur die Materie sichtbar machen. Durch die luzife- 
rischen Einflusse geraten in das Gebiet des Phantoms die aufteren 
Stoffe und Krafte und durchdringen dieses Phantom. Wie wenn wir 
in ein durchsichtig erscheinendes Glas eine farbige Fliissigkeit hinein- 
gieften, so daft uns dasselbe gefarbt erscheint, wahrend es sonst fur 
unser Auge durchsichtig war, so miissen wir uns denken, daft der 
luziferische Einfluft Krafte hineingegossen hat in die menschliche 
Phantomform, wodurch der Mensch geeignet wurde, auf der Erde die 
entsprechenden Stoffe und Krafte aufzunehmen, die seine sonst un- 
sichtbare Form sichtbar werden lassen. 

Was also macht den Menschen sichtbar? Die luziferischen Krafte in 
seinem Innern machen den Menschen so sichtbar, wie er uns auf dem 
physischen Plane entgegentritt; sonst ware sein physischer Leib immer 
unsichtbar geblieben. Daher haben die Alchimisten immer betont, daft 
der menschliche Leib in Wahrheit besteht aus derselben Substanz, aus 
welcher der ganz durchsichtige, kristallhelle Stein der Weisen besteht. 
Der physische Leib besteht wirklich aus absoluter Durchsichtigkeit, 
und die luziferischen Krafte im Menschen sind es, welche ihn zur 
Undurchsichtigkeit gebracht haben und ihn so vor uns hinstellen, daft 
er undurchsichtig und greifbar wird. Daraus werden Sie ersehen, daft 
der Mensch zu dem Wesen, das die aufteren Stoffe und Krafte der 
Erde aufnimmt, die mit dem Tode wieder weggegeben werden, nur 
dadurch geworden ist, daft er von Luzifer verfuhrt worden ist, und 
daft gewisse Krafte in seinen Astralleib hineingegossen worden sind. 



Was aber wird denn notwendigerweise daraus folgen? Daraus mufi 
folgen, daft, indem das Ich unter dem Einflufi des Luzifer auf der 
Erde in den Zusammenhang von physischem Leib, Atherleib und 
Astralleib eingezogen ist, der Mensch erst das geworden ist, was er 
auf der Erde ist. Dadurch ist er erst zum Trager der irdischen Gestalt 
geworden, sonst ware er es nicht geworden. 

Und jetzt nehmen wir einmal an, daft von einem menschlichen 
Zusammenhange, der da besteht aus physischem Leib, Atherleib, 
Astralleib und Ich, in einem bestimmten Zeitpunkte des Lebens das 
Ich herausgeht, daft also dann vor uns stehen wiirde: physischer Leib, 
Atherleib, Astralleib — nicht aber das Ich dazu. Nehmen wir einmal 
an, das wiirde eintreten, das heifit, es wiirde eintreten, was ein- 
getreten ist mit Bezug auf den Jesus von Nazareth im dreiftigsten 
Jahre seines Lebens: da hat das menschliche Ich diesen Zusammen- 
hang von physischem Leib, Atherleib und Astralleib verlassen. Und 
in dies, was geblieben ist — eben der Zusammenhang von physischem 
Leib, Atherleib und Astralleib — zieht die Christus-Wesenheit ein 
mit der Johannes-Taufe im Jordan. Daher haben wir jetzt physischen 
Leib, Atherleib und Astralleib eines Menschen — und die Christus- 
Wesenheit. Wie sonst das Ich, so sitzt jetzt in einem menschlichen 
Zusammenhange die Christus-Wesenheit. Was also unterscheidet jetzt 
diesen Christus Jesus von alien anderen Menschen der Erde? Das 
unterscheidet ihn, daft alle anderen Menschen jenes Ich in sich tragen, 
das einmal in der Versuchung des Luzifer unterlegen ist, und daft der 
Christus Jesus dieses Ich nicht mehr in sich tragt, sondern statt dessen 
die Christus-Wesenheit. So daft er nunmehr von dem, was von 
Luzifer kommt, den Rest in sich tragt — ohne daft ein menschliches 
Ich weiter in diesen Leib, von der Johannes-Taufe im Jordan an- 
gefangen, die luziferischen Einflusse hineinkommen lassen kdnnte. 
Ein physischer Leib, ein Atherleib, ein astralischer Leib, in denen die 
Reste der luziferischen Einflusse von friiher drinnen sind, aber in die 
keine neuen Einflusse hineinkommen konnen in den nachsten drei 
Jahren, und die Christus-Wesenheit: das macht den Christus Jesus aus. 

Fassen wir ganz genau ins Auge, was jetzt der Christus von der 
Johannes-Taufe im Jordan bis zum Mysterium von Golgatha ist: ein 



physischer Leib, ein atherischer Leib und ein astralischer Leib, der 
diesen physischen Leib und Atherleib sichtbar macht, weil er die 
Reste des luziferisdhien Einflusses noch enthalt. Denn dadurch, dafi 
die Christus-Wesenheit die Reste des astralischen Leibes hat, die der 
Jesus von Nazareth gehabt hat von der Geburt bis zum dreiftigsten 
Jahre, dadurch ist der physische Leib sichtbar als der Christus-Trager. 
Seit der Johannes-Taufe im Jordan haben wir also vor uns einen 
physischen Leib, der als soldier nicht sichtbar ware auf dem physi- 
schen Plan, einen Atherleib, der als soldier nicht wahrnehmbar ware, 
die Reste des Astralleibes, der die beiden anderen Leiber sichtbar 
macht, der den Jesus-von-Nazareth-Leib zu einem sichtbaren Leib 
macht von der Johannes-Taufe im Jordan bis zum Mysterium von 
Golgatha — und die Christus-Wesenheit drinnen. Diese viergliedrige 
Wesenheit des Christus Jesus wollen wir uns einmal recht gut in die 
Seele schreiben, wollen uns sagen: Ein jeder Mensch, der auf dem 
physischen Plane vor uns steht, besteht aus physischem Leib, Ather- 
leib, Astralleib und Ich; aber dieses Ich ist ein solches, das immer in 
den astralischen Leib hineinwirkt bis zum Tode. Die Christus-Jesus- 
Wesenheit aber steht als solche vor uns, die an sich hat audi physi- 
schen Leib, Atherleib, Astralleib — aber jetzt kein menschliches Ich, 
so daft da die drei Jahre bis zum Tode nicht dasselbe hineingewirkt 
wird, was sonst in die menschliche "wesenheit hineingewirkt wird, 
sondern eben die Christus-Wesenheit. 

Das wollen wir uns klar vor die Seele schreiben und morgen von 
diesem Ausgangspunkte an die Sache weiter betrachten. 



SIEBENTER VORTRAG 
Karlsruhe, ll.Oktober 1911 



Wir haben durch unsere gestrige Betrachtung gesehen, dafi in einer 
gewissen Beziehung die Frage des Christentums die der Auferstehung 
des Christus Jesus ist. Namentlidi hat sich uns gezeigt, daft dem- 
jenigen Verkiindiger des Christentums, der sogleich nach seiner Er- 
kenntnis des Wesens des Christus-Impulses auch erkannt hatte, dafi 
der Christus nach dem Ereignis von Golgatha lebt, dafi dem Paulus 
nach seinem Erlebnis vor Damaskus ein gewaltiges, ein grofiartiges 
Geschichtsbild von derEntwickelung derMenschheitaufgegangen war. 
Und wir haben gestern, von diesem Punkte ausgehend, unsere Be- 
trachtungen so weit gefiihrt, dafi wir uns eine Vorstellung verschafft 
haben von dem, was der Christus Jesus unmittelbar nach der Johan- 
nes-Taufe im Jordan war. Unsere nachsten Aufgaben werden also 
darin bestehen, zu untersuchen, was geschehen ist von der Johannes- 
Taufe im Jordan bis zu dem Mysterium von Golgatha. Um aber von 
dem gestrigen Ausgangspunkte aus aufsteigen zu konnen zu dem 
Verstandnis dieses Mysteriums von Golgatha, wird es notwendig sein, 
auf einiges hinzuweisen, um gewisse Hindernisse aus dem Wege zu 
raumen, die sich einem entgegenstellen, wenn man in einer tiefgehen- 
den und ernsten Weise das Mysterium von Golgatha begreifen will. 
Sie konnen ja aus alledem, was iiber die Evangelien im Laufe der 
Jahre gesagt worden ist, und auch aus dem, was schon in den 
wenigen Vortragen dieser Tage hier gesprochen wurde, entnehmen, 
dafi gewisse, da oder dort fur geniigend erachtete theosophische Vor- 
stellungen in Wirklichkeit durchaus nicht geniigen, um die Frage zu 
beantworten, die uns beschaftigt. 

Vor alien Dingen miissen wir ganz ernst nehmen, was iiber die drei 
Stromungen der Menschheit gesagt worden ist: die Stromung, die 
iiber das Griechentum heraufgeht, dann die zweite, die iiber das 
althebraische Altertum geht, und endlich diejenige Stromung, die ein 
halbes Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung in dem Gotama Buddha 
ihren Ausdruck gefunden hat. Gezeigt hat sich uns, dafi die Stromung 



des Gotama Buddha — namentlidi so, wie sie sich eingelebt hat in 
die Bekennerschaft des Buddha — am allerwenigsten geeignet sein 
kann, ein Verstandnis des Mysteriums von Golgatha zu vermitteln. 
Fur den modernen Menschen, der erfiiilt ist von dem BewuJStsein der 
gegenwartigen Bildung, hat ja allerdings gerade die Stromung, die 
im Buddha-Bekenntnis zum Ausdruck kommt, etwas Bequemes; denn 
kaum eine andere Stromung kommt so den BegrifFen der Gegenwart 
entgegen, insofern diese BegrifTe gerade vor dem Grolken stillestehen 
wollen, was die Menschheit zu begreifen hat: vor der Auferstehungs- 
frage. Denn mit der Auferstehungsfrage hangt die ganze Entwick- 
lungsgeschichte der Menschheit zusammen. Es ist nun einmal so, dafi, 
wie wir gesehen haben, innerhalb der Buddha-Lehre dasjenige ver- 
lorengegangen ist, was wir im eigentlichen Sinne das vierte Glied 
der menschlichen Natur nennen: die reale Wesenheit des Ich. Gewifi, 
man kann ja audi bei diesen Dingen allerlei Deutelungen und Inter- 
pretationskiinste anwenden, und es wird viele Menschen geben, die 
in einer gewissen Weise bemangeln werden, was hier iiber die 
Buddha-Stromung gesagt worden ist. Aber darauf kommt es nicht an. 
Denn so etwas, wie ich es angefuhrt habe, was aus dem Herzen eines 
buddhistischen Menschen kommt, wie zum Beispiel das Gesprach 
zwischen dem Konig Milinda und dem buddhistischen Weisen Naga- 
sena, solche Dinge sprechen deutlich dafiir, dafi so, wie wir von der 
Ich-Natur des Menschen sprechen miissen, innerhalb des Buddhismus 
nicht iiber die Ich-Natur gesprochen werden kann. Wir miissen es 
begreifen, dafi es fur einen echten Bekenner des Buddhismus sogar 
eine Ketzerei ist, wenn iiber die Ich-Natur so gesprochen wird, wie 
wir es vertreten miissen. Deshalb ist es notwendig, uns iiber die 
Ich-Natur zu verstandigen. 

Was wir das menschliche Ich nennen, was wir bei jedem Menschen 
— und sei es der hochste Adept — als von Inkarnation zu Inkar- 
nation gehend auffassen, von diesem menschlichen Ich — das haben 
wir gestern zum Schluft angefuhrt — konnen wir bei dem Jesus von 
Nazareth nur sprechen von der Geburt bis zur Johannes-Taufe im 
Jordan. Dann, nach der Johannes-Taufe, haben wir zwar in der 
Wesenheit des Christus Jesus noch vor uns den physischen Leib, 



Atherleib und Astralleib des Jesus von Nazareth, aber jetzt sind 
diese aufieren menschlichen Hiillen bewohnt — nicht von einem 
menschlichen Ich, sondern von einem kosmisdien Wesen, das wir als 
das Christus- Wesen uns nun schon in jahrelangen Bemiihungen dem 
Verstandnis durch Worte nahezubringen versuchen. Sobald man nam- 
lich die ganze Wesenheit des Christus Jesus versteht, ist es eigentlich 
ganz selbstverstandlich, daft man fiir den Christus Jesus eine jegliche 
Art der physischen, der fleischlichen Wiederverkorperung ablehnen 
mufi, und daft die in meinem Mysteriendrama «Die Priifung der 
Seele» gebrauchte Wendung von dem nur einmaligen Vorhandensein 
des Christus in einem fleischlichen Leibe ganz wortlich und ernst 
genommen werden muft. Wir miissen demnach zuerst uns beschaftigen 
mit der Wesenheit, mit der Natur des menschlichen Ich, gerade mit 
demjenigen also, iiber das sozusagen vollstandig hinaus sein muftte 
die Christus Jesus- Wesenheit von der Johannes-Taufe im Jordan an 
bis zum Mysterium von Golgatha. 

Aus den friiheren Vortragen, wo gezeigt worden ist, daft der Ent- 
wickelung der Erde voraufgegangen ist ein Saturndasein, ein Sonnen- 
dasein, ein Monddasein, und daft auf diese drei planetarischen Ver- 
korperungen die vierte, unsere eigene Erdenverkorperung gefolgt ist, 
— aus solchen Vortragen wissen Sie, daft erst innerhalb unserer Erde, 
innerhalb des vierten der planetarischen Zustande, die notig waren, 
um unsere Erde mit alien ihren Wesen zustande zu bringen, dasjenige 
mit der menschlichen Natur in eine Verbindung treten konnte, was 
wir das menschliche Ich nennen. Wie wir fiir die alte Saturnzeit 
sprechen von dem Beginn des physischen Leibes, so sprechen wir bei 
der alten Sonnenzeit von der ersten Entwickelung des Atherleibes, bei 
dem Mondendasein von der ersten Entwickelung des Astralleibes und 
erst bei der Erdentwickelung von der Entfaltung des Ich. Das ware 
die ganze Sache geschichtlich, kosmisch-geschichtlich betrachtet. Wie 
stellt sich denn aber die Sache, wenn wir den Menschen ansehen? 

Da wissen wir aus unseren bisherigen Betrachtungen, daft, wenn 
audi der Keim des Ich schon in der lemurischen Zeit in die mensch- 
liche Wesenheit gelegt worden ist, eine Moglichkeit, zum Ich-Bewuftt- 
sein zu kommen, fiir den Menschen erst eingetreten ist gegen das 



Ende der atlantischen Zeit, und dafi eigentlidi audi dann nodi dieses 
Ich-Bewufitsein sehr dammerhafl und dunkel war. Ja, audi nodi nach 
der atlantischen Zeit, durch die verschiedenen Kulturperioden hin- 
durch, die dem Mysterium von Golgatha voraufgegangen sind, war 
verhaltnismafiig lange nodi das Idi-Bewufksein ein dumpfes, traum- 
haftes, dammerhaftes. Undwenn Sie die Entwickelung des hebraischen 
Volkes ins Auge fassen, wird Ihnen klar sein, dafi gerade bei diesem 
Volke das Ich-Bewufksein in einer sehr eigenartigen Weise zum Aus- 
druck gekommen ist. Es war eine Art von Volks-Ich, welches gelebt 
hat in jedem einzelnen Gliede des althebraischen Volkes; und im 
Grunde genommen hat jeder Angehorige dieses Volkes sein Ich hin- 
aufgeleitet bis zum fleischlichen Stammvater, bis zu Abraham. Des- 
halb konnen wir sagen: Das Ich eines Gliedes des althebraischen 
Volkes ist noch ein solches, das wir als ein Gruppen-Ich, ein Volks- 
Gruppen-Ich bezeichnen. Es ist das Bewufitsein da noch nicht durch- 
gedrungen bis zum individuellen Einzelwesen des Menschen. Warum 
ist das so? Aus dem Grunde, weil jenes Gefiige der viergliedrigen 
Menschenwesenheit, das wir heute als das normale ansehen, erst nach 
und nach im Laufe der Erdentwickelung sich herausgebildet hat, und 
weil im Grunde genommen erst gegen Ende der atlantischen Zeit der 
noch weit aufier dem physischen Leib befindliche Teil des Atherleibes 
nach und nach hineingezogen ist in den physischen Leib. Und erst 
indem diese eigentiimliche Organisation sich herausgebildet hat, die 
wir jetzt als die normale mit dem hellseherischen Bewufitsein erken- 
nen, dafi namlich der physische Leib und der Atherleib sich ungef ahr 
decken, erst dann ist die Moglichkeit fur den Menschen gegeben 
worden, das Ich-Bewufitsein zu entfalten. Aber dieses Ich-Bewulksein 
tritt uns in einer sehr eigentiimlichen Art entgegen. Machen wir uns 
allmahlich und langsam eine Vorstellung, wie uns dieses Ich-Bewufit- 
sein beim Menschen entgegentritt! 

Ich habe Sie gestern darauf aufmerksam gemacht, wie Menschen 
gesprochen haben, die mit aller Intellektualitat der Gegenwart, mit 
aller Verstandigkeit der Zeit gestellt wurden vor die Auferstehungs- 
frage; wie sie sagen: Wenn ich zugeben mufi, was echte Paulinische 
Lehre ist fur die Auferstehung, dann mufi ich einen Rifi machen in 



meine ganze Weltanschauung. — So sagen die Menschen der Gegen- 
wart, die Menschen, die also aus ihrer Seele herausziehen konnen 
alles, was zu unserem gegenwartigen Verstande gehort. Es ist solchen 
Menschen, die so sprechen, ganz gewift aufterordentlich fernliegend, 
was jetzt gesagt werden raufi. 

Aber ware es denn nicht moglich, daft solche Menschen einmal 
folgende Oberlegung anstellten: Gut, konnten sie sagen, ich mufi 
einen Rift machen in meine ganze Verstandesanschauung; in alles, was 
ich intellektuell denken kann, mufi ich einen Rift machen, wenn ich 
die Auferstehung annehmen soil. Ist das aber ein Grund, sie abzu- 
lehnen? Ist es die einzige Moglichkeit, weil unser Verstandnis diese 
Auferstehung nicht begreift und sie als ein Wunder ansehen soil, iiber 
diesen Zwiespalt dadurch hiniiberzugelangen, daft wir die Aufer- 
stehung ablehnen? Gabe es nicht noch eine andere Moglichkeit? — 
Diese andere Moglichkeit kommt dem modernen Menschen gar nicht 
leicht; sie wiirde sich namlich. darin ausdriicken, daft sich der Mensch 
sagte: Vielleicht liegt es nicht an der Auferstehung, daft ich sie nicht 
begreifen kann, sondern vielleicht liegt es an meinem Verstande; 
vielleicht ist mein Verstand nur nicht geeignet, um die Auferstehung 
zu verstehen! 

So wenig man in unserer Gegenwart diese Sache ganz ernst nehmen 
wird, so darf doch gesagt werden: den modernen Menschen hindert 
sein Hochmut, eben weil er gar nicht daran denkt, daft darin ein 
Hochmut sitzen konnte, seinen Verstand inbezug auf diese Frage fiir 
inkompetent zu erklaren. Denn was konnte erklarlicher sein: Zu 
sagen, was meine Verstandesanschauung zerreiftt, das lehne ich ab, 
oder sich zu sagen, was eben erwahnt worden ist, daft der Verstand 
vielleicht nicht kompetent sein konnte? Das letztere laftt aber der 
Hochmut nicht zu. 

Nun miiftte natiirlich der Anthroposoph iiber diesen Hochmut 
durch Selbsterziehung hinauskommen; und es miiftte verhaltnismaftig 
dem wahren, echten anthroposophischen Herzen nicht feme liegen, 
sich zu sagen, mein Verstand ist vielleicht nicht kompetent, um iiber 
die Auferstehung zu entscheiden. Aber dann kommt fiir den Anthro- 
posophen eine andere Schwierigkeit, die namlich, daft er nun doch 



eine solche Antwort begreifen mufl, warum der Verstand, der Intel- 
lekt des Menschen nicht geeignet sein konnte, um die grofite Tatsache 
der mensdilichen Entwickelung zu begreifen. Die Antwort auf diese 
Frage konnen wir uns dadurch geben, dafi wir zunachst einmal etwas 
genauer eingehen auf das eigentliche Wesen des mensdilichen Ver- 
standes. Erinnern mochte ich dabei an meine Miinchner Vortrage 
«Weltenwunder, Seelenpriifungen und Geistesoffenbarungen», wovon 
ich jetzt nur — soweit wir es brauchen — ganz kurz den Inhalt 
angeben will. 

Was wir innerlich seelisch verarbeiten, das ist seinem Inhalte nach 
nicht in unserem gegenwartigen physischen Leib; sondern das ist 
seinem Inhalte nach innerhalb unserer Organisation nur so weit, dafi 
es bis zum Atherleibe des Menschen geht. Unsere Gedanken, Gefiihle 
und Empfindungen, dem Inhalte nach, spielen zunachst bis zu un- 
serem Atherleib. Um uns das klarzumachen, denken wir uns unsere 
menschliche Wesenheit, insofern sie besteht aus Ich, Astralleib und 
Atherleib, symbolisiert, zusammengefiigt als eine elliptische Flache. 




Das sei graphisch, schematisch dargestellt, was wir in dieser Beziehung 
unsere Innerlichkeit nennen konnen, was wir seelisch erleben konnen 
und was so weit geht, dafi es sich noch in den Stromungen und 
Kraften des Atherleibes zum Ausdruck bringt. Wenn wir einen Ge- 
danken, eine Empfindung fassen, so ist das in unserem Seelenwesen 
in drei Gliedern, die wir uns in der folgenden Figur vorstellen. 
Es gibt nun schlechterdings innerhalb unseres Seelenlebens nichts, was 
nicht gerade in dieser Weise in uns ware. Wenn nun der Mensch mit 
seinem gewohnlichen irdischen Bewufitsein seine Seelenerlebnisse nur 
so hatte, wie ich sie jetzt geschildert habe, so erlebte er sie zwar, 
konnte sich ihrer aber nicht bewufk werden; sie wurden unbewufit 




bleiben. Bewulk werden unsere Seelenerlebnisse uns erst (lurch einen 
Vbrgang, den wir uns begreiflich machen konnen, wenn wir folgendes 
Gleichnis gebrauchen. Denken Sie, Sie gehen in einer Richtung und 
schauen geradeaus, und denken Sie, Sie hielSen «Miiller». Indem Sie 
so geradeaus gehen, sehen Sie den «Miiller» nicht, dennoch sind Sie 
es, erleben es, sind die Wesenheit «Miiller». Und denken Sie weiter, 
indem Sie so hingehen, schiebt Ihnen jemand einen Spiegel vor: jetzt 
steht der «Miiller» vor Ihnen. Was Sie friiher erlebt haben, sehen Sie 
jetzt; das tritt Ihnen im Spiegel entgegen. — So ist es mit dem ge- 
samten Seelenleben des Menschen: der Mensch erlebt es, wird sich 
dessen aber nicht bewulk, wenn ihm nicht ein Spiegel entgegengehal- 
ten wird. Und fur das Seelenleben ist der Spiegel nichts anderes als 
der physische Leib. Daher konnen wir den physischen Leib jetzt 
schematisch als die aufiere Hiille zeichnen, und die Empfindungen oder 
Gedanken werden zuriickgeworfen durch die Hiille des physischen 
Leibes. Dadurch werden uns die Vorgange bewulk. So ist fur uns als 
irdische Menschen der physische Menschenleib in Wahrheit ein 
Spiegelungsapparat. 

Wenn Sie in dieser Weise immer tiefer und tiefer in das Wesen 
des menschlichen Seelenlebens und in das Wesen des menschlichen 
Bewulkseins eindringen, konnen Sie unmoglich alle diejenigen Dinge, 
die immer wieder und wieder von dem Materialismus der spirituellen 
Weltauffassung entgegengebracht werden, irgendwie gefahrlich oder 
bedeutsam finden, Denn es ist natiirlich ein vollstandiger Unsinn, 
daraus zum Beispiel, dafi bei irgendeiner Beschadigung des Spiege- 



lungsapparates das seelische Erleben fiir das Bewuiksein aufhort 
wahrgenommen zu werden, den Schlufi zu ziehen, da!5 dieses seelische 
Erleben selbst an den Spiegelapparat gebunden ware. Denn wenn 
jemand den Spiegel zerbricht, dem Sie entgegengehen, und durch den 
Sie sich wahrnehmen, zerbricht er nicht Sie, sondern Sie verschwinden 
nur vor Ihrem Biick. So ist es, wenn der Spiegelapparat fiir das 
Seelenleben, das Gehirn, zerstort wird: es hort die Wahrnehmung auf; 
aber das Seelenleben selbst, insofern es im Atherleib und Astralleib 
ablauft, wird gar nicht davon beriihrt. 

Nun fragen wir weiter: Kommt nicht gerade jetzt, wo wir dieses 
einsehen, die Wesenheit und die Natur unseres physischen Leibes gar 
sehr in Betracht? — Eine leichte Oberlegung kann Ihnen zeigen, dafi 
wir ohne Bewuiksein zu keinem Ich kommen konnen, namlich zu 
keinem Bewuiksein vom Ich. Wenn wir kein Bewufksein entwickeln, 
konnen wir auch zu keinem Ich kommen. Da£ wir uns auf der Erde 
das Ich-Bewufksein aneignen konnen, dazu mufi unser physischer Leib 
mit der Gehirnorganisation ein Spiegelapparat sein. Wir mussen 
lernen, an der Spiegelung uns unser selbst bewulk zu werden; und 
hatten wir keinen Spiegelapparat, so konnten wir uns nicht unser 
selbst bewufk werden. Wie ist aber dieser Spiegel? 

Da zeigt sich uns nun, wenn wir eingehen auf die okkulten For- 
schungen, die zuriickgehen durch das Lesen der Akasha-Chronik bis 
zum Ursprunge unseres Erdendaseins, daft in der Tat gerade im Be- 
ginne des Erdendaseins dieser Spiegelapparat, der auftere physische 
Leib, durch den luziferischen Einflufi anders geworden ist, als er 
geworden ware, wenn der luziferische Einfluft nicht vorhanden ge- 
wesen ware. Wir haben es uns ja gestern klargemacht, was dieser 
physische Leib fiir den Erdenmenschen geworden ist. Er ist etwas, 
was zerfallt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet. 
Wir haben aber gesagt, was da zerfallt, ist nicht dasjenige, was 
sozusagen die gottlichen Geister durch vier planetarische Zustande 
vorbereitet haben, damit es auf der Erde zum physischen Leib hat 
werden sollen; sondern was wir gestern als das Phantom bezeichnet 
haben, das gehort zum physischen Leibe als etwas, was wie ein 
Formleib die materiellen Teile, welche unserm physischen Leibe ein- 



verwoben sind, durchdringt und zu gleicher Zeit zusammenhalt. 
Ware kein luziferischer Einfluft geschehen, dann hatte der Mensch im 
Beginne des Erdendaseins in voller Kraft dieses Phantom mit seinem 
physischen Leibe bekommen. Nun aber drangen in die menschliche 
Organisation, insofern sie besteht aus physischem Leib, Atherleib und 
Astralleib, die luziferischen Einfliisse ein, und die Folge davon war 
die Zerstorung des Phantoms des physischen Leibes. Das ist es, wie 
wir sehen werden, was uns in der Bibel symbolisch mit dem Siinden- 
fall ausgedriickt wird, und mit der Tatsache, wie es im Alten Testa- 
ment gesagt wird, daft auf den Siindenfall der Tod folgte. Der 
Tod war eben die Zerstorung des Phantoms des physischen Leibes. 
Und die Folge davon war, daft der Mensch zerfallen sehen mufi 
seinen physischen Leib, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet. 
Diesen zerfallenden physischen Leib, dem die Kraft des Phantoms 
mangelt, hat der Mensch uberhaupt sein ganzes Erdenleben hindurch, 
von der Geburt bis zum Tode. Das Zerfallen ist fortwahrend eigent- 
lich vorhanden, und das Zersetztwerden, der Tod des physischen 
Leibes, ist nur der letzte Prozeft, der Schlufistein einer fortdauernden 
Entwickelung, die im Grunde genommen fortwahrend geschieht. Denn 
wenn nicht in gleicher Art, wie die Zerstorung des Phantoms vor sich 
geht, durch Aufbauprozesse diesem Abbauen entgegengetreten wird, 
kommt es schlieftlich zu dem, was wir den Tod nennen. 

Ware nun kein luziferischer Einfluft geschehen, so ware im 
physischen Leibe ein Gleichgewicht vorhanden zwischen den zersto- 
renden und den aufbauenden Kraften. Dann aber ware alles in der 
menschlichen Natur im Erdendasein anders geworden; dann gabe es 
zum Beispiel keinen solchen Verstand, der die Auferstehung nicht 
begreifen kann. Denn was ist das fur ein Verstand, den der Mensch 
hat, mit dem er die Auferstehung nicht begreifen kann? Das ist der 
Verstand, der an das Zerfallen des physischen Leibes gebunden ist, 
und der so, wie er ist, deshalb besteht, weil der Mensch in sich auf- 
genommen hat durch den luziferischen Einfluft die Zerstorung des 
Phantoms des physischen Leibes. Deshalb ist der menschliche Ver- 
stand, der menschliche Intellekt so diinn, so fadenscheinig geworden, 
daft er nicht in sich hereinnehmen kann die groften Prozesse der 



kosmischen Entwickelung; er sieht sie als Wunder an, oder er sagt, 
er konne sie nicht begreifen. Wenn der luziferische Einflufi nicht 
gekommen ware, ware der menschliche Verstand durch alles, was ihm 
zugedacht war, so geworden — wegen der dann im menschlichen Leibe 
befindlidien aufbauenden Krafle, die den zerstorenden die Waage 
gehalten hatten — , daft der Mensch mit dem Verstande einsehen 
wiirde den aufbauenden Prozeft, wie man ein Experiment im Labora- 
torium einsieht. So ist aber unser Verstand so geworden, daft er nur 
an der Oberflache der Dinge bleibt und nicht in die Tiefen der 
kosmischen Dinge sieht. 

Es miiftte also jemand, der diese Verhaltnisse richtig charakterisie- 
ren wollte, sagen: Im Beginne unseres Erdendaseins ist durch den 
luziferischen Einfluft der physische Leib nicht so geworden, wie er 
hatte werden sollen durch den Willen der Machte, die durch Saturn, 
Sonne und Mond gewirkt haben; sondern es hat sich ihm einge- 
gliedert ein Zerstorungsprozeft. Und der Mensch lebt fortan — seit 
dem Beginn des Erdendaseins — in einem physischen Leib, der der 
Zerstorung unterworfen ist, der nicht in entsprechender Weise den 
zerstorenden Kraften entgegensetzen kann die aufbauenden Krafle. 

So ware es denn also wahr, was dem modernen Menschen so toricht 
erscheint: daft doch eine geheime Beziehung ist zwischen dem, was 
durch die Wirkung Luzifers geschehen ist, und dem Tode! Und sehen 
wir jetzt diese Wirkung einmal an. Welches war denn die Wirkung 
dieser Zerstorung des physischen Leibes? — Hatten wir den physi- 
schen Leib vollstandig, wie er uns im Beginne des Erdendaseins zu- 
gedacht war, so wiirden sich unsere Seelenkrafte in ganz anderer 
Weise spiegeln, und wir wiirden dann erst wahrhaftig wissen, was 
wir sind. So wissen wir nicht, was wir sind, weil uns der physische 
Leib nicht in seiner Vollstandigkeit gegeben ist. Wir sprechen aller- 
dings von der Natur und Wesenheit des Ich des Menschen; aber 
fragen wir einmal: Wie weit kennt denn der Mensch das Ich? So 
zweifelhaft ist das Ich, daft es der Buddhismus sogar leugnen kann 
als von einer Inkarnation zur andern gehend. So zweifelhaft ist es, 
daft das Griechentum in eine tragische Stimmung verfallen konnte, 
die wir mit den Worten des griechischen Heros ausdriickten: Lieber 



ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein Konig im Reiche der 
Schatten! Nichts Geringeres war damit gesagt, als daft der Grieche 
wegen der Schatzung des physischen Leibes, das heiJSt dessen, was 
das Phantom ausmacht, und wegen der Zerstorung des physischen 
Leibes, sich ungliicklich fiihlte gegenuber dem Hinschwinden und 
Hindammern des Ich, weil er fiihlte, daft das Ich nur beim Ich- 
bewufttsein bestehen kann. Und indem er zerfallen sah die Form des 
physischen Leibes, graute ihm bei dem Gedanken, daft sein Ich 
hindammere; dieses Ich, das nur dadurch hervorgeht, daft es sich 
spiegelt an der Form des physischen Leibes. Und wenn wir verfolgen 
die menschliche Entwickelung vom Erdenanfang bis zum Mysterium 
von Golgatha, so finden wir, daft der Prozeft, den wir eben ange- 
deutet haben, sich in einem immer steigenderen Mafte zeigt. Das 
konnen wir schon daraus ersehen, daft zum Beispiel in alteren Zeiten 
niemand sich gefunden haben wiirde, der in solcher radikalen Art die 
Vernichtung des physischen Leibes gepredigt haben wiirde, wie sie 
Gotama Buddha gepredigt hat. Dazu war erst notwendig, daft dieser 
Zerfall des physischen Leibes, die vollige Vernichtung in bezug auf 
seine Form, sich immer mehr und mehr vollzog, so daft jede Aus- 
sicht schwand, daft das, was durch den physischen Leib beziehungs- 
weise durch seine Form bewuftt wird, wirklich von einer Inkarnation 
in die andere hiniiberziehen kann. In Wahrheit liegt die Sache so, 
daft der Mensch im Laufe der Erdentwickelung die Form des physi- 
schen Leibes verloren hat, daft er nicht das hat, was ihm sozusagen 
von Gottern zugedacht war vom Erdenanfang an. Das muftte er erst 
wieder bekommen; das muftte ihm erst wieder mitgeteilt werden. 
Und es ist unmoglich, das Christentum zu begreifen, wenn man nicht 
einsieht, daft zur Zeit, als die Ereignisse von Palastina sich abspielten, 
das Menschengeschlecht iiber die Erde hin dort angekommen war, wo 
dieser Zerfall des physischen Leibes seinen Hohepunkt erreicht hatte, 
und wo eben deswegen fur die gesamte Entwickelung der Menschheit 
die Gefahr bestand, daft das Ichbewufitsein, die eigentliche Errungen- 
schaft der Erdentwickelung, verlorengehe. Ware nichts weiter hinzu- 
getreten zu dem, was vorhanden war bis zu den Ereignissen von 
Palastina, ware der Prozeft fortgeschritten — immer mehr und mehr 



ware das Zerstorende eingezogen in die physische menschliche Leib- 
lichkeit, und die Menschen, die geboren worden waren nach der Zeit 
des Ereignisses von Palastina, hatten leben mussen mit einem immer 
dumpferen Ichgefiihl. Immer stumpfer ware das geworden, was von 
der Vollkommenheit der Spiegelung eines physischen Leibes abhangt. 

Da trat das Mysterium von Golgatha ein, trat so ein, wie wir es 
diarakterisiert haben, und durch dieses Mysterium von Golgatha ist 
in der Tat dasjenige geschehen, was so schwierig zu begreifen ist fur 
jenen Verstand, der nur gebunden ist an den iiberwiegend mit den 
zerstorenden Kraften behafteten physischen Leib. Es ist eingetreten, 
daft dieser eine Mensch, der der Trager des Christus war, einen 
solchen Tod durchgemacht hat, daft nach drei Tagen dasjenige, was 
am Menschen das eigentlich Sterbliche des physischen Leibes ist, ver- 
schwinden muftte und aus dem Grabe sich erhob jener Leib, der der 
Kraftetrager der physisch-materiellen Teile ist. Das, was eigentlich 
dem Menschen zugedacht war von den Beherrschern von Saturn, 
Sonne und Mond, das hat sich erhoben aus dem Grabe: das reine 
Phantom des physischen Leibes, mit alien Eigenschaften des physi- 
schen Leibes. Dadurch war die Moglichkeit gegeben jenes spirituellen 
Stammbaumes, von dem wir gesprochen haben. Denken wir uns den 
aus dem Grabe erstandenen Leib des Christus, so konnen wir uns 
vorstellen: ebenso wie von dem Leibe des Adam abstammen die 
Leiber der Erdenmenschen, insofern sie den zerfallenden Leib haben, 
so stammen ab von dem, was aus dem Grabe auferstand, die geistigen 
Leiber, die Phantome fur alle Menschen. Und es ist moglich, jene 
Beziehung zu dem Christus herzustellen, durch welche der Erden- 
mensch seinem sonst zerfallenden physischen Leib einfiigt dieses 
Phantom, das aus dem Grabe von Golgatha auferstanden ist. Es ist 
moglich, daft der Mensch in seiner Organisation jene Krafte, die 
damals auferstanden sind, so erhalt, wie er durch seine physische 
Organisation im Erdenanfang infolge der luziferischen Krafte die 
Adamorganisation erhalten hat. 

Das ist es, was eigentlich Paulus sagen will: Wie der Mensch, indem 
er als Angehoriger der physischen Entwickelungsstromung den 
physischen Leib erbte, an dem sich fort und fort die Zerstorung des 



Phantoms, des Kraftetragers vollzog, so kann er erben von dem, was 
auferstanden ist aus dem Grabe, dasjenige, was er verloren hat; kann 
es erben und sich anziehen, wie er den ersten Adam angezogen hat; 
kann mit ihm eins werden und dadurch eine Entwickelung durch- 
machen, durch die er ebenso hinaufsteigt wieder, wie er vor dem 
Mysterium von Golgatha heruntergestiegen ist in der Entwickelung. 
Das heiftt: was ihm dazumal genommen worden ist durch den 
luziferischen Einfluft, das kann ihm wiedergegeben werden dadurch, 
daft es vorhanden ist als auferstandener Leib des Christus. Das ist 
es, was eigentlich Pauius sagen will. 

So wie das, was eben in dieser Stunde gesagt worden ist, vom 
Standpunkte der modernen Anatomie oder Physiologie aus zu 
widerlegen — scheinbar zu widerlegen ist, so ist es natiirlich auch 
kinderleicht, einen anderen Einwand jetzt zu erheben. Es konnte 
etwa gesagt werden: Wenn schon wirklich Pauius geglaubt hat, daft 
da ein spiritueller Leib auferstanden ist, was hat dann dieser spiri- 
tuelle Leib, der sich damals aus dem Grabe erhoben hat, mit dem zu 
tun, was nun jeder Mensch in sich tragt? — Zu verstehen ist es schon. 
Man braucht es sich nur nach der Analogie dessen zu denken, wo- 
durch jeder Mensch als physischer Mensch da ist. Gefragt konnte 
werden: wovon geht der einzelne Mensch aus? Als physischer Mensch 
geht er aus von der einen Eizelle. Ein physischer Leib besteht aber 
aus lauter einzelnen Zellen, welche alle die Kinder der ursprunglichen 
Eizelle sind; alle Zellen, die einen menschlichen Leib zusammensetzen, 
fuhren auf die urspriingliche Eizelle zuriick. So denken Sie sich nun, 
daft der Mensch durch das, was man sich als mystisch christologischen 
Prozeft vorstellen kann, einen ganz anderen Leib bekommt, als der 
ist, welchen er allmahlich in der absteigenden Linie bekommen hat. 
Und jeden von diesen Leibern, welche die Menschen bekommen, 
denken Sie sich mit dem, was aus dem Grabe auferstanden ist, ebenso 
zusammenhangend, wie die menschlichen Zellen des physischen Leibes 
mit der ursprunglichen Eizelle zusammenhangen. Das heifit, wir 
miissen uns das, was aus dem Grabe auferstanden ist, so in die Zahl 
schieftend, so sich vermehrend denken, wie die Eizelle sich vermehrt, 
die dem physischen Leib zugrunde liegt. So kann sich in der Tat in 



der Entwickelung, die auf das Ereignis von Golgatha folgt, jeder 
Mensch etwas erwerben, was in ihm ist, und was geistig ebenso von 
dem abstammt, was aus dem Grabe auferstanden ist, wie — um mit 
Paulus zu sprechen — der gewohnliche Leib, der zerfallt, von Adam 
abstammt. 

Selbstverstandlich ist es ein Hohn auf den menschlichen Verstand, 
wie er sich gegenwartig so hochmiitig diinkt, wenn man sagt: ein ahn- 
licher Prozeft wie der der Vermehrung der Eizelle, den man allenfalls 
sehen kann, spielt sich im Unsichtbaren ab. Und was geschehen ist 
mit dem Mysterium von Golgatha, ist eine okkulte Tatsache. Und da 
spielt sich fur den, der mit hellseherischem Auge die Entwickelung 
betrachtet, die Tatsache ab, daft jene geistige Zelle, das heiftt der 
Leib, der den Tod besiegt hat, der Leib des Christus Jesus, aus dem 
Grabe auferstanden ist und sich jedem mitteilt, der die entsprechende 
Beziehung zu dem Christus sich aneignet im Laufe der Zeit. Fur den, 
der iibersinnliche Prozesse iiberhaupt leugnen will, wird das natiirlich 
etwas Absurdes sein. Wer aber iibersinnliche Prozesse schon einmal 
zugibt, fur den wird dieser iibersinnliche Prozeft zunachst so vorge- 
stellt werden miissen, daft sich das, was sich aus dem Grabe erhebt, 
denjenigen Menschen mitteilt, die sich dazu geeignet machen. So ist es 
fur jeden, der Ubersinnliches zugibt, eine verstandliche Sache. 

Wenn wir uns dieses, was ganz wirklich die paulinische Lehre ist, 
in die Seele schreiben, dann kommen wir dazu, das Mysterium von 
Golgatha als etwas Reales zu betrachten, als etwas, was in der Erd- 
entwickelung geschehen ist und geschehen muftte; denn es ist ja 
wortlich die Rettung des menschlichen Ich. Wir haben gesehen, wenn 
der Entwickelungsprozeft fortgegangen ware, wie er sich bis zu den 
Ereignissen von Palastina abgespielt hatte, dann hatte sich das Ich- 
bewufttsein nicht entwickeln konnen, ware nicht nur nicht weiter 
gekommen von der Zeit des Christus Jesus ab, sondern ware immer 
mehr und mehr in die Dunkelheit hinuntergestiegen. So aber trat es 
den Weg aufwarts an und wird in demselben Mafte aufsteigen, als die 
Menschen ihr Verhaltnis zur Christus-Wesenheit finden. 

Jetzt konnen wir audi im Grunde genommen den Buddhismus sehr 
gut verstehen. Denken wir uns einmal ein halbes Jahrtausend vor den 



Ereignissen von Palastina einen Menschen die Wahrheit aussprechen 
— nur vermoge seiner Entwickelungsrichtung nicht achtend auf das 
Ereignis von Golgatha: Alles was den Menschen als physischer Leib 
umschliefk, was ihn zu einem Wesen in fleischlicher Inkarnation 
macht, das mufi als wertlos angesehen werden; das ist im Grunde 
genommen etwas Letztes, was abgestreift werden mufi. — Bis dahin 
war es allerdings so, dal5 die Menschheit einer solchen Weltanschauung 
hatte zusteuern miissen, wenn nichts anderes gekommen ware. Aber 
es trat eben das Ereignis von Golgatha ein und bewirkte eine voll- 
standige Wiederaufrichtung der verlorenen Entwickelungsprinzipien 
des Menschen. Indem der Mensch das aufnimmt, was wir gestern 
schon mit dem Namen «unverweslicher Leib» belegten, und was wir 
uns heute genauer vor die Seele gestellt haben, indem er sich diesen 
unverweslichen Leib einverleibt, wird er immer mehr dazu kommen, 
sein Ichbewufttsein heller und heller zu machen, wird er immer mehr 
das in seiner Natur erkennen, was sich von Inkarnation zu Inkar- 
nation hindurchzieht. 

So wird das, was mit dem Christentum in die "Welt gekommen ist, 
anzusehen sein nicht bloft als eine neue Lehre — das mufi ausdriicklich 
betont werden — , nicht als eine neue Theorie, sondern als etwas 
Reales, Tatsachliches. Wenn daher die Menschen betonen, daft alles, 
was der Christus gelehrt habe, schon friiher da war, so wiirde das 
nichts bedeuten fur das wirkliche Verstandnis des Christentums; denn 
das ist nicht das Wesentliche. Das Wesentliche ist nicht, was der 
Christus gelehrt hat, sondern was der Christus gegeben hat: seinen 
Leib! Denn bis dahin war niemals mit einem Menschen, der gestorben 
war, dasjenige in die Erdentwickelung hineingekommen, was aus dem 
Grabe von Golgatha auferstanden ist. Niemals seit dem Beginn der 
Menschheitsentwickelung auf der Erde war durch einen Menschen, der 
durch den Tod gegangen war, auf der Erde das dagewesen, was mit 
dem auferstandenen Leib des Christus Jesus da war. Denn von allem, 
was in einer ahnlichen Weise da war, kann gesagt werden: es war da 
dadurch, dafi die Menschen, nachdem sie durch die Pforte des Todes 
gegangen sind und die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt durch- 
gemacht haben, mit einer neuen Geburt ins Dasein getreten sind. 



Dann haben sie aber das mangelhafte, dem Verfall preisgegebene 
Phantom mitgebracht, das heiftt, sie haben nicht ein Phantom auf- 
erstehen lassen, das vollstandig ist. Und dann konnten wir noch die 
Falle der Eingeweihten oder der Adepten anfuhren. Bei diesen war 
es immer so, daft sie die Einweihung empfangen mufiten aufierhalb 
ihres physisdien Leibes, mit Oberwindung ihres physischen Leibes, 
die sich aber nicht erstreckt hat auf eine Auferweckung des physischen 
Phantoms. Alle Einweihungen der vorchristlichen Zeit waren so, daft 
sie nur gegangen sind bis zu der auftersten Grenze des physischen 
Leibes; nicht beriihrt hatten sie die Krafte des physischen Leibes — 
nur in dem allgemeinen Mafte, wie iiberhaupt die innere Organisation 
die auftere beriihrt. In keinem Falle war jemals vorgekommen, daft 
das, was durch den menschlichen Tod gegangen war, als menschliches 
Phantom diesen Tod iiberwunden hatte. Es waren ja allerdings ahn- 
liche Dinge vorgekommen, aber niemals dies eine, daft durch einen 
vollstandigen menschlichen Tod geschritten worden ware und nachher 
das vollige Phantom iiber den Tod den Sieg davon getragen hatte. 
So wahr also, als nur dieses Phantom uns die vollstandige Erden- 
menschheit im Laufe der Erdentwickelung geben kann, so wahr ist 
es, daft dieses Phantom von dem Grabe von Golgatha seinen Aus- 
gangspunkt genommen hat. 

Das ist das Wichtige in der christlichen Entwickelung. Deshalb ist 
es kein Tadel, wenn immer wieder und wieder von Aufklarern gesagt 
wird, daft sich die Lehre des Christus Jesus in eine Lehre von dem 
Christus Jesus verwandelt hatte. Das muftte so sein. Denn das 
Wichtige ist nicht, was der Christus Jesus gelehrt hat, sondern was er 
der Menschheit gegeben hat. Seine Auferstehung ist ein Geboren- 
werden eines neuen Gliedes der menschlichen Natur: eines unverwes- 
lichen Leibes. Daft dies aber geschehen konnte, daft durch den Tod 
hindurch gerettet werden konnte dieses menschliche Phantom, das 
hangt von zwei Dingen ab: einmal davon, daft die Christus Jesus- 
Wesenheit das war, was wir gestern charakterisiert haben: physischer 
Leib, Atherleib und Astralleib, wie wir sie beschrieben haben, — und 
nicht ein menschliches Ich, sondern die Christus-Wesenheit. Und das 
andere ist, daft die Christus-Wesenheit sich dazu entschlossen hatte in 



einen menschlichen Leib unterzutauchen, in einem menschlichen 
fleischlichen Leib sich zu inkarnieren. Denn wenn wir diese Christus- 
Wesenheit im rechten Lichte betrachten wollen, miissen wir sie als 
Wesenheit in der Zeit suchen, die vor dem Menschenbeginn auf der 
Erde liegt. Da ist die Christus- Wesenheit natiirlich vorhanden. Sie 
geht nicht ein in den Kreislauf der menschlichen Entwickelung; sie 
iebt in der geistigen Welt weiter. Der Mensch steigt immer defer und 
tiefer. Und in einem Zeitpunkt, wo die Krisis fur die menschliche 
Entwickelung gekommen war, verkorperte sich die Christus-Wesen- 
heit in dem fleischlichen Leib eines Menschen. — Das ist nichts 
anderes als das grolke Opfer, das von der Christus-Wesenheit der 
Erdentwickelung hat gebracht werden konnen! Und das ist das 
Zweite, was wir werden verstehen miissen: worin das Opfer besteht, 
das die Christus-Wesenheit der menschlichen Entwickelung auf der 
Erde gebracht hat. Daher haben wir gestern den einen Teil der Frage 
nach dem Wesen des Christus im Hinblick auf die Zeit nach der 
Johannes-Taufe im Jordan gestellt. Heute haben wir die andere 
Frage gestellt: Was bedeutet es, daft mit der Johannes-Taufe im 
Jordan die Christus-Wesenheit untergetaucht ist in einen fleisch- 
lichen Leib? 

Und wie kam der Tod bei dem Mysterium von Golgatha zustande? 
Das wird uns auch die nachsten Tage noch beschaftigen. 



ACHTER VORTRAG 
Karlsruhe, 12. Oktober 191 1 



Es ist gestern angedeutet worden, dafi es nun wichtig wird, uns die 
Frage zu beantworten: Was ist eigentlich geschehen mit jener Wesen- 
heit, die wir als den Christus Jesus bezeichnen, von der Johannes- 
Taufe im Jordan an bis zu dem Mysterium von Golgatha? Um diese 
Frage so weit zu beantworten, als es zunachst mdglich ist, werden wir 
kurz uns vergegenwartigen, was wir aus friiheren Vortragen wissen 
uber das Leben des Jesus von Nazareth, der dann in seinem dreifiig- 
sten Jahre der Christus-Trager wurde. In wenigen Wbrten ist ja das 
Wesentliche audi angedeutet in meiner kiirzlich erschienenen Schrift 
iiber «Die geistige Ftihrung des Menschen und der Menschheit». 

Wir wissen, dafi in Palastina in derjenigen Zeit, auf die es an- 
kommt, nicht ein, sondern zwei Jesusknaben geboren worden sind, 
und zwar wurde das eine Kind geboren aus der salomonischen Linie 
des Hauses David. Es ist im wesentlichen dasjenige Jesuskind, wovon 
das Matthaus-Evangelium erzahlt. Der eigentumliche Widerspruch 
im Beginne des Matthaus- und des Lukas-Evangeliums riihrt eben 
davon her, dafi sidti die Angaben des Schreibers des Matthaus-Evan- 
geliums auf den einen Jesusknaben beziehen, den aus der salomo- 
nischen Linie des Hauses David. Dann wurde, nicht ganz, aber 
ziemlich gleichzeitig, ein anderer Jesusknabe geboren aus der natha- 
nischen Linie des Hauses David. Das Wichtige ist nun, sich klar- 
zumachen, was das fur Wesenheiten waren. Da zeigt die okkulte 
Forschung, daft die Individuality, die in dem salomonischen Jesus- 
knaben war, keine andere ist als die des Zarathustra. Zarathustra 
war nach seiner hauptsachlichsten Mission, von der wir bei der ur- 
persischen Kultur gesprochen haben, immer wieder und wieder in- 
karniert worden, zuletzt audi innerhalb der babylonisch-chaldaischen 
Kultur, und dann eben als dieser salomonische Jesusknabe. Es war 
notwendig, daft diese Zarathustra-Individualitat sich zunachst mit all 
den groften, starken, inneren Kraften, die sie sich naturgemafi aus den 
friiheren Inkarnationen mitbrachte, in einem Leib inkarnierte, der 



aus der salomonisdien Linie des Hauses David stammte, und der 
geeignet war, die grofien Fahigkeiten des Zarathustra zu verarbeiten 
und sie in der Weise weiterzubringen, wie menschlidie Fahigkeiten 
weitergebracht werden konnen, die schon auf einer sehr hohen Stufe 
stehen, insofern sie der Wesenheit angehoren, die von Inkarnation zu 
Inkarnation geht. Es handelt sich also um einen menschlichen Leib, 
der jetzt diese Fahigkeiten nicht erst in einem spateren Alter, sondern 
in einer jugendlichen, kindhaft krafligen Organisation verarbeiten 
kann. Wir sehen daher die Zarathustra-Individualitat heranwachsen 
in einer solchen Art, dafi sich die Fahigkeiten des Knaben verhaltnis- 
mafiig friih entwickeln. Dieser Knabe zeigte friih sogar gewisse 
Kenntnisse, die sonst unmoglich in einem solchen kindlichen Alter 
sind. Aber das eine miissen wir feststellen, dafi dieser salomonische 
Jesusknabe, trotzdem er die Verkorperung einer so hohen Individu- 
alist war, eben ein hochstehender Mensch war, das heifit, daft er in 
derselben Art, wie selbst der hochststehende Mensch, behaftet war mit 
gewissen Fahigkeiten zu irren, mit gewissen Fahigkeiten auch zu 
moralischen Schwierigkeiten, wenn auch nicht gerade zu Lastern oder 
Siinden. Dann wissen wir, dai$ die Individualist des Zarathustra im 
Sinne eines okkulten Vorganges, der jedem bekannt ist, der sich iiber- 
haupt mit solchen Tatsachen vertraut gemacht hat, im zwolften Jahre 
den Leib des salomonisdien Jesusknaben verliefl und hiniiberging in 
den Leib des nathanischen Jesusknaben. Nun war der Leib dieses 
nathanischen Jesusknaben, oder besser gesagt, die dreifache Leiblich- 
keit: physischer Leib, Atherleib und Astralleib dieses Knaben in einer 
ganz besonderen Art beschaffen. Denn dieser Leib war in der Tat so, 
da$ der Knabe, der ihn hatte, gerade die entgegengesetzten Fahig- 
keiten zeigte wie der salomonische Jesusknabe. Wahrend der letztere 
auffiel durch seine grofie Begabung in bezug auf auftere Dinge, die 
man eben aufierlich lernen kann, konnte man den nathanischen Jesus- 
knaben in bezug auf auftere Dinge, man mochte fast sagen — Sie 
werden begreifen, dafi dies auch nicht in der geringsten Weise abfallig 
gesagt werden kann — unbegabt nennen. Er war nicht in der Lage, 
sich hineinzufinden in diejenigen Dinge, welche die Menschenkultur 
auf der Erde geschaffen hat. Dagegen tritt das Merkwiirdige hervor, 



dafi er gleich von der Geburt an sprechen konnte. Also das, was mehr 
korperlich ist, zeigte sich als sdion von der Geburt an vorhandene 
Fahigkeit. Es ist eine ganz richtige Oberlieferung, dafi er, aller dings 
in einer fur alle andern Menschen unverstandlichen Sprache, ge- 
sprochen hat. Aber was gerade in dieser Sprache von der Geburt an 
drinnen lag, von dem wird erzahlt — und es ist dies eine gute 
Oberlieferung, die auch okkult festgestellt werden kann — , daft von 
der Mutter verstanden werden konnte, was dieser Knabe sagte. Es 
ist so, dafi gerade diejenigen Eigenschaften bei dem Knaben aus- 
gepragt waren, die wir die Herzenseigenschaften nennen konnen; eine 
ungeheure Liebefahigkeit und ein ungeheuer hingebungsfahiges Na- 
turell zeichneten diesen Knaben aus. Und das Merkwiirdige war, daft 
er von dem ersten Tage seines Lebens an durch seine blofte Gegenwart 
oder auch durch seine Beriihrung wohltatige Wirkungen ausiibte, 
Wirkungen, die man heute vielleicht magnetische Wirkungen nennen 
wiirde. Also alle Herzenseigenschaften — und die Herzenseigenschaf- 
ten so gesteigert, dafi sie zu. einer magnetischen Wohltat fiir die Um- 
gebung werden konnten, zeigten sich bei diesem Knaben. 

Wir wissen auch, dafi in dem Astralleib dieses Knaben die Krafte 
wirkten, welche sich einstmals jener Bodhisattva erworben hatte, der 
dann der Gotama Buddha wurde. Wir wissen ja — und in dieser 
Beziehung ist die orientalische Oberlieferung absolut richtig, denn sie 
kann gepriift werden von der Geheimwissenschaft — , dafi der 
Bodhisattva, der ein halbes Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung 
mit dem Buddhawerden die Notwendigkeit verloren hatte, sich 
weiter in physischen Leibern auf der Erde zu inkarnieren, von da ab 
namentlich zunachst auf alle diejenigen wirkte, welche sich seinem 
Bekenntnisse hingaben, aber nurmehr aus der geistigen Welt herunter. 
Das ist das Eigentumliche einer solchen Individuality, die aufsteigt 
bis zu der Hohe, wo sie nicht mehr in einem neischlichen Leibe in- 
karniert wird, dafi sie dann teilnehmen kann an den Angelegenheiten 
und Schicksalen unseres Erdendaseins von den geistigen Welten her- 
unter. Das kann in der mannigfaltigsten Weise geschehen. In der Tat 
hat der Bodhisattva, der als Gotama Buddha seine letzte fleischliche 
Inkarnation auf der Erde hatte, im wesentlichen mit teilgenommen 



an der Weiterentwickelung der Menschheit. Denn seien wir uns nur 
dariiber klar, daft unsere menschlidie geistige Welt fortwahrend im 
Zusammenhang stent mit der ganzen ubrigen geistigen Welt. Seien 
wir uns dariiber klar, daft der Mensch nicht nur ifit und trinkt und 
damit die Stoffe der physischen Erde in sidi aufnimmt, sondern aus 
der geistigen Welt fortwahrend seelisch geistige Nahrung empfangt, 
daft fortwahrend auf die verschiedensten Weisen aus den geistigen 
Welten Krafte einflieften in das physische, irdische Dasein. Ein solches 
Einflieften der Krafte, die sich Buddha erworben hatte, in den weite- 
ren Strom der Menschheit geschah dadurch, daft die Buddha-Krafte 
den Astralleib des nathanischen Jesusknaben durchsetzten, so daft in 
dem Astralleib dieses Knaben das wirkte, was der Buddha in seiner 
damaligen Form der Menschheit zu geben hatte. Wir wissen ja audi 
aus friiheren Vortragen, daft im wesentlichen die Worte, die wir heute 
noch als Weihnachtsspruch haben: «Offenbarung laftt sich erkennen 
aus der Hohe der Welten, und Friede wird sich breiten auf Erden 
in den Herzen derer, die eines guten Willens sind!», herriihren aus 
dem, was herniederfloft in die Menschheitsentwickelung dadurch, daft 
die Buddhakrafte eintauchten in den Astralleib des nathanischen 
Jesusknaben. So sehen wir die Buddhakrafte weiterwirken in dem 
Strom des Erdendaseins, der durch die Ereignisse von Palastina seinen 
Ausgangspunkt nahm. Diese Buddha-Krafte haben dann auch weiter 
gewirkt. Und es ist immerhin sehr interessant, daft gerade die neueren 
okkulten Forschungen, die im westlichen Okkultismus in den aller- 
letzten Jahren gemacht worden sind, dazu gefiihrt haben, zu erken- 
nen, daft ein sehr wichtiger Zusammenhang der europaischen Kultur 
mit den Buddha-Kraften vorhanden ist. Seit langer Zeit namlich wir- 
ken herein aus den geistigen Welten diese Buddha-Krafte namentlich 
auf alles dasjenige, was in der abendlandischen Kultur ohne den 
spezifisch christlichen Einfluft undenkbar ist. Also alle diejenigen 
Weltanschauungsstromungen, die wir in den letzten Jahrhunderten 
bis herauf ins neunzehnte Jahrhundert sich entwickeln sehen, sie sind, 
insofern es abendlandische Geistesstromungen sind, alle durchdrungen 
von dem Christus-Impuls, aber es wirkte immer herein der Buddha 
aus der geistigen Welt. Daher diirfen wir sagen: Das Wichtigste, was 



die europaische Menschheit heute von dem Buddha empfangen kann, 
darf eben nicht herriihren aus der Oberlieferung dessen, was der 
Buddha ein halbes Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung den 
Menschen gegeben hat, sondern von dem, was er seither geworden 
ist. Denn er ist ja nicht stehengeblieben, sondern fortgeschritten; und 
gerade durch diesen Fortschritt als geistiges Wesen in den geistigen 
Welten hat er im eminentesten Sinne teilnehmen konnen an der 
Fortentwickelung der abendlandischen Kultur. Es ist dies durchaus 
ein Resultat innerhalb unserer okkulten Forschung, dafi mit vielem, 
was uns schon friiher hat entgegentreten konnen, bevor dieser wich- 
tige Einflufi genau wieder erforscht worden ist, gerade dieses Resultat 
in einer wunderbaren Weise zusammenstimmt. Denn wir wissen, dafi 
dieselbe Individualitat, die als Gotama Buddha im Osten auftrat, 
schon friiher einmal im Westen gewirkt hat, und dafi gewisse Legen- 
den und Oberlieferungen, die an den Namen Bodha oder Wotan 
ankniipfen, es mit derselben Individualitat zu tun haben, wie der 
Buddhismus mit dem Gotama Buddha im Osten; so dafi in gewisser 
Weise derselbe Schauplatz wieder eingenommen ist, der schon friiher 
von der gleichen Individualitat in bezug auf die Menschheitsent- 
wickelung vorbereitet worden war. So verschlungen sind die Wege, 
welche die geistigen Stromungen innerhalb der Menschheitsentwicke- 
lung nehmen. 

Heute ist nun fur uns am wichtigsten, dafi wir in dem Astralleib 
des Lukas-Jesusknaben die Buddha-Krafte wirksam haben. Als nun 
dieser Jesusknabe zwolf Jahre alt ist, geht die Zarathustra-Indivi- 
dualitat hiniiber in die dreifache Leiblichkeit dieses nathanischen 
Jesusknaben. Woher riihrte es denn, dafi dieser Jesusknabe die merk- 
wiirdigen Eigenschaften hatte, die wir eben charakterisiert haben? 
Das riihrte eben davon her, dafi dieser Jesusknabe nicht eine mensch- 
liche Individualitat war wie jede andere. Diese Individualitat war 
in einer gewissen Weise ganz anders, und um sie zu verstehen, miissen 
wir schon zuruckgehen in die alte lemurische Zeit, in welcher im 
Grunde genommen erst die irdische Entwickelung der Menschen so 
recht den Anfang genommen hat. Wir miissen uns daruber klar sein, 
dafi alles, was vor der lemurischen Zeit lag, eigentlich nur eine 



Wiederholung war des Saturn-, Sonnen- und Mondendaseins, und 
daft erst da die erste Keimanlage — als Moglichkeit — in den 
Menschen gelegt worden ist, so daft er das vierte Glied seiner 
Wesenheit in der Erdentwickelung annehmen konnte: das Ich. Wenn 
wir die ganze Stromung der Menschheitsentwickelung nehmen, miis- 
sen wir sagen: Die Menschheit, wie sie sich iiber die Erde verbreitet 
hat — Sie haben diese Weiterverbreitung genauer in der «Geheim- 
wissenschafT: im Umrift» dargestellt — , ist in der lemurischen Zeit 
auf gewisse menschliche Vorfahren dieser Anfangsperiode unserer 
heutigen Erde zuriickzufiihren. Und wir miissen dabei in der lemu- 
rischen Zeit einen Zeitpunkt festsetzen, nach welchem im heutigen 
Sinne erst richtig vom Menschengeschlecht gesprochen werden kann. 
Was vorher war, kann noch nicht so besprochen werden, da.il man 
sagen konnte, es waren schon jene Iche in den Erdenmenschen vor- 
handen gewesen, die sich dann immer weiter und weiter inkarniert 
haben. Das war nicht der Fall. Vorher war das Ich des Menschen 
keineswegs noch abgetrennt von der Substanz derjenigen Hierarchie, 
die zunachst zu diesem Ich des Menschen die Veranlassung gegeben 
hat, von der Hierarchie der Geister der Form. Wir konnen uns nun 
vorstellen — das zeigt die okkulte Forschung — , daft gleichsam ein 
Teil der Substanz der Geister der Form eingegangen ist in die mensch- 
lichen Inkarnationen zur menschlichen Ich-Bildung. Aber als damals 
der Mensch seinen fleischlichen Inkarnationen auf der Erde uber- 
geben worden ist, wurde von dem, was Mensch werden sollte, etwas 
zuruckbehalten. Es wurde also gleichsam eine Ich-Substanz zuriick- 
behalten, die nicht in den Strom der fleischlichen Inkarnationen ge- 
leitet wurde. Wenn wir uns diesen Strom der fleischlichen Inkar- 
nationen des Menschen vorstellen wollten, der da beginnt mit dem, 
was die Bibel den Stammvater des Menschengeschlechtes, den Adam 
nennt, so miiftten wir einen weitverzweigten Stammbaum zeichnen. 
Aber wir konnen uns einfach vorstellen: was von den Geistern der 
Form heruntergestromt worden ist, das flieftt nun fort; nur wurde 
gleichsam etwas zuruckbehalten, gleichsam ein Ich, das nun bewahrt 
wurde vor dem Eingehen in die fleischlichen Inkarnationen — ein 
Ich, das nicht immer als Mensch wiedererschien, sondern das jene 



Gestalt, jene Substantiality behielt, die der Mensch hatte, bevor er 
zu seiner ersten Erdeninkarnation fortgeschritten war. Also ein Ich, 
das fortlebte neben der ubrigen Menschheit, und das bis zu der Zeit, 
von der wir jetzt sprechen, wo die Ereignisse von Palastina geschehen 
sollten, noch nicht in einem menschlichen physischen Leibe jemals 
verkorpert gewesen war, ein Ich, das nodi in derselben Lage war wie 
— wenn wir jetzt biblisch sprechen wollten — das Ich des Adam 
vor seiner ersten irdischen fleischlichen Verkorperung. Ein solches Ich 
war immer vorhanden. 

Wenn wir nun die okkulten Erkenntnisse iiber dieses Ich, die 
naturlich fiir den heutigen Menschen etwas ungeheuer Torichtes sind, 
ein wenig beriihren, so sehen wir, daft dieses Ich, das gleichsam in 
Reserve zuriickbehalten wurde, nicht in einen Menschenleib geleitet 
worden ist, sondern eigentlich nur ubergeben worden ist den heiligen 
Mysterien, wie sie bestanden haben durch die atlantischen Zeiten, 
durch die nachatlantischen Zeiten hindurch. In einer wichtigen 
Mysterienstatte war es wie in einem Tabernakel aufbewahrt. Dieses 
Ich hatte dadurch ganz besondere Eigentumlichkeiten; es hatte die 
Eigentiimlichkeit, dafi es unberiihrt war von allem, was iiberhaupt 
ein menschliches Ich jemals auf der Erde hatte lernen konnen. Es 
war also audi unberiihrt von alien luziferischen und ahrimanischen 
Einfliissen; war iiberhaupt etwas, was wir uns gegeniiber den anderen 
Ichen der Menschen vorstellen konnen wie eine leere Kugel, eigentlich 
nur wie etwas, was noch vollstandig jungfraulich war gegeniiber alien 
Erdenerlebnissen, ein Nichts, ein Negatives gegeniiber alien Erden- 
erlebnissen. Daher sah es so aus, als ob jener nathanische Jesusknabe, 
den das Lukas-Evangelium schildert, iiberhaupt kein Menschen-Ich 
hatte, als ob er nur bestiinde aus physischem Leib, Atherleib und 
Astralleib. Und es geniigt vollstandig, wenn wir zunachst sagen: ein 
so entwickeltes Ich, wie es sich durch die atlantische und nachatlan- 
tische Zeit entwickelt hatte, ist bei dem Lukas-Jesusknaben gar nicht 
vorhanden. Im rechten Sinne des Wortes sprechen wir, wenn wir 
sagen: beim Matthaus-Jesusknaben haben wir es mit einem vollig 
ausgebildeten Menschen zu tun; bei dem nathanischen Jesusknaben 
des Lukas-Evangeliums haben wir es zu tun mit einem physischen 



Leib, Atherleib und Astralleib, die so angeordnet sind, daft sie har- 
monisch darstellen den Menschen, wie er heriiberkam als Resultat der 
Saturn-, Sonnen- und Mondentwickelung. Daher war dieser Jesus- 
knabe, wie die Akasha-Chronik es lehrt, unbegabt fur alles, was die 
menschliche Kultur entwickelt hatte; das konnte er nicht aufnehmen, 
weil er nie dabeigewesen war. Was die aufteren Geschicklichkeiten und 
Fertigkeiten des Daseins sind, das zeigen wir, weil wir in friiheren 
Inkarnationen bei gewissen Verrichtungen schon dabei waren; jemand, 
der nie dabei war, zeigt sich unbegabt fur alles, was Menschen ge- 
leistet haben wahrend der Erdentwickelung. Wenn der nathanische 
Jesusknabe in unsere Zeit hineingeboren worden ware, wiirde er sich 
hochst unbegabt gezeigt haben in bezug auf Schreibenlernen, weil die 
Menschen zu Adams Zeiten nicht geschrieben haben und vorher erst 
recht nicht. Also, fur alles was so war, daft es erst im Laufe der 
Menschheitsentwickehmg angeeignet wurde, zeigte sich der Lukas- 
Jesusknabe hochst unbegabt. Dagegen die inneren Eigenschaften, die 
er sich mitgebracht hatte, die sonst nur eigentlich in die Dekadenz 
gekommen waren durch die luziferischen Einfliisse, die zeigten sich 
in einem hohen Grade. Und daft dieser Jesusknabe eine merkwiirdige 
Sprache zeigte, das ist etwas noch viel Interessanteres. Denn da miis- 
sen wir auf etwas blicken, was ich auch in meiner Schrift iiber «Die 
geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit» erwahnt habe: 
daft die Sprachen, die heute iiber die Erde verbreitet sind, die bei 
den verschiedenen Volksstammen auftreten, verhaltnismaftig spat 
innerhalb der Menschheitsentwickelung entstanden sind; ihnen aber 
ging voraus, was man wirklich eine menschliche Ursprache nennen 
konnte. Und die trennenden Geister der luziferischen und ahrima- 
nischen Welt sind es, die aus der Ursprache die vielen Sprachen in 
der Welt gemacht haben. Die Ursprache ist verloren und kann heute 
mit einem solchen Ich, das im Laufe der Erdentwickelung von Inkar- 
nation zu Inkarnation gegangen ist, von keinem Menschen zunachst 
gesprochen werden. Jener Jesusknabe, der nicht durch menschliche 
Inkarnationen gegangen war, bekam vom Ausgangspunkte der 
Menschheitsentwickelung die Fahigkeit mit, nun nicht diese oder jene 
Sprache, sondern eine Sprache zu sprechen, von der mit einem ge- 



wissen Recht behauptet wird, daft sie nicht verstandlich war fiir die 
Umgebung, die aber durch das, was drinnen lebte an Herzinnigkeit, 
von dem Mutterherzen verstanden wurde. Es wird damit auf ein 
ungeheuer bedeutendes Phanomen bei diesem Lukas-Jesusknaben 
hingewiesen. 

Als dieser Lukas-Jesusknabe geboren war, war er also ausgestattet 
mit alledem, was unbeeinflufk war von den luziferisch-ahrimanischen 
Kraften. Ein solches Ich, das sich immer wieder und wieder inkarniert 
hatte, hatte er nicht; daher brauchte auch nichts ausgestofien zu wer- 
den in seinem zwolften Lebensjahre, als die Individualitat des Zara- 
thustra heriiberging aus dem salomonischen Jesusknaben des Mat- 
thaus-Evangeliums in den nathanischen Jesusknaben. Ich sagte vor- 
hin, daf5 dieses zuriickgebliebene Menschenteil, das sich bis dahin 
neben der iibrigen Menschheit in den Mysterien entwickelt hatte, 
eigentlich jetzt zum ersten Male in der palastinensischen Zeit als der 
nathanische Jesusknabe geboren worden war. Es war ein Uberleiten 
aus einem vorderasiatischen Mysterium, wo dieser Menschenkeim 
aufbewahrt war, in den Leib des nathanischen Jesusknaben. Nun 
wuchs dieser Knabe heran, und im zwolften Jahre iiberkam ihn die 
Individualitat des Zarathustra. Wir wissen auch, daft uns dieses 
Heriibergehen angedeutet wird durch die Szene des zwolfjahrigen 
Jesus im Tempel. Es ist verstandlich, daft die Eltern des nathanischen 
Jesusknaben, die gewohnt waren, dieses Kind so zu betrachten, wie 
wir es eben beschrieben haben, eine merkwurdige Veranderung finden 
muftten, als sie den Knaben im Tempel wiederfanden, nachdem sie 
ihn vorher verloren hatten. Denn das war der Zeitpunkt, wo in den 
zwolfjahrigen Knaben hiniiberzog die Individualitat des Zarathustra, 
so daft wir jetzt weiter, vom zwolften bis zum dreiftigsten Jahre, in 
dem Lukas-Jesusknaben die Individualitat des Zarathustra haben. 

Nun haben wir im Lukas-Evangelium einen merkwurdigen Aus- 
spruch, mit dem auf etwas hingedeutet wird, was erst durch die 
okkulte Forschung klar werden kann. Sie wissen, dafi es im Lukas- 
Evangelium, nachdem die Szene mit dem zwolfjahrigen Jesus im 
Tempel geschildert worden ist, eine Stelle gibt: «Und Jesus nahm zu 
an Weisheit und Gestalt und Gnade bei Gott und den Menschen» 



(Lukas 2, 52). So lautet sie in der Weizsackerschen tJbersetzung. 
Luther iibersetzt: «Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade 
bei Gott und den Menschen». Sehr sinnvoll ist das auch nicht. Denn 
wenn da steht « Jesus nahm zu an Alter », so mochte ich emmal wis- 
sen, was es heifien soli, dafi ein zwolfjahriger Knabe zunimmt an 
Alter? Es braucht dazu doch nur die Zeit vorwarts zu schreiten! In 
Wahrheit aber steht an dieser Stelle, wenn wir den Text der Evan- 
gelien aus der Akasha-Chronik herstellen, dafi er zunahm an alledem, 
woran ein astralischer Leib zunehmen kann, namlich an Weisheit; 
dafi er zunahm an alledem, woran ein Atherleib zunehmen kann, 
namlich an all den Eigenschaften der Giite, des Wohlwollens und so 
weiter; und dann zunahm an allem, woran ein physischer Leib zu- 
nehmen kann, was sich hineingieik in die auftere Wohlgestalt. Damit 
soli ganz besonders angedeutet werden, dafi dieser Jesusknabe durch 
die Eigentumlichkeit, die er bis zum zwolften Jahre hatte, unberiihrt 
geblieben war, in seiner Individualist gar nicht beriihrt werden 
konnte von den luziferischen und ahrimanischen Kraften; weil es 
eben keine solche Individuality war, die von Inkarnation zu Inkar- 
nation gegangen war. Das Lukas-Evangelium deutet das noch ganz 
besonders dadurch an, dafi es die Generationenreihe hinauf verfolgt 
iiber Adam bis zu Gott, um damit zu sagen, dafi es die Substanz 
war, die unbeeinflufit war von allem, was durch die menschliche 
Entwickelung gegangen ist. 

So lebt also dieser Jesusknabe heran, zunehmend an alledem, was 
moglich ist in der Entwickelung einer dreifachen Leiblichkeit, die 
eben nicht von dem beriihrt werden konnte, wovon andere dreifache 
Leiblichkeiten der Menschen beriihrt werden. Und die Zarathustra- 
Individualitat hatte jetzt die Moglichkeit, all die Hohe, zu der sie 
es bis dahin gebracht hatte, zu verbinden mit all dem Wunderbaren, 
was in einer solchen dreifachen Leiblichkeit war, weil sie durch nkhts 
beirrt ward, sondern alles entwickeln konnte, was nur ein idealer 
physischer Leib, ein idealer Atherleib, ein idealer astralischer Leib 
im Aufiern entwickeln kann. Das soli angedeutet werden mit dem 
Satz des Lukas-Evangeliums, der eben angefiihrt worden ist. Dadurch 
war die Moglichkeit gegeben, daft bis zum dreif$igsten Lebensjahre 



in der Entwickelung dieses Jiinglings etwas eingetreten war, von dem 
wir sagen konnen: im dreiftigsten Lebensjahre war diese Individuali- 
st des Zarathustra in der Lage, alles, was aus einer so hohen Indi- 
vidualist kommen kann, in diese dreifadie menschliche Leiblichkeit 
hineinzugiefien. So dafi wir uns bis zum dreifiigsten Lebensjahre von 
dem Jesus von Nazareth die richtige Vorstellung machen, wenn wir 
ihn als eine hohe menschliche Individualitat vorstellen; eben als eine 
Individuality, zu derem Zustandekommen die grolkmoglichen Ver- 
anstaltungen gemacht worden sind, wie wir gesehen haben. 

Aber jetzt miissen wir uns iiber eines klar werden, wenn wir uns 
dariiber verstiindigen wollen, dafi die Friichte einer Entwickelung, die 
wir in unsern Leibern durchmachen, der Individualitat zugute kom- 
men. Unsere Leiber geben uns die Veranlassung, daft gleichsam unsere 
Individualitat aus dem Leben heraussaugt die Friichte fur ihre wei- 
tere Entwickelung. Wenn wir im Tode — jetzt im Tode eines gewohn- 
lichen Menschen — unsere Leiber verlassen, so lassen wir das, was 
wir in ihnen als Individualitat uns erworben, uns erarbeitet haben, 
zunachst nicht in den Leibern. Wir werden spater noch sehen, unter 
welchen besonderen Umstanden etwas in den Leibern bleiben kann; 
aber die Regel, das Gesetz ist es nicht, daft die Individualitat das, 
was sie sich erworben hat, den Leibern zuriicklaftt. Indem also Zara- 
thustra die dreifache Leiblichkeit des Jesus von Nazareth im dreiftig- 
sten Jahre verlafit, laftt er zuriick die drei Leiber: physischen Leib, 
Atherleib und Astralleib. Alles dasjenige aber, was Zarathustra als 
Individualitat durch diese Werkzeuge hat gewinnen konnen, das 
geht in die Individualitat des Zarathustra hinein, lebt mit dieser 
Individualitat weiter, die jetzt herausgeht aus der dreifachen Leib- 
lichkeit. Das kommt dieser Individualitat zugute. Dagegen ist aller- 
dings eines erreicht worden in der dreifachen Leiblichkeit des Jesus 
von Nazareth: daft namlich die Menschennatur, wie sie war vor den 
luziferischen und ahrimanischen Einflussen, verbunden war mit der- 
jenigen Individualitat, die am bedeutsamsten hineingeschaut hatte in 
die Geistigkeit des Makrokosmos. Denn denken Sie nur einmal, was 
diese Zarathustra-Individualitat durchgemacht hatte! Einstmals, da 
sie zuerst bei Begriindung der urpersischen Kultur wirkte im Hinauf- 



blicken nach dem grofien Sonnengeist, da schon ging der Blick des 
Zarathustra in die Weltenweiten des Geistigen. Und immer weiter 
und weiter entwickelte sich durch die folgenden Inkarnationen gerade 
diese Individuality. — Wenn das Innerste der Menschennatur mit 
den intensivsten Kraften der Liebe und des Mitleids dadurch zustande 
gekommen war, dafi eine reine Menschensubstanz bewahrt geblieben 
war bis zur Geburt des nathanischen Jesus, und dann der Astralleib 
sich noch durchdrungen hatte mit den Kraften des Gotama Buddha, 
wenn also in dem nathanischen Jesus das vorhanden war, was wir 
«innerlichste Innerlichkeit» des Menschen nennen konnen, so verband 
sich mit dieser Leiblichkeit im zwolften Jahre jene menschliche In- 
dividualitat, die unter alien menschlichen Individualitaten am klar- 
sten, am tiefsten hineingeschaut hatte in die Geistigkeit des Makro- 
kosmos. Dadurch aber wurden die Werkzeuge des nathanischen Jesus 
so umgestaltet, dafi sie in der Tat als Werkzeuge jetzt fahig waren, 
den Extrakt, den Christus-Extrakt des Makrokosmos, in sich auf- 
zunehmen. Hatte nicht die Individualitat des Zarathustra bis zum 
dreifiigsten Jahre diese Leiblichkeit durchdrungen, so waren ihre 
Augen nicht fahig gewesen, zu ertragen die Substanz des Christus 
vom dreifiigsten Jahre bis zum Mysterium von Golgatha, waren die 
Hande nicht fahig gewesen sich zu durchdringen mit der Substanz 
des Christus im dreifiigsten Jahre. Um den Christus aufnehmen zu 
konnen, mufite diese Leiblichkeit eben gleichsam vorbereitet, ausge- 
weitet werden durch die Individualitat des Zarathustra. So haben 
wir allerdings in dem Jesus von Nazareth, wie er in dem Moment 
war, da Zarathustra von ihm Abschied nahm und die Christus- 
Individualitat in ihn hineinging, weder einen Adepten noch sonst 
irgend etwas von einem hoheren Menschen vor uns. Denn ein Adept 
ist dadurch Adept, dafi er eine hochentwickelte Individualitat hat; 
die ist aber gerade aus der dreifachen Leiblichkeit des Jesus von 
Nazareth herausgegangen. Wir haben nur die dreifache Leiblichkeit 
durch die Anwesenheit des Zarathustra so prapariert, dafi sie auf- 
nehmen konnte die Christus-Individualitat. Aber nun war durch die 
Verbindung der Christus-Individualitat mit diesem Leibe, den wir 
eben beschrieben haben, das Folgende notig geworden. 



Durch die drei Jahre, von der Johannes-Taufe im Jordan an bis 
zum eigentlichen Mysterium von Golgatha, war die leibliche Ent- 
wickelung des physischen Leibes, des Atherleibes und des Astralleibes 
eine ganz andere, als die leibliche Entwickelung bei andern Menschen. 
Dadurch, daft auf den nathanischen Jesus in friiheren Inkarnationen 
luziferische und ahrimanische Krafle nicht Einfluft genommen hatten, 
war die Moglichkeit gegeben, daft von der Johannes-Taufe im Jordan 
ab — da jetzt nicht eine menschliche Ich-Individualitat in diesem 
Jesus von Nazareth war, sondern die Christus-Individualitat — alles 
das nicht herausgebildet wurde, was sonst beim Menschen in seiner 
Leiblichkeit immer wirken muft. Wir haben gestern davon gesprochen, 
daft das, was wir das menschliche Phantom nennen, die eigentliche 
Urgestalt, die in sich auffaftt, einsaugt die materiellen Elemente und 
sie dann mit dem Tode abgibt — daft dieses Phantom degenerierte im 
Laufe der menschlichen Entwickelung bis zum Mysterium von Gol- 
gatha. Wir konnen diese Degenerierung in einer gewissen Weise so 
aufifassen, daft eigentlich vom Anfange der menschlichen Entwicke- 
lung an dieses Phantom dazu bestimmt war, unberiihrt zu bleiben 
von den materiellen Teilen, die aus dem Mineral-, Pflanzen- oder 
Tierreich vom Menschen als Nahrungsmittel auf genommen werden. 
Unberiihrt davon sollte das Phantom bleiben. Es war aber nicht 
unberiihrt geblieben. Denn durch den luziferischen Einfluft trat eine 
enge Verbindung ein zwischen dem Phantom und den Kraften, die 
der Mensch aufnimmt durch die irdische Entwickelung — besonders 
mit den Aschenbestandteilen. Das war also die Folge des luziferischen 
Einflusses, daft das Phantom, wahrend es mit der weiteren Entwicke- 
lung der Menschheit mitgeht, eine starke Anziehung zu den Aschen- 
bestandteilen entwickelte; und dadurch, anstatt mit dem Atherleib 
des Menschen mitzugehen, ging es nun mit dem mit, was Zerfall- 
produkte sind. Das waren alles die Folgen der luziferischen Einfliisse. 
Und wo die luziferischen Einfliisse so hintan gehalten waren, wie 
dies beim nathanischen Jesus der Fall war, wo ja kein menschliches 
Ich da war, sondern wo die kosmische Christus-Wesenheit von der 
Johannes-Taufe an vorhanden war, da zeigte es sich, das sich keiner- 
lei Anziehungskrafte geltend machten zwischen dem menschlichen 



Phantom und dem, was als materielle Teile aufgenommen wurde. Es 
blieb das Phantom durch alle drei Jahre unberiihrt von den mate- 
riellen Teilen. Man driickt das okkult so aus, dafi man sagt: Eigent- 
lich sollte das menschliche Phantom nach dem, wie es sich heriiber- 
gebildet hatte durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit, keine 
Anziehungskrafte haben zu den Aschenbestandteilen, sondern es sollte 
nur mit den sich losenden Salzbestandteilen eine Anziehung haben, 
so dalS es den Weg der Verfliichtigung nimmt in dem Mafie, als die 
Salzbestandteile sich auflosen. Im okkulten Sinne wiirde man sagen, 
dafi es sich auflost und iibergeht — nicht in die Erde, sondern in die 
fliichtigen Bestandteile. Das war aber gerade das Eigentliche, dafi mit 
der Johannes -Taufe im Jordan, der Versetzung der Christus-Indi- 
vidualitat in den Leib des nathanischen Jesus, aller Zusammenhang 
des Phantoms mit den Aschenbestandteilen vernichtet, vertilgt wor- 
den war und der einzige Zusammenhang blieb mit den Salzbestand- 
teilen. Das tritt uns auch da hervor, wo der Christus Jesus den- 
jenigen, die er zunachst erwahlt hatte, klarmachen will: Es soli 
durch die Art, wie ihr euch verbunden fuhlt mit der Christus- 
Wesenheit, zur weiteren menschlichen Entwickelung die Moglichkeit 
herbeigefuhrt werden, dafi der eine aus dem Grabe auferstandene 
Leib — der Geistleib — auf die Menschen ubergehen kann. — Dies 
will der Christus sagen, als er die Worte gebraucht: «Ihr seid das 
Salz der Erde!» Alle diese Worte, an die wieder erinnern die Ter- 
minologie, die Kunstausdnicke der spateren Alchimisten, des spateren 
Okkultismus, alle diese Worte, die wir in den Evangelien finden, 
haben die denkbar tiefste Bedeutung. Und es war in der Tat diese 
Bedeutung gerade den mittelalterlichen und auch den nachmittel- 
alterlichen wirklichen Alchimisten — nicht den Scharlatanen, von 
denen die Literatur erzahlt — voll bekannt, und keiner sprach diese 
Zusammenhange aus, ohne dafi er im Herzen fuhlte den Zusammen- 
hang mit dem Christus. 

So stellte sich denn heraus: Als der Christus Jesus gekreuzigt 
wurde, sein Leib an das Kreuz genagelt wurde — Sie merken, dafi 
ich genau mit den Worten des Evangeliums hier spreche, aus dem 
einfachen Grunde, weil die wirklichen okkulten Forschungen tat- 



sachlich hier die Worte des Evangeliums absolut bestatigen — , als 
dieser Leib des Jesus von Nazareth ans Kreuz geschlagen wurde, da 
war in der Tat das Phantom vollig intakt, bestand als die geistleib- 
liche, aber nur iibersinnlidi sichtbare Form und war in einem viel 
loseren Zusammenhange mit dem materiellen Inhalt aus den Erden- 
elementen als bei irgendeinem Menschen. Aus dem einfachen Grunde, 
weil bei jedem andern Menschen eine Verbindung des Phantoms mit 
den Elementen eingetreten ist, die diese Elemente zusammenhalt. Bei 
dem Christus Jesus war es in der Tat ganz anders. Es war so, wie, 
ich mbchte sagen, nach dem Gesetz des Beharrungsvermogens gewisse 
materielle Teile nodi zusammenhalten in der Form, die man ihnen 
gegeben hat und dann nach einiger Zeit zerfallen, so daft kaum von 
ihnen etwas sichtbar ist. So war es mit den materiellen Teilen des 
Leibes des Christus Jesus. Als er vom Kreuze herabgenommen wurde, 
waren sozusagen die Teile noch zusammenhaltend, aber sie waren in 
keiner Verbindung mit dem Phantom, weil das Phantom von ihnen 
vollig frei war. Als der Leib dann mit gewissen Substanzen versetzt 
wurde, die dann wieder auf diesen Leib ganz anders wirkten als auf 
einen andern Leib, der einbalsamiert wird, da geschah es, daft sich 
die materiellen StofTe nach dem Begrabnis rasch verfliichtigten, rasch 
in die Elemente iibergingen. Daher fanden die Jiinger, die nach- 
schauten, die Tucher, mit denen er zugedeckt war, — das Phantom 
aber, woran die Entwickelung des Ich hangt, das war aus dem Grabe 
auferstanden. Daft Maria von Magdala, die das fruhere, von den 
Elementen der Erde durchsetzte Phantom nur kannte, in dem von 
aller Erdenschwere befreiten Phantom, das sie jetzt hellseherisch sah, 
nicht wiedererkennen konnte dieseibe Gestalt, das ist nicht zu ver- 
wundern. Sie kam ihr anders vor. Insbesondere miissen wir uns 
daruber klar sein, daft nur durch die Kraft des Beisammenseins der 
Jiinger mit dem Christus alle Jiinger und alle Menschen, von denen 
uns das erzahlt wird, den Auferstandenen sehen konnten; denn er 
erschien im Geistleib, in dem Leibe, von dem Paulus sagt, daft er 
sich wie das Samenkorn vermehrt und ubergeht in alle Menschen. 
Daft aber auch Paulus selbst iiberzeugt ist davon, daft nicht der von 
den irdischen Elementen durchsetzte Leib den andern Jiingern er- 



schienen ist, sondern daft dasselbe, was ihm erschienen war, auch den 
andern Jiingern erschienen war, das sagt er an der Stelle: 

«Ich habe es euch iiberliefert in erster Linie, wie ich es selbst 
iiberkommen habe: daft Christus gestorben ist urn unserer Siinden 
willen, so daft die Schriften sich erfiillen muftten, und daft er 
begraben wurde, und daft er auferweckt wurde am dritten Tage, 
gemaft dem, was in den Schriften immerdar gestanden hat, und 
daft er erschienen ist dem Kephas [Simon Petrus], dann den Zwolf. 
Hernach erschien er mehr als fiinfhundert Briidern auf einmal, von 
welchen die meisten noch leben, etliche aber sind entschlafen. Her- 
nach erschien er dem Jakobus, dann den samtlichen Aposteln; zuletzt 
aber gleich alien als dem zu friih Geborenen erschien er auch mir.» 
(1. Korinther 15, 3—8.) 

Dem Paulus erschien der Christus durch das Ereignis von Damas- 
kus. Und daft die Art, durch die er ihm erschien, gleichgestellt ist mit 
den Erscheinungen gegeniiber den andern Jiingern, das bezeugt, daft 
der Christus dem Paulus in derselben Gestalt erschienen ist, wie den 
andern. Was aber war es, was Paulus iiberzeugte? 

Paulus war in einem gewissen Sinne schon ein Eingeweihter vor 
dem Ereignis von Damaskus. Aber es war eine Einweihung, die 
zusammengesetzt war aus dem althebraischen und dem griechischen 
Prinzip. Ein Eingeweihter war er, der bis dahin nur wuftte, daft die, 
welche sich mit der geistigen Welt durch die Initiation verbunden 
haben, in ihrem Atherleib unabhangig geworden sind von dem 
physischen Leib und in einer gewissen Weise denen, die dazu fahig 
sind, erscheinen konnen in ihrer reinsten Gestalt des Atherleibes. 
Wurde Paulus nur die Erscheinung eines reinen, von dem physischen 
Leibe unabhangigen Atherleibes gehabt haben, so wiirde er anders 
gesprochen haben. Er wiirde gesagt haben, er hatte geschaut einen, 
der eingeweiht worden war und unabhangig von dem physischen 
Leibe mit der Erdentwickelung weiterlebt. Das wiirde fur ihn auch 
nichts besonders Oberraschendes gehabt haben. Das konnte es also 
nicht sein, was er vor Damaskus erlebt hat. Was er erlebt hat, war 
das, wovon er wuftte, man kann es erst erleben, wenn die Schriften 
erfiillt sind: daft einmal in der geistigen Atmosphare der Erde ein 



vollstandiges menschliches Phantom, ein aus dem Grabe erstandener 
menschlicher Leib als ubersinnliche Gestalt da sein werde. Das aber 
hatte er gesehen! Das war es, was ihm vor Damaskus erschien und 
ihn iiberzeugte: Er war da! Er ist auferstanden! Denn es ist das da, 
was nur von ihm kommen kann: es ist das Phantom da, was gesehen 
werden kann von alien menschlichen Individualitaten, die einen Zu- 
sammenhang suchen mit dem Christus! — Das war es, was ihn uber- 
zeugen konnte, daft der Christus schon da war, daft er nicht erst 
kommen werde, daft er wirklich in einem physischen Leibe war, und 
daft dieser physische Leib die eigentliche Urform des physischen 
Leibes herausgerettet hat zum Heile aller Menschen. 

Daft diese Tat nur geschehen konnte durch die groftte Entfaltung 
der gottlichen Liebe, und in welchem Sinne diese Tat eine Liebestat 
war, und in welchem Sinne dann das Wort «Erl6sung» zu nehmen 
ist in der weiteren Entwickelung der Menschheit — davon wollen 
wir morgen sprechen. 



NEUNTER VORTRAG 
Karlsruhe, 13.0ktober 1911 



Die Vortrage, die bisher gehalten worden sind, haben uns im 
wesentlichen zu zwei Fragen gefiihrt. Die eine Frage bezieht sich auf 
das objektive Ereignis, das mit dem Namen des Christus Jesus ver- 
knupft ist; sie bezieht sich auf das Wesen jenes Impulses, der als der 
Christus-Impuls eingegriffen hat in die menschliche Entwickelung. 
Die andere Frage bezieht sich darauf, wie nun der einzelne Mensch 
seine Beziehung zu dem Christus-Impuls herstellen kann, wie sozu- 
sagen dieser Christus-Impuls fur den einzelnen Menschen wirksam 
wird. Selbstverstandlich verkniipfen sich die Antworten auf diese 
beiden Fragen. Denn wir haben ja gesehen, dafi das Christus-Ereignis 
eine objektive Tatsache der menschlichen Erdenentwickelung ist und 
dafi gerade von dem, was uns in der Auferstehung entgegengetreten 
ist, etwas Reales, etwas Wirkliches ausgeht. Gewissermafien eine Art 
Keim zu einer Wiederherstellung des Zustandes unseres menschlichen 
Phantomes hat sich mit dem Christus aus dem Grabe erhoben, und 
das, was sich da als Keim mit dem Christus aus dem Grabe erhoben 
hat, hat die Moglichkeit, sich einzuverleiben denjenigen Menschen, 
die eine Beziehung zu dem Christus-Impuls finden. 

Das ist der objektive Teil dieser Beziehung des einzelnen Menschen 
zu dem Christus-Impuls. Heute wollen wir in die Betrachtungen, die 
wir in den letzten Tagen gepflogen haben, die subjektive Seite ein- 
fiigen, das heifit, wir wollen versuchen, eine Antwort auf die Frage 
zu finden, welche etwa so gestellt werden kann: Wie findet nun der 
einzelne Mensch die Moglichkeit, in sich nach und nach dasjenige 
aufzunehmen, was durch die Auferstehung von dem Christus aus- 
gegangen ist? 

Wenn wir uns diese Frage beantworten wollen, miissen wir zu- 
nachst zweierlei unterscheiden. Als das Christentum als eine Religion 
in die Welt getreten ist, da war es nicht etwa bloft eine Religion fur 
okkult strebende Menschen, das heifit fur solche Menschen, welche 
auf irgendeinem Geisteswege an den Christus herankommen wollten; 



sondern das Christentum war eine Religion, welche fiir alle Menschen 
geeignet sein sollte, welche von alien Menschen sollte aufgenommen 
werden konnen. Daher darf nicht etwa geglaubt werden, dafi eine be- 
sondere okkulte oder esoterische Entwickelung notwendig war, urn den 
Weg zu dem Christus zu finden. Daher miissen wir den einen Weg zu 
dem Christus zunachst einmal ins Auge fassen, den exoterischen Weg, 
den eine jede Seele, ein jedes Herz hat finden konnen imLaufeder Zeit. 
Und dann miissen wir von diesem Wege den anderen unterscheiden: 
den Weg, der sich bisher, bis in unsere Zeit herein, einer Seele eroff- 
nete, die esoterisch den Weg gehen will; die also nicht blofi auf dem 
aufieren Pfad den Christus suchen will, sondern die ihn suchen will 
durch eine Erschlieflung der okkulten Krafte. Also den "Weg des 
physischen Planes — und den Weg der UbersinnHchen Welten miissen 
wir unterscheiden. 

Es ist wohl kaum ein friiheres Jahrhundert so unklar gewesen iiber 
den aufteren exoterischen Weg zu dem Christus als das neunzehnte 
Jahrhundert. Und der Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts war 
wieder so, dafi die erste Halfte dieses Jahrhunderts noch klarer war 
als die zweite. Man darf sagen, immer mehr und mehr haben sich 
die Menschen von einer Erkenntnis des Weges zu dem Christus ent- 
fernt. In dieser Beziehung machen sich die Menschen, die am heutigen 
Denken teilnehmen, gar nicht mehr die richtigen Vorstellungen, wie 
Seelen zum Beispiel noch im achtzehnten Jahrhundert ihren Weg zu 
dem Christus-Impuls gemacht haben, und wie auch noch in die erste 
Halfte des neunzehnten Jahrhunderts hereingeleuchtet hat eine ge- 
wisse Moglichkeit, den Christus-Impuls als etwas Reales zu finden. 
Im neunzehnten Jahrhundert ist am allermeisten den Menschen dieser 
Weg zu Christus verlorengegangen. Und das ist begreiflich, wenn wir 
ins Auge fassen, dafi wir ja vor dem Ausgangspunkte eines neuen 
Weges zu dem Christus stehen. Wir haben ofter von dem neuen Weg, 
der sich den Seelen eroffnet, sozusagen von einer Erneuerung des 
Christus-Ereignisses, gesprochen. Es ist immer so in der Entwickelung 
der Menschheit, dafi eine Art Tiefstand in bezug auf eine Sache ein- 
treten mufi, bevor wieder ein neues Licht kommt. So ist denn auch 
die Abwendung von den spirituellen Welten, wie sie im neunzehnten 



Jahrhundert eingetreten ist, nur selbstverstandlich gegenuber der 
Tatsache, daft im zwanzigsten Jahrhundert eben in der eigenartigen 
Weise, wie es ofler erwahnt worden ist, eine ganz neue Epoche fiir 
das spirituelle Leben der Menschen beginnen mufi. 

Manchmal erscheint es selbst denjenigen Menschen, die sich schon 
etwas in die Geisteswissenschaft hineingefunden haben, so, als ob die 
spirituelle Bewegung, wie wir sie haben, etwas durchaus Neues sei. 
Wenn wir davon absehen, daft die Bereicherung, die das spirituelle 
Streben im Abendlande in den letzten Zeiten erfahren hat, darin 
besteht, daft die Ideen von Reinkarnation und Karma eingeflossen 
sind, wenn wir absehen von dem Einflieften der Lehre der wieder- 
holten Erdenleben und ihrer Bedeutung fiir die ganze menschliche 
Entwickelung, so miissen wir sagen, daft im ubrigen die Wege in die 
geistige Welt hinein, die unseren theosophischen sehr ahnlich sind, 
durchaus nicht etwas ganz Neues fiir die abendlandische Menschheits- 
entwickelung sind. Nur findet sich der Mensch, der auf dem heutigen 
Wege der Theosophie in die geistigen Welten emporzudringen sucht, 
etwas befremdet von der Art und Weise, wie zum Beispiel Theo- 
sophie im achtzehnten Jahrhundert gepflogen worden ist. Gerade in 
diesen Gegenden (Baden) und namentlich in Wurttemberg wurde im 
achtzehnten Jahrhundert viel, viel Theosophie getrieben. Nur fehlte 
uberall ein lichtvoller Ausblick in die Lehre von den wiederholten 
Erdenleben, und dadurch war das ganze Feld des theosophischen 
Arbeitens in einer gewissen Weise getriibt. Es wurden auch fiir die, 
welche tiefe Einblicke tun konnten in okkulte Zusammenhange, und 
namentlich auch in den Zusammenhang der Welt mit dem Christus- 
Impuls, diese Einblicke dadurch getriibt, daft eine richtige Lehre iiber 
die wiederholten Erdenleben fehlte. Aber aus dem ganzen Umkreise 
der christlichen Weltanschauung und des christlichen Lebens erhob 
sich immer so etwas wie theosophisches Streben. Und dieses theoso- 
phische Streben wirkte uberall hinein, auch in die aufteren exote- 
rischen Wege der Menschen, die eben nicht weiter kommen konnten 
als zu einem aufteren Mitleben, sagen wir, des christlichen Gemeinde- 
lebens oder dergleichen. Wie aber ein Theosophisches das christliche 
Streben durchdrang, das konnen wir sehen, wenn wir zum Beispiel 



Namen nennen wie Bengel, Oetinger, Leute, die in Wiirttemberg ge- 
wirkt haben, die in ihrer ganzen Art und Weise — wenn wir beriick- 
sichtigen, daft ihnen die Idee der wiederholten Erdenleben fehlte — 
durchaus zu alledem kamen, wozu man audi in bezug auf hohere 
Anschauungen iiber die Entwickelung der Menschheit kommen kann, 
insofern der Christus-Impuls ihr eignet. Wenn wir das ins Auge 
fassen, miissen wir sagen: den Grundnerv des theosophischen Lebens 
hat es immer gegeben. Deshalb ist viel Richtiges darin, was in einer 
Abhandlung gerade iiber manches Theosophische des achtzehnten 
Jahrhunderts Rothe y der ja in der unmittelbaren Nahe Karlsruhes, 
an der Heidelberger Universitat, gelehrt hat, in der Vorrede zu einem 
1847 erschienenen Buche geschrieben hat. Er sagt: 

«Was die Theosophie eigentlich will, das ist bei den alteren Theo- 
sophen oft schwer zu erkennen . . . nicht minder deutlidi aber audi, 
daft es die Theosophie auf ihrem bisherigen Wege zu keiner wissen- 
schaftlichen Existenz und mithin audi zu keiner ins Groftere gehenden 
Wirkung bringen kann. Sehr voreilig wiirde man daraus schlieften, 
daft sie iiberhaupt ein wissenschaftlich unberechtigtes und nur ephe- 
meres Phanomen sei. Dagegen zeugt schon die Geschichte laut genug. 
Sie erzahlt uns, wie diese ratselhafte Erscheinung nie durchdringen 
konnte, und dessen ungeachtet immer wieder von neuem durchbrach, 
ja, durch die Kette einer nie aussterbenden Tradition in ihren ver- 
schiedenartigsten Formen zusammengehalten wird.» 

Nun muE man daran denken, daft der, der dies geschrieben hat, in 
den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts Theosophie nur 
so kennenlernen konnte, wie sie heriiberkam von manchem Theo- 
sophen des achtzehnten Jahrhunderts. Da muft man schon sagen: Was 
da heriiberkam, war allerdings in die Formen unserer Wissenschaft- 
lichkeit nicht zu kleiden; daher war es auch schwer zu glauben, daft 
die damalige Theosophie weitere Kreise ergreifen konnte. Wenn wir 
davon absehen, muft uns doch gerade eine solche Stimme aus den 
vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts bedeutsam erscheinen, 
die uns da sagt: 

«... Und was die Hauptsache ist, wenn sie nur erst einmal eigent- 
liche Wissenschaft geworden ist, und also auch deutlich bestimmte 



Resultate abgesetzt hat, so werden diese schon nach und nach in die 
allgemeine Uberzeugung iibergehen oder popular werden, und sich 
so auch fur die als gemeingultige Wahrheiten vererben, die sich in die 
Wege nicht finden konnen, auf denen sie entdeckt wurden und allein 
entdeckt werden konnten.» 

Allerdings kommt dann eine pessimistische Wendung, die wir heute 
in bezug auf Theosophie nicht mehr teilen konnen. Denn wer sich in 
die heutige Art des geisteswissenschaftlichen Strebens hineinfindet, 
wird die Uberzeugung gewinnen, dafi diese Theosophie in den brei- 
testen Kreisen in der Art, wie sie wirken will, popular werden kann. 
Deshalb mufi uns eine solche Wendung dennoch nur zu Mut anfeuern 
konnen, wenn es weiter heiftt: 

«Doch dies ruht im Schofte der Zukunft, der wir nicht vorgreifen 
wollen; fur jetzt mogen wir uns der schonen Darstellung des lieben 
Oetingers dankbar erfreuen, die gewifi in einem weiten Kreise auf 
Teilnahme rechnen darf.» 

So sehen wir, wie sozusagen Theosophie eine fromme HofTnung 
der Menschen ist, die gleichsam aus dem achtzehnten Jahrhundert 
heriiber noch etwas von der alten Theosophie gewulk haben. Dann 
allerdings ist der Strom theosophischen Lebens iiberschiittet worden 
von dem materialistischen Streben des neunzehnten Jahrhunderts, 
und durch das, was wir jetzt in uns aufnehmen diirfen als die 
Morgenrote einer neuen Zeit, kommen wir erst wieder dem wirk- 
lichen spirituellen Leben nahe, jetzt aber in einer Form, die so wis- 
senschaftlich sein kann, daft sie im Grunde genommen jedes Herz 
und jede Seele verstehen kann. Es ist ja ganz und gar auch dem 
neunzehnten Jahrhundert das Verstandnis fur etwas verlorenge- 
gangen, was zum Beispiel die Theosophen des achtzehnten Jahr- 
hunderts noch voll gehabt haben, was sie dazumal genannt haben den 
«ZentraIsinn». Von Oetinger zum Beispiel, der hier in unmittelbarer 
Nahe, in Murrhardt, gewirkt hat, wissen wir, daft er eine Zeitlang 
Schiiler war eines sehr einfachen Menschen in Thiiringen, von dem 
seine Schiiler wuftten, daft er das besessen hat, was man den Zentral- 
sinn nannte. Was war dieser Zentralsinn fur die damalige Zeit? 
Nichts anderes war es, als was jetzt in jedem Menschen entsteht, 



wenn er im Ernst und mit eiserner Energie das befolgt, was Sie audi 
in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel- 
ten?» finden. Im Grunde genommen war es nichts anderes, was dieser 
einfache Mensch in Thiiringen — Volker hieft er — besaft, und was 
er dann audi in einer fur seine Zeit sehr interessanten Theosophie 
zustande gebracht hat, das auf Oetinger wirkte. Ebenso, wie es schwer 
ist fur den Menschen der Gegenwart, sich hineinzufinden in die Er- 
kenntnis, dafi eine theosophische Vertiefung uns eigentlich noch so 
nahe liegt, und daft diese theosophische Vertiefung eine reiche Litera- 
tur hat, die allerdings in den Bibliotheken und bei Antiquaren ver- 
graben ist, ebenso schwer wird ihm ein anderes: das Christus- 
Ereignis als eine objektive Tatsache iiberhaupt zunachst zu nehmen. 
Wie viel ist in dieser Richtung im neunzehnten Jahrhundert diskutiert 
worden! Es ist in einer kurzen Zeit gar nicht einmal skizzenhaft 
anzudeuten, wie vielerlei Anschauungen im neunzehnten Jahrhundert 
iiber den Christus Jesus zu verzeichnen sind. Und wenn man sich die 
Miihe gibt, auf eine grofiere Anzahl, sei es laienhafler, sei es theolo- 
genhafter Anschauungen iiber den Christus Jesus einzugehen, dann 
hat man wirklich gewisse Schwierigkeiten, wenn man das, was das 
neunzehnte Jahrhundert gerade in dieser Frage produziert hat, heran- 
bringen will an die Zeiten, in denen noch bessere Traditionen ge- 
herrscht haben. Es ist ja sogar im neunzehnten Jahrhundert moglich 
geworden, Leute als grofte christliche Theologen anzusehen, die iiber- 
haupt der Annahme eines objektiven Christus, der in die Welt- 
geschichte eingetreten ist und darin gewirkt hat, ganz fern stehen. 
Und da kommen wir auf die Frage: Welche Beziehung zu dem 
Christus kann der finden, der nun keinen esoterischen "Weg geht, 
sondern ganz im Felde des Exoterischen bleibt? 

Solange man auf dem Boden stent, auf dem also wirklich audi 
Theologen des neunzehnten Jahrhunderts standen, dafi die mensch- 
liche Entwickelung etwas ist, was rein im Innern des Menschen 
ablaufen kann, was mit der aufieren Welt des Makrokosmos sozu- 
sagen nichts zu tun hat, kann man zu einer objektiven Wiirdigung 
des Christus Jesus iiberhaupt nicht kommen. Da kommt man zu 
allerlei grotesken Ideen, nie aber zu einer Beziehung zu dem Christus- 



Ereignis. Wenn der Mensch glaubt, daft er das hochste menschliche 
Ideal, wie es fiir die Erdentwickelung angemessen ist, erreichen kann 
auf einem bloften inneren Seelenwege, durch eine Art Selbsterlosung, 
dann ist eine Beziehung zu dem objektiven Christus nicht moglich. 
Man konnte audi sagen: Sobald der Erlosungsgedanke fiir den 
Menschen etwas ist, was sich auf psychologischem Wege beantworten 
laftt, gibt es keine Beziehung zu dem Christus. Wer aber tiefer in 
die Weltgeheimnisse eindringt, wird sehr bald finden, daft, wenn der 
Mensch glauben kann, daft er sein hochstes Ideal des Erdendaseins 
lediglich durch sich selbst, nur durch innere Entwickelung erlangen 
kann, er iiberhaupt seinen Zusammenhang mit dem Makrokosmos 
abschneidet; daft er dann den Makrokosmos wie eine Art Natur vor 
sich hat — und dann wieder die innere Seelenentwickelung neben 
dem Makrokosmos als etwas parallel damit Verlaufendes; aber einen 
Zusammenhang zwischen beiden kann er nicht finden. Das ist ja 
gerade das furchtbar Groteske in der Entwickelung des neunzehnten 
Jahrhunderts, daft das, was einen Zusammenhang braucht — Mikro- 
kosmos und Makrokosmos — , entzweit, auseinandergerissen worden 
ist. Ware das nicht geschehen, so hatten alle die Miftverstandnisse 
nicht entstehen konnen, die verkniipft sind mit den Namen «theo- 
retischer Materialismus» auf der einen Seite und «abstrakter Idealis- 
mus» auf der anderen Seite. Denken Sie, daft das Auseinanderreifien 
von Mikrokosmos und Makrokosmos dazu gefiihrt hat, daft die 
Menschen, die wenig auf das innere Seelenleben achten, dazu kamen, 
daft sie das innere Seelenleben wie die auftere Leiblichkeit zu dem 
Makrokosmos rechneten, um dann alles im materiellen Prozesse auf- 
gehen zu lassen. Die andern, die gewahr wurden, daft es doch ein 
inneres Leben gibt, verfielen nach und nach in Abstraktionen bei 
allem, was schlieftlich nur fiir die menschliche Seele eine Bedeutung 
hat. 

Wenn man sich iiber diese schwierige Sache klar sein will, muft 
man vielleicht an etwas sehr Bedeutsames erinnern, was die Menschen 
in den Mysterien gelernt haben. Fragen Sie sich einmal, wie viele 
Menschen in ihrem innersten Bewufttsein heute glauben: Wenn ich 
irgend etwas denke — zum Beispiel iiber meinen Nebenmenschen 



einen schlediten Gedanken habe — so hat das fiir die Auftenwelt ja 
schlieftlich keine Bedeutung; der Gedanke ist nur in mir. Eine ganz 
andere Bedeutung hat es, wenn ich ihm eine Ohrfeige gebe; das ist 
ein Ereignis auf dem physischen Plan; das andere ist eine blofte 
Empfindung oder ein blofter Gedanke. - Oder gehen wir weiter. Wie 
viele Menschen gibt es, die, wenn sie eine Siinde, eine Luge oder 
einen Irrtum begehen, sagen: Das ist etwas, was in der menschlichen 
Seele vorgeht — und im Gegensatze dazu, wenn etwa ein Stein vom 
Dache fallt: Das ist etwas, was drauften vorgeht. — Da wird man nach 
grobsinnlichem Begreifen leicht dem Menschen klarmachen konnen: 
wenn ein Stein vom Dache fallt, oder vielleicht zufallig ins Wasser 
fallt, da werden im Wasser Wellen erregt, die weiterspielen und so 
weiter, so daft das alles Wirkungen hat, die sich im geheimen fort- 
setzen; aber was in der Seele eines Menschen vorgeht, das ist abge- 
schlossen von allem anderen. Daher haben die Menschen glauben 
konnen, daft es uberhaupt eine Angelegenheit der Seele ist, sagen wir, 
zu siindigen, zu irren und das wieder gutzumachen. Auf ein soldies 
Bewufttsein miiftte eines, was wenigstens einer grofteren Anzahl von 
uns in den letzten zwei Jahren entgegengetreten ist, grotesk wirken. 
Ich mochte in dem Rosenkreuzerdrama «Die Pforte der Einweihung» 
an die Szene erinnern, wo Capesius und Strader auftreten in der 
astralen Welt, und wo gezeigt wird, wie das, was sie denken, reden 
und fiihlen, nicht bedeutungslos ist fiir die objektive Welt, fiir den 
Makrokosmos, sondern geradezu Stiirme entfesselt in den Elementen. 
Es ist ja wirklich fiir die heutigen Menschen toll, zu denken, daft 
zerstorende Krafte dadurch auch fiir den Makrokosmos wirken, daft 
jemand einen unrichtigen Gedanken hat. Das aber wurde den 
Menschen in den Mysterien recht sehr klar gemacht, daft, wenn 
jemand zum Beispiel liigt, Irrtiimer begeht, dies ein realer Vorgang 
ist, der nicht bloft mit uns etwas zu tun hat. Das deutsche Sprichwort 
ist sogar entstanden: « Gedanken sind zollfrei», weil man eben die 
Zollschranke nicht sieht, wenn die Gedanken aufdammern. Sie ge- 
horen aber dann der objektiven Welt an, sind nicht bloft Ereignisse 
der Seele. Da hat dann der Mysterienschiiler gesehen: Wenn du eine 
Luge sagst, bedeutet das in der iibersinnlichen Welt eine Verfinsterung 



eines gewissen Lichtes, und wenn du eine lieblose Handlung begehst, 
so wird dadurch in der geistigen Welt durch das Feuer der Lieblosig- 
keit etwas verbrannt; und mit den Irrtiimern loschest du Licht aus 
dem Makrokosmos aus. — Das war die Wirkung, die dem Schuler 
gezeigt wurde durch das objektive Ereignis: wie durch den Irrtum 
auf dem Astralplan etwas ausgeloscht wird und Finsternis auftritt, 
oder wie eine lieblose Handlung wie ein zerstorendes und verbren- 
nendes Feuer wirkt. 

Der Mensch weift im exoterischen Leben nicht, was um ihn herum 
vorgeht. Er ist wirklich wie der Vogel Strauft und muK den Kopf 
in den Sand stecken, weil er die Wirkungen nicht sieht, die aber doch 
vorhanden sind. Die Wirkungen der Empfindungen sind da, und an- 
schaulich wurden sie fur die iibersinnlichen Augen, wenn der Mensch 
zum Beispiel in die Mysterien gefuhrt wurde. Das aber ist etwas, was 
nur dem neunzehnten Jahrhundert passieren konnte, daft man sich 
sagte: Alles, was der Mensch gesiindigt hat, was er an Schwache an 
sich hat, ist nur seine personliche Angelegenheit; die Erlosung mufi 
durch ein Ereignis in der Seele eintreten. Daher kann Christus auch 
nur ein innerliches Ereignis der Seele sein. — Was notwendig ist, 
damit der Mensch nicht nur seinen Weg zu dem Christus findet, 
sondern seinen Zusammenhang mit dem Makrokosmos iiberhaupt 
nicht abreiftt, das ist die Erkenntnis: Begehst du Irrtum und Siinde, 
so sind dies objektive, nicht subjektive Ereignisse, und es geschieht 
dadurch etwas drauften in der Welt. Und in dem Augenblick, wo der 
Mensch sich bewuftt wird, daft mit seiner Siinde und mit seinem 
Irrtum etwas Objektives geschieht, wo er weift, es wirkt etwas, was 
er getan hat und von sich weggegeben hat, was nicht mehr mit ihm 
zusammenhangt, aber zusammenhangt mit dem ganzen objektiven 
Gange der Weltentwickelung, wird der Mensch, wenn er nun den 
ganzen Gang der Weltentwickelung iiberblickt, nicht mehr sagen 
konnen, daft es nur eine innere Angelegenheit der Seele ist, das, was 
er angerichtet hat, wieder gutzumachen. Es gabe eine Moglichkeit, die 
sogar eine gute Bedeutung hat: daft man das, was den Menschen in 
Irrtum und Schwache bringt und gebracht hat durch die aufeinander- 
folgenden Erdenleben, als eine innere Angelegenheit nicht des ein- 



zelnen Lebens, aber des Karmas ansieht. Aber dafiir gibt es keine 
Moglichkeit, daft ein Ereignis, das nicht geschichtlich ist und nicht 
der Mensdiheit angehort, wie es bei dem luziferischen Einflufi in der 
alten lemurischen Zeit der Fall ist, durch ein menschliches Ereignis 
wieder aus der Welt geschafft werden konnte! Durch das luziferische 
Ereignis ist auf der einen Seite die grofie Wohltat dem Menschen 
geworden, dafi er zum freien Menschen wurde; aber auf der anderen 
Seite hat er dafiir in Kauf nehmen miissen, dafi er abirren kann von 
dem Pfade des Guten und des Rechten, audi von dem Pfade des 
Wahren. Was im Laufe der Inkarnationen eingetreten ist, ist eine 
Angelegenheit des Karmas. Aber alles, was so sich einnistet vom 
Makrokosmos in den Mikrokosmos, was die luziferischen Krafte dem 
Menschen gegeben haben, das ist etwas, womit der Mensch allein 
nicht fertig wird. Um das wieder auszugleichen — dazu braucht es 
einer objektiven Tat. Kurz, der Mensdi mufi empfinden, weil das, 
was er als Irrtum und Siinde begeht, nicht bloft subjektiv ist, daft 
audi nicht bloft ein Subjektives in der Seele geniigt, um die Erlosung 
herbeizufuhren. 

So wird der, welcher uberzeugt ist von der Objektivitat des Irr- 
turas, audi unmittelbar einsehen die Objektivitat der Erlosungstat. 
Man kann gar nicht den luziferischen Einfluft als eine objektive Tat 
hinstellen, ohne zugleich die ausgleichende Tat — das Ereignis von 
Golgatha — hinzustellen. Und als Theosoph hat man im Grunde 
genommen nur die Wahl zwischen zwei Dingen. Man kann alles auf 
Grundlage des Karmas setzen; dann hat man natiirlich fiir alles, was 
durch den Menschen selbst herbeigefuhrt wird, durchaus recht; aber 
man kommt dann in die Notwendigkeit, die wiederholten Leben 
nach vorn und nach riickwarts in beliebiger Weise zu verlangern, und 
kommt zu keinem Ende nach vorn und riickwarts. Das geht immer 
wie das gleiche Rad rund herum. Jener konkrete Gedanke der Ent- 
wickelung dagegen — und das ist das andere — wie wir ihn fassen 
muftten: daft es ein Saturn-, ein Sonnen- und ein Mondendasein gab, 
die ganz verschieden sind vom Erdendasein, daft dann im Erden- 
dasein erst jene Art der wiederholten Erdenleben stattfindet, wie wir 
sie kennen, dafi dann das luziferische Ereignis da war als ein ein- 



maliges Ereignis, — das alles gibt erst dem, was wir theosophische 
Anschauung nennen, einen wirklichen Inhalt. Das alles aber ist nicht 
zu denken ohne die Objektivitat des Ereignisses von Golgatha. 

Wenn wir die vorchristlichen Zeiten betrachten, so waren — von 
einer anderen Seite aus wurde das schon erwahnt — die Menschen 
in einer gewissen Beziehung anders. Die Menschen haben, als sie 
hinuntergestiegen sind aus den geistigen Welten in die irdischen 
Inkarnationen, eine gewisse Summe des gottlichen substantiellen 
Elementes mitgenommen. Das versiegte nur nach und nach, je weiter 
der Mensch in den Erdeninkarnationen vorriickte, und war versiegt 
in der Zeit, als die Ereignisse von Palastina heranriickten. Daher 
haben die Menschen in den vorchristKchen Zeiten, wenn sie sozusagen 
auf ihre eigene Schwache reflektierten, immer gefiihlt: es stammt doch 
das Beste, was der Mensch hat/her aus der gottlichen Sphare, aus 
welcher der Mensch heruntergestiegen ist. Sie haben immer noch die 
letzten Nachwirkungen des gottlichen Elementes gefiihlt. Das aber 
war versiegt, als der Taufer Johannes den Ausspruch tat: Andert eure 
Auffassung von der Welt, denn die Zeiten sind andere geworden; 
jetzt werdet ihr nicht mehr wie bisher zum Geistigen emporsteigen 
konnen, weil der Ausblick in die alte Geistigkeit nicht mehr moglich 
ist. Andert den Sinn und empfanget jene gottliche Wesenheit, welche 
aufs neue den Menschen geben soil, was sie verlieren mufiten durch 
ihr Herabsteigen! — Deshalb wurde auch — man mag es hinweg- 
leugnen, wenn man abstrakt denken will, man kann es aber nicht 
hinwegleugnen, wenn man mit einem wirklichen konkreten Blick auf 
die aufiere Geschichte sieht — das ganze Fiihlen und Empfinden der 
Menschen anders um die Wende der alten und der neuen Zeit, deren 
Abgegrenztheit dargestellt ist durch die Ereignisse von Palastina. Die 
Menschen fingen an, sich verlassen zu fiihlen, nachdem die Ereignisse 
von Palastina geschehen waren. Sie fingen an sich verlassen zu fiihlen, 
wenn sie an die schwersten Fragen herantraten, die das Innerste, das 
Konkreteste der Seele betrafen, wenn sie sich zum Beispiel fragten: 
Was wird aus mir im ganzen Zusammenhange des Weltalls, wenn 
ich durch die Todespforte mit einer Anzahl unausgeglichener Taten 
gehe? Da trat denn heran an diese Menschen ein Gedanke, der aller- 



dings aus der Sehnsucht der Seele zunachst geboren werden konnte, 
der aber nur dadurch befriedigt werden konnte, daft die Menschen- 
seele die Anschauung fand: Ja, es hat ein Wesen gelebt, das da herein- 
getreten ist in die Menschheitsentwickelung, an das du dich halten 
kannst, und das in der Auftenwelt, wo du nicht hin kannst, wirkt 
zum Ausgleiche deiner Taten; das dir hilft, das gutzumachen, was 
durch die luziferischen Einfliisse schlecht gemacht worden ist! — Das 
Sichverlassenfuhlen und das Sichgeborgenfiihlen in einer objektiven 
Macht trat in die Menschheit herein; das Empfinden, daft die Siinde 
eine reale Macht ist, eine objektive Tatsache. Und das andere, was 
dazu gehort: daft das Erlosende eine objektive Tatsache ist, etwas, 
was nicht der einzeine ausmachen kann, weil er nicht den luziferischen 
Einfluft hereinbeschworen hat, sondern nur der, der in den Welten 
wirkt, in denen Luzifer bewuftt wirkt. 

Dies alles, was ich so darstellte mit Worten, die aus der Geistes- 
wissenschaft genommen sind, das war nicht bewuftt als Begriffe, als 
Erkenntnis vorhanden, aber es lag in den Gefuhlen und Empfin- 
dungen; und es lebte die Notwendigkeit, sich zu dem Christus zu 
wenden in den Gefuhlen und Empfindungen. Dann gab es naturlich 
fur diese Menschen die Moglichkeit, in den christlichen Gemeinschaften 
die Wege zu finden, um alle solche Empfindungen und Gefiihle zu 
vertiefen. Was fand denn schlieftlich der Mensch in der Zeit, da er 
seinen urspriinglichen Zusammenhang mit den Gottern verloren hatte, 
wenn er drauften die Materie anschaute? Immer mehr und mehr 
verlor sich durch das Heruntersteigen des Menschen in die Materie 
der Anblick des Spirituellen, des physisch Gottlichen in der groften 
Welt. Die Reste des alten Hellsehens, die noch da waren, verloren 
sich allmahlich, und die Natur wurde in einer gewissen Weise ent- 
gottert. Eine blofte materielle Welt war vor dem Menschen ausge- 
breitet. Und dieser materiellen Welt gegeniiber konnte der Mensch 
gar nicht den Glauben aufrechterhalten, dafi darinnen ein Christus- 
Prinzip objektiv wirksam sein soli. Was sich zum Beispiel im neun- 
zehnten Jahrhundert herausgebildet hat: daft die Welt, wie sie un- 
serer Erde zugrunde liegt, sich aus dem Kant-Laplaceschen Welten- 
nebel herausgestellt hat, daft dann auf den einzelnen Planeten das 



Leben entstanden sei, und was schlieftlich dazu gefiihrt hat, iiberhaupt 
die ganze Welt als ein Zusammenwirken von Atomen zu denken, da 
hinein den Christus zu denken, in das Weltbild des materialistischen 
Naturdenkers den Christus hineinzudenken, das ware allerdings 
Wahnsinn. Gegeniiber diesem Weltbilde ist die Christus-Wesenheit 
nicht aufrechtzuerhalten. Gegeniiber diesem Weltbilde ist iiberhaupt 
nichts Geistiges aufrechtzuerhalten. Aber wir miissen es verstehen, 
daft jemand das sagt, was ich Ihnen vorgelesen habe: daft er sein 
ganzes Weltbild durchschneiden muftte, wenn er die Auferstehung 
glauben sollte. Dieses ganze Weltbild, das dann nach und nach entstan- 
den ist, zeigt nur, daft fur die auftere Naturbetrachtung, in bezug auf 
das Denken iiber die auftere Natur, die Moglichkeit geschwunden ist, 
sich hineinzudenken in das lebendige Wesen der Naturtatsachen. 

Wenn ich jetzt in dieser Weise spreche, so ist das keine abfallige 
Kritik. Es muftte geschehen, daft einmal die Natur entgottert und 
entgeistert wurde, damit der Mensch die Summe von abstrakten 
Gedanken fassen konnte, um die auftere Natur zu begreifen, wie 
es in der kopernikanischen, keplerischen und galileischen Anschauung 
moglich geworden ist. Es muftte die Menschheit das Gewebe von 
Gedanken ergreifen, wie es zu unserem Maschinenzeitalter gefiihrt 
hat. Aber auf der anderen Seite war dazu notwendig, daft diese 
Zeit einen Ersatz hatte fur das, was nicht da sein konnte im exote- 
rischen Leben, einen Ersatz dafiir, daft es unmoglich geworden war, 
unmittelbar von der Erde den Weg zum Geistigen zu finden. Denn 
hatte man den Weg zum Geistigen finden konnen, so hatte man den 
Weg zum Christus finden miissen, wie man ihn in den nachsten Jahr- 
hunderten finden wird. Ein Ersatz muftte da sein. 

Die Frage ist nun: Was ist notwendig gewesen fiir einen exote- 
rischen Weg des Menschen zum Christus wahrend der Jahrhunderte, 
in denen sich nach und nach eine Weltanschauung vorbereitete, die 
atomistisch war, die immer mehr und mehr die Natur entgottern 
muftte, und die hineinwuchs bis ins neunzehnte Jahrhundert in eine 
entgotterte Naturbetrachtung? 

Zweierlei war notwendig. Auf zweierlei Wegen konnte exoterisch 
der geistige Anblick des Christus gefunden werden. Das eine konnte 



dadurch geschehen, daft dem Menschen die Moglichkeit vorgefiihrt 
wurde, daft es allerdings nicht wahr ist, daft alle Materie dem mensch- 
lichen Innern, dem Geistigen im eigenen Innern ein vollig Fremdes 
ist. Es muftte auf der einen Seite tatsachlich die Moglichkeit vor- 
gefiihrt werden, daft es nicht richtig ist, daft iiberall im Raume, wo 
Materie erscheint, nur Materie vorhanden ist. Wodurch konnte das 
geschehen? Auf keinem anderen Wege konnte das geschehen, als daft 
man dem Menschen etwas vermittelte, was zugleich Geist und zu- 
gleich Materie ist, wovon er wissen muftte, daft es Geist ist, und 
wo von er sah, daft es Materie ist. Das muftte also lebendig bleiben: 
die Verwandlung, die ewig gultige Verwandlung von Geist in 
Materie, von Materie in Geist. Und das ist dadurch geschehen, daft 
sich das Abendmahl als eine christliche Einrichtung durch die Jahr- 
hunderte herauf erhalten hat, daft es gepflegt worden ist. Und je 
weiter wir, seit Einsetzung des Abendmahles, in die Jahrhunderte 
zuriickgehen, desto mehr spiiren wir, wie die alteren, noch weniger 
materialistischen Zeiten das Abendmahl auch besser noch verstanden 
haben. Denn gegenuber den hoheren Dingen ist es in der Regel so, 
daft als Beweis dafiir, daft man sie nicht mehr versteht, die Tatsache 
sich zeigt, daft man iiber sie zu diskutieren anfangt. Es gibt eben 
einfach Dinge, bei denen die Sache so liegt, daft man, solange sie 
verstanden werden, wenig iiber sie diskutiert, und daft man anfangt 
zu streiten, wenn man sie nicht mehr versteht; wie iiberhaupt Dis- 
kussionen ein Beweis dafiir sind, daft die Mehrzahl derer, die iiber 
die Sache diskutieren, sie nicht verstehen. So war es auch mit dem 
Abendmahl. Solange vom Abendmahl gewufit wurde, daft es den 
lebendigen Beweis dafiir bedeutet, daft Materie nicht bloft Materie 
ist, sondern daft es zeremonielle Handlungen gibt, durch die der 
Materie der Geist beigefiigt werden kann, solange der Mensch wuftte, 
daft diese Durchdringung der Materie mit dem Geist eine Durch- 
christung ist, wie sie im Abendmahl zum Ausdruck kommt, so lange 
wurde es hingenommen, ohne daft man sich stritt. Dann aber kam 
die Zeit, wo der Materialismus schon heraufkam, wo man dann nicht 
mehr verstand, was dem Abendmahl zugrunde liegt, wo man stritt, 
ob Brot und Wein blofte Sinnbilder des Gottlichen seien, oder ob da 



wirklich gottliche Kraft hineinfliefte; kurz, wo alle die Streitigkeiten 
kamen, die eben im Beginne der neuen Zeit entstanden, die aber fiir 
den, der tiefer sieht, nichts anderes bedeuten, als daft das urspriing- 
liche Verstandnis fiir die Sache verlorengegangen war. Das Abend- 
mahl war fiir die Menschen, die zu dem Christus hinkommen wollten, 
ein volliger Ersatz fiir den esoterischen Weg, wenn sie diesen nicht 
gehen konnten, so daft sie in dem Abendmahl eine wirkliche Ver- 
einigung mit dem Christus finden konnten. Aber alle Dinge haben 
ihre Zeit. Freilich, so wahr es ist, daft in bezug auf das spirituelle 
Leben ein ganz neues Zeitalter anbricht, so wahr ist es audi, daft der 
Weg zum Christus, der fiir viele Jahrhunderte der richtige war, es 
audi fiir viele Jahrhunderte nodi bleiben wird. Die Dinge gehen nach 
und nach ineinander iiber, aber das, was fruher ridhtig war, wird 
sich nach und nach in ein anderes verwandeln, wenn die Menschen 
dafiir reif werden. Und dazu soli die Theosophie wirken: im Geiste 
selber etwas Konkretes, etwas Reales zu erfassen. Dadurch, daft zum 
Beispiel durch Meditationen, Konzentrationen und alles, was wir 
lernen als die Erkenntnisse hoherer Welten, die Menschen reif wer- 
den, in ihrem Innern nicht bloft Gedankenwelten, nicht bioft ab- 
strakte Gefuhls- und Ernpfmdungswelten zu leben, sondern sich in 
ihrem Innern zu durchdringen mit dem Element des Geistes, dadurch 
werden sie die Kommunion im Geiste erleben; dadurch werden 
Gedanken — als meditative Gedanken — im Menschen leben konnen, 
die ebendasselbe sein werden, nur von innen heraus, wie es das 
Zeichen des Abendmahles — das geweihte Brot — von auften ge- 
wesen ist. Und wie sich der unentwickelte Christ seinen Weg durch 
das Abendmahl zu dem Christus suchen konnte, so kann der ent- 
wickelte Christ, der durch die vorgeschrittene Wissenschaft des 
Geistes die Gestalt des Christus kennen lernt, sich im Geiste zu dem 
erheben, was ja audi in Zukunft ein exoterischer Weg fiir die 
Menschen werden soil. Das wird als die Kraft flieften, die dem 
Menschen eine Erweiterung des Christus-Impulses bringen soil. Aber 
dann werden sich audi alle Zeremonien andern, und was fruher 
durch die Attribute von Brot und "Wein geschehen ist, das wird in 
Zukunft durch ein geistiges Abendmahl geschehen. Der Gedanke je- 



doch des Abendmahles, der Kommunion wird bleiben. Es mufi nur 
einmal die Moglichkeit gegeben werden, daft gewisse Gedanken, die 
uns zuflieften durch die Mitteilungen innerhalb der Bewegung fiir 
Geisteswissenschaft, daft gewisse innere Gedanken, innere Fiihlungen 
ebenso weihevoll das Innere durchdringen und durchgeistigen, wie 
in dem besten Sinne der inneren christlichen Entwickelung das 
Abendmahl die Menschenseele durchgeistigt und durchchristet hat. 
Wenn das moglich wird — und es wird moglich — dann sind wir 
wieder urn eine Etappe in der Entwickelung weitergeschritten. Und 
dadurch wird wieder der reale Beweis geliefert werden, daft das 
Christentum grofter ist als seine aufiere Form. Denn der hat eine 
geringe Meinung iiber das Christentum, der da glaubt, daft es hin- 
weggefegt wiirde, wenn die auftere Form des Christentums einer 
bestimmten Zeit hinweggefegt wird. Der nur hat die wahre Meinung 
von dem Christentum, der durchdrungen ist von der Oberzeugung, 
daft alle Kirchen, die den Christus-Gedanken gepflegt haben, alle 
aufieren Gedanken, alle aufteren Formen zeitlich und daher voriiber- 
gehend sind, daft aber der Christus-Gedanke sich in immer neuen 
Formen hereinleben wird in die Herzen und Seelen der Menschen in 
der Zukunft, so wenig diese neuen Formen sich audi heute schon 
zeigen. So lehrt uns eigentlich erst die Geisteswissenschaft, wie auf 
dem exoterischen Wege das Abendmahl seine Bedeutung hatte in 
fruheren Zeiten. 

Und der andere exoterische Weg war der durch die Evangelien. 
Und da mufi man wieder gewahr werden, was die Evangelien in 
fruheren Zeiten noch fiir die Menschen waren. Die Zeit liegt gar 
nicht so weit hinter uns, da las man die Evangelien nicht so wie im 
neunzehnten Jahrhundert; sondern da las man sie so, daft man sie 
als einen lebendigen Quell betrachtete, aus dem Substantielles in die 
Seelen iibergeht. Man las sie auch nicht so, wie ich es in der ersten 
Stunde dieses Zyklus auseinandergesetzt habe bei Besprechung eines 
falschen Weges, sondern man las sie so, daft man von auften ent- 
gegenkommen sah, wonach die Seele lechzte; daft sie den realen 
Erloser geschildert fand, von dem sie wuftte, daft er ganz gewift da 
sein mufi im Weltenall. 



Fur Menschen, die die Evangelien so zu lesen verstanden, waren 
eigentlich unendlich viele Fragen sdion erledigt, die fur die gescheiten, 
fur die ganz klugen Leute des neunzehnten Jahrhunderts erst Fragen 
wurden. Man braucht da nur auf eines hinzuweisen: wie viele Male 
ist es wiederholt worden bei Besprechung der Christus Jesus-Fragen 
— in der einen oder anderen Form — von den ganz klugen Leuten, 
denen alle Wissenschaftlichkeit und Gelehrsamkeit schon an den 
Haaren herauswuchs, daft mit der modernen Weltanschauung doch 
wahrhaftig nicht vereinbar sei der Gedanke an den Christus Jesus 
und die Ereignisse von Palastina! Da wird in einer scheinbar recht 
einleuchtenden Weise gesagt: als der Mensch noch nicht wuftte, daft 
die Erde ein ganz kleiner Weltenkorper ist, da konnte er glauben, 
daft mit dem Kreuz von Golgatha auf der Erde ein neues, besonderes 
Ereignis geschehen sei. Aber nachdem Kopernikus gelehrt hat, daft 
die Erde ein Planet ist wie andere, konnte man da noch annehmen, 
daft Christus von einem anderen Planeten zu uns gewandert ist? 
Warum sollte man annehmen, daft die Erde eine solche Ausnahme- 
stellung habe, wie man geglaubt hatte?! Und dann wurde das Bild 
gebraucht: seitdem sich die Weltanschauung so erweitert hat, erschien 
es so, wie wenn eine der wichtigsten AurTiihrungen oder Darstel- 
lungen kiinstlerischer Art, nicht auf einer groften Biihne einer Haupt- 
stadt stattfande, sondern auf der kleinen Buhne irgendeines Provinz- 
theaters. So erschienen den Leuten die Ereignisse von Palastina — 
weil die Erde ein so winzig kleiner Weltenkorper ist — wie die 
Auffuhrung eines groften weltgeschichtlichen Dramas auf der Biihne 
eines kleinen Provinztheaters. Und das konnte man sich doch nim- 
mermehr denken, weil eben die Erde so klein ist gegeniiber der 
groften Welt! Es schaut so gescheit aus, wenn so etwas gesagt wird; 
es ist aber nicht viel Gescheitheit da drinnen. Denn es hat ja niemals 
das Christentum das behauptet, was hier scheinbar widerlegt wird. 
Das Christentum hat nicht einmal in die glanzvollen Statten des 
Erdendaseins das Aufgehen des Christus-Impulses verlegt, sondern 
immer ist ein gewisser grofter Ernst darin gesehen worden, im Stall 
bei armen Hirten den Trager des Christus geboren werden zu lassen. 
Nicht nur die kleine Erde, sondern die Statte, die eben ganz verbor- 



gen auf der Erde ist, hatte man in der christlichen Tradition ausge- 
sucht, urn den Christus da hineinzuversetzen. Die Fragen der ganz ge- 
scheiten Leute sind im Christentum schon urspriinglich beantwortet 
gewesen; man hat nur die Antworten, die das Christentum selber ge- 
geben hat, nicht verstanden, weil man nicht mehr die lebendige Kraft 
der groften majestatischen Bilder auf die Seele wirken lassen konnte. 

Dennoch hatte in den Evangelienbildern allein, ohne das Abend- 
mahl und was damit zusammenhangt — denn das stent in der Mitte 
der ganzen christlichen und anderen Kulte — , der exoterische Weg 
der Menschen zu dem Christus nicht gefunden werden konnen; denn 
die Evangelien hatten in dem Grade nicht popular werden konnen, 
wenn einzig und allein durch sie der "Weg zu dem Christus hatte 
popular werden mussen. Und als dann die Evangelien popular wur- 
den, zeigte es sich, dafi das gar nicht so sehr zum innerlichen Segen 
gereichte. Denn mit der Popularisierung der Evangelien entstand 
auch zugleich das grofie Mifiverstandnis : das Trivialnehmen und dann 
all das, was das neunzehnte Jahrhundert aus den Evangelien gemacht 
hat, was ja, rein objektiv sei es gesagt, schlimm genug ist, dafi es 
geschehen ist. Ich denke, Anthroposophen konnten es verstehen, was 
es heifit, wenn man sagt: « schlimm genug »; dafi man damit nicht 
eine Kritik meint und auch nicht den Fleifi verkennt, den bei den 
wissenschaftlichen, einschlielUich aller naturwissenschaftlichen Arbei- 
ten die Forschung des neunzehnten Jahrhunderts aufgebracht hat. 
Aber das ist ja gerade das Tragische, dafi diese Wissenschaft — und 
wer sie kennt, wird das zugeben — gerade wegen ihres tiefen Ernstes 
und ihres ungeheuer hingebungsvollen Fleiftes, die man nur bewun- 
dern kann, zu einem vollstandigen Zersplittern und Vernichten dessen 
gefuhrt hat, was sie hat lehren wollen. Und die kiinftige Entwicke- 
lung der Menschheit wird dies als ein besonders tragisches Kultur- 
ereignis unseres Zeitalters empfinden, da£ man hat wissenschaftlich 
die Bibel erobern wollen durch eine unendlich bewundernswiirdige 
Wissenschafl, und dafi dies dazu gefuhrt hat, dafi man die Bibel 
verloren hat. 

So sehen wir, dafi wir nach diesen beiden Richtungen in bezug auf 
das Exoterische in einem Ubergangszeitalter leben, und dafi wir die 



alten Wege — sofern wir den Geist der Theosophie ergriffen haben 
— in andere hiniiberleiten miissen. Und nachdem wir so die ver- 
flossenen exoterischen Wege zu dem Christus-Impuls betrachtet haben, 
werden wir morgen sehen, wie sich das Verhaltnis zu dem Christus 
im esoterischen Gebiete gestaltet — und werden den Abschlufi un- 
serer Betrachtungen herbeifiihren, der darin bestehen soli, daft wir 
das Christus-Ereignis zu erfassen in die Lage kommen, nicht nur fur 
die ganze Menschheitsentwickelung, sondern fur jeden einzelnen 
Menschen. Mit dieser Betrachtung wollen wir unseren Weg, der in 
diesem Zyklus eingeschlagen werden sollte, zu Ende fiihren. Wir 
werden den esoterischen Weg kiirzer betrachten konnen, weil wir die 
Bausteine dazu in den verflossenen Jahren schon herbeigetragen 
haben. Und so werden wir die Kronung unseres Gebaudes dadurch 
herbeifiihren, indem wir das Verhaltnis des Christus-Impulses zu 
einer jeden einzelnen Menschenseele ins Auge fassen. 



ZEHNTER VORTRAG 
Karlsruhe, 14,Oktober 1911 



Gestern haben wir versucht, den Weg zu charakterisieren, der 
heute noch gegangen werden kann und der namentlich in friiheren 
Zeiten von dem exoterischen Bewufitsein des Menschen aus zu dem 
Christus gegangen werden konnte. Wir wollen nun audi den esote- 
rischen Weg mit einigen Worten beriihren, das heifit, den Weg, der 
so zu dem Christus fuhren kann, dafi der Christus innerhalb der 
ubersinnlichen Welten gefunden wird. 

Zunachst soli bemerkt werden, dafi dieser esoterische Weg zu dem 
Christus Jesus im Grunde genommen audi der Weg der Evangelisten 
war, derjenigen, welche die Evangelien geschrieben haben. Denn 
trotzdem der Schreiber des Johannes-Evangeliums einen grofien Teil 
dessen, was in seinem Evangelium dargestellt ist — wie Sie aus der 
Darstellung des Johannes-Evangeliums in dem entsprechenden Zyklus 
ersehen konnen — selbst gesehen hat, so miissen wir doch audi von 
ihm sagen, daft es nicht die Hauptsache fur ihn war, bloft dasjenige 
darzustellen, woran er sich erinnerte; denn das gab eigentlich nur 
jene kleinen, genauen Ziige, von denen wir ja gerade, wie wir ge- 
sehen haben, im Johannes-Evangelium iiberrascht sind. Aber die 
grofien, die majestatisch iiberragenden Ziige des Erloserwerkes, des 
Mysteriums von Golgatha, hat audi dieser Evangelienschreiber seinem 
hellsehenden Bewufitsein entnommen. Daher konnen wir sagen: eben- 
so wie die Evangelien eigentlich aufgefrischte Einweihungsritualien 
sind — das geht auch aus dem Buche «Das Christentum als mystische 
Tatsache» hervor — so sind sie auf der anderen Seite gerade deshalb 
so geworden, weil die Evangelienschreiber auf ihrem esoterischen 
Wege sich aus der ubersinnlichen Welt ein Bild dessen verschaffen 
konnten, was in Palastina vorgegangen ist und zu dem Mysterium 
von Golgatha gefiihrt hat. Wer nun, seit dem Mysterium von Gol- 
gatha bis in unsere Tage herein, zu einer ubersinnlichen Erfahrung 
von dem Christus-Ereignis kommen wollte, mulke dasjenige auf sich 
wirken lassen, was Sie in den entsprechenden Vortragszyklen, die 



jetzt eigentlich schon zu dem Elementaren unserer geisteswissenschaft- 
lichen Arbeit gehoren, gescliildert finden als die sieben Stufen unserer 
christlichen Einweihung: Fufiwaschung, Geifielung, Dornenkronung, 
mystischer Tod, Grablegung, Auferstehung und Himmelfahrt. Heute 
wollen wir uns einmal klarmachen, was der Schiller erreichen kann, 
wenn er diese christliche Einweihung auf sich wirken lalk. 

Machen wir uns den Prozeft der christlichen Einweihung klar; 
sehen wir gleich auf das allererste, um was es sich da handelt. Es 
wird nicht so gemacht — wie Sie sich iiberzeugen konnen, wenn Sie 
die entsprechenden Zyklen durchnehmen — wie in jener nicht rich- 
tigen Einweihung, von der in dem ersten Vortrage dieses Zyklus 
gesprochen worden ist; sondern so, daft zunachst die allgemein 
menschlichen Gefiihle wirken sollen, die dann zur Imagination der 
FuEwaschung selber fiihren. Nicht also wird zuerst das Bild des 
Johannes-Evangeliums imaginiert, sondern es wird von dem, der die 
christliche Einweihung anstrebt, zunachst versucht, mit gewissen Ge- 
fiihlen und Empfindungen eine langere Zeit zu leben. Ich habe es oft 
dadurch charakterisiert, daft ich sagte, der Betreffende sollte hin- 
schauen auf die Pflanze, die sich erhebt aus dem mineralischen Boden, 
die aufnimmt die Stoffe des Mineralreiches und sich dennoch erhebt 
liber dieses Mineralreich als ein hoheres Wesen, als es das Mineral ist. 
Wenn nun diese Pflanze sprechen und fiihlen konnte, so miifke sie 
sich herunterneigen zu dem Mineralreich und sagen: Zwar bin ich 
bestimmt worden innerhalb der Weltengesetzlichkeit zu einer hoheren 
Stufe als du, Mineral, aber du gibst mir die Moglichkeit des Daseins. 
Du bist zwar in der Ordnung der Wesen zunachst ein niedrigeres 
Wesen als ich, aber ich verdanke dir niedrigerem Wesen mein Dasein, 
und ich neige mich in Demut vor dir. — In derselben Weise mtifite 
sich das Tier herunterneigen zur Pflanze, trotzdem diese ein nie- 
drigeres Wesen ist als das Tier und mtiftte sagen: Dir ver- 
danke ich mein Dasein; ich erkenne es in Demut an und neige mich 
vor dir. — Und so miifite jedes Wesen, das hinaufsteigt, sich her- 
unterneigen zu den anderen, unter ihm stehenden; und audi wer auf 
einer geistigen Stufenleiter hinaufgestiegen ist zu einer hoheren Stufe, 
miifite sich herunterneigen zu den Wesen, die ihm das allein moglich 



gemacht haben. Wer sich nun ganz durchdringt mit dem Gefiihl der 
Demut gegenuber dem Niedrigeren, wer dieses Gefiihl ganz und gar 
einverleibt in seine Wesenheit und es monatelang, ja vielleicht Jahre 
hindurch in seiner Wesenheit leben lafit, der wird sehen, dafi es sidi 
ausbreitet in seiner Organisation und ihn so durchzieht, daft er die 
Verwandelung dieses Gefuhls zu einer Imagination erlebt. Und diese 
Imagination besteht genau in der Szene, die im Johannes-Evangelium 
geschildert ist als die Fuftwaschung, da der Christus Jesus, der das 
Haupt der Zwolf ist, sich herunterneigt zu denen, die unter ihm 
stehen in der Ordnung der physischen Welt hier, und in Demut 
anerkennt, dafi er die Moglichkeit des Aufstieges denjenigen ver- 
dankt, die unter ihm sind, und anerkennt vor den Zwolf en: Wie das 
Her der Pflanze, so verdanke ich euch, was ich werden konnte in der 
physischen Welt. — Wer sich mit dieser Empfindung durchdringt, 
kommt nun wieder nicht nur zu jener Imagination der Fuftwaschung, 
sondern auch zu einem ganz bestimmten Gefiihl, zu dem Gefiihl, wie 
wenn Wasser seine Fiifie umspiilen wiirde. Das kann der BetrefFende 
wochenlang dann fiihlen, und das ware ein aufieres Zeichen dafiir, 
wie tief sich in unser Wesen eine solche allgemein menschliche und 
doch den Menschen iiber sich selbst hinaushebende Empfindungswelt 
einpragt. 

Weiter haben wir gesehen, dafi man durchmachen kann, was zur 
Imagination der Geiftelung fiihrt, wenn wir uns recht lebendig vor- 
stellen: Es werden mich noch viele Leiden und Schmerzen in der 
Welt treffen; ja, von alien Seiten konnen die Leiden und Schmerzen 
kommen; keinem bleiben sie im Grunde genommen erspart. Ich aber 
will meinen Willen so stahlen, daft von alien Seiten die Leiden und 
Schmerzen, die Geifielschlage, die von der Welt kommen, auf mich 
eindringen mogen; ich will aufrechtstehen und mein Schicksal er- 
tragen, wie es sich ergeben wird; denn hatte es sich bisher nicht so 
ergeben, wie ich es durchlebt habe, so hatte ich mich nicht so zu der 
Hohe entwickeln konnen, zu der ich gekommen bin. — Wenn der 
Betreffende dies zu seiner Empfindung macht und damit lebt, dann 
fiih.lt er tatsachlich etwas wie Stiche und Verwundungen, wie Geiftel- 
schlage gegen die eigene Haut, und die Imagination tritt auf: wie 



wenn der Betreffende aufter sich ware und sich selbst nach dem 
Vorbilde des Christus Jesus gegeiftelt sahe. So kann man nach diesem 
Vorbilde die Dornenkronung, den mystischen Tod und so weiter 
erleben. Das ist ofter geschildert worden. 

Was wird von demjenigen erreicht, der so in sich selber versucht, 
zunachst die vier Stufen und, wenn das Karma giinstig ist, auch die 
iibrigen, also alle sieben Stufen der christlichen Einweihung zu er- 
leben? Aus den entsprechenden Schilderungen selbst konnen Sie es 
entnehmen, daft die ganze Stufenleiter der Empfindungen, die wir 
da durchmachen, auf der einen Seite uns starken und kraftigen sollen 
und uns zu einer ganz anderen Natur machen sollen, so daft wir 
fiihlen, daft wir stark, kraftig und frei dastehen in der Welt, aber 
auch fahig sind zu einer jeden Tat hingebungsvoller Liebe. Aber das 
soli in einem tiefen Sinne uns zur anderen Natur werden in der 
christlichen Einweihung. Denn was soil da geschehen? 

Vielleicht ist es noch nicht alien von Ihnen, welche die fruheren 
elementaren Zyklen gelesen haben und dadurch der christlichen 
Einweihung mit ihren sieben Stufen begegnet sind, aufgegangen, daft 
durch die Intensitat der Empfindungen, welche dabei durchgemacht 
werden sollen, wirklich hineingewirkt wird bis in die physischen 
Leiber. Denn durch die Starke und die Gewalt, mit der wir diese 
Empfindungen durchmachen, spiiren wir, wie wenn Wasser zunachst 
unsere Fiifte umspiilte, wie wenn Wunden uns versetzt wiirden, 
spiiren wirklich so etwas, wie wenn die Dornen in unser Haupt 
hineingestoften wiirden, spiiren wirklich alle Schmerzen und Leiden 
der Kreuzigung. Wir miissen das spiiren, bevor wir die Erlebnisse 
des mystischen Todes, der Grablegung und der Auferstehung spiiren 
konnen, wie sie ja auch geschildert worden sind. Wenn man nicht 
geniigend intensiv diese Empfindungen durchmacht, haben sie freilich 
auch die Wkkung, daft wir kraftig und liebevoll werden im rechten 
Sinne des Wortes, aber was uns da einverleibt wird, das kann nur 
bis zum Atherleibe gehen. Wenn wir aber anfangen, es bis in unseren 
physischen Leib zu spiiren — die Fiifte wie von Wasser umspiilt, den 
Leib wie von Wunden bedeckt — , dann haben wir diese Empfin- 
dungen starker in unsere Natur hineingetrieben und haben erreicht, 



daft sie vorgedrungen sind bis zum physischen Leib. Sie dringen ja 
auch wirklich bis zum physischen Leib vor; denn es kommen die 
Stigmata, die von Blut durchtrankten Stellen der Wundmale des 
Christus Jesus hervor; das heiftt also: bis in den physischen Leib 
treiben wir die Empfindungen hinein und wissen, daft selbst bis in 
den physischen Leib die Empfindungen ihre Starke entfalten, wissen 
also, daft wir uns von unserer Wesenheit mehr ergriffen fiihlen als 
etwa bloft Astralleib und Atherleib. Es ist also im wesentlichen so zu 
charakterisieren, daft wir durch einen solchen Vorgang mystischer 
Empfindungen bis in unseren physischen Leib hinein wirken. Wenn 
wir das tun, machen wir nichts Geringeres, als daft wir uns bereit 
machen in unserem physischen Leibe, das Phantom nach und nach zu 
empfangen, das ausgeht von dem Grabe auf Golgatha. Wir arbeiten 
deshalb in unseren physischen Leib hinein, um denselben so lebendig 
zu machen, daft er eine Verwandtschaft, eine AnziehungskrafT: fuhlt 
zu dem Phantom, das sich auf Golgatha aus dem Grabe erhoben hat. 

Ich mochte dazu eine Zwischenbemerkung machen. Man muft sich 
tatsachlich in der Geisteswissenschaft daran gewohnen, daft man nach 
und nach mit den Weltengeheimnissen und Weltenwahrheiten bekannt 
gemacht wird. Und wer sich nicht Zeit lassen will in dem Sinne, wie 
es im Laufe dieser Vortrage charakterisiert worden ist, daft wir 
warten sollen auf die entsprechenden Wahrheiten, der wird nicht 
gut vorwartskommen. Freilich mochten die Menschen alles Geistes- 
wissenschaftliche auf einmal, am liebsten in einem Buche oder in 
einem Zyklus haben. Aber es geht nicht so. Und hier haben Sie ein 
Beispiel, daft es nicht so geht. Wie lange ist es her, daft in einem 
alteren Vortragszyklus zum ersten Male die christliche Einweihung 
geschildert worden ist, daft gezeigt worden ist: soundso verlauft sie, 
und der Mensch arbeitet tatsachlich durch die Empfindungen, welche 
in seiner Seele wirken, bis hinein in seinen physischen Leib. Heute 
zum ersten Male ist es moglich, weil alles, was in den vorangegangenen 
Zyklen gesagt worden ist, Elemente waren zum Verstandnisse des 
Mysteriums von Golgatha, daft wir dariiber sprechen konnen, wie 
sich der Mensch durch die entsprechenden Gefiihlserlebnisse der 
christlichen Einweihung reif macht, um das Phantom zu empfangen, 



das aus dem Grabe von Golgatha auferstanden ist. Es mufite so 
lange gewartet werden, bis der Zusammenschlufi des Subjektiven mit 
dem Objektiven gefunden werden konnte, wozu eben viele Vortrage 
vorangehen mufiten. So kann manches auch heute nur als die halbe 
Wahrheit angedeutet werden. Wer Geduld hat, um mit uns zu gehen, 
sei es in dieser oder in einer anderen Inkarnation, je nach seinem 
Karma, wer gesehen hat, wie aufgestiegen werden konnte von der 
Beschreibung des mystischen Weges im christlichen Sinne bis zur 
Beschreibung der objektiven Tatsache dessen, was eigentlich der Sinn 
dieser christlichen Einweihung ist, der wird auch sehen, dafi noch 
viel hohere Wahrheiten aus der Geisteswissenschaft heraus im Ver- 
laufe der nachsten Jahre oder des nachsten Weltalters werden zutage 
gefordert werden. 

So sehen wir den Zweck und das Ziel der christlichen Einweihung. 
Durch das, was als rosenkreuzerische Einweihung charakterisiert wor- 
den ist, und durch das, was iiberhaupt heute ein Mensch als Einwei- 
hung haben kann, wird nun auch in einer gewissen Weise, nur mit etwas 
anderen Mitteln, dasselbe erlangt: da$ ein Anziehungsband geschaffen 
wird zwischen dem Menschen, insofern er in einem physischen Leibe 
verkorpert ist, und dem, was als das eigentliche Urbild des physischen 
Leibes auferstanden ist aus dem Grabe von Golgatha. Nun aber wissen 
wir aus dem Beginne dieses Vortragszyklus, daft wir an dem Ausgangs- 
punkte einer Weltepoche stehen, in welcher ein Ereignis erwartet wer- 
den mu&, das sich nun nicht abspielt wie das Ereignis von Golgatha 
auf dem physischen Plan, sondern das sich in der hoheren "Welt, in 
der ubersinnlichen Welt abspielen wird, das aber in einem genauen 
und richtigen Zusammenhange steht mit dem Ereignis von Golgatha. 
Wahrend das letztere dazu bestimmt war, den eigentlichen physischen 
Krafteleib des Menschen, das Phantom, das seit Beginn der Erd- 
entwickelung degeneriert ist, dem Menschen wiederzugeben, wozu 
eben im Beginne unserer Zeitrechnung eine Reihe von Ereignissen 
notwendig waren, die sich wirklich auf dem physischen Plane ab- 
gespielt haben, so ist zu dem, was jetzt geschehen mu£, nicht ein 
Ereignis auf dem physischen Plan notwendig. Eine Inkarnation der 
Christus-Wesenheit in einem fleischlichen menschlichen Leib konnte 



nur einmal im Laufe der Erdentwickelung geschehen. Und es heifk 
einfach, das Christus- Wesen nicht verstehen, wenn man eine Wieder- 
hoiung der Inkarnation dieser Wesenheit behaupten kann. Das aber, 
was eintritt und einer iibersinnlichen Welt angehort, nur in einer 
iibersinnlichen Welt beobachtet werden kann, das wurde mit den 
Worten charakterisiert: Der Christus wird der Herr des Karma fur 
die Menschen. Das heifit: die Ordnung der karmischen Angelegen- 
heiten wird in der Zukunft geschehen durch den Christus; immer 
mehr und mehr werden die Menschen der Zukunft empfinden: Ich 
gehe durch die Pforte des Todes mit meinem karmischen Konto. Auf 
der einen Seite stehen meine guten, gescheiten und schonen Taten, 
meine gescheiten, schonen, guten und verstandigen Gedanken — auf 
der anderen Seite stent alles Bose, Schlechte, Dumme, Torichte und 
Haftliche. Der aber, der in der Zukunft fur die Inkarnationen, die 
nun folgen werden in der menschheitlichen Entwickelung, das Rich- 
teramt haben wird, um Ordnung in dieses karmische Konto der 
Menschen hineinzubringen, das ist der Christus! — Und zwar haben 
wir uns das in folgender Weise vorzustellen: 

Nachdem wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, werden 
wir in einer spateren Zeit wieder inkarniert. Es miissen nun fur uns 
Ereignisse eintreten, durch die unser Karma ausgeglichen werden 
kann; denn jeder Mensch muE ernten, was er gesat hat. Karma bleibt 
ein gerechtes Gesetz. Aber was das karmische Gesetz erfiillen soil, ist 
nicht nur fur den einzelnen Menschen da. Karma gleicht nicht nur 
die Egoismen aus, sondern es soli der Ausgleich bei jedem Menschen 
so geschehen, dafi sich die karmische Ausgleichung in der bestmog- 
lichen Weise in die allgemeinen Weltangelegenheiten hineinfugt. Wir 
miissen unser Karma so ausgleichen, dafi wir in der bestmoglichen 
Weise den Fortschritt des ganzen Menschengeschlechtes auf der Erde 
fordern konnen. Dazu brauchen wir erne Erleuchtung; dazu bedarf 
es nicht nur des allgemeinen Wissens, daf$ fur unsere Taten die kar- 
mische Erfiillung eintreten mufi, weil fiir eine Tat diese oder jene 
karmische Erfiillung eintreten konnte, die ein Ausgleich sein kann. 
Weil aber die eine niitzlicher, die andere weniger niitzlich sein konnte 
fiir den allgemeinen Fortschritt der Menschheit, so sollen diejenigen 



Gedanken, Gefuhle oder Empfindungen gewahlt werden, die unser 
Karma abtragen und zugleich dem Gesamtfortschritte der Menschheit 
niitzlich werden. Einzureihen unseren karmischen Ausgleich dem 
allgemeinen Erdenkarma, dem allgemeinen Fortschritt der Mensch- 
heit, das fallt in Zukunft dem Christus zu. Und es geschieht im 
wesentlichen in der Zeit, in welcher wir zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt leben; aber es wird sich auch in der Zeitepoche, 
der wir entgegengehen, vor deren Toren wir stehen, so vorbereiten, 
daft in der Tat die Menschen immer mehr die Fahigkeit erlangen 
werden, ein bestimmtes Erlebnis zu haben. Heute haben es hochst 
wenige Menschen. Aber immer mehr und mehr Menschen werden 
von der jetzigen Zeit, von der Mitte dieses Jahrhunderts an durch 
die nachsten Jahrtausende folgendes Erlebnis haben: 

Der Mensch wird dieses oder jenes getan haben. Er wird sich 
besinnen, wird aufschauen miissen von dem, was er da getan hat — 
und es wird etwas wie eine Art Traumbild vor dem Menschen er- 
stehen. Das wird einen ganz merkwurdigen Eindruck auf den 
Menschen machen. Er wird sich sagen: Ich kann mich nicht besinnen, 
daft es eine Erinnerung ware an etwas, was ich getan habe; dennoch 
aber ist es so, wie wenn es mein Erlebnis ware. — Wie ein Traumbild 
wird es dastehen vor dem Menschen, ihn recht angehend, aber er 
kann sich nicht erinnern, daft er es in der Vergangenheit erlebt oder 
getan hat. Dann wird nun der Mensch entweder Anthroposoph sein 
und die Sache verstehen, oder er wird warten miissen, bis er an die 
Anthroposophie herankommt und es verstehen lernt. Der Anthro- 
posoph aber wird wissen: Was du da siehst wie eine Folge deiner 
Taten, das ist ein Bild, das sich in der Zukunft mit dir vollziehen 
wird; vorauserscheint dir der Ausgleich deiner Taten! — Die Epoche 
fangt an, in welcher die Menschen in dem Augenblick, wo sie eine 
Tat getan haben, eine Ahnung, vielleicht sogar ein deutliches Bild, 
eine Empfindung haben werden, wie der karmische Ausgleich dieser 
Tat sein wird. 

So in engster Verbindung mit den menschlichen Erlebnissen werden 
erhohte Fahigkeiten in der folgenden Epoche der Menschheit auf- 
treten. Das werden gewaltige Antriebe zur Moralitat des Menschen 



sein, und diese Antriebe werden noch etwas ganz anderes bedeuten 
als das, was die Vorbereitung zu diesen Antrieben gewesen ist: die 
Stimme des Gewissens. Der Mensdi wird nicht mehr glauben: Was 
du getan hast, das ist etwas, was mit dir sterben kann — sondern 
er wird ganz genau wissen: Die Tat wird nicht mit dir sterben; sie 
wird als Tat eine Folge haben, die mit dir weiterleben wird. — Und 
manches andere wird der Mensch wissen. Die Zeit, in welcher fur die 
Menschen die Tore zu der geistigen Welt abgeschlossen waren, nahert 
sich ihrem Ablauf. Die Menschen miissen wieder hinaufsteigen zur 
geistigen Welt. Die Fahigkeken werden so erwachen, daft die Men- 
schen Teilnehmer der geistigen Welt sein werden. Hellsehen wird 
noch immer etwas anderes sein als diese Teilnehmerschaft. Aber wie 
es ein altes Hellsehen gegeben hat, das traumhaft war, so wird es ein 
zukunftiges Hellsehen geben, das nicht traumhaft ist, und wo die 
Menschen wissen werden, was sie getan haben, und was es bedeutet. 

Aber noch etwas anderes wird eintreten. Die Menschen werden 
wissen: Ich bin nicht allein; iiberall leben geistige Wesenheiten, die 
in Beziehung stehen mit mir. — Und der Mensch wird lernen, einen 
Verkehr zu haben mit diesen Wesenheiten, mit ihnen zu leben. Und 
in den nachsten drei Jahrtausenden wird einer geniigend grofien 
Anzahl von Menschen das als eine Wahrheit erscheinen, was wir 
nennen konnen: das karmische Richteramt des Christus. Den Christus 
selbst werden die Menschen als eine atherische Gestalt erleben. Und 
sie werden ihn so erleben, dafS sie dann, wie Paulus vor Damaskus, 
ganz genau wissen, daft der Christus lebt und der Quell ist fur die 
Wiedererweckung desjenigen physischen Urbildes, das wir mitbe- 
kommen haben im Beginne unserer Erdentwickelung, und das wir 
brauchen, wenn das Ich seine vollige Entfaltung erlangen soil. 

Wenn auf der einen Seite mit dem Mysterium von Golgatha etwas 
eingetreten ist, was der menschlichen Erdentwickelung den groftten 
Anstofi gegeben hat, so fallt auf der anderen Seite dieses Mysterium 
von Golgatha doch wieder in jene Zeit der Menschheitsentwickelung 
hinein, in welcher sozusagen das menschliche Gemiit, die menschliche 
Seele am meisten verfinstert war. Es hat allerdings alte Zeiten der 
Menschheitsentwickelung gegeben, in welchen die Menschen ganz 



gewift wissen konnten, weil sie eine Ruckerinnerung hatten, daft die 
menschliche Individuality durch wiederholte Erdenleben geht. Im 
Evangelium erscheint uns nur, wenn wir es verstehen, wenn wir sie 
spiiren, die Lehre von den wiederholten Erdenleben, weil die Men- 
schen damals in der Zeit waren, wo sie am wenigsten imstande 
waren, diese Lehre zu verstehen. Dann folgten die Zeiten herauf bis 
in die Gegenwart. In den Zeiten, als die Menschen zunachst den 
Christus auf dem Wege suchten, wie es gestern angedeutet worden ist, 
muftte alles wie eine kindliche Vorbereitung geschehen. Daher konnte 
die Menschheit nicht bekannt gemacht werden mit dem, was sie nur 
hatte beirren konnen, wozu sie noch nicht reif war: mit den Erf ah- 
rungen iiber die wiederholten Erdenleben. So sehen wir das Christen- 
tum fast zwei Jahrtausende sich entwickeln, ohne daft hingewiesen 
werden konnte auf die Lehre von der Wiederverkorperung. Und wir 
haben in diesen Vbrtragen dargestellt, wie anders als es im Buddhis- 
mus der Fall war, wie selbstverstandlich aus dem abendlandischen 
Bewufttsein heraus der Gedanke der wiederholten Erdenleben auf- 
taucht. Zwar so, daft noch viele Miftverstandnisse waken. Aber selbst 
wenn wir diese Idee bei Lessing oder bei dem Psychologen Drofibach 
nehmen, so werden wir doch gewahr, daft fur das europaische Be- 
wufitsein die Lehre von den wiederholten Erdenleben eine Ange- 
legenheit der ganzen Menschheit ist, wahrend im Buddhismus der 
Mensch sie nur als die innere Angelegenheit seines Lebens betrachtet, 
wie er von Leben zu Leben geht und sich befreien kann von dem 
Durst nach Dasein. Wahrend der Orientale das, was ihm als Lehre 
von den wiederholten Erdenleben gegeben wird, zu einer Wahrheit 
der individuellen Erlosung macht, war fur Lessing zum Beispiel das 
Wesentliche: Wie kann die ganze Menschheit vorwarts kommen? Und 
er sagte sich: Innerhalb der zeitlichen Vorwartsentwickelung der 
Menschheit miissen wir aufeinanderfolgende Zeitraume unterscheiden. 
In jeder einzelnen Epoche wird der Menschheit Neues gegeben. Wenn 
wir die Geschichte verfolgen, sehen wir, wie immer neue Kulturtaten 
eintreten in den Gang der Menschheitsentwickelung. Wie konnte man 
von einer Entwickelung der ganzen Menschheit sprechen, sagt Lessing, 
wenn eine Seele nur in der einen oder nur in der anderen dieser 



Epochen leben konnte? Woher konnten aber die Friichte der Kultur 
kommen, wenn nicht die Menschen wiedergeboren wiirden und das, 
was sie in der einen Epoche gelernt haben, hiniibertragen wiirden in 
die nachste, dann wiederum in die folgende und so fort? 

So wird fur Lessing die Idee der wiederholten Erdenleben eine 
Angelegenheit der ganzen Menschheit. Er macht sie nicht nur zu einer 
Angelegenheit der einzelnen Seele, sondern zu einer Angelegenheit des 
ganzen Kulturlaufes der Erde. Und damit die vorgeschrittene Kul- 
tur entsteht, mufi die Seele, die im neunzehnten Jahrhundert lebt, 
heriibertragen in ihr jetziges Dasein das, was sie sich friiher erworben 
hat. Um der Erde und ihrer Kultur willen mussen die Menschen 
wiedergeboren werden! Das ist Lessings Gedanke. 

Da taucht der Gedanke der Wiederverkorperung auf als et- 
was, was eine Menschheitsangelegenheit ist. Da hat aber auch schon 
der Christus-Impuls gewirkt. Da ist er hineingeworfen worden. Denn 
eine Menschheitsangelegenheit machte der Christus-Impuls aus allem, 
was der Mensch tut oder tun kann; nicht eine Angelegenheit, die uns 
nur individuell beriihrt. Nur der kann ja sein Jiinger sein, der da 
sagt: Ich tue es dem geringsten der Briider, weil ich weifi, Du emp- 
findest es selber so, wie wenn ich es Dir getan hatte! — "Wie mit dem 
Christus die ganze Menschheit verbunden ist, so fuhlt sich der, 
welcher sich zu dem Christus bekennt, der ganzen Menschheit an- 
gehorig. Dieser Gedanke hat hineingewirkt in das Denken und 
Fiihlen und Empfmden der ganzen Menschheit. Und als die Idee der 
Wiederverkorperung im achtzehnten Jahrhundert wieder auftritt, da 
tritt sie als ein christlicher Gedanke auf. Und wenn wir sehen, wie 
zum Beispiel Widenmann die Wiederverkorperung behandelt, obwohl 
er sie embryonal, stiimperhaft behandelt, so mussen wir doch sagen, 
dafi in seiner gekronten Preisschrift aus dem Jahre 1851 sein Gedanke 
der Wiederverkorperung durchdrungen ist von dem christlichen Im- 
puls; und ein besonderes Kapitel gibt es in dieser Schrift, wo die 
Auseinandersetzung stattfindet zwischen dem Christentum und der 
Wiederverkorperungslehre, Das aber war notwendig in der Mensch- 
heitsentwickelung, daft erst die anderen christlichen Impulse von den 
Seelen aufgenommen wurden, damit der Wiederverkorperungsge- 



danke in einer reifen Form in unser Bewufttsein eintreten kann. Und 
dieser Wiederverkorperungsgedanke wird tatsachlich so mit dem 
Christentum sich verbinden, daft man es empfinden wird wie etwas, 
was sich durch die einzelnen Inkarnationen hindurchzieht; daft man 
verstehen wird, wie die Individuality, die sich fur eine buddhistische 
Anschauung vollstandig verliert — wie wir gesehen haben aus dem 
Gesprache des Konigs Milinda mit dem Weisen Nagasena — , erst 
dadurch ihren rechten Inhalt erhalt, daft sie sich durchchristet. Und 
jetzt konnen wir verstehen: warum verliert die buddhistische An- 
schauung ein halbes Jahrtausend vor dem Erscheinen des Christus 
das menschliche Ich, wahrend sie beibehalt die aufeinanderfolgenden 
Inkarnationen? Weil der Christus-Impuls noch nicht geschehen ist, 
der erst hineinfiillt, was immer mehr und mehr bewuftt von einer 
Inkarnation zur anderen gehen kann! Jetzt ist aber die Zeit gekom- 
men, in welcher fur die menschliche Organisation die Notwendigkeit 
eintritt, den Wiederverkorperungsgedanken aufzunehmen, zu verste- 
hen, sich mit ihm zu durchdringen. Denn der Fortschritt der mensch- 
heitlichen Entwickelung hangt nicht davon ab, welche Lehren verbrei- 
tet werden, welche Lehren neu Platz greifen; sondern da kommen 
noch andere Gesetze in Betracht, die gar nicht von uns abhangen. 

Gewisse Krafte werden in der Menschennatur entwickelt werden 
gegen die Zukunft hin, die so wirken, daft der Mensch, sobald er nur 
ein gewisses Lebensalter erreicht hat und seiner selbst recht bewuftt 
wird, in sich die Empfindung haben wird: Da ist etwas in mir, was 
ich verstehen muft. — Das wird die Menschen immer mehr und mehr 
ergreifen. In den verflossenen Zeiten, auch wenn sich die Menschen 
noch so sehr bewuftt wurden, war dieses Bewufttsein, das jetzt kom- 
men wird, nicht vorhanden. Es wird etwa so sich auftern: Da fuhle 
ich etwas in mir, das hangt zusammen mit meinem eigentlichen Ich. 
Merkwiirdig, es will aber nicht hereinpassen in alles, was ich wissen 
kann seit meiner jetzigen Geburt! — Dann wird man das, was da 
wirkt, verstehen konnen oder wird es nicht verstehen. Verstehen wird 
man es konnen, wenn man die Lehren der anthroposophisch orien- 
tierten Geisteswissenschaft zu seinem Lebensinhalt gemacht hat. Man 
wird dann wissen: Was ich fuhle, das fuhle ich jetzt deshalb fremd, 



weil es das Ich ist, das aus friiheren Leben heriibergekommen ist. — 
Beklemmend, Furdit und Angst erzeugend wird diese Empfindung 
sein fur diejenigen Menschen, welche sie sich nicht aus den wieder- 
holten Erdenleben heraus erklaren konnen. Dagegen losen werden 
sich diese Gefiihle, die jetzt nicht theoretische Zweifel, sondern Le- 
bensbeklemmungen, Lebenszusammenschniirungen sein werden, durch 
jene Empfindungen, die uns aus der Geisterkenntnis gegeben werden 
konnen und die uns besagen, Du mufit dein Leben ausgedehnt denken 
uber fruhere Erdenleben hin. — Da werden die Menschen schon 
sehen, was es fur sie bedeuten wird, den Zusammenhang zu empfin- 
den mit dem Christus-Impuls. Denn der Christus-Impuls wird es 
sein, der beleben wird den ganzen Blick nach riickwarts, die ganze 
Perspektive nach riickwarts. Man wird empfinden: da war diese 
Inkarnation, da jene. Dann wird eine Zeit kommen, iiber die wird 
man nicht hiniiberkonnen, ohne dafi man sich klar wird: Da war der 
Christus-Impuls auf der Erde! Und weiter werden die Inkarnationen 
folgen, wo das Christus-Ereignis noch nicht da war. Diese Aufhellung 
des Blickes nach riickwarts durch den Christus-Impuls werden die 
Menschen brauchen zur Zuversicht in die Zukunft, als eine Not- 
wendigkeit und eine Hilfe, die sich hineingiefien kann in die fol- 
genden Inkarnationen. 

Diese Umanderung der menschlichen Seelenorganisation wird kom- 
men. Und sie wird ausgehen von dem Ereignis, das im zwanzigsten 
Jahrhundert beginnt, und das wir nennen konnen eine Art von 
zweitem Christus-Ereignis, so daft diejenigen Menschen, denen die 
hoheren Fahigkeiten erwachten, den Herrn des Karma schauen 
werden. Die Menschen aber, die dies erleben werden, werden es nicht 
blofi in der physischen Welt erleben. Es konnte mancher von Ihnen 
sagen, dafi dann, wenn gerade die Hauptsache im Christus-Ereignis 
des zwanzigsten Jahrhunderts sich abspielen wird, viele von den jetzt 
Lebenden zu den Entschlafenen gehoren werden und in der Zeit 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sein werden. Aber ob 
eine Seele in einem physischen Korper oder in der Zeit zwischen Tod 
und neuer Geburt leben wird: wenn sie sich vorbereitet haben wird 
auf das Christus-Ereignis, wird sie das Christus-Ereignis erleben. 



Nicht das Schauen des Christus-Ereignisses hangt davon ab, ob wir 
in einem physischen Leibe verkorpert sind, wohl aber die Vorberei- 
tung dazu. Gerade so wie es notwendig war, dafi das erste Christus- 
Ereignis auf dem physischen Plan sich abgespielt hat, damit es dem 
Menschen zum Heile gereichen konnte, so mufi die Vorbereitung, um 
das Christus-Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts zu schauen, um 
es verstandnisvoll, lichtvoll zu schauen, hier in der physischen Welt 
gemacht werden. Denn der Mensch, der es unvorbereitet schaut, wenn 
seine Krafte erwacht sind, wird es nicht verstehen konnen. Da wird 
ihm der Herr des Karma erscheinen wie eine furchtbare Strafe. Um 
dieses Ereignis lichtvoll zu verstehen, muft der Mensch vorbereitet 
sein. Dazu aber geschieht die Ausbreitung der anthroposophischen 
Weltanschauung in unserer Zeit, dafi der Mensch vorbereitet sein 
kann auf dem physischen Plan, um entweder auf dem physischen 
Plan oder auf hoheren Planen das Christus-Ereignis wahrnehmen zu 
konnen. Die Menschen, die nicht genug vorbereitet sind auf dem 
physischen Plan und dann unvorbereitet das Leben zwischen Tod und 
neuer Geburt durchleben, miissen warten, bis sie in einer nachsten 
Inkarnation weiter zum Verstandnis des Christus durch die anthro- 
posophische Weltanschauung vorbereitet werden konnen. Aber die 
nachsten drei Jahrtausende werden den Menschen die Gelegenheit 
geben, diese Vorbereitung durchzumachen. Und alle anthroposophi- 
sche Entwickelung wird darauf abzielen, die Menschen immer fahiger 
und fahiger zu machen, um sich hineinzuleben in das, was da 
kommen soil. 

So verstehen wir, wie die Vergangenheit in die Zukunft ubergeht. 
Und wenn wir uns erinnern, wie in den Astralleib des nathanischen 
Jesusknaben der Buddha hineinwirkte, nachdem er sich nicht selbst 
wieder auf der Erde verkorpern konnte, so sehen wir auf diese 
Weise auch die Buddhakrafte fortwirken. Und wenn wir uns erinnern, 
wie das, was nicht unmittelbar mit dem Buddha zusammenhangt, 
gerade im Abendlande gewirkt hat, so sehen wir darin das Herein- 
wirken der geistigen "Welt in die physische Welt. Aber alles, was zur 
Vorbereitung geschehen soil, hangt in einer gewissen Weise wieder 
damit zusammen, daft sich die Menschen immer mehr einem Ideale 



nahern, das im Grunde genommen schon im alten Griechenlande 
aufdammerte, jenem Ideal, das Sokrates aufgestellt hat: daft der 
Mensch, wenn er einsieht die Idee des Guten, des Moralischen, des 
Ethisdien, diese als einen so magischen Impuls empfindet, daft er 
fahig wird, nach dieser Idee audi zu leben. Heute sind wir noch 
nicht so weit, daft dieses Ideal verwirklicht werden konnte; heute 
sind wir erst so weit, daft der Mensch sich unter Umstanden das 
Gute sehr wohl denken kann, daft er ein sehr gescheiter und weiser 
Mensch sein kann — und doch kein moralisch guter zu sein braucht. 
Das aber wird der Sinn der inneren Entwickelung sein, daft die 
Ideen, die wir fassen von dem Guten, unmittelbar auch moralische 
Antriebe sind. Das wird zu der Entwickelung gehoren, die wir in den 
nachsten Zeiten erleben. Und die Lehren auf der Erde werden immer 
mehr so werden, daft in die folgenden Jahrhunderte und Jahrtausen- 
de herein die menschliche Sprache noch eine ungeahnt groftere Wirkung 
bekommen wird, als sie in verflossenen Zeiten hatte oder in der 
Gegenwart hat. Heute konnte jemand in den hoheren Welten klar 
sehen, welches der Zusammenhang zwischen Intellekt und Moralitat 
ist; aber es gibt heute noch keine menschliche Sprache, die so magisch 
wirkt, daft, wenn man ein moralisches Prinzip ausspricht, es sich so 
hineinsenkt in einen fremden Menschen, daft dieser es unmittelbar 
moralisch empfindet und daft er gar nicht anders kann, als es als 
einen moralischen Impuls auszufuhren. Nach dem Ablauf der nach- 
sten drei Jahrtausende wird es moglich sein, in einer solchen Sprache 
zu Menschen zu sprechen, wie sie heute noch gar nicht unserem 
Kopfe anvertraut werden kann; so daft alles Intellektuelle zugleich 
Moralitat sein wird, und das Moralische in die Herzen der Menschen 
eindringen wird. Wie durchtrankt mit magischer Moralitat mufi das 
Menschengeschlecht in den nachsten drei Jahrtausenden werden; sonst 
konnte es eine solche Entwickelung nicht ertragen, sonst wiirde es sie 
nur miftbrauchen. Zur besonderen Vorbereitung einer solchen Ent- 
wickelung ist diejenige Individuality da, welche etwa ein Jahr- 
hundert vor unserer Zeitrechnung viel verleumdet wurde, und die in 
der hebraischen Literatur — allerdings in einer entstellten Gestalt — 
als Jeshu ben Pandira vorhanden ist; Jesus, der Sohn des Pandira. 



Aus Vortragen, die einmal in Bern gehalten worden sind, wissen 
einige von Ihnen, wie dieser Jeshu ben Pandira schon fur das 
Christus-Ereignis vorbereitend gewirkt hat, indem er Schuler her- 
angezogen hat, unter denen audi zum Beispiel dann der Lehrer des 
Schreibers des Matthaus-Evangeliums war. Ein Jahrhundert ist dem 
Jesus von Nazareth vorangegangen Jeshu ben Pandira, eine edle 
Essaergestalt. Wahrend Jesus von Nazareth selber den Essaern nur 
nahe gekommen ist, haben wir in Jeshu ben Pandira eine Essaer- 
gestalt vor uns. 

Wer war Jeshu ben Pandira? 

In dem fleischlichen Leibe dieses Jeshu ben Pandira war verkorpert 
der Nachfolger jenes Bodhisattva, weicher in seiner letzten Erden- 
inkarnation in seinem neunundzwanzigsten Jahre zum Gotama 
Buddha aufgestiegen ist. Jeder Bodhisattva, der zu einem Buddha 
aufsteigt, hat einen Nachfolger. Diese orientalische Tradition ist 
durchaus auch entsprechend den okkulten Forschungen. Und jener 
Bodhisattva, der damals gewirkt hat fur die Vorbereitung des 
Christus-Ereignisses, war immer wieder und wieder verkorpert. Eine 
dieser Verkorperungen ist auch fur das zwanzigste Jahrhundert an- 
zusetzen. Es ist nicht moglich, in dieser Stunde Genaueres iiber die 
Wiederverkorperung dieses Bodhisattva zu sagen; es kann aber 
einiges gesagt werden liber die Art, wie man einen solchen Bodhi- 
sattva in seiner Wiederverkorperung erkennen kann. 

Durch ein Gesetz, welches auch in kiinftigen Vortragen bewiesen 
und auseinandergesetzt werden wird, ist es eine Eigentumlichkeit 
dieses Bodhisattva, dafi er, wenn er wiederverkorpert erscheint — 
und er erscheint immer wieder verkorpert im Laufe der Jahr- 
hunderte — , seinem spateren Wirken in seiner Jugend recht unahnlici. 
ist, und dafi immer in einem ganz bestimmten Lebenszeitpunkt dieses 
wiederverkorperten Bodhisattva etwas wie ein grower Umschwung, 
eine grofie Verwandlung eintritt. Oder real ausgedriickt: die Menschen 
werden erleben, dafi da oder dort ein mehr oder weniger begabtes 
Kind lebt, dem man es nicht anmerkt, daft es zur Vorbereitung der 
kiinftigen Menschheitsentwickelung Besonderes zu leisten hat. Nie- 
mand zeigt in seiner Jugend, in seinen ersten Kindheitsjahren so 



wenig das, was er eigentlich ist — so sagt die okkulte Forsdiung — als 
gerade der, welcher sich als ein Bodhisattva verkorperen soli. Denn 
fiir einen sich verkorpernden Bodhisattva tritt ein grofter Umschwung 
ein in einem ganz bestimmten Zeitpunkt seines Lebens. 

Verkorpert sich eine Individualitat der grauen Vorzeit, zum Beispiel 
Moses, so ist es nicht so, wie es bei der Christus-Individualitat war, 
wo die andere Individualitat des Jesus von Nazareth die Hiillen 
verlassen hat. Bei dem Bodhisattva wird es so sein, daft zwar audi 
so etwas wie eine Auswechslung eintritt, aber die Individualitat 
bleibt in einer gewissen Weise; und die Individualitat, die dann ein- 
tritt aus grauer Vorzeit — als Patriarch und so weiter — und neue 
Krafte fiir die Entwickelung der Menschheit bringen soli, die taucht 
unter; und ein solcher Mensch erlebt dadurch eine gewaltige Umwan- 
delung. Diese Umwandelung tritt besonders zwischen dem dreifiigsten 
und dreiunddreiftigsten Jahre ein. Und immer ist es so, daft man nie- 
mals wissen kann, bevor diese Verwandlung eintritt, daft gerade dieser 
Leib ergriffen werden wird von dem Bodhisattva. Niemals zeigt es 
sich in den Jugendjahren; sondern daft gerade die spateren Jahre so 
unahnlich sind den Jugendjahren, das ist das Kennzeichen. 

Der, welcher in Jeshu ben Pandira verkorpert war, und der immer 
wieder verkorpert war, der Bodhisattva, der auf den Gotama Buddha 
gefolgt ist, er hat sich vorbereitet auf seine Bodhisattva-Inkarnation, 
daft er erscheinen kann — und zwar stimmt hier audi wieder die 
okkulte Forsdiung mit den orientalischen Traditionen tiberein — und 
zur Buddha- Wiirde aufsteigen kann genau funftausend Jahre nach 
der Erleuchtung des Gotama Buddha unter dem Bodhibaum. Dann, 
dreitausend Jahre nach unserer Zeit wird jener Bodhisattva, zuriick- 
blickend auf alles, was in der neuen Epoche geschehen ist, und 
zuriickblickend auf den Christus-Impuls und alles, was damit zu- 
sammenhangt, so sprechen, daft eine Sprache von seinen Lippen 
kommen wird, welche das verwirklichen wird, was eben charakteri- 
siert worden ist: daft Intellektualitat unmittelbar ein Moralisches ist. 
Ein Bringer des Guten durch das Wort, durch den Logos, wird der 
kunflige Bodhisattva sein, der alles, was er hat, in den Dienst des 
Christus-Impulses stellen wird, und der in einer Sprache sprechen 



wird, die heute nodi keinem Mensclien eigen, die aber so heilig ist, 
dafi er genannt werden kann ein Bringer des Guten. Bei ihm wird 
sich dies auch nicht in der Jugend zeigen; sondern ebenfalls in der 
Zeit seines dreiunddreifiigsten Jahres ungefahr wird er wie ein neuer 
Mensch erscheinen und sich als derjenige geben, welcher sich erfullen 
kann mit einer hoheren Individuality. Das Ereignis, dafi eine ein- 
malige Inkarnation im Fleische eintritt, gilt nur fur den Christus- 
Jesus. Alle Bodhisattvas machen verschiedene aufeinanderfolgende 
Inkarnationen auf dem physischen Plane durch. So wird dieser Bodhi- 
sattva dreitausend Jahre nach unserer Zeit so weit sein, dafi er ein 
Bringer des Guten, ein Maitreya-Buddha sein wird, der seine Worte 
des Guten in den Dienst des Christus- Impulses stellen wird, in den 
bis dahin eine geniigende Anzahl von Menschen sich eingelebt haben 
wird. So sagt es uns heute die Perspektive fur die kunftige Ent- 
wickelung der Menschheit. 

Was war notwendig, damit die Menschen zu dieser Entwickelungs- 
epoche nach und nach haben kommen konnen? Das konnen wir uns 
in folgender Weise klarmachen. 



"""»,„>>,<,>>" 



',;''///"»<,„,,,, 



2 



Wenn wir uns ein graphisches Bild von dem machen wollen, was 
in der alten lemurischen Zeit fur die Erdentwickelung des Menschen 
geschehen ist, so konnen wir sagen: Der Mensch ist dazumal her- 
untergestiegen von gottlichen Hohen; es war ihm bestimmt in einer 
gewissen Weise sich weiter zu entwickeln; aber durch den luziferischen 
Einfluft wurde der Mensch tiefer in die Materie hineingeworfen, als 
es ohne denselben der Fall gewesen ware. Dadurch wurde sein Fort- 
gang in der Entwickelung nun ein anderer. 



Als der Mensch auf tiefster Stufe nadi abwarts gekommen war, 
brauchte es eines machtigen Impulses nach aufwarts. Das konnte nur 
dadurch geschehen, dafi jene Wesenheit aus den hoheren Hierarchien, 
die wir als die Christus-Wesenheit bezeichnen, einen Entschlufi fafite 
in den hoheren Welten, den sie zu ihrer eigenen Entwickelung nicht 
zu fassen gebraucht hatte. Denn die Christus-Wesenheit hatte ihre 
Entwickelung audi erreicht, wenn sie einen Weg eingeschlagen hatte, 
der weit, weit iiber alledem gelegen hatte, wo die Menschen waren 
auf ihrem Weg. Und die Christus-Wesenheit hatte sozusagen vorbei- 
gehen konnen, oben vorbeigehen konnen an der Entwickelung der 

^ ev. Weg i e,5 CK r i $t u 5 

//r///// /"" //// nr /////////// "/f'^j? 

Lw\toc%?><,, Q ^ ne ^ .EntjcM U55" 

? t ""> 



Menschheit. Dann aber ware die Entwickelung der Menschheit so 
geschehen, dafi, wenn der Impuls nach oben nicht gegeben ware, der 
Weg nach unten hatte fortgesetzt werden miissen. Dann hatte die 
Christus-Wesenheit einen Aufstieg gehabt und die Menschheit nur 
einen Abf all. Nur dadurch, daft die Christus-Wesenheit den Entschlufi 
gefafk hat, sich in dem Zeitpunkt der Ereignisse von Palastina mit 
einem Menschen zu vereinigen, in einem Menschen sich zu verkorpern 
und der Menschheit den Weg nach aufwarts moglich zu machen, nur 
dadurch wurde jene Entwickelung der Menschheit herbeigefiihrt, die 
wir jetzt nennen konnen eine Erlosung der Menschheit von jenem 
Impuls, der von den luziferischen Kraften gekommen ist, und der in 
der Bibel bildlich als die Erbsiinde bezeichnet wird, als die Ver- 
fiihrung durch die Schlange und Herbeifiihrung der Erbsiinde. Etwas, 
was fur den Christus selbst nicht notwendig war, das hat der Christus 
vollzogen. 



Was war das fur eine Tat? 

Das war eine Tat der gottlichen Liebe! Dessen miissen wir uns klar 
sein, daft keine menschlidie Empfindung zunachst in der Lage ist, 
jene Intensitat der Liebe zu empfinden, die notwendig war, um den 
Entschluft zu fassen flir einen Gott, der dessen nicht bedurfte, in einem 
menschlichen Leib auf Erden zu wirken. Dadurch wurde — als durch 
eine Tat der Liebe — dasjenige Ereignis hervorgebracht, welches das 
wichtigste ist in der Menschheitsentwickelung. Und wenn die Men- 
schen die Liebestat des Gottes fassen, wenn sie versuchen, diese 
Liebestat als ein groftes Ideal zu empfinden, dem gegeniiber alle 
menschliche Liebestat nur klein sein kann, dann nahern sich die 
Menschen durch dieses Gefiihl der Unangemessenheit der mensch- 
lichen Liebe gegeniiber jener gottlichen Liebe, die zu dem Mysterium 
von Golgatha notwendig war, audi der Herausbildung, dem Ge- 
borenwerden jener Imaginationen, die uns dieses wichtigste Ereignis 
von Golgatha vor den geistigen Blick hinstellen. Ja, wahrhaftig, es 
ist moglich, zu der Imagination von dem Berge zu gelangen, auf dem 
das Kreuz erhoht war, jenes Kreuz, an dem ein Gott im Menschen- 
leibe hing, ein Gott, der die Tat aus freiem Willen — das heiftt aus 
Liebe — vollbracht hat, damit die Erde und die Menschheit an ihr 
Ziel kommen konnen. Hatte der Gott, der mit dem Namen des 
Vatergottes bezeichnet wird, es einst nicht zugelassen, daft die luzi- 
ferischen Einflusse an den Menschen herankommen konnten, so hatte 
der Mensch nicht die freie Ich-Anlage entwickelt. Mit dem luzife- 
rischen Einfluft wurde die Anlage zum freien Ich entwickelt. Das 
muftte zugelassen werden vom Vatergott. Nachdem aber das Ich — 
um der Freiheit willen — in die Materie verstrickt werden muftte, 
muftte nun, um von dem Verstricktsein in die Materie wieder befreit 
zu werden, die ganze Liebe des Sohnes zu der Tat von Golgatha 
fiihren. Dadurch allein ist Freiheit des Menschen, vollstandige 
menschliche Wurde erst moglich geworden. Daft wir freie Wesen sein 
konnen, das verdanken wir einer gottlichen Liebestat. So diirfen wir 
uns als Menschen fiihlen wie freie Wesen, diirfen aber nie vergessen, 
daft wir diese Freiheit verdanken der Liebestat des Gottes. Wenn wir 
so denken, wird schon der Gedanke in die Mitte unseres Fuhlens 



riicken: Du kannst zur menschlichen Wiirde kommen; nur eines darfst 
du nicht vergessen, dafi du das, was du bist, dem verdankst, der dir 
wieder zurikkgebracht hat dein menschliches Urbild durch die Er- 
losung auf Golgatha! — Den Freiheitsgedanken sollten die Menschen 





nicht ergreifen konnen ohne den Erlosungsgedanken des Christus. 
Dann allein ist der Freiheitsgedanke ein berechtigter. Wenn wir frei 
sein wollen, miissen wir das Opfer bringen, unsere Freiheit dem 
Christus zu verdanken! Dann erst konnen wir sie wirklich wahr- 
nehmen. Und die Menschen, die ihre Menschenwiirde beschrankt 
glauben, wenn sie sie dem Christus verdanken, die sollten erkennen, 
daft menschliche Meinungen gegeniiber Weltentatsachen nichts be- 
deuten, und dafi sie einmal recht gern ihre Freiheit als von dem 
Christus erworben anerkennen werden. 

Es ist doch nicht viel, was in diesem Vortragszyklus wieder getan 
werden konnte, um ein genaueres Verstandnis des Christus-Impulses 
und des ganzen Entwickelungsganges der Menschheit auf der Erde 
vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus herbeizufuhren. Wir 
konnen nur immer einzelne Bausteine herbeitragen. Wenn diese aber 
so in unsere Seele hineinwirken, dafi wir wiederum etwas fuhlen wie 
einen Ansporn zu weiterem Streben, zur weiteren Entwickelung auf 
der Bahn der Erkenntnis, dann haben diese Bausteine zum grofien 



geistigen Tempel der Menschheit ihre Wirkung getan. Und das beste, 
was wir aus einer solchen geisteswissenschaftlichen Betrachtung 
davontragen konnen, ist, daft wir zu einem gewissen Ziele wieder 
etwas gelernt haben; daft wir unser Wissen wieder um einiges be- 
reichert haben. Zu was fiir einem hohen Ziele? Zu dem Ziele, daft 
wir um so genauer wissen, wieviel wir noch brauchen, um mehr zu 
wissen; damit wir immer grundlicher durchdrungen werden von der 
Wahrheit des alten sokratischen Wortes: Je mehr man lernt, desto 
mehr weift man, wie wenig man weift! Aber erst, wenn dies nicht 
ein Bekenntnis ist einer tat- und strebenslosen Resignation, sondern 
ein Bekenntnis des lebendigen Wollens und Strebens nach immer er- 
weiterteren Erkenntnissen, dann erst ist es gut. Nicht bekennen sollen 
wir, wie wenig wir wissen, indem wir sagen: Wir konnen nun doch 
nicht alles wissen; also lernen wir lieber gar nichts, legen wir die 
Hande in den Schoft! Das ware ein falsches Ergebnis geisteswissen- 
schaftlicher Betrachtungen. Das richtige kann nur sein, daft wir immer 
mehr und mehr befeuert werden zu einem Weiterstreben und jedes 
neu Gelernte als eine Stufe betrachten; aber immer wieder die Schritte 
ansetzen, um immer hohere Stufen zu erreichen. 

Wir haben vielleicht gerade in diesem Vortragszyklus viel von dem 
Erlosungsgedanken sprechen miissen, ohne daft wir dieses Wort 
oftmals gebraucht haben. Dieser Erlosungsgedanke sollte von dem 
Geistsucher so empfunden werden, wie ihn ein grofter Vbrlaufer 
unserer abendlandischen Geisteswissenschaft empfunden hat: daft er 
im Grunde genommen uns nur verwandt und vertraut wird in 
unserer Seele als eine Folge unseres Strebens nach den hochsten Zielen 
des Erkennens, des Fuhlens und des Wollens. Und wie der grofte 
Vorlaufer unserer abendlandischen Anthroposophie den Gedanken, 
der da verbindet das Wort des Erlosens mit dem Worte des Strebens, 
ausgesprochen hat in der Form: «Wer immer strebend sich bemiiht, 
den konnen wir erlosen»! so sollte der Anthroposoph immer empfin- 
den: Nur der kann die wahre Erlosung begreifen und fiihlen und 
innerhalb ihrer Sphare wollen, der immer strebend sich bemiiht! 

So sei auch dieser Vortragszyklus — das ist mir besonders am 
Herzen gelegen, weil so viel von dem Erlosungsgedanken darin ge- 



sprochen worden ist — ein Ansporn zu unserem weiteren Streben: 
dafi wir uns im Streben immer mehr und mehr zusammenfinden 
mogen in dieser und in den folgenden Inkarnationen. Das seien die 
Friichte, die uns aus soldien Betracbtungen hervorgehen. Damit wol- 
len wir den Zyklus beschliefien und mitnehmen die Aneiferung, uns 
immer strebend zu bemiihen, die uns dahin bringen kann, dafi wir 
auf der einen Seite sehen, was der Christus ist, um dann auch dem 
naher zu kommen, was die andere Seite ist: die Erlosung, die nicht 
bloft die Befreiung sein soli von dem niederen Erdenwege und Erden- 
schicksal, sondern die audi die Befreiung sein soli von alledem, was 
Hemmnis bildet dem Menschen, damit er seine Menschenwurde er- 
reicht. Das sind aber Dinge, die nur in den Annalen des Geistigen 
in ihrer Wahrheit niedergeschrieben sind. Denn nur die Schrift, die 
im Geisterlande gelesen werden kann, ist die wahre. Bemiihen wir 
uns daher, das Kapitel iiber Menschenwurde und Menschenmission 
in der Schrifl zu lesen, in der von diesen Dingen geschrieben steht 
in den geistigen Welten! 



HINWEISE 



Uber den Vortragszyklus «Von Jesus zu Christus» sagt Rudolf Steiner in seinem Vortrag vom 
7. Mai 1923 in Dornach («Der Ostergedanke, die Himmelfahrtsoffenbarung und das Pfingst- 
geheimnis» in GA 224) : «. . . der in Karlsruhe gehalten worden ist, und der ja, weil gewisse 
Wahrheiten, von denen viele Leute wollen, dafi sie verhiillt bleiben, einmal aus einem esote- 
rischen Pflichtgefuhl heraus ausgesprochen wurden, gerade am meisten angefeindet worden 
ist. Ja, man kann sagen, von gewissen Seiten her begann iiberhaupt die Feindschaft gegen 
Anthroposophie gerade von diesem Zyklus aus.» 

Zu der Textunterlage: Es ist nicht bekannt, welcher Stenograph diese Vortrage mitstenogra- 
phiert hat. Auch hat sich weder ein Originalstenogramm noch eine in Maschinenschrift vor- 
genommene Ubertragung des Stenographen in Klartext erhalten. Es liegt somit nur als Text- 
grundlage der erste Manuskriptdruck von 1912 vor. Dieser wie auch die erste Buchausgabe 
von 1933 wurden von Marie Steiner herausgegeben. Fur die folgenden Ausgaben wurde der 
Text neu durchgesehen und einige wenige Anderungen in den Hinweisen nachgewiesen. 

Fur die 7. Auflage (1988) wurde der Band von David Hoffmann neu durchgesehen und mit 
erweiterten Inhaltsangaben, neuen Hinweisen und einem ausfuhrlichen Namenregister ver- 
sehen. 

Der Titel des Vortragszyklus wurde von Rudolf Steiner gegeben. 

Die seinerzeit in den Vortragen gebrauchten Worte «Theosophie» und «theosophisch» sind 
immer im Sinne der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft (Anthroposophie) zu 
verstehen. Aufgrund einer spateren ausdrucklichen Anweisung Rudolf Steiners sind sie hier, 
wo es angangig war, durch «Anthroposophie» und «anthroposophisch» oder «Geisteswissen- 
schaft* und «geisteswissenschaftlich» ersetzt. 

Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit 
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des Bandes. 

zu Seite 

10 ff . Streit um den historischen Jesus . . . der in Karlsruhe seine bedeutendsten Reprdsentanten . . . 
hat: Hauptsachlich Arthur Drews (1865-1935). Seit 1898 a.o. Professor an der Techni- 
schen Hochschule Karlsruhe. Erregte grofies Aufsehen mit seinen religionsgeschicht- 
lichen Veroffentlichungen «Die Christusmythe», 2 Bde., Jena 1910 und 1911 und sei- 
nem Vortrag beim sog. Berliner Religionsgesprach (31. Januar und 1. Februar 1910): 
«Ist Jesus eine historische Personlichkeit?», veroffentlicht unter dem Titel; «Hat Jesus 
gelebt?», Berlin und Leipzig 1910. 

Zur damals brennenden Aktualitat der Fragen um den historischen Jesus siehe den 
Aufsatz von David Hoffmann «Hat Jesus gelebt? - Notizen zur Leben-Jesu-Forschung» 
sowie VerzeichnisI: «Literatur zu den Themen <LebenJesu> und <Moderne Evangelien- 
kritik> in der Abteilung <Theologie > der Bibliothek Rudolf Steiners* und Verzeichnis II : 
«Erwahnungen der <Leben-Jesu-Forschung> und der modernen Evangelienkritik und 
der entsprechenden Autoren im Werk Rudolf Steiners*, in : «Beitrage zur Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe», Nr. 102, Dornach, 1989. 



11 nach dem Urteil eines der bedeutendsten Kenner der Sache: Adolf von Harnack (1851 
- 1930), «Das Wesen des Christentums», Leipzig 1901, S. 13: «Unsere Quellen fur die 
Verkiindigung Jesu sind - einige wichtige Nachrichten bei dem Apostel Paulus abge- 
rechnet - die drei ersten Evangelien. Alles iibrige, was wir unabhangig von diesen 
Evangelien iiber die Geschichte und Predigt Jesu wissen, lafit sich bequem auf eine 
Quartseite schreiben, so gering an Umfang ist es.» 

Flavius Josepbus, 37-95 n. Chr., griechischer Geschichtsschreiber jiidischer Herkunft. 
Vgl. «Judische Altertiimer» XVIII 3,3. 

Publius Cornelius Tacitus, um 55-120 n. Chr., romischer Geschichtsschreiber. Vgl. 
«Annalen» 15,44. 

Professor Drews: Vgl. Hinweis zu Seite 10. 

13 Aurelius Augustinus, 353-430. Beriihmtester der alteren abendlandischen Kirchen- 
lehrer. Fur die zitierte Stelle vgl. «Retractationes», L. I, Cpt. XIII, 3. 

16 Publius Aelius Aristides, 129 - ca. 189 n. Chr., griechischer Rhetor. Fiir die zitierte Stelle 
vgl. Aelii Aristides Smyrnaei Hieroi Logoi, II: 32. cf. ed. Br. Keil, Vol: II, S. 401. 

26 Paulus, indem er erkannte: I. Kor., 15,45. 

29 Worte des Paulus: I. Kor., 15, 13 f. 

32 Meister Eckhart, um 1260-1327, deutscher Mystiker, Dominikaner. Siehe «Deutsche 
Predigten und Traktate», herausgegeben und iibersetzt von Josef Quint, Munchen 1963, 
S. 227 (Predigt iiber «Quasi vas auri solidum ornatum omni lapide pretioso» Eccli. 50, 10) 
und S. 186 (Predigt iiber «Iusti vivent in aeternum» Sap. 5, 16). Siehe auch Rudolf 
Steiner, «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhaltnis 
zur modernen Weltanschauung* (1901), GA 7, S. 39-52. 

34 «War nicht das Auge sonnenbafi ...»: Goethe, «Zahme Xenien», III. Im erkenntnis- 
theoretischen Zusammenhang fuhrt Goethe diesen Spruch an in : «2ur Farbenlehre», 
Didaktischer Teil, Einleitung, in: Naturwissenschaftliche Schriften, herausgegeben 
und kommentiert von Rudolf Steiner in Kiirschners «Deutsche National-Litteratur», 
5 Bande (1884-1897), Nachdruck Dornach 1975, Bd. 3, GA lc, S. 88. 

Das Auge ist ein Geschopf des Lichtes: Goethe, Vorstudien zur Farbenlehre, «Das Auge», 
Goethes Werke, Sophienausgabe, Weimar 1906, II. Abteilung, 5. Band, Zweite Abtei- 
lung, S. 12. 

44 «Der Geist ist willig ...»: Matth. 26,41 und Markus 14,38. 

48 bei Besprechung des Jobannes-Evangeliums: Siehe Rudolf Steiner «Das Johannes-Evan- 
gelium», 8 Vortrage, Basel 1907 in GA 100 «Menschheitsentwickelung und Christus- 
Erkenntnis»; «Das Johannes-Evangelium», 12 Vortrage Hamburg 1908, GA 103; «Das 
Johannes-Evangelium im Verhaltnis zu den drei anderen Evangelien, besonders zu dem 
Lukas-Evangelium», 14 Vortrage Kassel 1909, GA 112. 

50 es wird in der Apostelgeschicbte erzdblt ... Taufe nach Johannes: In fruheren Auflagen: 
«Taufe nach Jesus». Sinngemafie Korrektur nach der von Rudolf Steiner angefuhrten 
Stelle: Apg. 19, 1-7. 



52 Das Esoterische im Jesuitismus ...,die verschiedenen geistigen Ubungen: Siehe «Die geistli- 
chen Ubungen des Ignatius von Loyola*. In Rudolf Steiners Bibliothek befindet sich die 
Ubersetzung von Bernhard Kohler, eingeleitet und herausgegeben von Rene Schickele 
in der Kollektion «Kultur-Dokumente», Berlin und Leipzig o.J. Kap.: Die zweite 
Woche. Der vierte Tag. Betrachtungen von den zwei Fahnen, die eine Christi, unseres 
hochsten Fiihrers und Herrn, die andre Luzifers, des obersten Feindes der menschlichen 
Natur. 

54 «Mein Reich ist nicht von dieser Welt»: Joh. 18,36. 

«alle Reiche der Welt und ibre Herrlichkeiten»: Matth. 4,8. 

57 in fruheren Vortragszyklen sind einander gegenubergestellt worden die rein christliche Ein- 
weihung mit ihren sieben Stufen und die Rosenkreuzer-Einweihung mit ihren ebenfalls 
sieben Stufen: Siehe Rudolf Steiner «Vor dem Tore der Theosophie», 14 Vortrage Stutt- 
gart 1906, GA 95; «Die Theosophie des Rosenkreuzers», 14 Vortrage Miinchen 1907, 
GA 99; sowie in den Zyklen uber das Johannes-Evangelium, vgl. Hinweis zu Seite 48. 

57 daft die Rosenkreuzer-Einweihung so recht ihren Anfang genommen hat etwa um die Zeit 
des 13. Jahrhunderts herum: Siehe Rudolf Steiner «Die geistige Fiihrung des Menschen 
und der Menschheit. Geisteswissenschaftliche Ergebnisse uber die Menschheitsentwick- 
lung» (1911), GA 15. Ferner «Das esoterische Christentum und die geistige Fiihrung der 
Menschheit» (1911/12), GA 130. 

60 Was in meinem zweiten Rosenkreuzerdrama «Die Priifung der Seele» von Straders Munde 
gesagt wird: daji der konsequente Denker . . . zuletzt bet der Anerkennung von Karma und 
Reinkamation anlangen mup°: 

«Und hundertmal wohl fragt' ich mich: 

Was kann Naturerkenntnis lehren, 

Wie wir sie jetzt schon iiberschauen konnen? 

- Es gibt da kein Entweichen - : 

Des Erdenlebens Wiederholung, 

Sie kann und darf kein Denken leugnen, 

Das nicht mit allem brechen will, 

Was Forscherfleifi erkannt in langer Zeiten Lauf.» 

Rudolf Steiner «Vier Mysteriendramen» (1910-13), GA 14, zweites Drama (1911) «Die 
Priifung der Seele», viertes Bild. 

60ff. Gotthold Ephraim Lessing, 1729-1781. «Die Erziehung des Menschengeschlechts», 
1780. 

61/64 Maximilian Droflbach, 1810- 1884. 1849 erschien seine Schrift «Wiedergeburt, oder 
die Losung der Unsterblichkeitsfrage auf empirischem Wege nach den bekannten 
Naturgesetzen» . 

61 Eine kleine Gesellschafi hat ... einen Preis ausgeschrieben fur die beste Schrift uber die 
Unsterblichkeit der Seele ... die preisgekronte Schrift von Widentnann: Drofibach hatte 
ohne Nennung seines Namens fur die beste Durchfuhrung der in seiner obengenannten 
Schrift niedergelegten Gedanken einen Preis von 40 Dukaten in Gold ausschreiben 
lassen. Dadurch wurde die Abfassung der Widenmannschen Schrift «Gedanken uber die 
Unsterblichkeit als Wiederholung des Erdenlebens», Wien 1851, veranlafit, welcher der 
Preis zufiel. 



61 Gustav Widenmann, 1812-1876. Vergleiche hierzu C. S. Picht «Das Auftauchen der 
Reinkarnationsidee bei dem schwabischen Arzt und Philosophen Gustav Widenmann 
um 1850» und «Die Darstellung der Reinkarnationsidee bei dem schwabischen Arzt 
und Philosophen Gustav Widenmann (1812- 1876)», abgedruckt in: «Anthroposophie, 
Monatsschrift fur freies Geistesleben», 14. Jahrgang 1931/32. 

meine kleine Schrift «Reinkarnation und Karma, vom Standpunkt der modernen Natur- 
wissenschaft notwendige Vorstellungen» : 1903 als Aufsatz in der Zeitschrift «Luzifer- 
Gnosis» erschienen, seit 1909 in vielen Auflagen als selbstandige Schrift. Innerhalb der 
Gesamtausgabe in GA 34 «Lucifer - Gnosis 1903-1908». 

67 «Z'widerwurz'n»: Osterreichische Dialektbezeichnung fur einen mit sich und der Welt 
unzufriedenen Menschen. 

71 synoptische Evangelien: Matthaus-, Markus- und Lukas-Evangelium. 

73 Wacbet und betet: Matth. 26,41. 

75 in den verschiedenen Vortrdgen gerade der letzten Zeit: Vgl. Rudolf Steiner «Das Ereignis 
der Christus-Erscheinung in der atherischen Welt» (1910), GA 118. 

80 Moses halte dem Menschen in der Stunde des Todes . . . das Sundenregister vor: Die Quelle 
fur diese «mittelalterliche Formel, die aus dem Rosenkreuzertum heraus stammt» konn- 
te nicht ausfindig gemacht werden. Evtl. handelt es sich um einen Bezug auf Joh. 5,45 : 
«Es gibt einen, der euch anklagt, Moses . . .». 

Siehe dazu den ausfiihrlichen Bericht iiber die Recherchen zu diesem Hinweis: «Mo- 
ses als karmischer Richter» in: «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», Nr. 102, 
Dornach 1989. 

81 Wenn es z.B. innerhalb der theosophischen Literatur popular geworden ist, von hoher ent- 
wickelten menscblicben Individualitdten zu sprechen: Die sogenannten «Meister», die als 
erster A. P. Sinnett in seinem Buch «Esoterischer Buddhismus» in die Literatur einge- 
ftihrt hat. Vgl. hierzu Rudolf Steiners Vortrag Berlin, 13. Oktober 1904, in «Ursprung 
und Ziel des Menschen. Grundbegriffe der Geisteswissenschaft» (1904/05), GA 53. 

82 Gautama Buddha, um 560-480 v. Chr. 

83 Und wenn Sie sich an alles erinnern, was in den verflossenen Vortrdgen gesagt worden ist 
iiber die Entwickelung des Jesus von Nazareth: Siehe Hinweis zu Seite 108. 

86 Apollonius von Tyana, gest. um 100 n. Chr. in Ephesos, Zeitgenosse Christi. Neupytha- 
goreischer Philosoph und Wundertater in Kleinasien. Seine romanhafte Biographie 
schrieb im 3. Jahrhundert n. Chr. Flavius Philostratus : «Leben des Apollonius von 
Tyana». Schon im Altertum und auch spater, z.B. von Voltaire u. a. wurde er mit 
Christus gleichgestellt. Vgl. noch Rudolf Steiners Vortrag Dornach, 28. Marz 1921, in 
«Die Verantwortung des Menschen fur die Weltentwickelung», GA 203, und das Kapi- 
tel « Apollonius von Tyana und Jesus von Nazareth* in: Emil Bock, «Die drei Jahre», 
Beitrage zur Geistesgeschichte der Menschheit, Bd. 6 (1946), 6. Auflage, Stuttgart 1981, 
S. 15-42. 

9 1 Blaise Pascal, 1623 - 1662, franzosischer Mathematiker und Philosoph. In seinen «Pensees 
sur la religion* (1670) findet man diesen Hauptgedanken u. a. in Nr. 527 der klassischen 
Ausgabe von Brunschvieg. 



«La connaissance de Dieu sans celle de sa misere fait l'orgueil. La connaissance de sa 
misere sans celle de Dieu fait le desespoir. La connaissance de Jesus-Christ fait le milieu, 
parce que nous y trouvons et Dieu et notre misere.» 

«Die Erkenntnis Gottes ohne diejenige des (menschlichen) Elends schafft Hochmut. 
Die Erkenntnis des Elends ohne diejenige Gottes schafft Verzweiflung. Die Erkenntnis 
des Jesus-Christus schafft die Mitte, well wir in ihr sowohl Gott als unser Elend finden.» 

93 ff. Wladimir Solowjow, 1853- 1900, russischer Philosoph. Das von Rudolf Steiner frei 

wiedergegebene Zitat stammt aus der Schrift «Die geistigen Grundkgen des Lebens» 
(1884). «Einleitung: Von der Natur, vom Tode, von der Siinde, vom Gesetz und von 
der Gnade», in der ersten deutschen Solowjow-Ubersetzung von N. Hoffmann, Leipzig 
1907. Spater iibersetzte auf Veranlassung Rudolf Steiners Harry Kobier (Harriet von 
Vacano) diese und andere Schriften Solowjows, verlegt bei Eugen Diederichs, Jena 
1914, und im Kommenden Tag Verlag, Stuttgart 1921/22. 

94 Was aber hat eine voile Realitdt, um die Seek zu verbinden mit der Unsterblkhkeit? Im 
Manuskriptdruck 1912 und in der ersten Buchausgabe von 1933 heifit es hier falsch- 
licherweise «um die Seek zu verbinden mit der Natur». Die Anderung von Natur in 
Unsterblichkeit erfolgte gemafi dem Solowjow' schen Wortlaut, der hier ja von Rudolf 
Steiner wiedergegeben wird. Vgl. auch den vorhergehenden Hinweis. 

95 Immanuel Kant, 1724-1804. Sein von Rudolf Steiner angefuhrter Glaubensbegriff 
lautet wortlich: «Ich mufite also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu be- 
kommen.» «Kritik der reinen Vernunft», Vorrede zur 2. Ausgabe (1787). 

100 Augustinus-Zitat: Vgl. Hinweis zu Seite 13. 

Justinus der Mdrtyrer: Kirchenvater des 2. Jahrhunderts, suchte philosophisch das 
Christentum als die richtige Religion zu erweisen. 

hat eine ganz merkwurdige Ausfuhrung in seinen Schriften: «Apologie des Christen- 
tums» 1,46. 

101 Sokrates undHeraklit: Auf dieser Seite treten mehrmals diese beiden Namen auf. In dem 
Manuskriptdruck von 1912 und in der Buchausgabe von 1933 heifit es statt «Heraklit» 
«Plato». Da jedoch Rudolf Steiner hier Justinus den Martyrer zitiert, bei dem es nicht 
Plato sondern Heraklit heifit, wurde diese entsprechende Korrektur vorgenommen. 

Was also Johannes der Tdufer sagte: Vgl. Matth. 3, 1-12, Mark. 1,1-8, Luk. 3, 1-20, 
Joh. 1, 19-28. 

103 Streitigkeiten uher das Wesen und die Persdnlicbkeit des Jesus von Nazareth und uher das 
Wesen und die Individualitdt des Christus: Gemeint ist wohl der Streit zwischen Arianis- 
mus und Athanasianismus im 4. Jahrhundert. Arius (Stadtpriester von Alexandrien) 
und die sog. Arianer unterschieden das Wesen des Christus vom Wesen des Vatergottes; 
Athanasius (Bischof von Alexandrien) und seine Anhanger bekampften diese Trennung. 
Nachdem schon am 1. dkumenischen Konzil (Nicaea 325) der Arianismus verdammt 
worden war, trug der Athanasianismus nach heftigen Kampfen und zeitweiligen 
schwersten Niederlagen am 2. dkumenischen Konzil (Konstantinopel 381) mit der 
Aufnahme des Begriffs der «Wesenseinheit» ins kirchliche Glaubensbekenntnis den 
endgiiltigen Sieg davon. 



105/106 Richard Wagner (1813-1883) iiber die Bedeutung des Blutes Christi: Siehe seine 
Schrift «Heldentum und Christentum*, vgl. Gesammelte Schriften und Dichturigen in 
10 Banden, herausgegeben von Wolfgang Golther, Leipzig o.J., 10. Band, S. 275 ff. 
«Ausfuhrungen zu Religion und Kunst»: 2. Heldentum und Christentum. 

108 Wenn Sie die Evangelienerkldrungen verfolgt haben, wie sie bier gepflogen worden sind: 
Siehe Rudolf Steiner «Das Johannes-Evangelium», GA 103; «Das Johannes-Evangelium 
im Verhaltnis zu den drei anderen Evangelien, besonders zu dem Lukas-Evangelium», 
GA 112;, «Das Lukas-Evangelium», GA 114; «Die tieferen Geheimnisse des Mensch- 
heitswerdens im Lichte der Evangelien», GA 117; «Das Matthaus-Evangelium», GA 123; 
«Exkurse in das Gebiet des Markus-Evangeliums», GA 124; «Das Markus-Evangelium», 
GA 139. 

Akasba-Cbronik : Siehe Rudolf Steiner, «Aus der Akasha-Chronik» (1904-08), GA 11, 
und «Aus der Akasha-Forschung. Das Fiinfte Evangelium» (1913/14), GA 148. 

109 Antwort des Christus Jesus «Du sagst es!»: Matth. 26,64. 

110 Sie konnen das beste, was iiber die Entstehung des Matthaus-Evangeliums gesagt ist, schon im 
dritten Band der «Geheimlehre» von H. P. Blavatsky lesen: Vgl. III. Band «Esoterik», aus 
dem Englischen der 1. Auflage iibersetzt von Robert Froebe, Leipzig o.J., Seite 148 f. 
Moglicherweise sind die Ausfiihrungen Rudolf Steiners in diesem Teil der Vortrags- 
nachschrift nicht liickenlos festgehalten, so daft durch ctwaige Textzusammenziehungen 
die Unklarheit entstehen konnte, als ob es sich um den griechischen Text des kanoni- 
schen Matthaus-Evangeliums handle, der zur Zeit des Hieronymus (340 - 420) schon 
langst in der Christenheit allgemein bekannt war. Auf ihn konnte Hieronymus keinen 
Einflufi mehr nehmen. Wohl aber bestand eine solche Moglichkeit in bezug auf die 
Gestalt, die er durch seine Ubersetzung ins Griechische einem Texte gab, den er in 
Caesarea kennengelernt hatte, und in dem er die vorkanonische hebr'aische Urschrift 
des Matthaus vor sich zu haben glaubte (das heute sog. «Hebraer-Evangelium»), («De 
viris illustribus» III). Diese Ubersetzung ist bis auf wenige Zitate nicht erhalten. Dafi 
Rudolf Steiner eine solche Vorgestalt des Matthaus-Evangeliums im Auge hatte, geht 
vor allem aus seinem ein Jahr vorher gehaltenen Vortragszyklus iiber «Das Matthaus- 
Evangelium» (4. Vortrag) hervor, in dem er sich offensichtlich auf die in seiner Biblio- 
thek vorhandene Schrift von Daniel Chwolson «Uber die Frage, ob Jesus gelebt hat», 
Leipzig 1910, stiitzte, in der nachgewiesen wird, «dafi um 71 n. Chr. ein Evangelium 
Matthai nicht blofi schon existiert hat, sondern den damaligen Christen auch gut be- 
kannt war.» - Auch im Vortrag Miinchen, 20. November 1911 in GA 130 «Das esoteri- 
sche Christentum und die geistige Fiihrung der Menschheit» wird von Rudolf Steiner 
auf diese Urschrift des Matthaus-Evangeliums hingewiesen. 

Die von Rudolf Steiner in vorliegendem Bande, Seite HOf. angefiihrte Aufierung des 
Hieronymus iiber die Gefahrlichkeit esoterischer Mitteilungen findet sich in einem 
Briefwechsel zwischen Hieronymus und den Bischofen Chromatius und Heliodorus, 
der zumeist den Handschriften des dem Matthaus zugeschriebenen apokryphen Kind- 
heitsevangeliums «Liber de ortu beatae Mariae et infantia salvatoris» vorangestellt 
wurde; die Autorschaft des Hieronymus kann jedoch nicht als gesichert gelten. 

Kirchenvater Hieronymus, 340 - 420, eigentlich Eusebius Sophronius H. Revidierte die 
altlateinische Bibeliibersetzung «Itala», woraus die von ihm teilweise neu bearbeitete 
«Vulgata» hervorging. Als Bibeliibersetzer, Exeget, durch seine lateinischen, griechischen 
und hebraischen Sprachkenntnisse, seine Schriften gilt er als eine der bedeutendsten 
Erscheinungen in der Geschichte der Theologie. 



113 Ebioniten : Zum Christentum bekehrte Juden, die streng am jiidischen Ritus und Gesetz 
festhielten und den Christus in jiidischem Sinne als kommenden Messias und als Sohn 
Gottes bekannten. Die Ebioniten beniitzten das nach ihnen so genannte «Ebioniten- 
Evangelium», das eng verwandt war mit dem von Hieronymus iibersetzten «Hebraer- 
Evangelium». 

wenn wir die urspriingliche christliche Literatur durchbldttern fhaben wir] uberall die 
Anklage gegen Apollonius von Tyana: Vgl. Hinweis zu Seite 86. 

121 Homers Inspirationen : Gemeint sind die von dem griechischen Dichter Homer etwa 
im 9. vorchristlichen Jahrhundert verfafiten altesten griechischen Epen «Ilias» und 
«Odyssee». 

Aeschylos, 525-456 v. Chr. 

121/ 130 Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein Konig im Reiche der Schatten: Homer 
«Odyssee», XL Gesang, Vers 488-491 (die Seele des Achilles, durch Totenopfer des 
Odysseus aus dem Hades heraufbeschworen, spricht zu Odysseus) : 

Preise mir jetzt nicht trostend den Tod, ruhmvoller Odysseus, 
Lieber mocht' ich fiirwahr dem unbegiiterten Hufner, 
Der nur kumraerlich lebt, als Taglohner das Feld baun, 
Als die ganze Schar vermoderter Toten beherrschen. 

122 die vier grqfien Wahrbeiten des Buddha: In der ersten Predigt des Buddha nach seiner 
Erleuchtung, der beriihmten Predigt von Benares «Uber den achtgliedrigen Pfad, die 
Ursache des Leidens und die Aufhebung des Leidens». Siehe den Vortrag Rudolf Steiners 
uber Buddha in «Antworten der Geisteswissenschaft auf die grofien Fragen des Daseins», 
GA 60, und Hermann Beckh, «Buddha und seine Lehre» (1916), Neuausgabe Stuttgart 
1958, S. 136-233 (Teil II). 

123 jene Rede, welche uns iiberliefert ist als die Rede des Konigs Milinda mit einem buddhisti- 
schen Weisen: Siehe «Milindapanha», in Pali geschriebenes Zwiegesprach zwischen 
Menandros und dem buddhistischen Monch Nagasena. Deutsch von F. Otto Schrader, 
Die Fragen des Konigs Menandros, Berlin 1905. 

129 Du sollst Dir kein Bild machen von dem Gotte: 2. Mos. 20. 

131 «Sage deinem Gotte ab ...»: Hiob 2,9. 

132 «Ich weifi, daft mein Erloser lebt ...»: Hiob 19,25. 
135 Kinder, liebet euchl: 1. Joh. 4. 

137/188 Paulus-Zitate : Freie Wiedergaben von Rudolf Steiner. 

138 David Friedrich Straufi, 1808 - 1874, protestantischer Theologe. 

uber Reimarus: «H. S. Reimarus und seine Schutzschrift fiir die verniinftigen Verehrer 
Gottes» (Band V der Gesammelten Schriften). 

Scbibboleth: Sprichwortlich fiir «Erkennungs- und Unterscheidungszeichen» (vgl. die 
Funktion dieses Wortes im Alten Testament: Richter 12, 5-6). 

Und fast zur selben Zeit lesen wir in einer schweizerischen Zeitschrift: Die Zeitschrift 
konnte nicht festgestellt werden. 



140 Johannes-Evangelium, Kap. 20,1-17: Zitiert nach Carl Weizsacker: «Das Neue Testa- 
ment*, Tubingen 1904 (9. Auflage der Originalausgabe). 

143 Paulus-Zitat: 1. Kor., 15,45. 

158 daj? die in meinem Mysteriendrama «Die Prufung der Seele» gebrauchte Wendung von dem 
nur einmaligen Vorhandensein des Christus in einem fleischlichen Leibe ganz wortlich und 
ernst genommen werden mufi: «Die Priifung der Seele», 8. Bild, Worte des 2. Zeremo 
nienmeisters: 

«Wir wissen aus der Meister Offenbarung, 
Wie kiinftig Menschen durch das Geisteslicht 
Das hohe Sonnenwesen schauen werden, 
Das einmal nur im Erdenleibe wohnte.» 

161 meine Munckner Vortrdge «Weltenwunder, Seelenprufungen und Geiste$offenbarungen»: 
Ein Zyklus von zehn Vortragen, Munchen 1911, GA 129. 

173 zwei Jesusknaben: Eine Ubersicht iiber wichtige Daten, an denen Rudolf Steiner iiber 
das Geheimnis der zwei Jesusknaben gesprochen hat, findet sich in : «Nachrichten der 
Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung - mit Veroffentlichungen aus dem Archiv», Heft 8, 
Dornach Weihnachten 1962, und im Aufsatz von Hella Krause-Zimmer, «Wann begann 
Rudolf Steiner iiber die zwei Jesusknaben zu sprechen?» in «Mitteilungen aus der 
Anthroposophischen Arbeit in Deutschland», Nr. 163, Ostern 1988, S. 28-41. Siehe 
auch Adolf Arenson, «Die Kindheitsgeschichte Jesu. Die beiden Jesusknaben», Stuttgart 
1921, und Emil Bock, «Kindheit und Jugend Jesu», Beitrage zur Geistesgeschichte der 
Menschheit, Bd. 5 (1939), 5. Auflage, Stuttgart 1982 und Hella Krause-Zimmer, «Die 
zwei Jesusknaben in der bildenden Kunst» (1969), 3. Auflage, Stuttgart 1986. 

175 Es ist eine ganz richtige Uberlieferung, daft er [der natbanische Jesusknabe] . . . gesprochen 
bat: Der Anfang des sog. arabischen Kindheitsevangeliums berichtet davon, «dafi Jesus 
bereits gesprochen hat, als er noch in der Wiege lag. Er sprach zu seiner Mutter Maria: 
Ich bin Jesus, der gottliche Sohn, das Weltenwort». 

Arabischer Urtext: C. Thilo, «Codex apocryphus Novi Testamenti» I, Leipzig 1832, 
S. 65-130. Lateinische Ubersetzung: Constantin Tischendorf, «Evangelia apocrypha» 
(1853), 2. Auflage Leipzig 1876. Deutsche Ubersetzung (aufgrund der lateinischen 
Ubersetzung bei Tischendorf): Emil Bock, «Die Kindheit Jesu», Zwei apokryphe Evan- 
gelien, iibersetzt und eingeleitet von Emil Bock, Munchen 1924, S. 113-171, wiederab- 
gedruckt in: Emil Bock, «Kindheit und Jugend Jesu», a.a.O., S. 285-316. 

Gotama Buddha . . . orientalische Uberlieferung: Nicht nachgewiesen. 

182 in der Weizsackerschen Ubersetzung: Siehe Hinweis zu S. 140. 

186 «Ihr seid das Salz der Erde»: Matth. 5,13. 

187 in dem von aller Erdenschwere befreiten Phantom, das sie jetzt hellseherisch sab: Diese 
Stelle wurde wohl aufgrund eines Stenogrammfehlers (falsche Reihenfolge der Satzteile) 
bisher sinnwidrig abgedruckt. Fur die 7. Auflage wurde der Relativsatz entsprechend 
vorangestelk. 



193 Johann Albrecht Bengel, 1687-1752 

Friedrich Christoph Oetinger, 1702-1782 



Vergleiche hierzu: Rudolf Steiner in «Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums 
von Golgatha. Kosmische und menschliche Metamorphose*, GA 175. Emil Bock 
«Boten des Geistes - Schwabische Geistesgeschichte und christliche Zukunft», Stuttgart 
1955. 

Rothe ... in der Vorrede zu einem 1847 erschienenen Buche: Siehe «Die Theosophie 
Friedrich Christoph Oetingers nach ihren Grundziigen - Ein Beitrag zur Dogmenge- 
schichte und zur Geschichte der Philosophie», Tubingen 1847, mit einem Vorwort von 
Richard Rothe. 

195 was dieser einfache Mensch in Thiiringen - Volker hiefier - besafi: Uber diesen Bauersmann, 
der in der ersten Halfte des achtzehnten Jahrhunderts in Grofirudestedt, nordlich von 
Erfurt gelebt hat, berichtet nur Oetinger in seiner «Selbstbiographie» und in seinen 
Briefen. Danach mufi Volker ein aufSerordentlicher Mensch gewesen sein und auf 
Oetinger einen tiefen Eindruck gemacht haben. Er habe die innere Schau besessen und 
Oetinger, der zweimal fur langere Zeit bei ihm verweilte, tief belehrt. Siehe F. Ch. 
Oetinger, «Selbstbiographie», Metzingen 1961, S. 61-67 (Kap. «Die zweite Reise»). 
Naheres hieriiber siehe in dem Aufsatz von C. S. Picht «Marcus V6lker» in der Zeit- 
schrift «Die Drei», VII. Jahrgang, 1927, Heft VIII, und den Aufsatz von Walter Conradt, 
«Oetinger uber Markus V6lker» in der Zeitschrift «Waldorf-Nachrichten», Jahrgang III, 
Nr. 15 Stuttgart August 1921, S. 358-362. 

197 wo Capesius und Strader auftreten in der astralen Welt: Siehe Rudolf Steiner «Die Pforte 
der Einweihung», 4. Bild, in «Vier Mysteriendramen», GA 14. 

200 als der Tdufer Johannes den Ausspruch tat: Siehe Hinweis zu S. 101. 

201 Kant-Laplacescher Weltennebel: Kants kosmogonische Nebeltheorie «Allgemeine Natur- 
geschichte und Theorie des Himmels oder Versuch von der Verfassung und dem mecha- 
nischen Ursprunge des ganzen Weltgebaudes, nach Newtonschen Grundsatzen abge- 
handelt», 1755, wurde durch Laplace 1796 in einigen wesentlichen Punkten erganzt; all- 
gemein als Kant-Laplacesche Theorie bezeichnet. 

202 dafijemand das sagt, was ich Ihnen vorgelesen habe: Im sechsten Vortrag, S. 138 in diesem 
Band. 

209 Darstellung des Johannes-Evangeliums in dem entsprechenden Zyklus: Siehe Hinweis zu 
S. 48. 

209 ff. in den entsprechenden Vortragszyklen, die jetzt eigentlich schon zu dem Elementaren 
unserer geisteswissenschafilichen Arbeit gehdren: Siehe Hinweise zu S. 57. 

218 Maximilian Drofibach: Siehe Hinweis zu S. 61. 
Lessing: Siehe Hinweis zu S. 60ff. 

219 Nur der kann ja sein Junger sein, der da sagt : Ich tue es dem geringsten der Bruder ...: Nach 
Matth. 25, 40. 

Gustav Widenmann: Siehe Hinweis zu S. 61. 

220 Gesprdch des Konigs Milinda: Siehe Hinweis zu S. 123. 

222 wenn wir uns erinnern, wie in den Astralleib des nathanischen Jesusknaben der Buddha 
hereinwirkte: Siehe den achten Vortrag dieses Bandes und den Hinweis zu S. 173 so wie 
«Das Lukas-Evangelium», GA 114. 



223 f. Jeshu ben Pandira ... Vortrdge, die einmal in Bern gehalten worden sind: Siehe Rudolf 
Steiner «Das Matthaus-Evangelium» (1910), GA 123; ferner «Das esoterische Christen- 
tum und die geistige Fiihrung der Menschheit» (1911/1912), GA 130. 

224 Essder, auch Essener: Gesetzesstrenge, asketische und z. T. monastische jiidische Sekte. 
Vgl. hierzu Rudolf Steiners Ausfiihrungen in «Das Christentum als mystische Tatsache 
und die Mysterien des Altertums» (1902), GA 8, S. 146-149, und in «Aus der Akasha- 
Forschung. Das Fiinfte Evangelium» (18 Vortrage 1913/14), GA 148. 

225 Gotama Buddha . . . orientalische Traditionen : Nicht nachgewiesen. 



230 der grofie Vorldufer unserer abendldndischen Anthroposopbie . . . «Wer immer strebend sich 
bemiiht»: Goethe «Faust» II, 5. Akt, Bergschluchten, Verse 11936ff. 



NAMENREGISTER 



(Das Register ist ein erweitertes Namenregister mit wichtigen Orts- und Landernamen wie z. B. «Damaskus», 
mythologischen Namen wie «Mithra», und wichtigen Gruppennamen wie «Rosenkreuzer», wobei die 
abgeleiteten und zusammengesetzten Worter wie z.B. «rosenkreuzerisch», «Rosenkreuzertum», «Rosen- 
kreuzer-Einweihung* jeweils unter einem Hauptwort aufgefuhrt sind. Nicht aufgenommen wurden die 
Stichworter «Jesus von Nazareth», «Christus», «Golgatha» und «Palastina». Seitenzahlen in Klammern 
bezeichnen eine Erwahnung ohne ausdriickliche Namensnennung.) 



Abraham 159 

Adam 25 f., 143-146, 167-169, 178-180, 
182 

Agypten 19-22 

Aschylos 121 

Ahriman 179-181 

Apollonius von Tyana 86, 113 f., 139 

Aristides, Publius Aelius 15 f. 

Augustinus, Aurelius 13, 100 f. 

Babylon 54 f. 
babylonisch-chaldaisch 173 
Bengel, Johann Albrecht 193 
Blavatsky, Helena Petrowna 110 
Bodha 177 

Buddha, Gotama 62-64, 82, 122-130, 
132 f., 137, 139, 156 f., 165 f., 169, 
175-177, 184, 218, 220, 222, 224 f. 

Capesius, Professor 197 
Cicero, Marcus Tullius 15 

Damaskus 28 f., 76, 142-144, 146, 156, 

188f., 217 
David 173 f. 

Dionysos 20, 24, 26, 28 f. 

Drews, Arthur 11 

Drofibach, Maximilian 61, 64, 218 

Ebioniter 113 
Eckhardt, Meister 32 
Essaer 224 

Gethsemane 73 

Goethe, Johann Wolfgang 34, (230) 
Griechenland 14, 19-22, 24, 28, 30, 33, 

120-123, 128-130, 132f., 137, 146 f., 

156, 165 f. 



Hebraer 24-26, 128-130, 146, 156, 159, 
223 

Heraklit 100 f. 
Hieronymus 110f., 113 
Hiob 130-133 
Homer 121 

Isis 20 f. 

Jakobus (Apostel) 188 
Jerusalem 55 

Jeshu ben Pandira 223-225 
Jesuiten 40, 51-57, 71, 74, 91, (210) 
Jesusknabe s. nathanisch bzw. salomonisch 
Johannes der Taufer 26-28, 84, 88, 99, 

101, 114, 154-158, 172f., 185 f., 200 
Johannes (Evangelist) 48, 135f., 140,(187), 

209-211 

Jordan 28, 88, 154-158, 172 f., 185 f. 

Josephus, Flavius 11 

Judentum 137 

Justinus der Martyrer lOOf. 

Kaiphas (109) 

Kant, Immanuel 15, 95 

Kopernikus, Nikolaus 202, 206 

Lessing, Gotthold Ephraim 60-64, 218 f. 
Lukas (Evangelist) 85, 108, 173, 177, 

179-182 
Luther, Martin 182 

Luzifer 54 f., 89f., 152-155, 163-165, 
179-181, 185, 199, 201, 226-228 

Maria Magdalena 140f., 187 
Maitreya-Buddha 226 
Markus (Evangelist) 108 



Matthaus (Evangelist) 85, 104, 108, 110f., 

113, 173, 179, 181, 224 
Milinda (Konig) 123-125, 157, 220 
Mithra 21-31, 33 
Moses 80, 225 
«Muller» 162 

Nagasena 123-125, 157, 220 
nathanisch (Jesusknabe) (83), 174, 176f., 
179-181, 184-186, 222 



Oetinger, Friedrich Christoph 193-195 
Olberg 73 £, 84, 139 
Orpheus 139 
Osiris 20 f., 139 

«Parsifal» 106 

Pascal, Blaise 9 If., 94, 96 

Paulus 11, 26-29, 32, 34, 48, 76, 104 f., 

116f., 137f., 142-147, 156, 159, 167- 

169, 187-189, 217 
Perikles 121 

Persien 19, 21 f., 25, 173, 183 
Petrus (Apostel) 140, (187), 188 
Plato 15 
Plutarch 15 



Reimarus, Hermann Samuel 138 
Rom 13, 23, 85 

Rosenkreuzer 40, 50 f., 56-60, 65 f., 68, 

72, 214 
Rothe, Richard 193 

salomonisch (Jesusknabe) (83), 173 f. 
Saulus 48 

Schiller, Friedrich 110 
Schopenhauer, Arthur 15 
Sokrates 100 f., 223 
Solowjow, Wladimir 93-96 



Steiner, Rudolf - Werke: 

Das Christentum als mystische Tatsache 

(GA 8) 12, 31, 107, 209 
Theosophie (GA 9) 61 
Wie erlangt man Erkenntnisse derhohe- 

ren Welten? (GA 10) 16, 18, 58, 66, 

70, 195 

Die Geheimwissenschaft im Umrifi 
(GA 13) 13, 18, 30, 153, 178 

Mysteriendramen (GA 14) 

Die Pforte der Einweihung 197 
Die Prufung der Seele 60, 158 

Die geistige Fiihrung des Menschen und 
der Menschheit (GA 15) 173, 180 

Reinkarnatlon und Karma (in GA 34) 
61 

Das Ereignis der Christus-Erscheinung 

in der atherischen Welt (GA 1 18) (75) 
Weltenwunder, Seelenprufungen, Gei- 

stesoffenbarungen (GA 129) 161 
Vortragszyklen iiber das Johannes-Evan- 

gelium 48, 209 
Vortragszyklen iiber die Evangelien 83 , 

107f. 

friihere Vortragszyklen 57, 209 f., 212 
Strader, Dr. 60, 197 
Straufi, David Friedrich 138 

Tacitus, Publius Cornelius 11 
Thomas (Apostel) 142 
Thiiringen 194 f. 

Volker, Markus 195 

Wagner, Richard 105 f. 
Weizsacker, Carl 182 
Widenmann, Gustav 61, 64, 219 
Wotan 177 
Wiirttemberg 192 f. 

Zarathustra 83 f, 87 f., 139, 173 f., 177, 
181-184 



UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN 



Aus Rudolf Steiners Autobiographic 
«Mein Lebensgang» (35. Kap. y 1925) 

Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse 
vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zweitens eine 
grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und verkauf- 
lich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophischen) 
Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei den Vortra- 
gen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die - wegen man- 
gelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir ware es am 
liebsten gewesen, wenn miindlich gesprochenes Wort miindlich gesproche- 
nes Wort geblieben ware. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck der 
Kurse. Und so kam er zustande. Hatte ich Zek gehabt, die Dinge zu korri- 
gieren, so hatte vom Anfange an die Einschrankung «Nur fur Mitglieder» 
nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem Jahre ja fallen 
gelassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie 
sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privatdrucke in 
das einfugen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen der 
Anthroposophie vor das Bewufitsein der gegenwartigen Zeit verfolgen 
will, der mufi das an Hand der allgemein veroffentlichten Schriften tun. In 
ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkenntnis- 
streben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in «geisti- 
gem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der Anthroposo- 
phie - allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art - wurde. 

Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und dabei 
nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der Geist- 
Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu ubergeben hat, trat nun 
aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der Mitglied- 
schaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht sich offenbarte. 

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und 
den Schrift-Inhalt der Bibel iiberhaupt in dem Lichte dargestellt zu horen, 
das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in Kursen 
iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen horen. 



Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderungen gehalten wur- 
den, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur Mitglie- 
der. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposophie bekannt. 
Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen auf dem 
Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser internen Vortrage war 
eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz fur die 
Offentlichkeit bestimmt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die ich 
fiir die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an bestimmt 
gewesen waren, hatte anders gestalten miissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, in 
der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden stammt. Die 
ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang und 
arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesellschaft mit. Ich 
hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in mei- 
nem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da hore, entsteht die Hal- 
tung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem MaiSe etwas gesagt, was nicht rein- 
stes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von irgend einer 
Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mitgliedschaft kann 
nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im vollsten Sinne 
eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb konnte ja 
auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Richtung zu drangend 
wurden, von der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke nur im 
Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hingenommen 
werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich 
Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings 
nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als Urteils- 
Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fiir die allermeisten dieser 
Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des 
Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und 
dessen, was als «anthroposophische Geschichte» in den Mitteilungen aus 
der Geist-Welt sich findet.